Sehenden Auges

Mein Verhältnis zum Film, ist kein Verhältnis. Ich sehe nicht fern, kenne keine Serien und außer um mich wieder und wieder in Isabelle Huppert zu verlieben, gehe ich so selten ins Kino, dass es nicht zählt.

Leider verliebt sich Isabelle Huppert nicht in mich.

Aber wenn der verehrte Herr Direktor sagt: „Fräulein Read On sie machen einen Film“, dann nickt man und atmet tief durch. Leider hilft einem dann auch die Liebe zu Isabelle Huppert nicht. Es ist nämlich leider gerade kein Film mit ihr im Kino zu sehen.

Aber der verehrte Herr Direktor sprach schon von etwas anderem und irgendwann kam dann ein Filmteam auch in die Mondsteinscheibenfabrik.

Ich kann gut warten, sagte ich zu den Filmleute, aber vielleicht sagte ich auch. Ich warte gern. So genau weiß ich es nicht mehr. Die Filmleute schrieben etwas mit Detail auf und nickten. Filmleute lächeln gern über unglücklich in Isabelle Huppert verliebte Langstreckenleser. Ich lächelte auch, denn ich kenne mich ja.

Aber dann standen die Filmleute und ich lange an einer Seite der Fabrik und warteten auf einen weißen Lastwagen, einen Sonnenstrahl und eine Handbreit Schatten. Die Filmleute seufzten und seufzten. Die Filmleute zweifelten an der Sonne, der Existenz eines weißen Lastwagens und dem Schatten. Aber ich wartete. Auf die Sonne ist Verlass, auf den weißen Lastwagen auch und wo Sonne ist, das ist auch Schatten sagte ich. Die Filmleute lächelten nicht mehr und warteten schweigend. Schließlich kamen die Sonne, der Lastwagen und der Schatten. Jetzt ganz schnell sagten die Filmleute und ich lächelte. Aber das haben die Filmleute gar nicht bemerkt.

Wer nicht warten kann, soll keine Geschichten erzählen, denke ich, aber vielleicht irre ich mich auch. Ich irre mich oft. Aber wenn ich doch einmal Isabelle Huppert treffen sollte, dann fragte ich sie nach dem Warten und dem Licht und dem Schatten.

Nach langer Zeit wieder im Konzert gewesen.

Vilde Frang spielt Stravinskys Violin-Konzert. Stravinsky ist ein Zauberer. Aber kein Zauberer, der freundlich einen Blumenstrauß hinter dem Ohr hervorknallen lässt oder einen langen Mantel aus blauem Samt mit Sternen und Monden trägt, sondern ein Zauberer nicht unähnlich wie ihn Thomas Mann mit Cipolla erfand. 1930 komponierte er jenes Stück, das mich näher und härter trifft als fast jede andere Musik. Es ist die Musik aller Möglichkeiten, das Gute und das Schöne sind so nah wie abgrundtief Schreckliche. Dieser Zauberer hier macht aus der Violine einen Stein, die mit ihren Tönen Fenster zum Zerschmettern bringt, nur um Sekunden später wieder und schöner noch als zuvor zusammenzusetzen. So ein Zauberer ist jener Igor Stravinsky, der Russland schon den Rücken gekehrt hatte, aber mir ist als stünde er noch einmal an einem Fenster in St. Petersburg oder in Moskau und zeigte immer schon beides, die schwarzen Raben des NKWD, die Lehrer und Anwälte holten und unter einer Litfaßsäule eines Liebespaar und vor einem Laden ein rauchender Mann und eine schwarze Katze natürlich läuft auch sie plötzlich noch einmal durch das Bild. So ein Konzert ist das. Das Unheil und das Glück halten sich zu fest bei den Händen. Blaue Finger haben sie beide, im Russland jener Jahre gab niemand nach. Aber immer, wenn ich dieses, sein Violinkonzert habe,mit dem Stravinsky zum dunklen Zauberer wird, sehe ich noch einmal Rudi Schwerdtfeger mit den schönen stahlblauen Augen vor mir, dem Adrian Leverkühn doch auch ein Violinkonzert auf den Leib geschrieben hatte. Thomas Mann, der doch sich doch so nach kühler Strenge sehnte, ausgerechnet Thomas Mann treibt die gleiche Tonlage um wie Igor Stravinsky. Sein Violinkonzert schrieb er übrigens auch jemanden auf den Leib, Blair Fairchild ein amerikanischer Diplomat gab das Stück bei Stravinsky für seinen Adoptivsohn Samuel Dushkin in Auftrag. Dieses Konzert ist aber auch ein Stück Technikgeschichte. Stravinsky bat den jungen Geiger um ein Treffen in ein Café und notierte den berühmten in allen vier Sätzen auftauchenden Akkord D E A auf einer Serviette. Dushkin schüttelte den Kopf, das sei nicht spielbar, protestierte er und Stravinsky, so erzählt man sich, habe den Kopf geschüttelt und gesagt: Ach wie schade.

Ich nehme an, dass jeden der Ehrgeiz packte, nach so einem Mittagessen mit Stravinsky und Dushkin packte er ganz bestimmt. Nach vielen Stunden des Übens später rief er Stravinksy an und sagte: Das geht sich doch aus und so schrieb Stravinksy das Konzert dann wirklich auf. Das Telefon also, so lässt sich sagen ist nicht unbeteiligt an einem der aufregendsten Konzerte des 20. Jahrhunderts. Überhaupt. Stravinsky anrufen zu können.

Stravinsky: Good afternoon, Igor speaking, how may I help.

Dushkin: Igor, its me Sam, I just wanted to tell you, I can play it! I can really reach that far. Far easier than I thought.You´re a genius man!

Stravinsky:Pleased to hear that my friend. Sorry to cut you short but Shostakovitch comes over for tea.

Sie ahnen es vielleicht, aber ich möchte ihnen unbedingt nahelegen sich zwanzig Minuten Zeit zu nehmen für den Zauberer der nicht mit bunten Blumen, sondern mit einer fast schwarzen Rose kommt.

Diese Aufnahme liebe ich besonders.

Aber jetzt muss ich weiter. Der Hund will an die frische Luft, ein Umschlag muss auf die Post und ein Kilo Orangen will ich kaufen und draußen wird es ja fast schon wieder dunkel.

16 thoughts on “Sehenden Auges

  1. Ach ja, das Warten. Gar nicht so einfach in ungeduldigen Zeiten und zu oft fehlt auch mir die Geduld. Aber oft lohnt sich das Warten doch, denn so wie sich das Licht verändert, so ändern sich auch die Schatten und plötzlich sieht man alles mit ganz anderen Augen. Geduldiger zu sein bleibt mein ewiger guter Vorsatz.

    Und noch ein guter Vorsatz: endlich einmal ein klassisches Konzert besuchen, das habe ich nämlich noch nie gemacht. Nicht zuletzt dank Ihnen bin ich sehr neugierig darauf.

    Ein schönes Wochenende Ihnen, liebes Fräulein!

  2. Das Warten hat sich sowas von gelohnt ♥ – ich bin völlig begeistert und plädiere dafür, die Fähigkeiten des warten zu Könnens als akademisches Pflichtfach einzuführen.
    Wunderschöner, aussagekräftiger Film.
    Herzlichst,
    Ev

  3. «And I look
    around this room
    and it looks at me
    through
    the window panes,
    it hangs
    from the doornob,
    and a gold
    paperweight
    of an owl
    looks at me
    who has had
    too many
    Saturday
    afternoons.»

    Buk

  4. Noch nie habe ich Stravinskys Wunderkonzert so malerisch beschrieben gelesen! Das erinnert mich in der Tat daran, wie Thomas Mann Beethovens Arietta Op. 111 mit Worten umhüllt …

  5. Wunderbar. Bin verzaubert vom Violinkonzert. Tausend Dank für die Einladung zu Strawinski. Soviele Jahre hatte ich seine Musik „vergessen“…

      • Oh. Ich kann’s ja verstehen. Ich habe mich sehr lange schwer mit ihr als Geigerin getan.Ich kannte ie allerdings nur von Aufnahmen. Aber dann habe ich sie einmal live erlebt. Sie hat den Draht zum Publikum sehr schnell gefunden – ich glaube mit Bach – und hat die Encores mit herzerfrischender Leichtigkeit anmoderiert und danach gespielt. Seitdem – große Liebe! 😊

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