Die nasse Grenze

So viel Regen ist in diesem Land, denke ich.

Das ist was mich trennt von diesem Land weiß ich.

In eine Sprache kann man hineinwachsen. Vielleicht.

Gewohnheiten das sagt ihr Name ja schon, kann man annehmen oder auch nicht.

Selbst in einem Paar zu großer Schuh kann man gut und gern ein Paar Kilometer weit zurücklegen.

Aber der strömende Regen, der trennt dieses Land und mich.

Vielleicht wäre das anders würde ich mit dem Auto fahren.

Aber ich fahre ja nicht mit dem Auto. Ich laufe früh am Morgen zum Bahnhof und abends, wenn auch der Tag genug von mir hat, laufe ich wieder zurück.

Meistens regnet es morgens oder Abends. Aber an vielen Tagen regnet es Morgens und Abends.

Der Regen ist hier eine Wand gegen die man läuft. Ein Wand, die noch im Gehen wächst, einen umschließt dichter noch als die größte Hecke. Der Regen hier ist ein Labyrinth glaubt man, es wäre möglich sich einfach eine Kapuze in die Stirn zu ziehen, um das Schlimmste zu überstehen so irrt man natürlich. Der Regen atmet nur einmal durch, sucht sich Lücken in den Haaren oder auch nur in den Augenwinkeln, schlägt gegen die Wimper, schlägt Regenschirme grundsätzlich entzwei, zögert nicht lang und schon sind auch Füße, Knöchel, Schienbeine und die Knie durchweicht. So eine Wand ist der Regen, so glatt ist die Wand, das noch die Fingernägel abrutschen, auch unter den Fingernägeln läuft das Wasser herunter als sei eine Wand eigentlich auch nur ein Fluss.

Einmal habe ich im Regen vor dem Dom in Milano gestanden und in den blanken Steinen Grimassen geschnitten. Selbst die ernsten Löwen aus Stein mit ihrer Schwanzquaste so sehr um Haltung bemüht, mussten nicht wenig kichern. Vielleicht haben sogar die Heiligen im Schatten des Baptisterium leise angefangen zu kichern. Warm war der Regen an jenem Nachmittag an dem ich eigentlich in eine andere Stadt fahren wollte, nur um dann doch in einem Hotel am Bahnhof der Stadt zu landen. Drei Tage hat es in Milano geregnet. Aber der Regen dort, damals war voller Demut. Ließ Fassaden rosa glänzen und ein alter Palazzo strahlte senf-gelb so als lägen nicht viele Jahrhunderte zwischen dem letzten anstrich und dem Regen. So ein Regen war das. Die Löwen immer schon auf dem Sprung und der Regen war sanft mit der Stadt und seinen Bewohnern. Eine Frau hielt einen Regenschirm in der Hand, meine ich zu erinnern. Der Schirm, so meine ich war weiß mit schwarzen Punkten oder schwarz mit weißen Dreiecken, aber ganz sicher weiß ich noch, dass der Schirm Rüschen hatte. Das schien mir das Feinste zu sein, was es geben könne. Ein Schirm mit Rüschen. Die Frau war sehr schön und ein Mann zog seinen Mantel aus mitten im Regen. Aber ich habe den Mann nicht gefragt nach seinen Gründen und auch die Frau habe ich nur aus den Augenwinkeln angesehen. Das aber lange, denn sie wich in Schlangenlinien den Pfützen aus.

Aber der Regen hier hat nichts von der Weichheit, nichts von dem Rosa, nichts von dem warmen Gelb Milanos.

Hier ist der Regen ein Denkzettel. Eine beständige Erinnerung daran, dass ich nicht dazugehöre. Kalt hängen Kleid, Schal, Mantel und auch meine Haare an mir herunter. Der Regen hier ist hart und kalt und legt einem ganz plötzlich eine eisige Hand zwischen meine Rippen.

Du nicht, grinst der Regen.

Sein Lachen hat etwas vom heiseren Husten eines alternden Nachtportiers.

Vielleicht stehen hier die Mütter von klein auf mit den Kindern im Regen und der Regen ist dann irgendwann auch nur noch Gewöhnungssache.

Aber ich habe als Kind niemals im irischen Regen gestanden und der Regen und ich haben uns niemals aneinander gewöhnen können.

Vielleicht singen die Väter hier ihren Kindern Regenlieder ins Ohr und irgendwann bekommen die Kinder die Melodie nicht mehr aus dem Ohr.

Aber ich habe als Kind niemals Regenlieder gehört und so haben der Regen und ich uns nichts zu sagen.

Fremd sind der Regen und ich einander.

Nass bin ich und der Regen denkt sich nichts dabei.

Noch später da tropft das Kleid, die Schuhe sind mit Zeitungspapier ausgestopft, die Strumpfhosen sind ein nasser Ball und die Jacke ist noch immer schwer vor Nässe, da liege ich im Bett. Klamm sind die Beine noch immer, obwohl das doch gar nicht sein kann. Aber draußen an die Scheibe da klopft der Regen an. Seine Fingerknöchel sind weiß, unermüdlich scheppern sie gegen das Glas. Sie sind Warnung. Du die Fremde, verstehst mich ja doch nicht. Lauf nur, zieh dir nur die Decke bis zu deiner Nasenspitze, versteck dich nur, mach dich nur unsichtbar, ich finde dich noch. In deinen Träumen noch soll dir mein Wasser bis an den Hals reichen, du bist von zu weit her gekommen, um das ich mir mit dir einig werde. Der Regen läuft an den Fensterscheiben herunter. Durch den Regen lässt sich nicht hindurchsehen, die ganze Welt hält der Regen von mir fern.

Wirklich, mitten in der Nacht wache ich auf und glaube das Bett sei ein schwarzer Tümpel.

Aber das Bett ist immer noch ein Bett.

Auf dem Läufer neben dem Bett schläft doch selig, der treue alte Hund.

Nur ich kann nicht schlafen, denn der Regen schläft nie.

So viel Regen und so viel Fremde, denke ich und der Regen hört nicht auf.

An den Regen kann man sich niemals ganz gewöhnen.

Dunkelgrau fast schwarz ist das Wasser vor meinem Fenster.

Der Regen ist ein Maßband für Entfernungen.

11 thoughts on “Die nasse Grenze

  1. Wäre die Katze ein Kater, sie könnte den Regen vom Bett und den Träumen fernhalten. Aber so wie sie gestrickt ist, halte ich für möglich, dass sie mit dem Regen gemeinsame Sache macht.

  2. Uns hat der irische Regen mal während eines Motorradurlaubs in Kerry erwischt und ja, an dem Tag waren wir nass bis auf die Knochen und in dem netten B&B wurden zwar die Kombis wieder trocken, aber die Pullover nicht. Der Regen steckte so fest in den Pullovern, dass wir sie später noch klamm wieder in die Motorradkoffer einpacken mussten und das haben die Pullover übelgenommen und der Regen wurde bis Donegal zu Stockflecken und dann brauchten wir zwei neue Pullover.
    (Es war aber sehr schön in Donegal und dorthin ist uns der Regen nicht gefolgt.)

  3. Ob es am Regen liegt, wenn eine nicht schlafen kann?
    Liebe Read On, bei mir ist angekommen, Sie sind gewachsen in anderen Gefilden als ich.
    Als Norddeutsche ward ich in Regen hinein geboren, er ist mir vertraut, gehört zu meinem Alltag, wie Zähne putzen.
    Manchmal mag ich es wenn er auch nachts an meine Scheiben klopft. Einst genoss ich es wenn er beim zusammen Übernachten oder beim Essen mit einer heute mir fernen Liebsten auf’s Dach klopfte unter dem sie lebte. Vertraut, wie Wohnwagen im meinen Kindheitsurlauben. Als sie sich von mir trennte, hagelten mir ihre Worte als wären es Messer gewesen.
    Ich habe keine Statistiken angeschaut, und frage mich, ob im Jahresmittel messbar mehr Wasser des Lebens vom Himmel als in Irland fällt.
    Jetzt, gleich gehe ich Zähne putzen, klopft es an meine Scheiben. Ich freue mich auf seinen Schlafgesang. Ich hoffe, es möge am Morgen schweigen. Ich radle lieber ohne Regenhose.

  4. Als ich in Irland arbeitete, fuhr unsere Mädchenmannschaft zu ihrem Camogiespiel. Es regnete, was sonst, die Mädchen in Halbstrümpfen, die Beine teilweise blau gefroren. Es gibt einen Tag, ich denke, es ist Ende März, dann wird die Sommerschuluniform getragen, es interessiert nicht, wie kalt es ist oder ob es regnet.Keine fand das irgendwie absonderlich. Nur ich fragte meine irische Begleiterin, ob man doch sicher warten werde mit dem Spiel, bis der Regen aufgehört habe. Sie lachte lauthals und sagte: Nein, my dear, da würden wir ja nie ein Spiel zu Ende bekommen…

  5. Liebe Read on, wie kann man nur über etwas, das man nicht mag, so traumhaft schön schreiben? Faszinierend – wie so viele deiner Texte!

  6. Ein schöner Text. Über die Jahre habe ich mir den Regen zum Freund gemacht. Ich habe Dürre hier und anderswo erlebt. Dürre, die verdirbt. Da ist mir der Regen lieber. Ausweichen kann ich ihm nicht, also habe ich mich mit ihm arrangiert.

  7. Regenschirme mit Rüschen kenne ich aus Japan, dort benutzt man sie sowohl gegen Regen wie gegen Sonne. Am besten fand ich die Halterungen (bedaure, dass ich keine japanischen Bilder gefunden habe), mit denen man die Schirme an Fahrräder befestigen konnte, besonders die Frauen sind damit sehr langsam und anmutig durch die Gegend gefahren. Wenn ich daran denke, glaube ich nicht, dass der Regen so schlimm ist: das schlimme ist der Wind. Und beim Radfahren die Eile.

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