Rot am Horizont

Der Himmel am Morgen ist erst dunkelblau und wird dann langsam rot. Ich habe niemals heraus finden können, ob es nun die Sonne selbst ist, die einen roten Morgenmantel trägt oder doch mein alter Freund der Mond, der sich gähnend nun die roten Pyjamahosen von den Beinen streift und sich in eine dicke weiße Wolke fallen lässt. Vielleicht sagt der Mond dann auch zu seiner Geliebten der Sonne-„Komm Sonne gib noch zehn Minuten dazu.“ Vielleicht gibt die Sonne doch einmal nach, denn als ich aus dem Zug aussteige ist vom roten Schimmer fast nichts mehr zu sehen und der Himmel bedeckt uns alle noch einmal tief und dunkelblau.

Die Frau des Krämers aber fürchtete das Morgenrot und schwor, dass mit dem errötenden Himmel das Unglück nicht weit sei. Die Frau des Krämers hatte viele Beispiele bei der Hand, die belegten wie sehr das Unheil sich schon am frühen Morgen Gedanken macht. Die Frau des Krämers nämlich hat nicht nur Milchflaschen sauer werden sehen beim aufgang der Morgenröte, sondenr ihre geliebte Tochter fiel genau dann von der Schaukel und schlug sich zwei Zähne aus, als auch die Sonne erwachte. Ihr Mann verlor am Abend eine Schafskopf Partie als der Morgen die Sonne genau über dem Haus grinsend und mit rot gebleckten Zähnen besonders lange ins Fenster sah und nach jener Schafskopfrunde in der die Sonne ihre Hände mit im Spiel hatte, leerte die Frau des Krämers vor jeder Kneipenrunde die Taschen ihres Gemahls und gab in die Spielbörse Knöpfe statt Münzen, denn schon ihre Mutter und ihre Grossmutter hatten die Frau des Krämers eindringlich gewarnt, dass wenn die Männer das Geld erst einmal in die Wirtschaft trügen bald auch Haus und Hof verspielten und so scherte sich die Frau des Krämers nicht darum, dass ihr Mann zwar das Gespött des Dorfes wurde mit seinen Knöpfen im Portemonnaie, aber Haus und Krämersladen blieben in ihrer festen Hand und darauf kam es eben von Anfang an, an

„Wenn man eine Familie hat Fräulein Read On, dann hat man auch Mittel und Wege.“ Aber daran hatte ich nun Morgenrot hin oder her ohnehin keinen Zweifel, denn wer die Frau des Krämers kannte, der war vertraut mit ihren Mitteln und Wegen.

Die Frau des Krämers aber schläft noch laufe ich zur Fabrik herunter und eigentlich beneide ich den Mond um seine roten Pyjamahosen und die Sonne um ihre feine rote Seidenrobe, aber sie ist eben doch in meinem Hinterkopf, die warnende Stimme der Frau des Krämers, vielleicht leicht nur der Morgenröte wegen, sondern vor allem deshalb weil die Frau des Krämers mit mir ausschließlich mit mahnender oder klagender Stimme zu sprechen pflegte.

Obacht, sage ich mir also und laufe dem verehrten Herrn Direktor in die Arme.

„Morgen Herr Direktor“, sage ich. „Alles gut bei Ihnen und den Damen des Hauses.“

„Von wegen gut“, sagt der verehrte Herr Direktor, die Frau Gemahlin ist mit dem Auto liegengeblieben und soll doch die Handwerker ins Sommerhaus lassen und nun muss ich hinüber sausen, wo ich doch niemals mehr aus dem Berufsverkehr herausfinden werde. Fangen Sie mit dem B. doch an und ich komme dann nach. Da weiss der Herr Direktor noch nicht, dass der B. schon mit Blaulicht ins Spital gefahren wird, eine lose Treppenstufe wurd eihm Verhängnis, sagt seine Frau am Telefon zu mir. Aber noch winkt mir der verehrte Herr Direktor zu und sagt: „Na wenigstens passt das Wetter.“

Ich nicke und hoffe der verehrte Herr Direktor und die Frau des Krämers werden sich niemals treffen.

Ein paar Stunden geschieht nichts. Die Sonne ist inzwischen auch golden-gelb.

Aber dann suche ich die Auszubildende. Die Auszubildende ist für eine Terminsache zuständig. Der Termin ist verstrichen.

„Auszubildende, wie erklärt sich das?“, frage ich.

„Die Sonne blendet mich“, sagt die Auszubildende.

„Der Termin war gestern?“

„Warum fragen Sie mich dann heute?“

„Damit sie mir sagen, wann sie mir sagen wollten, dass das nichts wird mit der Sache und dem Termin.

Sehen Sie Fräulein Read On, wenn Sie so studiert reden, dann weiß ich nicht was ich sagen soll.

„Sagen Sie nichts Auszubildende.“

„Aber Sie hatten doch gefragt.“

Eine halbe Stunde später meldet sich die Auszubildende krank.

Die Sonne lacht recht schadenfroh.

Der Sekretärin fällt eine Schüssel mit Reissuppe herunter.

Die Sekretärin flucht. Beim Fluchen

Ich habe aufgegeben mit der Sekretärin darüber nachzudenken, warum es möglichweise sinnvoller sein könnte Suppen in der Kantine zu verspeisen, denn Suppenstunde am Schreibtisch zu halten.

So rufe ich nach dem Hausmeister.

Der Hausmeister knurrt am Telefon.

Sie sind die Sechste heute mit so einer Lappalie.

Ich sage lieber nicht, dass ich die Sonne verdächtige.

Und immer geht es munter weiter.

Der Lieblingsingenieur hat sich mit dem Brotmesser beim Schnitten schmieren für die Kinder verletzt.

Die Sekretärin gerät mit einer anderen Sekretärin in einen Zwist über die olfaktorische Zumutung der verschütteten Reissuppe.

Der verehrte Herr Direktor seufzt am Telefon. Nicht nur das Auto, sondern noch viel mehr liegt im Argen- UND DAS IM SCHÖNSTEN SONNENSCHEIN FRÄULEIN READ ON.

„Das ist es ja gerade, Herr Direktor!“

Aber der Herr Direktor gibt mir eine Telefonliste durch und ich telefoniere.

Irgendwann sinkt die Sonne wieder.

Noch einmal färbt sich der Himmel feuerrot.

Ganz vorsichtig gehe ich die Treppe herunter und warte auf die Bahn.

Der Sonne zwinkere ich zu, sonst bin ja auch ich abergläubisch und geneigt der Frau des Krämers in solchen Fragen Recht zu geben, diesmal aber bin ich unbesorgt, auch wenn mich besonders das Schicksal des werten B. und der vermaledeite Tag des Herrn Direktors misslich stimmen, denn der Krämer selbst hat mich einmal in stiller Stunde wissen lassen, dass er bei Freund G. ein zweites Portemonnaie mit Münzgeld deponierte, um wirklich echtem Kartenspiel zu frönen. Gezwinkert hat der Krämer, der doch immer ein ernster Mann gewesen ist.

Wenn die Frau des Krämers also in vielen Jahrzehnten nichts gemerkt hat, dann glaube ich muss das Unheil mancher Morgen doch andere Ursachen haben als die Sonne, die eine roten Seidenrobe von den Schultern fallen lässt, oder den Mond, der nach getaner Nacht, die roten Pyjamahosen sorgfältig faltet und in einer Wolkenbank verwahrt. Denn der nächste rote Morgen kommt bestimmt.

 

 

15 thoughts on “Rot am Horizont

  1. Es gibt solche Tage, aber Sie haben ganz Recht, die Sonne hat damit nichts zu tun. Ich liebe das Morgenrot und es ist mir schnurzpiepegal, was die Krämersfrau oder andere Miesepeter davon halten. Gar nicht auszudenken, wenn solch missliche Tage auch noch grau in grau daherkämen. Team Morgenrot, auf jeden Fall.

  2. Ganz unrecht hat die Frau des Krämers nicht, denn hier sagt man:
    „Morgenrot bringt Water in‘ Sod“ – das ist in etwa Norddeutsches Plattdeutsch und heißt übersetzt: Wenn es Morgenrot gibt, wird es bald regnen und der Brunnen (Sod) wird gefüllt. Wobei ein gefüllter Brunnen ja auch nicht schlecht ist. Aber viele Menschen mögen eben keinen Regen.

  3. Aber die Auszubildende hat ja Recht: Sie haben gefragt. Da muss man die Antwort ertragen. Sonst muss man am Ende noch beim Fluchen fluchen. 🙂 Wo soll das alles enden?

  4. Welch Nachtgewand trägt der Mond, der auch im Deutschen männlich, was in anderen Sprachen anders, manchmal ist die Sonne, ich denke in meiner deutschen Muttersprache, ein Mann. Mögen die Nachthemden, war auch mal hier „normal“ für alle.
    Ich schätze Hosen in der Nacht, wenn es kühl, schlummere in Wärme gerne nackt.
    Was Sonne und Mond so mögen, entzieht sich meiner Kenntnis. So wenig ich von ihnen verstehe; ich halte die beiden nicht für Krämerseelen, Sie nicht und mich.
    Manchmal entdecke ich ein Stück Krämerseele in mir, dann erschrecke ich.
    Jetzt gehe ich Zähne putzen, der Mond lacht durch das Fenster, das Kissen ruft.

  5. Wieviel doch in einen Tag hinein passt. So schön erzählt.

    Hier heißt es bei Himmelsrot, egal ob morgens oder abends, die Engel backen.

  6. Ich halte es eher mit “Morgenstund‘ hat Gold im Mund“.
    Für ein “early bird“ wie mich die schönste Zeit und der Sonnenaufgang selbst in seiner Schönheit ist Hoffnung auf einen guten Tag.

  7. Bei uns hieß es immer „Morgenrot – schlecht Wetter droht“. Das kann man natürlich auch metaphorisch sehen.
    Aber die Sonne wird sich ihre rot-güldene Stola mit einem energischen Schwung um den Hals werfen und denken:“Na und, wenn ihr meint“. Und der Mond schüttelt nur den Kopf, dass ihm die grauen Haare um seinen silbernen Mantelplüschkragen fliegen und raunt „Ihr müsst es ja alle wissen“.
    Mein weiß es also nicht genau. Aber vorsichtiges Gehen schadet nicht. Prophylaktisch gesehen…

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