Was ich alles nicht gemacht habe

Keine Wohnung gekauft. Dabei würde ich doch so gern oder so dringend oder beides zusammen. Aber die Wohnung war in der Realität noch viel schrecklicher als in der Annonce. Schrecklicher als die heruntergekommene und wahnsinnig überteuerte Wohnung mit Wasserflecken an jeder Wand war nur das Lachen des Immobilienmaklers, der unter wieherndem Gelächter erklärte, was diese Wohnung für ein Schmuckstück sei. Sein Lachen verfolgt mich noch im Treppenhaus. Im Treppenhaus riecht es nach Kohlsuppe und den Ambitionen des Immobilienmaklers. Ich laufe davon so schnell ich nur kann.

Keine Granatäpfel mehr auf dem Markt bekommen. Ich war zu spät und der Händler schon davon gefahren. Ich verfluche den Immobilienmakler und das Leben an sich.

Die Zeitung nicht zu Ende gelesen. Nicht einmal zur Hälfte, um ehrlich zu sein.

Keine bessere Laune bekommen, trotz einer Zimtschnecke mit Hagelzucker darauf.

Mich nicht darüber beruhigen können, wie viel Platz die Autos haben und wie wenig Rand für Fußgänger, Radfahrer, Kinder mit rotem Ball und alte Hunde bleibt. Wie kann das sein, frage ich mich immer öfter, dass wir uns so leise, so unbemerkt, ohne jeden Protest so viel Platz haben nehmen lassen? Warum nur gilt unsere Nachsicht den Parkplätzen auf denen niemand mehr Springseil übt und auf denen Blumen nur zufällig doch bestehen bleiben? Wie haben wir das nur zugelassen, ohne bunte Plakate, ohne Sitzstreik, ohne Beschwerdeberiefe an den Bürgermeister, warum sind wir nur so unendlich geduldig, dass auch am Sonntag die Straßen mit Autos verstopft sind und der Hund und ich auf unserem Spaziergang zwar zweimal fast von einem aus einer Ausfahrt herausbretternden Autofahrern erfasst werden, aber keinem einzigen Buben mit einem Roller treffen? Wie kann das sein, dass man als Fußgänger elend lange auf dreißig Sekunden Grün warten muss, nur um bös angehupt zu werden, wenn man mit einem alten Hund doch vierzig Sekunden braucht. Warum nur leuchtet es uns so ein, dass grundsätzlich alle Freiheit beim Auto liegt und alle anderen Verkehrsteilnehmer nur störendes Übel sein können? Warum eigentlich ist alle Welt eigentlich der Überzeugung den richtigen Blick auf die Welt gäbe es nur vom Lenkrad aus? So viel Protest sieht man dieser Tage, aber unsere Wege, Städte und Dörfer haben wir einfach so, schulterzuckend aufgegeben.

Darüber kann ich nicht aufhören mich zu wundern.

Auch beim Wiederlesen von Stolz und Vorurteil keine Sympathie für Charles Bingley gewonnen. Kaum ein Charakter ist mir so unsympathisch wie Jener. Dafür mich wieder ein bisschen mehr in Charlotte Lucas verliebt, die pragmatischer und grundsätzlicher auch als alle anderen Austen Figuren sich eine Freiheit erheiratet, über die alle anderen nur lachen können. Sie ist die Einzige auch, die nicht mitmacht, obwohl es so einfach wäre auch für sie dem Deppen Mr Collins eins mitzugeben und sie macht es nicht. So viel Glück, denke ich mir wieder und wieder werde ich wohl nicht haben, dass mich jemand so sieht wie Charlotte Lucas. Man merkt es ja selbst immer erst, wenn es zu spät ist, dass man längst selbst Mr Collins geworden ist.

Keinen Krokus zertreten und über kein Schneeglöckchen getrampelt.

Keinen Kuchen mit der Katze geteilt.

Keine angenehmen Träume mehr.

Keine Nachrichten gehört.

So lange schon nicht mehr Klavier gespielt.

Trotz erklärtem Vorsatz kein Kleid gekauft.

Keinen Kaffee gemahlen.

Keinen Krümel Tee mehr in der alten Dose gefunden.

Auch daraus keine Konsequenzen gezogen.

Nicht einmal einen Einkaufszettel geschrieben.

Auch nicht im Kino gewesen. Ob Isabelle Huppert wohl noch Filme macht? Vielleicht sitzt Isabelle Huppert ja auch lieber irgendwo im Süden und sieht hinaus auf das Meer.

Keine Muschel am Strand aufgehoben.

Keine zweite Wohnung besichtigt.

Keinen Knopf gefunden mit dem sich das Gackern des Immobilienmaklers hätte ausstellen lassen.

Keine Pläne gemacht.

Keine Freunde getroffen.

Am späten Nachmittag im Garten eine Taube mit abgerissenem Kopf im Garten gefunden. So schöne bunte Federn.

Ein Loch gegraben, die Taube beerdigt, aber kein Lied gesungen. Mit Vögeln soll sich der Mensch nicht messen. Einen Stein auf das Grab mit der Taube gelegt.

Die schwarze Katze oben im Baum mit grünen und blauen Federn im Maul erst viel zu spät gesehen.

Den Blick nicht abgewandt von der Katze und den bunten Federn über mir.

30 thoughts on “Was ich alles nicht gemacht habe

  1. Im Buch Kohelt steht : 3.1 Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit…….

    Mich tröstet das und manchmal gibt es mir auch die Geduld abzuwarten bis es sich zum Guten wendet.

    Ich wünsche Ihnen, das für alles nicht getane irgendwann die richtige Zeit kommt und es ganz viel Sonnenschein in Ihr Herzen bringt.

  2. Es ist die Lobby der Autoindustrie, die die Macht hat, mehr Platz für die Autos zu schaffen als für Menschen mit alten Hunden oder Buben mit Rollern. Diese Lobby hat auch die Macht, eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Deutschen Autobahnen zu verhindern.

  3. Ich schicke Tee, Kleiderentwürfe, schöne Träume, frisch aufgebrühte Kaffees, feine Kekse, goldene Sonnenstrahlen und leicht wieder hoch blubbernden Frohsinn ins Herz.

    Und: Respekt für das Taubenbegräbnis! Ich habe es nicht so mit Tauben aus mir bekannten Gründen. Noch viel weniger mit toten Tauben. Da stimmt es mich froh, dass Sie dieses Taubenkind in Ehren bedacht haben. Und grämen Sie nicht dem Katzentier. Es tut auch nur, was es tun muss.

    • Vielen Dank für die vielen bunten Wünsche.
      Ich habe ja leider Übung mit Begräbnissen und bin ja auch der alten Freundin Wildtaube verpflichtet.

  4. Ehrlich: Geht mir grad auch so. Weiß auch gar nicht, wie man wieder in den anderen Rhythmus kommen soll. Den, wo’s leichter wird. Manchmal ist es einfach so. Und man muss warten auf andere Zeiten.

    Ich wünsche Ihnen ein kleines Päckchen voller Leichtigkeit!

  5. Dass es noch Flure gibt, die nach Kohlsuppe riechen …
    Das überrascht.
    Die Traurigkeit überascht nicht, da ist nur der Wunsch eine tröstende Hand übers Meer zu reichen …
    Die Wohnung nicht zu kaufen, war wohl das einzig Richtige.
    Eine Wohnung suchen ist für mich eines der zermürbensten Dinge, man ist so schutzlos ohne, hüllenlos im wahrsten Sinne des Wortes.
    Ich war keine Traummieterin allein mit drei Kindern.
    Und doch habe ich irgendwann einen Vertrag unterschrieben, nur die Zeir nis zu diesem Irgendwann, die war hart
    Und doch es gibt Menschen, die gegen den Autoverkehr protestieren, nur nicht genug.
    Ich wünsche sich ganz leise anschleichende Musik und frohe Gedanken.
    Und liebe Umarmungen.

  6. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie nervig umd langwierig die Immobiliensuche sein kann. Sie werden das Passende finden, ein Zuhause, ganz sicher. Ich wünsche Ihnen viel Geduld, so lange wie es dauert. Halten Sie durch – der Frühling kommt und alles andere wird sich finden.

    • Wenn Sie Immobilienpreise Dublin und Kildare googeln dann können Sie sich das Grauen bildlich vorstellen. Manchmal fürchte ich mit dem Frühling und mir ist es schon zu lange vorbei.

      • Die Immobilienpreise sind Wahnsinn und auch hier in Deutschland in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Wir hatten vor elf Jahren noch Glück. Aktuell werden teilweise Bruchbuden zu Horrorpreisen angeboten und ich hoffe sehr, dass diese Blase bald platzt.
        Ich drücke die Daumen für Ihre Suche!
        Und ich bin ganz sicher, dass der Frühling Sie finden wird.

  7. Nach dem Lesen jedes Absatzes nicke ich und denke mir, ‚manchmal ist der Wurm drin. So vertraut, bekannt.‘ Alles Gute für das Fräulein!

  8. Habe in Dublin im Schaufenster eines Maklers die Preise für winzige Häuschen mit dem Charme einer Bruchbude gesehen: 500000€. Habe mich fast auf mein Lehrerinnenpopöchen gesetzt. Das lässt sich ja nie und nimmer durch anständige Arbeit verdienen. Wer kann das bloß kaufen?

    • Das ist auch mein erster Gedanke gewesen, dass man so viel Geld gar nicht erarbeiten kann. Plus Zinsen, die bestimmt auch noch anfallen. Wie soll das gehen?

  9. Liebes Fräulein Read-on, ich bin noch nicht lange Leserin, bin aber gefangen und habe viele Artikel nachgelesen. Etwas interessiert mich. Vielleicht haben Sie es schon verraten, vielleicht verraten Sie es bewusst nicht: Wo sind Sie aufgewachsen? Wenn Sie es verraten möchte, ich fänd es sehr spannend. Eine schöne Woche!

  10. Sie haben völlig recht, was die Autos angeht. Und doch scheint mir, da gibt es einen langsamen stetigen Wandel zur Besserung im Moment. Vielleicht ist das aber auch meine Berlinblase.

  11. Ich wohne im Süden Deutschlands – hier ist sowas schon lange normal. Ich habe Freunde mit Kindern, die einfache Jobs haben und 400-600 tausend finanzieren. Das geht, auch mit ehrlicher Arbeit. Südlich von München lachen die Leute über diese Preise. Und in Italien ist alles nochmal eine Nummer teurer.

    In den Outskirts von Kildare hats schöne Häuschen mit etwas Garten für 250.000 Euro. Ich kenne das Lohnniveau der Mondsteinscheibenfabrik in Irland nicht – in München würde man diesen Preis auch als Anfänger in der Mondsteinscheibenfabrik locker zu mehr als 100% finanziert kriegen.

    Schauen Sie mal die Preise für Häuschen und Wohnungen in Greater London an….

      • Verzeihen Sie, liebes Fräulein. Sie haben natürlich recht. Ich habe mich unglücklich ausgedrückt. Ich versuche es anders zu formulieren:

        Ich bin bald im sechsten Lebensjahrzehnt und ich habe die letzten 30 Jahre immer wieder gehört, dass es jetzt grad so teuer sei und alles nicht gut genug und der X. sich doch so hoch verschuldet hätte etc.pp. Ich habe auch immer wieder gehört: Hätte ich doch vor 10 Jahren gekauft. Hätte ich doch, heute ist ja so teuer, um dann fünf Jahre später dasselbe zu hören: „Hätte ich doch vor 5 Jahren gekauft“. Ich habe aber in den 30 Jahren niemanden erlebt, der mit einem Immobilienkauf in einer A- oder B-Lage einen echt groben Fehler gemacht hätte – wenn man von der mit einem Hypothekenkredit verbundenen Sklaverei mal absieht.

        Kurz: Ich wollte ihnen Mut zusprechen. Es gibt nette Makler, wirklich. Und im Umfeld einer sich entwickelnden Stadt mit einer Universität und sicher auch im Umkreis des Lachsstädtchens mit seinem Mondsteinscheiben-Campus werden Immobilien gefragt bleiben – kleine Häuschen ebenso wie kleine Flats.

        Verzweifeln Sie nicht an den Preisen für gutes Wohnen, die werden wahrscheinlich nie mehr so niedrig sein wie jetzt, und betrachten Sie die Besichtigungen als Kino der eigenen Zukunft, zumindest der nächsten Jahre. Jede angesehene Behausung, die ihnen nicht gefällt, schärft den Blick für das Erwünschte.

        Wer weiß, wohin die Suche führt.

        Viel Erfolg.

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