Sonntag

Schon wieder Sturm oder immer noch Sturm. Der Sturm selbst hat Zeit im Februar.

Der Tierarzt behauptete stets, er sei in einer Sturmnacht geboren.

Aber der Tierarzt steht nicht mehr neben mir am Fenster und sieht dem Sturm dabei zu, wie er die Bäume zum Armdrücken herausfordert, wie er mit einem Fingernagel bloß die losen Dachschindeln anhebt, wie er mühelos einem Blumentopf die Heimat nimmt, am Fenster stehe bloß ich. Den Sturm kümmert das nicht.

97 Jahre und einen Tag wäre meine Großmutter alt in diesem Jahr. Das ist doch kein Alter, sage ich mir. Alt war mir meine Großmutter nie vorgekommen und vielleicht ist das der Grund, warum ihr Tod mir immer unbegreiflich bleibt.

Ich habe meine Großmutter alles gefragt, auch die Dinge die man niemanden fragt, auf all meine Fragen hat sie mir geantwortet, aber nie abschließend, nie war ihre Antwort ein Schlusssatz. Eine jede Antwort beendete sie mit der Bemerkung, ich möge sie bald noch einmal fragen.

Neben meinem Nachtkastel liegt ein Notizbuch. In dem Notizenbuch stehen alle Fragen, auf die meine Großmutter mir nicht mehr antworten kann, aber je länger sie schweigt, umso drängender werden meine Fragen.

Ich sehe oft auf anderen Blogs , dass dort Fragebögen ausgefüllt werden. Ich lese die Fragen, wie auch die Antworten mit stillem Staunen und leisem Neid. Ich habe niemals einen Zustand erreicht, in dem ich mir einer Antwort sicher war. Mir ist der Boden schon zu oft und zu vollständig weggebrochen, um zu wissen, dass Grün niemals auch Blau sein kann, oder ein Wunsch nicht auch sofort ein Alptraum werden kann.

Ich bin selbst am Freundschaftsbuch, das mir mein Neffe einmal antrug vollständig gescheitert. „Was ist deine Lieblingsspeise?“, war die Frage und ich konnte nicht herausfinden, welche Speise denn wirklich satt macht und so lange es Hunger gibt, hat doch er das letzte Wort. Mein Neffe begriff gleich und ich füllte das Buch niemals aus.

Wie wird man ein gefestigter Mensch? Woher wissen Sie, wer Sie sind? Ich kenne mich kaum.

Am Morgen kehrt die Sonne zurück.

Die Katze besieht sich ausführlich im Wasserbassin.

Der Hund und ich grinsen uns an. Aber keiner von uns beiden würde es wagen die Katze Narziss zu nennen. Der treue, alte Hund und ich gehen in den Park. Der Hund verschludert seinen geliebten Turnschuh. Das Wort Schuh ist für dieses zerkaute Monstrum eine freundliche Umschreibung. Der Hund jault. Ich krieche ins Gebüsch und triumphierend schwenke ich den Schuh in Richtung Hundenase. „Das ist das Ding“ jauchze ich. Ein Mann, der Dehnübungen gegen eine Parkbank macht, sieht mich mit Erstaunen an. Ich versuche so harmlos wie möglich zu wirken und nicht wie jemand, der noch ganz andere Dinge im Gebüsch verbirgt.

Der Hund kaut seelig auf seinem Schuh.

Die Katze liegt im Wäschekorb.

Ich falte Wäsche und die Katze liest die Zeitung nach.

Der Hund lässt sich von T. und J. versichern, dass ein verlorener Schuh wirklich und wahrhaftig des ausführlichen Streichelns bedarf.

Ich backe für den Bruder der T. eine Kirschwähe.

Dann fahre ich in die Stadt.

Im Konzerthaus gibt es Schubert-Lieder und ich liebe doch Schubert so.

In Dublin hat Conor Biggs sich vorgenommen einmal alle Schubert-Lieder zu singen.

Manchmal hat man Glück und ist ausgerechnet dann in Dublin zugegen, wenn Conor Biggs alle Schubert-Lieder singt. 577 Lieder hat Franz Schubert vertont.

Außergewöhnliche Lieder sind da dabei. Lieder, die man nur selten hört.

Einen ganzen anderen Schubert, als den vom Lindenbaum hört man da. Einen Schubert, der Mayrhofer vertont, einen Schubert, der nichts von der Schwerfälligkeit hat, die Fischer-Dieskau ihm immer wieder gab, dass es so schwer ist ihn noch einmal ganz anders und neu zu hören, aber Conor Briggs singt einen klaren Schubert, der nichts hat von der stickigen Wiens und dem tristen Leben in feuchten Wohnungen und dem ewigen Streit mit dem Vater. Schubert ist ein Kommentator und oft auch ein Satiriker seiner Zeit. Er vertont Lieder von Matthias Claudius, der aus Zeitungsmneldungen oft Gedichte machte und es ist Schubert, der dann die Sensationslust und das Spiel mit dem Gefühl jener Zeitungsgedichte karikiert. Es ist ganz und gar unmöglich sich nicht immer wieder neu in die Tiefen von Franz Schubert zu verlieben. So viele Lieder, so viele Geschichten, so viele Möglichkeiten, auch Franz Schubert ist einer von jenen, die sich der Klarheit entziehen.

Neben mir sitzen zwei Frauen beide tragen Cashmere Pullover und Perlen am Hals, sie riechen nach schwerem Parfum und in der Pause ziehen sie über Penelope her. Penelope ist ihre Freundin und für nach dem Konzert ist ein Tisch in einem Restaurant reserviert in dem Dublin so tut als sei es eigentlich London. Aber wenn man den beiden Damen so zu hört, dann ahnt man nichts von der Freundschaft zu Penelope, sondern nur etwas davon, dass die Häme keine Altersgrenze hat und so wird erst Penelopes Sohn verlacht, ihr Ehemann verachtet, ihre Sucht nach Vitamintabletten bewiehert und am Ende ist Penelope nur noch ein trauriger Schatten ausgestreckter und wohl manikürter Fingernägel.

Wer glaubt nur im Internet sei der Ton hart und rau, der wird am Konzerthausnachmittag eines Besseren belehrt.

Man versteht auch Schubert noch einmal besser, der vielleicht auch deshalb so viele Lieder vertonte, damit der Krach der Welt ihn doch nicht mehr so hart und so unerbittlich erreichte.

Auf dem Heimweg beginnt es heftig zu regnen.

Ich schreibe ein neue Frage in das Notizbuch.

War es ein schönes Konzert?, fragt mich die T.

„Es war schön und dann auch wieder nicht“, sage ich.

Die T. lacht.

Du bist der Katze ähnlicher als Du denkst“, sagt sie.

Ich nicke, aber ich sage nicht: „Frag mich doch lieber in ein paar Tagen nochmal.“

Von meiner Grossmutter habe ich auch die Stille geerbt.

28 thoughts on “Sonntag

  1. Ganz wunderbar Schubert und Ihre Schubert-Einsichten.

    Großartig Ihre Erzählung über die schwer parfümierten Konzert-Damen, die
    sich hämisch-tratschend über ihre Freundin Penelope hermachen, bis diese entstellt und verrissen ’nur noch ein trauriger Schatten ausgestreckter und wohl manikürter Fingernägel‘ ist.

    Und sehr weise von Ihrer Großmutter, Fragen nicht nur einmal zu stellen.

  2. Diese deine Traurigkeit – wie sie immer wiedermit meiner resoniert. Auch all deine Fragen und all deine Nicht-Antworten. In so vielen deiner in Worte gegossenen Gefühle erkenne ich etwas von mir wieder. Das macht mit mir, dass ich mich ein bisschen weniger allein fühle. Und ein bisschen weniger einsam; oder dann vielleicht mit dir zusammen einsam. So irgendwie.

    Und dass sich Katzen ihr Personal sehr sorgfältig auswählen, dachte ich übrigens auch schon oft.

    PS: Wähe mit Kirschen. Ach, wie schweizerisch, wie vertraut das in meinem Herzen klingt.

  3. Eine Penelope in Dublin, Telemachos und Odysseus verlacht und auch James Joyce (denn der darf nie fehlen) karikierte schon in den Dublinern, dass Dublin London sein will. Vielleicht wird’s wahr mit dem Brexit und die ganze mondäne Businesswelt schwappt rüber.
    Ach und der Franzl. Küss die Hand. Schubert und Regen ist ein Garant dafür, dass. Was eigentlich? Wunderbar was Sie über Fragebögen schreiben. Aber auch: dem Wetter geschuldet? Der Winterreisenleiermann war mir nie lieb. Ich hielt es mit dem Mut:“Will kein Gott auf Erden sein, essen wir selber Götterspeise“. Oder so.

  4. Danke für Schubert!! Gestern Abend gleich bin ich mit dem Schwanengesang eingeschlafen..
    Grüße an den alten Hund, möge er noch lange seinen Turnschuh jagen

  5. Sich selbst kennenlernen, das hört nie so wirklich auf. Die Fragen, die entstehen, wenn wir den Boden unter den Füssen immer wieder verlieren, sind von essentieller Bedeutung für das menschliche Sein. So empfinde ich es jedenfalls. Was hält uns, wenn uns nichts mehr hält? Vielleicht die Liebe, vielleicht ein Gott, an den wir glauben und der uns niemals im Stich lässt oder die Erinnerungen an eine liebende Großmutter, deren Vermächtnis man in diese Welt tragen möchte, weil man weiß, dass jeder noch so kleine Tropfen einen Ozean voll Weisheit bildet und gehört und gesehen werden muss.

    Liebe Grüsse an Sie und den Hund und die Katze 🙂
    Clara P.

  6. Schau zu den Sternen hoch und frage deine Großmama über sie als Mittlergestirne. Bestimmt antwortet sie dir und auch ganz bestimmt lächeln dir die Sterne leis zu. Katze und Hund sind weniger hämisch als Frauen, die zu wenig fragen..

  7. Lernen wir uns überhaupt jemals selber kennen? Jede Lebenserfahrung, jeder neue Konflikt, jede Krise und auch jedes schönes Erlebnis schleift eine neue Facette in unser Persönlichkeitsprofil. Ich glaube, so ganz „fertig“ werden wir nie…

  8. Großmütter fehlen immer, egal wieviel Zeit man hatte Fragen zu stellen. Eine Oma starb schon als ich 13 war, die andere Oma hatte ich bis zum 38 Lebensjahr. Aber glauben Sie mir, mir fallen auch immer noch Fragen ein, obwohl ich inszwischen das Alter habe in welchem Ich meine Omas zu Omas gemacht habe.

  9. Ach, wer kann sich seiner denn schon immer sicher sein? Wissen wir doch heute nicht, was uns morgen begegnet. Ist das Leben selbst doch wie Wasser, das sich seinen Weg auch in die trocken gewähntesten Winkel bahnt. Leben ist Lernen, alles Wissen doch eher Stillstand :).
    So wie auch die Fragen bis zuletzt niemals aufhören werden.
    Mit einer herzlichen virtuellen Umarmung, Ev

    • Ja, die Fragen und auch der schwankende Boden wird sicherlich bleiben bis ganz zum Schluss, wo es dann auch keine Antworten mehr braucht. Bis dahin werden wir wohl so oder so weitersuchen.

  10. Also zwei Fragen hast du selbst schon beantwortet, in diesem Text und einem der letzten:
    Welche (klassische) Musik dich begeistert – Schubert.
    Und was du gar nicht leiden magst – den irischen Regen 🙂

    Aber es schadet doch nicht, sich immer weiter zu entwickeln und deswegen nicht immer alle Fragen für immer beantworten zu können!

    Lg Julia

    • Nein, man soll nicht zu schnell zufrieden sein und wer weiß vielleicht treten ja auch der Regen und ich noch einmal in ein anderes Verhältnis

  11. Der ganze Text. Soooooo viel.

    Zuviel im Moment.

    Aber eines behalte ich davon. Was? „Frag mich doch lieber in ein paar Tagen nochmal.“

    Danke dafür und für den Hundeturnschuh, den Sturm, die Katze mit der Zeitung, die Fingernageldachschindel, die Kirschwähe, das Fenster …

    • Meine Großmutter, die sich auskannte mit den Antworten wie auch den Fragen hat da glaube ich sehr recht mit ihrer Benerkung man möge sich einer Antwort nie zu sicher sein und lieber noch einmal nachfragen.

  12. In der Regel wissen wir eher, wenn wir sein möchten, als wer wir sind. Nach so vielen Jahren kenne ich mich ein wenig, und ich bin nicht der, den ich sein möchte. Nach einem gelebten Leben werde ich vermutlich herausfinden, dass es nicht wichtig war, irgendwen oder irgendwas zu sein, sondern dass es in jedem Augenblick nur darauf ankam, zu sein, wahrhaftig zu sein und das Gute anzustreben.

  13. Ach Schubert, lieber Schubert!
    Eine seiner Klaviersonaten (a-moll, D. 537) baute mir eine Brücke vom Kontinent nach England, wurde für Jahre zu meiner Lebensmusik. Irgendwann in dieser Zeit besuchte ich das Schubert-Haus in Wien. Ich weiß nicht, was mir den Mut einflößte, zu fragen, ob ich auf Schuberts Klavier spielen dürfe. Man gestattete es mir. Das Instrument war furchtbar verstimmt, aber das spielte überhaupt keine Rolle.
    Und ich bin mir ziemlich sicher, ohne Schuberts Lieder wäre ich niemals zur Liedermacherin geworden. „Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden …“

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