Sonntag

Unsichere Träume. Von einer Katze geträumt, die mich auf eine Straße hinauslockt. Die Straße ist verschwommen, so als läge dichter Nebel über den Häusern. Eine Mülltonne fällt um. Erste glaube ich eine Ratte läuft hinter der Mülltonne hervor, aber dann sehe ich einen Mann mit einem silbernen Hut hinter der Mülltonne kauern. Sie sind gleich zurück, sagt er zu mir und ich nicke, als wüsste ich genau wovon er denn spräche. Mein Name ist Ernst Lubitsch, sagt er förmlich. Aber mir fällt beim besten Willen nicht ein, wer ich denn sein könnte. Dann wache ich auf. Aber alle außer mir schlafen. Die Katze, der Hund und neben mir mit einem Plüschfußball im Arm, der tierärztliche Neffe. Ich stehe ganz vorsichtig auf und sehe nach ob alle Fenster verschlossen sind. Ganz vorsichtig ziehe ich die Decke des kleinen Jungen neben mir wieder hoch.

Am Morgen toben das Kind und der Hund. Die Katze sitzt indigniert auf der Anrichte und schweigt. Vor der ersten Milch verliert sie ohnehin nie ein Wort. Ich richte Müsli für den kleinen Monsieur an. Das übe ich schon seit ein paar Jahren und immer ist es falsch. Die Flocken sind zu gatschig, das Obst ist bäh oder die drübergestreuten Kerne sind pfui, aber heute das löffelt der tierärztliche Neffe das Müsli so schnell aus, das nicht einmal Hund oder Katze einen bettelnden Blick zwischen Schüssel und Löffel legen können. Ich freue mich doch sehr, bin ich doch beim Tierarzt auch immer nur wieder krachend gescheitert.

Das erste Lächeln nicht aus Pflichtgefühl dieser Woche.

„Du kommst doch mit?“, hat der kleine Monsieur mich immer wieder gefragt.

„Na klar“, habe ich immer wieder gesagt, aber auch noch als wir im Bus zum Sportplatz sitzen, hält er meine Hand ganz fest.

Ich möchte dem Jungen neben mir mit den Stollenschuhen, dem Messi-Trikot und dem Baseball-Cap sagen, dass ich immer mitkommen will, solange er mich dabeihaben will, aber das kann ich nicht versprechen. Ich weiß nicht wie lange die Schwester des Tierarztes mir den Umgang erlaubt. Aber heute da fahren wir zusammen zum Spiel. Der kleine Monsieur spielt Fussball und heute ist ein schweres Spiel gegen einen Verein, in dem die Buben alle fürchterlich groß ausschauen im Gegensatz zu der Mannschaft, in der auch der kleine Monsieur spielt.

„Toi, toi toi“ rufe ich ihm hinterher.

Ich stehe bei den anderen Müttern am Spielfeldrand.

Hallo, sage ich.

Die Mütter nicken.

„Ihr Sohn?“, sagt eine Mutter zu mir als ich ganz besonders fest die Daumen halte für den kleinen Buben, der so schnell rennt wie er kann, um den Ball zu haschen.

„Nein“, sage ich. Ich bin nur die Begleitung.

Eine dritte Mutter dreht sich um und sagt: „Können oder wollen sie nicht?“ „Kinder liegen ja nicht jedem.“

Ich sehe sie an und sage nichts.

Was soll ich ihr sagen?

Dass ich meine Vorstellung auch Kinder zu haben, auf dem Friedhof begraben liegt. Da gehe ich hin, einmal die Woche.

Aber das ist ja nicht sozialverträglich und so sage ich nichts.

Die Mutter erklärt mir wie sie satt sie es habe, selbst hier und sie zeigt auf das Spielfeld von Leuten wie mir umzingelt zu sein, für die das ganze Leben nur ein einziger Spaß sei.

Ich stelle mich weg. Überall werden dieser Tage Grenzen gezogen.

Die Mannschaft des kleinen Monsieurs verliert. Wir gehen ein Eis essen. Ein großes Eis zum Durchatmen. Eins für den Neffen und eins für mich. Dann atmet es sich leichter. Auf dem Rückweg schläft der kleine Monsieur fest ein. Das ist für dich Tierarzt denke ich mir. Das hier sind deine Erinnerungen und ich bin doch eigentlich nur ein übriggebliebener Gast, der die richtige Uhrzeit zum Gehen verpasste.

Später am Nachmittag bringe ich den kleinen Monsieur zurück zu ihm nach Haus. Seine Mutter sagt kein Wort zu mir. Ich winke noch einmal vor dem Fenster. Ein stummer Zaungast in einem zu weitem Wetterfleck.

Nach Hause gelaufen, Tee getrunken, Wäsche aufgehangen, aus dem Fenster gesehen, mit meiner Schwester telefoniert, ein Buch begonnen das in Dublin spielt und ich kenne alle Plätze, Straßen, merkwürdige Vertrautheit ganz plötzlich. Lange war Dublin mir so fremd und ich brachte immer wieder auch altbekannte Straßen durcheinander.

In diesem Jahr noch fast kein Deutsch gesprochen. Das letzte Deutsch was ich noch habe liegt hier in diesem Blog. Manchmal anderthalb Sätze auf Twitter das ist alles. Am Samstag ein Telefonat mit der Mali-Tant, deren alten Wiener Dialekt ich oft kaum verstehe. Er hat nichts von den Wiener Wörtern, die meine Großmutter mir mitgab, es ist eine andere Sprache. Ich habe das nie annehmen wollen, dass ich einmal aufhören würde Deutsch zu sprechen, aber es ist wahr geworden. Deutsch ist nur noch Papiersprache. Es löst sich schon auf an den Rändern das Papier und meine Großmutter hat schon seit Jahr und Tag aufgehört mir zu antworten. So geht einem das was einem sicher schien, doch verloren.

Einen Zimtkringel gegessen. Mir am Tee den Mund verbrannt.

Überragende Müdigkeit.

Mehr gibt es nicht zu berichten.

34 thoughts on “Sonntag

  1. > Eine dritte Mutter dreht sich um und sagt: „Können oder wollen sie nicht?“

    Wie unverschämt.

    > Die Mutter erklärt mir wie sie satt sie es habe, selbst hier und sie zeigt auf das Spielfeld von Leuten wie mir umzingelt zu sein, für die ganze Leben nur Spaß sei.

    Klingt so, als hätte die besser nicht.

    > ein Buch begonnen das in Dublin spielt

    Darf man fragen, welches?

    Und sonst: Courage!

  2. Liebes Fräulein read on,
    Traurig und wütend werd ich, wenn ich von solchen Müttern lese… wie arrogant, dass sie sich nicht mal die Vielfalt der Gründe vorstellen kann, die es für Kinderlosigkeit gibt.
    Ich wünsche Ihnen, dass Sie noch viel mit dem Neffen unternehmen können. Viel Glück dafür und überhaupt ganz viel Glück und Lebendigkeit. Alles liebe!

  3. Wenn wir uns das nächste Mal wiedersehen, in Dublin, Berlin, Schottland oder woanders, dann sprechen wir Deutsch. Das kann ich Dir versprechen. Wir müssen halt nur noch den Termin klären, denk ich. xxx

  4. *nickt stumm* Ein Leben ohne Deutsch? Ein Katastrophe. Une vie sans la langue française? Pitié. A life without English? Oh, please, come on! Ein Leben mit alten und neuen Mauer? Trauriger Alltag. Völkerverständigung und Nächstenliebe, das wird wohl zunächst nur ein schöner Traum bleiben. Wieder einmal.

  5. Doch man kann es solchen Müttern sagen, dass die Hoffnung auf dem Friedhof liegt.
    Um sie zum Nachdenken zu bewegen.

    Bitte nicht das deutsch verlieren, so wie ich mein englisch verloren habe.
    Es fehlt … und bei dir ist es wunderschön. Gesprochen und geschrieben.

    • In Sachen Kommentar zu den Kindern bin ich ganz bei Bärbel, auch wenn ich aus meiner sehr, sehr langjährigen Erfahrung der ungewollten Kinderlosigkeit bezweifeln würde, dass das Gegenüber nachzudenken beginnt.

      Wir waren viele Jahre ungewollt kinderlos, es klappte einfach nicht und es gibt viele medizinische Ursachen dafür. Ursachen, die ich aber nicht jedem diskutieren will. Was wir in diesen Jahren an Kommentaren, Urteilen (egoistisch, ihr seid doch Doppelverdiener usw.) und Ratschlägen gehört haben, kann man kaum glauben. Und ich weiß von vielen anderen Menschen, die ungewollt kinderlos sind, dass das leider die Regel ist.

      Irgendwann habe ich mich für die Offensive entschieden und nicht mehr geschluckt, genickt oder geschwiegen. Ich habe klipp und klar gesagt, dass wir Kinder wollen, aber keine kriegen können. Danach war dann meist Ruhe (oder es folgten weitere „Tipps“ wie: Entspannt euch, dann klappt es). MIR ging es damit jedenfalls viel besser und das war, was ich dabei gelernt habe: So zu handeln, dass es mir besser geht, egal was die Konventionen sagen.

      Ihnen alles Gute! Denken Sie an sich, nicht an die Konventionen!!!!

      • Ich finde schon die Frage von einer komplett fremden Person einfach unverschämt. Auch wenn man — wie ich — gewollt kinderlos ist, geht das doch wohl niemanden etwas an, dem ich das nicht mitteilen möchte.

      • So ein Kommentar dieser „Mutter“ lässt mich sprachlos zurück. Wie engstirnig, borniert muss man sein, um ohne Nachdenken so ein sinnfreies Statement rauszuhauen?
        Natürlich kann sie Ihre persönliche Geschichte nicht kennen, aber wie kann man von „Begleitung“ auf „ich will keine Kinder“ schließen? Diese Dummheit ist schon fast faszinierend. Bitte lassen Sie sich von solcher Borniertheit nicht beeinflussen !
        Ich drücke ganz fest die Daumen, dass der Kontakt zum kleinen Monsieur lange hält – es profitieren alle Seiten davon! ✊🏼🍀

  6. Sie müssen in einer solchen Situation nicht sozialverträglich sein. Aber das braucht oft mehr Kraft als die Faust in der Tasche. Alles Liebe Ihnen!

  7. Ach liebes Fräulein, Sie sind so ein feiner Mensch. Warum nur gibt es Menschen, die diese Feinheit missbrauchen und nicht vertehen , dass Sie nicht antworten um das Gegenüber nicht zu beschämen? Die Schwester des Tierarztes ist noch mal ein Fall für sich… erhalten Sie sich bitte Ihr liebendes Herz. Ich würde Sie so gerne auf ein Franzbrötchen nach Hamburg einladen und den ganzen Tag deutsch mit Ihnen reden, aber das Fräulein wird ja beim Film gebraucht.

  8. Ach. Ach.
    Es ist so erschreckend wie die Menschen beurteilen und wie wenig sie in der Lage sind einander mit Sanftheit zu begegnen.

    Es klingt als bricht so vieles bei Ihnen weg, liebes Fräulein.. Ich bin dennoch sicher, dass Sie nicht fallen werden, denn trotz allem sind Sie nicht allein.
    Ich schicke Ihnen ein paar warme Sonnenstrahlen in Gedanken.

  9. Das war eine eigene Bitterkeit über irgendwas von dieser fremden Mutter – vielleicht Unzufriedenheit, dass Kinder zu haben so ist, wie es ist und nicht anders. Das hatte auf jeden Fall nur mit ihr selbst zu tun und sonst mit niemand. Des‘ bin ich sicher.

  10. Ich finde die Gemeinheiten anderer Menschen immer dann schwer zu ertragen, wenn ich nicht sehen kann, wie ihre Handlungen und Äußerungen eigentlich Ausdruck ihrer eigenen Ängste und Verletzungen sind. Was mich daran hindert, dies zu sehen, ist meine Wut, zu der ihre Äußerungen Anlass geben. Ursache meiner Wut aber sind meine eigenen Ängste und Verletzungen. In dem Moment, in dem ich in der Lage bin, mir dies einzugestehen, wandelt sich meine Wut in Trauer – die nichts mehr mit den anderen Menschen zu tun hat.

    „Never hear what somebody thinks about you, you’ll live longer. Hear that they’re in pain. Don’t hear their analysis.“ M.B. Rosenberg

    • @ Stephan: Ein sehr kluger Satz von M.B. Rosenberg, den man sich unbedingt zu Herzen nehmen sollte.
      Aber wie schwer, wenn die Wunde punktgenau getroffen wurde.

      @Fräulein: wer weiss, was noch alles geschehen wird…

      • @Trulla: Genau so ist es. Oder mit Rosenberg: „We need to receive empathy to give empathy.“

        Es wäre also nur noch zu klären, wer denn nun der erste ist, der endlich mal anfängt mit dieser Empathiesache. Und da kommt ein Punkt, der von vielen, die sich mit GFK/Rosenberg beschäftigen, übersehen wird: Am Anfang steht immer die Selbst-Empathie, der ehrliche und liebevolle Blick nach innen, die angst-/schuldfreie Sicht auf die eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Gefühle.

      • Das ist alles in der Theorie schön und nobel und erstrebenswert. Ich bin in der Realität aber oft sehr müde daran sehr oft diejenige sein zu dürfen, der man mal richtig eins mitgibt. So schön lebt es sich damit nämlich nicht.

      • Das ist auch der Grund, warum ich den Bibelsatz “ Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ eben nicht als eine einfache Aufforderung zum Altruismus deute; „wie Dich selbst“ – sich selbst anzunehmen und zu lieben ist nämlich so schon tricky. Heißt es doch, auch seine eigenen Schwächen und Unfähigkeiten liebevoll anzunehmen.

  11. Auch wenn ich mich wiederhole: Sie sind ein großes Glück für den kleinen Neffen des Tierarzts. Ich hoffe für ihn, dass Sie ihn noch lange begleiten dürfen.

    Es wäre sehr schade, würden Sie ihr Deutsch verlieren. Wir können uns sehr gern ein bisschen unterhalten, wenn Sie in Übung bleiben wollen – ich würde mich freuen.

    Wieder mehr Lächeln ohne Pflichtgefühl, das wünsche ich Ihnen von Herzen.

  12. Solche uebergriffigen Sprueche wie die der Fussballplatzmutter braucht wirklich niemand. Weh tun sie. Egal, ob sie aus des Fragestellers eigenem Schmerz oder Gedankenlosigkeit entstanden.

    Wie gut, dass Sie und der Neffe des Tierarzts einander haben. Ich wuensche ihnen beiden noch viele viele gemeinsame Sonntagseisbecher.

    Ein Buendel Sonnenschein da lassend,
    Steffi

  13. Die Daumen sind gedrückt für ein langes Zusammensein mit dem Neffen. Da gibt es ein Band, das hält und trägt. Und ja, Urteile anderer sind schnell und treffen ins Herz, ganz tief. Und es fällt unglaublich schwer, damit umzugehen. Ich muss immer an den Spruch meiner Großmutter denken, wenn mir, gwollt oder nicht, jemand so tief weh tut: Das sind Leute, und Leute spielen keine Rolle in deinem Leben, sie können dir gar nicht weh tun.

  14. Vielleicht haben sie diese so und so, aber falls nicht: Ich fand Therapie nach dem Verlust meines Lebensmensch unverzichtbar. Sie klingen oft nach soviel Paketen, ich hoffe sie lassen sich tragen helfen. Es geht nicht alles alleine. Muss es zum Glück auch nicht. Sie scheinen ständig für andere stark zu sein, lassen sie auch andere für sich stark sein. Ich Bitte innig darum.

    Solche Personen wie die Mutter sind einfach grauslich. Ich denke denen würde ich gerade eine Friedhofantwort geben, damit sie bemerken wie unfassbar sie sind. Empörend.

  15. Liebes Fräulein,
    bei den Fragen mancher Menschen habe ich sofort einen Kloß im Hals und Wasser in den Augen. Auch wenn ich weiß, dass ich (evtl.) frech antworten sollte – ich kann es nicht und schweige.
    Lieben Gruß

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