Wer der Februar ist.

Der Februar ist ein junger Mann. Der Februar ist vielleicht fünfzehn Jahre alt, aber vielleicht auch schon siebzehneinhalb. Der Februar will seine Mutter umarmen, aber dann schreit er doch wieder : WARUM LÄSST MICH DENN KEINER VON EUCH IN RUHE. Der Februar sitzt an der Bushaltestelle und hustet heftig. Der Februar will nicht zugeben, dass ihm schlecht wird vom Zigarettenrauch. Aber auf die ersten Schneeglöckchen und die ersten zaghaften Krokusse und die allerallerersten Osterglocken tritt der Februar nie.
Dafür kann der Februar Schneebälle formen und nach Torben aus der 11b damit werfen. Torben heißt mit Nachnamen April und Torben trägt aus Prinzip kurze Hosen. Darüber lachte der Februar hart, aber neidisch ist er doch auch ein bisschen. Nicht so sehr auf Torben, aber auf die kurzen Hosen, die der Februar niemals trägt.
Der Februar hat Haare auf den Beinen und fürchtet sich davor, dass die Mädchen lachen. Der Februar stolpert oft über seine offenen Schnürsenkelbänder. Der Februar kann gut fluchen. Wenn der Februar flucht, guckt seien Mutter ganz traurig. „Muss das wirklich sein?“, fragt sie und will ihm durch die Haare streichen. „Ach Mama“, sagt der Februar und kommt schon wieder viel zu spät nach Haus. „Es wird doch schon heller“, sagt er und lacht. Der Februar will beides: im Kino in der letzten Reihe knutschen und den Sonnenaufgang auf keinen Fall verpassen. Der Gitarre mag keinen Blues, sondern Indie Rock und der Februar hat noch eine richtige Stereo-Anlage, die dreht er auf bis die Fensterscheiben klirren und seine Mama sagt: „Ach Februar, muss das wirklich so laut?“ „Es wird doch schon viel heller“, sagt er Februar dann.
Der Februar will am Liebsten bis nach Capri trampen, aber früher war es auch schön. Immer am Samstag ist der Februar mit seinem Vater am Samstag auf den Flughafen gefahren und hat auf der Aussichtsterrasse die startenden und landenden Flugzeuge gezählt. So viele Möglichkeiten dachte der Februar damals gibt es. Aber der Vater ist schon lange weg, und früher war früher und heute ist heute. Der Februar geht immer noch gern in den Wald. Der Februar weiß, der Wald ist immer der Wald auch ohne Blätter. Der Februar kann alle Vogelstimmen nachmachen. Das hat er von seinem Opa und sein Opa hat es von der Amama, aber wer die Amama war, hat der Opa nie verraten. Aber es hatte es mit dem Juni zu tun. Damit war alles gesagt. In Februars Klasse ist auch ein Mädchen, das Juni heißt und wirklich Juni hat erdbeerfarbenes Haar. Die Juni aus seiner Klasse kann alle Wörter sagen ohne rot zu werden, aber der Februar fürchtet sich davor die Juni zu fragen. Manchmal abends an seinem Schreibtisch schreibt der Februar einen Liebesbrief an Juni, aber er zerknüllt die Briefe alle wieder. Manchmal steht auf den Briefen oben nicht liebe Juni, sondern lieber Torben. Der Februar sucht und sucht.
Der Februar hat meistens kalte Füße. Aber Socken mag er nicht, lieber ein Eis am Büdchen. Himbeer-Vanille. Das mag Torben auch. Juni sagt: „Eis ist was für den Sommer.“ Aber wenn der Februar sein Gesicht in die Sonne hält, ist es viel besser als im Sommer. Der Februar schwitzt nicht gern. Der Februar liebt dicke Schals und Gummistiefel, der Februar kann schnell rennen, aber groß ist er nicht. Die Kurzen nach hinten, schreit der fiese Sportlehrer. „Idiot“, flüstert Torben. Der Februar muss lachen. Der Februar kann dafür schneller rennen als alle anderen. Das muss doch auch zählen. „Du bist etwas Besonderes“, sagt seine Mutter. Seine Mutter riecht nach Zimt und Pfefferminzpastillen.
Der Februar will manchmal einfach für ein paar Tage allein sein, aber dafür reicht die Zeit nicht. Es ist immer etwas los. Manchmal steht der Februar allein vor dem Spiegel. Er malt sich das Gesicht weiß, kringelt sich die Augen bunt ein, zeichnet sich rote Kreise auf die Wange, tuscht sich die Wimpern und schneidet lauter Grimassen. „Der Februar darf das“, sagt er zu sich selbst im Spiegel und weiß nicht, dass seine Mutter ganz leise lächelnd draußen im Fotoalbum blättert. Februars erster Fasching. Torben ging als Osterhase und Juni als Erdbeerkönigin.

Der Februar singt und lacht und tanzt, aber dann ist der Februar so traurig, dass er nicht mehr aufstehen kann. Die Februar ist ehrgeizig und enttäuscht, wenn wieder so viel liegen bleibt. Manchmal liegt der Februar mit seiner Mutter auf dem Soda und erzählt ihr ein Geheimnis. Aber er erzählt keinem, dass er von Juni und Torben träumt. Der Februar behält fast alles für sich. Manchmal schreibt der Februar Liebeslieder und erzählt seinen Freunden kein Wort davon. Nur Torben ahnt etwas. Das hofft der Februar und in seiner Jackentasche stecken die Erzählungen von J. D. Salinger.
Der Februar hat immer zu kurze Hosen und schon wieder seine Handschuhe verloren. „Ach Februar“, sagt seine Mama. Nächstes Jahr bin ich 16 sagt er und sie lächelt. „Ach Februar, wie schnell doch so ein Jahr vergeht.“

Rot am Horizont

Der Himmel am Morgen ist erst dunkelblau und wird dann langsam rot. Ich habe niemals heraus finden können, ob es nun die Sonne selbst ist, die einen roten Morgenmantel trägt oder doch mein alter Freund der Mond, der sich gähnend nun die roten Pyjamahosen von den Beinen streift und sich in eine dicke weiße Wolke fallen lässt. Vielleicht sagt der Mond dann auch zu seiner Geliebten der Sonne-„Komm Sonne gib noch zehn Minuten dazu.“ Vielleicht gibt die Sonne doch einmal nach, denn als ich aus dem Zug aussteige ist vom roten Schimmer fast nichts mehr zu sehen und der Himmel bedeckt uns alle noch einmal tief und dunkelblau.

Die Frau des Krämers aber fürchtete das Morgenrot und schwor, dass mit dem errötenden Himmel das Unglück nicht weit sei. Die Frau des Krämers hatte viele Beispiele bei der Hand, die belegten wie sehr das Unheil sich schon am frühen Morgen Gedanken macht. Die Frau des Krämers nämlich hat nicht nur Milchflaschen sauer werden sehen beim aufgang der Morgenröte, sondenr ihre geliebte Tochter fiel genau dann von der Schaukel und schlug sich zwei Zähne aus, als auch die Sonne erwachte. Ihr Mann verlor am Abend eine Schafskopf Partie als der Morgen die Sonne genau über dem Haus grinsend und mit rot gebleckten Zähnen besonders lange ins Fenster sah und nach jener Schafskopfrunde in der die Sonne ihre Hände mit im Spiel hatte, leerte die Frau des Krämers vor jeder Kneipenrunde die Taschen ihres Gemahls und gab in die Spielbörse Knöpfe statt Münzen, denn schon ihre Mutter und ihre Grossmutter hatten die Frau des Krämers eindringlich gewarnt, dass wenn die Männer das Geld erst einmal in die Wirtschaft trügen bald auch Haus und Hof verspielten und so scherte sich die Frau des Krämers nicht darum, dass ihr Mann zwar das Gespött des Dorfes wurde mit seinen Knöpfen im Portemonnaie, aber Haus und Krämersladen blieben in ihrer festen Hand und darauf kam es eben von Anfang an, an

„Wenn man eine Familie hat Fräulein Read On, dann hat man auch Mittel und Wege.“ Aber daran hatte ich nun Morgenrot hin oder her ohnehin keinen Zweifel, denn wer die Frau des Krämers kannte, der war vertraut mit ihren Mitteln und Wegen.

Die Frau des Krämers aber schläft noch laufe ich zur Fabrik herunter und eigentlich beneide ich den Mond um seine roten Pyjamahosen und die Sonne um ihre feine rote Seidenrobe, aber sie ist eben doch in meinem Hinterkopf, die warnende Stimme der Frau des Krämers, vielleicht leicht nur der Morgenröte wegen, sondern vor allem deshalb weil die Frau des Krämers mit mir ausschließlich mit mahnender oder klagender Stimme zu sprechen pflegte.

Obacht, sage ich mir also und laufe dem verehrten Herrn Direktor in die Arme.

„Morgen Herr Direktor“, sage ich. „Alles gut bei Ihnen und den Damen des Hauses.“

„Von wegen gut“, sagt der verehrte Herr Direktor, die Frau Gemahlin ist mit dem Auto liegengeblieben und soll doch die Handwerker ins Sommerhaus lassen und nun muss ich hinüber sausen, wo ich doch niemals mehr aus dem Berufsverkehr herausfinden werde. Fangen Sie mit dem B. doch an und ich komme dann nach. Da weiss der Herr Direktor noch nicht, dass der B. schon mit Blaulicht ins Spital gefahren wird, eine lose Treppenstufe wurd eihm Verhängnis, sagt seine Frau am Telefon zu mir. Aber noch winkt mir der verehrte Herr Direktor zu und sagt: „Na wenigstens passt das Wetter.“

Ich nicke und hoffe der verehrte Herr Direktor und die Frau des Krämers werden sich niemals treffen.

Ein paar Stunden geschieht nichts. Die Sonne ist inzwischen auch golden-gelb.

Aber dann suche ich die Auszubildende. Die Auszubildende ist für eine Terminsache zuständig. Der Termin ist verstrichen.

„Auszubildende, wie erklärt sich das?“, frage ich.

„Die Sonne blendet mich“, sagt die Auszubildende.

„Der Termin war gestern?“

„Warum fragen Sie mich dann heute?“

„Damit sie mir sagen, wann sie mir sagen wollten, dass das nichts wird mit der Sache und dem Termin.

Sehen Sie Fräulein Read On, wenn Sie so studiert reden, dann weiß ich nicht was ich sagen soll.

„Sagen Sie nichts Auszubildende.“

„Aber Sie hatten doch gefragt.“

Eine halbe Stunde später meldet sich die Auszubildende krank.

Die Sonne lacht recht schadenfroh.

Der Sekretärin fällt eine Schüssel mit Reissuppe herunter.

Die Sekretärin flucht. Beim Fluchen

Ich habe aufgegeben mit der Sekretärin darüber nachzudenken, warum es möglichweise sinnvoller sein könnte Suppen in der Kantine zu verspeisen, denn Suppenstunde am Schreibtisch zu halten.

So rufe ich nach dem Hausmeister.

Der Hausmeister knurrt am Telefon.

Sie sind die Sechste heute mit so einer Lappalie.

Ich sage lieber nicht, dass ich die Sonne verdächtige.

Und immer geht es munter weiter.

Der Lieblingsingenieur hat sich mit dem Brotmesser beim Schnitten schmieren für die Kinder verletzt.

Die Sekretärin gerät mit einer anderen Sekretärin in einen Zwist über die olfaktorische Zumutung der verschütteten Reissuppe.

Der verehrte Herr Direktor seufzt am Telefon. Nicht nur das Auto, sondern noch viel mehr liegt im Argen- UND DAS IM SCHÖNSTEN SONNENSCHEIN FRÄULEIN READ ON.

„Das ist es ja gerade, Herr Direktor!“

Aber der Herr Direktor gibt mir eine Telefonliste durch und ich telefoniere.

Irgendwann sinkt die Sonne wieder.

Noch einmal färbt sich der Himmel feuerrot.

Ganz vorsichtig gehe ich die Treppe herunter und warte auf die Bahn.

Der Sonne zwinkere ich zu, sonst bin ja auch ich abergläubisch und geneigt der Frau des Krämers in solchen Fragen Recht zu geben, diesmal aber bin ich unbesorgt, auch wenn mich besonders das Schicksal des werten B. und der vermaledeite Tag des Herrn Direktors misslich stimmen, denn der Krämer selbst hat mich einmal in stiller Stunde wissen lassen, dass er bei Freund G. ein zweites Portemonnaie mit Münzgeld deponierte, um wirklich echtem Kartenspiel zu frönen. Gezwinkert hat der Krämer, der doch immer ein ernster Mann gewesen ist.

Wenn die Frau des Krämers also in vielen Jahrzehnten nichts gemerkt hat, dann glaube ich muss das Unheil mancher Morgen doch andere Ursachen haben als die Sonne, die eine roten Seidenrobe von den Schultern fallen lässt, oder den Mond, der nach getaner Nacht, die roten Pyjamahosen sorgfältig faltet und in einer Wolkenbank verwahrt. Denn der nächste rote Morgen kommt bestimmt.

 

 

Sonntag

Unsichere Träume. Von einer Katze geträumt, die mich auf eine Straße hinauslockt. Die Straße ist verschwommen, so als läge dichter Nebel über den Häusern. Eine Mülltonne fällt um. Erste glaube ich eine Ratte läuft hinter der Mülltonne hervor, aber dann sehe ich einen Mann mit einem silbernen Hut hinter der Mülltonne kauern. Sie sind gleich zurück, sagt er zu mir und ich nicke, als wüsste ich genau wovon er denn spräche. Mein Name ist Ernst Lubitsch, sagt er förmlich. Aber mir fällt beim besten Willen nicht ein, wer ich denn sein könnte. Dann wache ich auf. Aber alle außer mir schlafen. Die Katze, der Hund und neben mir mit einem Plüschfußball im Arm, der tierärztliche Neffe. Ich stehe ganz vorsichtig auf und sehe nach ob alle Fenster verschlossen sind. Ganz vorsichtig ziehe ich die Decke des kleinen Jungen neben mir wieder hoch.

Am Morgen toben das Kind und der Hund. Die Katze sitzt indigniert auf der Anrichte und schweigt. Vor der ersten Milch verliert sie ohnehin nie ein Wort. Ich richte Müsli für den kleinen Monsieur an. Das übe ich schon seit ein paar Jahren und immer ist es falsch. Die Flocken sind zu gatschig, das Obst ist bäh oder die drübergestreuten Kerne sind pfui, aber heute das löffelt der tierärztliche Neffe das Müsli so schnell aus, das nicht einmal Hund oder Katze einen bettelnden Blick zwischen Schüssel und Löffel legen können. Ich freue mich doch sehr, bin ich doch beim Tierarzt auch immer nur wieder krachend gescheitert.

Das erste Lächeln nicht aus Pflichtgefühl dieser Woche.

„Du kommst doch mit?“, hat der kleine Monsieur mich immer wieder gefragt.

„Na klar“, habe ich immer wieder gesagt, aber auch noch als wir im Bus zum Sportplatz sitzen, hält er meine Hand ganz fest.

Ich möchte dem Jungen neben mir mit den Stollenschuhen, dem Messi-Trikot und dem Baseball-Cap sagen, dass ich immer mitkommen will, solange er mich dabeihaben will, aber das kann ich nicht versprechen. Ich weiß nicht wie lange die Schwester des Tierarztes mir den Umgang erlaubt. Aber heute da fahren wir zusammen zum Spiel. Der kleine Monsieur spielt Fussball und heute ist ein schweres Spiel gegen einen Verein, in dem die Buben alle fürchterlich groß ausschauen im Gegensatz zu der Mannschaft, in der auch der kleine Monsieur spielt.

„Toi, toi toi“ rufe ich ihm hinterher.

Ich stehe bei den anderen Müttern am Spielfeldrand.

Hallo, sage ich.

Die Mütter nicken.

„Ihr Sohn?“, sagt eine Mutter zu mir als ich ganz besonders fest die Daumen halte für den kleinen Buben, der so schnell rennt wie er kann, um den Ball zu haschen.

„Nein“, sage ich. Ich bin nur die Begleitung.

Eine dritte Mutter dreht sich um und sagt: „Können oder wollen sie nicht?“ „Kinder liegen ja nicht jedem.“

Ich sehe sie an und sage nichts.

Was soll ich ihr sagen?

Dass ich meine Vorstellung auch Kinder zu haben, auf dem Friedhof begraben liegt. Da gehe ich hin, einmal die Woche.

Aber das ist ja nicht sozialverträglich und so sage ich nichts.

Die Mutter erklärt mir wie sie satt sie es habe, selbst hier und sie zeigt auf das Spielfeld von Leuten wie mir umzingelt zu sein, für die das ganze Leben nur ein einziger Spaß sei.

Ich stelle mich weg. Überall werden dieser Tage Grenzen gezogen.

Die Mannschaft des kleinen Monsieurs verliert. Wir gehen ein Eis essen. Ein großes Eis zum Durchatmen. Eins für den Neffen und eins für mich. Dann atmet es sich leichter. Auf dem Rückweg schläft der kleine Monsieur fest ein. Das ist für dich Tierarzt denke ich mir. Das hier sind deine Erinnerungen und ich bin doch eigentlich nur ein übriggebliebener Gast, der die richtige Uhrzeit zum Gehen verpasste.

Später am Nachmittag bringe ich den kleinen Monsieur zurück zu ihm nach Haus. Seine Mutter sagt kein Wort zu mir. Ich winke noch einmal vor dem Fenster. Ein stummer Zaungast in einem zu weitem Wetterfleck.

Nach Hause gelaufen, Tee getrunken, Wäsche aufgehangen, aus dem Fenster gesehen, mit meiner Schwester telefoniert, ein Buch begonnen das in Dublin spielt und ich kenne alle Plätze, Straßen, merkwürdige Vertrautheit ganz plötzlich. Lange war Dublin mir so fremd und ich brachte immer wieder auch altbekannte Straßen durcheinander.

In diesem Jahr noch fast kein Deutsch gesprochen. Das letzte Deutsch was ich noch habe liegt hier in diesem Blog. Manchmal anderthalb Sätze auf Twitter das ist alles. Am Samstag ein Telefonat mit der Mali-Tant, deren alten Wiener Dialekt ich oft kaum verstehe. Er hat nichts von den Wiener Wörtern, die meine Großmutter mir mitgab, es ist eine andere Sprache. Ich habe das nie annehmen wollen, dass ich einmal aufhören würde Deutsch zu sprechen, aber es ist wahr geworden. Deutsch ist nur noch Papiersprache. Es löst sich schon auf an den Rändern das Papier und meine Großmutter hat schon seit Jahr und Tag aufgehört mir zu antworten. So geht einem das was einem sicher schien, doch verloren.

Einen Zimtkringel gegessen. Mir am Tee den Mund verbrannt.

Überragende Müdigkeit.

Mehr gibt es nicht zu berichten.

Sehenden Auges

Mein Verhältnis zum Film, ist kein Verhältnis. Ich sehe nicht fern, kenne keine Serien und außer um mich wieder und wieder in Isabelle Huppert zu verlieben, gehe ich so selten ins Kino, dass es nicht zählt.

Leider verliebt sich Isabelle Huppert nicht in mich.

Aber wenn der verehrte Herr Direktor sagt: „Fräulein Read On sie machen einen Film“, dann nickt man und atmet tief durch. Leider hilft einem dann auch die Liebe zu Isabelle Huppert nicht. Es ist nämlich leider gerade kein Film mit ihr im Kino zu sehen.

Aber der verehrte Herr Direktor sprach schon von etwas anderem und irgendwann kam dann ein Filmteam auch in die Mondsteinscheibenfabrik.

Ich kann gut warten, sagte ich zu den Filmleute, aber vielleicht sagte ich auch. Ich warte gern. So genau weiß ich es nicht mehr. Die Filmleute schrieben etwas mit Detail auf und nickten. Filmleute lächeln gern über unglücklich in Isabelle Huppert verliebte Langstreckenleser. Ich lächelte auch, denn ich kenne mich ja.

Aber dann standen die Filmleute und ich lange an einer Seite der Fabrik und warteten auf einen weißen Lastwagen, einen Sonnenstrahl und eine Handbreit Schatten. Die Filmleute seufzten und seufzten. Die Filmleute zweifelten an der Sonne, der Existenz eines weißen Lastwagens und dem Schatten. Aber ich wartete. Auf die Sonne ist Verlass, auf den weißen Lastwagen auch und wo Sonne ist, das ist auch Schatten sagte ich. Die Filmleute lächelten nicht mehr und warteten schweigend. Schließlich kamen die Sonne, der Lastwagen und der Schatten. Jetzt ganz schnell sagten die Filmleute und ich lächelte. Aber das haben die Filmleute gar nicht bemerkt.

Wer nicht warten kann, soll keine Geschichten erzählen, denke ich, aber vielleicht irre ich mich auch. Ich irre mich oft. Aber wenn ich doch einmal Isabelle Huppert treffen sollte, dann fragte ich sie nach dem Warten und dem Licht und dem Schatten.

Nach langer Zeit wieder im Konzert gewesen.

Vilde Frang spielt Stravinskys Violin-Konzert. Stravinsky ist ein Zauberer. Aber kein Zauberer, der freundlich einen Blumenstrauß hinter dem Ohr hervorknallen lässt oder einen langen Mantel aus blauem Samt mit Sternen und Monden trägt, sondern ein Zauberer nicht unähnlich wie ihn Thomas Mann mit Cipolla erfand. 1930 komponierte er jenes Stück, das mich näher und härter trifft als fast jede andere Musik. Es ist die Musik aller Möglichkeiten, das Gute und das Schöne sind so nah wie abgrundtief Schreckliche. Dieser Zauberer hier macht aus der Violine einen Stein, die mit ihren Tönen Fenster zum Zerschmettern bringt, nur um Sekunden später wieder und schöner noch als zuvor zusammenzusetzen. So ein Zauberer ist jener Igor Stravinsky, der Russland schon den Rücken gekehrt hatte, aber mir ist als stünde er noch einmal an einem Fenster in St. Petersburg oder in Moskau und zeigte immer schon beides, die schwarzen Raben des NKWD, die Lehrer und Anwälte holten und unter einer Litfaßsäule eines Liebespaar und vor einem Laden ein rauchender Mann und eine schwarze Katze natürlich läuft auch sie plötzlich noch einmal durch das Bild. So ein Konzert ist das. Das Unheil und das Glück halten sich zu fest bei den Händen. Blaue Finger haben sie beide, im Russland jener Jahre gab niemand nach. Aber immer, wenn ich dieses, sein Violinkonzert habe,mit dem Stravinsky zum dunklen Zauberer wird, sehe ich noch einmal Rudi Schwerdtfeger mit den schönen stahlblauen Augen vor mir, dem Adrian Leverkühn doch auch ein Violinkonzert auf den Leib geschrieben hatte. Thomas Mann, der doch sich doch so nach kühler Strenge sehnte, ausgerechnet Thomas Mann treibt die gleiche Tonlage um wie Igor Stravinsky. Sein Violinkonzert schrieb er übrigens auch jemanden auf den Leib, Blair Fairchild ein amerikanischer Diplomat gab das Stück bei Stravinsky für seinen Adoptivsohn Samuel Dushkin in Auftrag. Dieses Konzert ist aber auch ein Stück Technikgeschichte. Stravinsky bat den jungen Geiger um ein Treffen in ein Café und notierte den berühmten in allen vier Sätzen auftauchenden Akkord D E A auf einer Serviette. Dushkin schüttelte den Kopf, das sei nicht spielbar, protestierte er und Stravinsky, so erzählt man sich, habe den Kopf geschüttelt und gesagt: Ach wie schade.

Ich nehme an, dass jeden der Ehrgeiz packte, nach so einem Mittagessen mit Stravinsky und Dushkin packte er ganz bestimmt. Nach vielen Stunden des Übens später rief er Stravinksy an und sagte: Das geht sich doch aus und so schrieb Stravinksy das Konzert dann wirklich auf. Das Telefon also, so lässt sich sagen ist nicht unbeteiligt an einem der aufregendsten Konzerte des 20. Jahrhunderts. Überhaupt. Stravinsky anrufen zu können.

Stravinsky: Good afternoon, Igor speaking, how may I help.

Dushkin: Igor, its me Sam, I just wanted to tell you, I can play it! I can really reach that far. Far easier than I thought.You´re a genius man!

Stravinsky:Pleased to hear that my friend. Sorry to cut you short but Shostakovitch comes over for tea.

Sie ahnen es vielleicht, aber ich möchte ihnen unbedingt nahelegen sich zwanzig Minuten Zeit zu nehmen für den Zauberer der nicht mit bunten Blumen, sondern mit einer fast schwarzen Rose kommt.

Diese Aufnahme liebe ich besonders.

Aber jetzt muss ich weiter. Der Hund will an die frische Luft, ein Umschlag muss auf die Post und ein Kilo Orangen will ich kaufen und draußen wird es ja fast schon wieder dunkel.

Was ich alles nicht gemacht habe

Keine Wohnung gekauft. Dabei würde ich doch so gern oder so dringend oder beides zusammen. Aber die Wohnung war in der Realität noch viel schrecklicher als in der Annonce. Schrecklicher als die heruntergekommene und wahnsinnig überteuerte Wohnung mit Wasserflecken an jeder Wand war nur das Lachen des Immobilienmaklers, der unter wieherndem Gelächter erklärte, was diese Wohnung für ein Schmuckstück sei. Sein Lachen verfolgt mich noch im Treppenhaus. Im Treppenhaus riecht es nach Kohlsuppe und den Ambitionen des Immobilienmaklers. Ich laufe davon so schnell ich nur kann.

Keine Granatäpfel mehr auf dem Markt bekommen. Ich war zu spät und der Händler schon davon gefahren. Ich verfluche den Immobilienmakler und das Leben an sich.

Die Zeitung nicht zu Ende gelesen. Nicht einmal zur Hälfte, um ehrlich zu sein.

Keine bessere Laune bekommen, trotz einer Zimtschnecke mit Hagelzucker darauf.

Mich nicht darüber beruhigen können, wie viel Platz die Autos haben und wie wenig Rand für Fußgänger, Radfahrer, Kinder mit rotem Ball und alte Hunde bleibt. Wie kann das sein, frage ich mich immer öfter, dass wir uns so leise, so unbemerkt, ohne jeden Protest so viel Platz haben nehmen lassen? Warum nur gilt unsere Nachsicht den Parkplätzen auf denen niemand mehr Springseil übt und auf denen Blumen nur zufällig doch bestehen bleiben? Wie haben wir das nur zugelassen, ohne bunte Plakate, ohne Sitzstreik, ohne Beschwerdeberiefe an den Bürgermeister, warum sind wir nur so unendlich geduldig, dass auch am Sonntag die Straßen mit Autos verstopft sind und der Hund und ich auf unserem Spaziergang zwar zweimal fast von einem aus einer Ausfahrt herausbretternden Autofahrern erfasst werden, aber keinem einzigen Buben mit einem Roller treffen? Wie kann das sein, dass man als Fußgänger elend lange auf dreißig Sekunden Grün warten muss, nur um bös angehupt zu werden, wenn man mit einem alten Hund doch vierzig Sekunden braucht. Warum nur leuchtet es uns so ein, dass grundsätzlich alle Freiheit beim Auto liegt und alle anderen Verkehrsteilnehmer nur störendes Übel sein können? Warum eigentlich ist alle Welt eigentlich der Überzeugung den richtigen Blick auf die Welt gäbe es nur vom Lenkrad aus? So viel Protest sieht man dieser Tage, aber unsere Wege, Städte und Dörfer haben wir einfach so, schulterzuckend aufgegeben.

Darüber kann ich nicht aufhören mich zu wundern.

Auch beim Wiederlesen von Stolz und Vorurteil keine Sympathie für Charles Bingley gewonnen. Kaum ein Charakter ist mir so unsympathisch wie Jener. Dafür mich wieder ein bisschen mehr in Charlotte Lucas verliebt, die pragmatischer und grundsätzlicher auch als alle anderen Austen Figuren sich eine Freiheit erheiratet, über die alle anderen nur lachen können. Sie ist die Einzige auch, die nicht mitmacht, obwohl es so einfach wäre auch für sie dem Deppen Mr Collins eins mitzugeben und sie macht es nicht. So viel Glück, denke ich mir wieder und wieder werde ich wohl nicht haben, dass mich jemand so sieht wie Charlotte Lucas. Man merkt es ja selbst immer erst, wenn es zu spät ist, dass man längst selbst Mr Collins geworden ist.

Keinen Krokus zertreten und über kein Schneeglöckchen getrampelt.

Keinen Kuchen mit der Katze geteilt.

Keine angenehmen Träume mehr.

Keine Nachrichten gehört.

So lange schon nicht mehr Klavier gespielt.

Trotz erklärtem Vorsatz kein Kleid gekauft.

Keinen Kaffee gemahlen.

Keinen Krümel Tee mehr in der alten Dose gefunden.

Auch daraus keine Konsequenzen gezogen.

Nicht einmal einen Einkaufszettel geschrieben.

Auch nicht im Kino gewesen. Ob Isabelle Huppert wohl noch Filme macht? Vielleicht sitzt Isabelle Huppert ja auch lieber irgendwo im Süden und sieht hinaus auf das Meer.

Keine Muschel am Strand aufgehoben.

Keine zweite Wohnung besichtigt.

Keinen Knopf gefunden mit dem sich das Gackern des Immobilienmaklers hätte ausstellen lassen.

Keine Pläne gemacht.

Keine Freunde getroffen.

Am späten Nachmittag im Garten eine Taube mit abgerissenem Kopf im Garten gefunden. So schöne bunte Federn.

Ein Loch gegraben, die Taube beerdigt, aber kein Lied gesungen. Mit Vögeln soll sich der Mensch nicht messen. Einen Stein auf das Grab mit der Taube gelegt.

Die schwarze Katze oben im Baum mit grünen und blauen Federn im Maul erst viel zu spät gesehen.

Den Blick nicht abgewandt von der Katze und den bunten Federn über mir.

Woanders ist es auch schön

Es sind Texte wie diese, die einen doch sehr traurig stimmen. Wenn es schon im Kleinen so schwer ist, wie soll es dann erst im Großen gelingen?

Schreckliche Geschichten. So nah ist dieser Schrecken, und dennoch oder gerade deshalb sind diese Orte, diese Nähe beschwiegen und vergessen worden.

Briefmarken können auch eine Zeitreise sehr und dieser Blick zurück ist besonders schön.

Mir ist ja vollständig unbegreiflich, warum zwar die Freiheit der Waffen verteidigt wird, aber niemals die Leben all derer, die immer wieder in Schulen ermordet werden. Was für eine erschütternde Sammlung abrupt zerrissener Leben.

Herta Müller über den fragilen Zustands des Exils.

Am Ende das Gegenteil der ersten Geschichte. Man soll an der Hoffnung ja festhalten, so oder so.

Ella Mai singt nicht nur am Samstag.

Abgelehnte Geschichten: A date to remember

Manchmal packt ja auch mich der Hochmut und für ein oder zwei Stunden an einem Abend oder so glaube ich, auch ich könnte eine Schriftstellerin sein. Sie wissen schon so richtig mit einem Schreibtisch und einem Notebook, wo das a nicht schon sehr abgegriffen ist. Eine Schriftstellerin, die Zeit hat zum schreiben und nicht ständig Zeit stiehlt, um wenigstens etwas ins Blog zu schreiben. Dann schreibe ich wirklich eine Geschichte und schicke sie an eine Literaturzeitschrift und immer klopft mein Herz ein bisschen schneller. Aber dann holt der Hochmut mich ein, denn die Literaturzeitschriften sagen mir immer ab. Dann ernüchtere ich wieder, gehe meinem Brotberuf nach und bewundere von fern die richtigen, echten Schriftstellerinnen und Schriftsteller. So lernt man im Leben auch oft, was man nicht kann. „Ein Shetlandpony kann eben nicht fliegen“, sage ich mir und nach der zehnten Absage, braucht man nicht nur auf die elfte warten, sondern kann eine Geschichte, die nun geprüftermaßen keine Literatur ist, hier hineinstellen, denn so ist das mit diesem, meinem kleinem Blog hier hat all das Platz, was sonst eben keinen Platz hat. So gibt es also nun hier eine neue Kategorie, in der immer mal wieder, die abgelehnten Geschichten abgelegt werden.

A date to remember

I had marked the date with red in my diary for a long time. On every new year’s eve when I transferred birthdays, phone numbers and the odd appointment to my ophthalmologist from the old to the new calendar, I underlined one date, 19th of June it said.

But one year I went away over the New Year, and when I returned I had other things on my mind, or maybe I had lost the red pen. One forgets many things, or, things like a red pen simply slip away. Once they’re gone, they are forgotten. The year after I didn’t put in the date in my diary any longer. That’s how it went.

So the years went by, I got married, had two kids, then a divorce and an affair that still drags on. I bought a house but never planted a tree in the backyard. I am not a presumptuous woman.

My mother calls once a week. Always on Sunday afternoon. But when my mother called one morning and it wasn’t a Sunday, I didn’t look at the calendar hanging above the kitchen sink. I already knew which date it was.

“Hiya mum, how are you doing?” I said.

My mother said: “You won’t believe it, the butcher’s dead. A man in his prime.”

„I know mum“, I said.

My mother kept silent.

“Gossip spreads fast these days”, she finally said.

I kept quiet.

“You knew him quite well back then, didn’t you?”

“No I said, I never did know him well.”

“Odd my mother replied, I remember differently.”

Then we were both silent.

“Well then, my mother said, I won’t keep you any longer.”

“Thanks for calling”, I said.

When I stood up, I wanted to look at the calendar above the kitchen sink. I didn’t or I couldn’t, I’m not sure which it was.

Strictly speaking, however, I didn’t lie to my mother. When I knew the butcher, all those years ago back in Ballydungarvon, he was just the old butcher’s son and his name was Jonny. But nobody called him Jonny. Everyone called him “that big fella.”

He asked me out one night. “Will ye go for a dance with me?”, he said. Once a month there was a dance in the GAA club of the Ballydungarvon Kickhams.

The butcher had paid for the disco-light.

The baker had paid for disco set.

I was seventeen, and it was the summer after the Leaving Cert. It was my last summer in Ballydungarvon and so I said yes, when Jonny came round, asking me out.

It was a bit odd though, him standing there at our doorstep: “Hi Lorna, there is”—and then he stopped, taking a big gulp of air before he started speaking again: “I was just wondering would you like to come with me to the dance?”

We didn’t expect boys to talk that much. If a lad had the hots for you, he flicked you a smile, or tilted his neck in your direction and you knew you were sorted.

I felt embarrassed for Jonny. How could he not know?

But I said ok, sure, whatever, not at least because my mother was shadowing behind me in the hallway, waving at dear “Jonny, will you have tea?”

He eagerly accepted the offer.

As I said, he was an odd boy by all standards.

I didn’t have a massive crush on him. I was in love with one of the GAA lads back then, a blond fellow, I have long forgotten his name.

Jonny was a bit on the heavier side, and he was a ginger. This didn’t go too well with me or the other girls.

Only my mother was delighted when she heard about Jonny asking me out. She fed him cream cakes and he admired her china patterns. There was no one as odd as the butcher’s son in all of Ballydungarvon.

“Jonny is a decent lad, my mother said after he had left, you got very lucky, but promise, don’t let him enter you.” You know that is something, you can’t let happen, even if, and then she giggled, things get a bit rushed later. Will ye listen to your mother?” Don’t let him enter you. “I wasn’t too sure what she meant.

But I didn’t press her on the subject. We didn’t talk about such things in Ballydungarvon. When the priest read aloud a papal letter advising the steadfast people of Ballydungarvon not to fall under the spell of condoms or the pill, nobody in Ballydungarvon knew what he was actually talking about. “That’s for the Dubliners to know”, said Jonny’s father, the butcher, and that was all what was said on the subject.

I grew up alone with my mother. People were talking about me not having a father. But my mother insisted I had one. In America. Above her bed there was a map: United States of America. On Sunday mornings I often crawled into her bed, staring at the map. I knew all the states. I liked Georgia best. Whenever I was asked about my father, I said his name is George. People felt reassured after I had told them. So I told them often. That’s how things were in Ballydungarvon: when you had no answer you repeated something you knew. I knew there was a state named Georgia on the map. I never told my mother the name of my father.

It was my last summer in Ballydungarvon but I think I said it before.

My mother had me sorted. I had a ferry ticket to England and a letter of recommendation by the local priest: “Lorna is a decent girl with quite the quirk for typing. She has a taste for numbers, too.” I was to become a secretary. My mother said: “This is what your father would have wanted.” I didn’t mind.

It was the only time I went to one of the GAA dances with Jonny. He asked again, but I didn’t go.

That night I went. He picked me up on his motorcycle. My mother swooned. You’ll see she said: “The money is with the butchers, the bakers and the priests.”

I climbed on the backseat and Jonny said: “Get a grip.” So I put my arms around his waist. Soft and punchy he was and for a moment I thought his waist would swallow my hands. But it didn’t.

I was afraid he would smell of the pigsty. His father bred the pigs before he butchered them. He was a proud man, the butcher. Proud of his pigs, everyone knew that.

But Jonny didn’t smell of his father’s pigsty. He simply smelled unfamiliar. Even though nobody in Ballydungorvan would have used a word like this. There was nothing unfamiliar about any of us. In Ballydungarvon everyone knew who he was.

So we went off into the night.

I thought of Georgia when I leaned into Jonny. I imagined the street was the Interstate 75 leading from Atlanta to White Springs. Though it wasn’t, it was just the road connecting Ballydungarvon with Ballduncarrough and in the middle where one road met another, there was the GAA club.

What Jonny thought while I pressed my hands into his back, I do not know.

My mother said: Men despise women nagging them with questions.

I wasn’t too interested in the answers either.

There is not much to tell about the dance.

It was always the same.

The guys stood in a corner of the dim GAA club.

We girls giggled in a separate corner and nobody danced.

We waited until the baker’s cousin put on an Elvis record. Then we went on the dance-floor and shimmied our hips back and forth and back and forth. We were watching the boys. The boys were pretending not to look at us. Sometimes they nodded or jerked their head in our direction, then we followed one of them outside and we brushed our lips at each other. That’s what we called kissing. Though in fact we didn’t. Our lips never met.

Jonny was different. He went on the dancefloor. Swirling around, dancing, shimmying his hips, looking out for me while circling his hands wide above his head. I stood there dumbstruck.

What did he think he was doing?

The girls giggled.

The boys said: “The big fella is making a fool of himself.”

I stood there staring.

He said: “You are not much of a dancer, aren’t you?”

So odd was Jonny.

Later when the DJ who wasn’t a DJ but the baker’s cousin said: “Last song for tonight, so ready, steady, daaaance.”

Jonny said: “I want to show you something.”

I nodded.

So we went off on his bike again.

There was nothing of interest to see at night.

Ballydungarvon was just an ordinary village.

Jonny parked his motorbike and pointed at a haystack. He stood in front of me and he reached for my arm and brushed a kiss over the back of my hand. “Welcome to the highest point of the known world.” He pointed at the haystack.

There it was again. This sense of unfamiliarity. No one had humour in Ballydungarvon.

We climbed on top.

Look at the stars he said.

I looked but I didn’t know how to stargaze properly.

So I counted: One, two, three, four….

“What will you do after the summer?” he asked finally.

“My mother has me sorted I said. “Secretary. England.”

I didn’t ask about his plans.

Everyone knew that he would become a butcher. His father was a butcher, his grandfather and his great-grandfather too. Even his mother was a butcher’s daughter.

“You know he said, no one is born as a butcher.”

What a stupid thing to say I thought.

Of course he was born as a butcher.

So we kept looking at the stars.

I didn’t know what to expect of them.

Him staring at the stars reminded me of Miss Morton our English teacher.

Once she started sobbing while reciting a poem.

We felt ashamed of her.

She hadn’t lost a harvest or a son or something of any value.

She just read a poem aloud.

But she was a Protestant, too. So we were suspicious anyway.

We felt ashamed of her and no one had a tissue.

That same sense of shame, I felt when we were glaring at the sky.

We were silent for quite some time.

“There’s the handle, the trigger, the barrel and, finally, the bullet” Jonny said out of a sudden.

“When the bullet gets off there is not much time left.”

“It’s the speed that matters”, he said.

“The speed of the bullet before the bullet enters the body.”

I thought of my mother urging me to be careful. Do not let him enter you.

Was that what she meant?

“Wham”, Jonny said.

“Right into their head goes the bullet.”

“Whack.”

“The pig slumps down.”

“I get sick every time”, said Jonny next to me staring at the sky.

“Every morning before I leave, my father hands me the rifle.

He selects the pig. He says: Here son, here you go. I take the rifle and I hold the rifle in my hands. I know everything about it. There’s the handle, the trigger, the barrel and then I can not do it. I cannot pull the trigger, I think of the bullet and the pig standing there cornered and I simply can’t do it. I get sick every time.

Two days ago, my father lost his patience with me.

He stood behind me, he didn’t hand over the rifle to me. He took my hands into his. In his hands the rifle, his hands clamped down over mine. His breathing hot against my neck. My father never shaves in the morning. His hands closed over mine, harder still. There’s the handle, the trigger, the barrel and my father pushed down my fingers, crushed them unto the trigger. Off it went. Right into the head of the pig. Whack. There you go laughed my father. He was eight when he gunned down his first hog.

One day you will learn to enjoy it, he said. You’re a big fella like me.

I got sick, but I knew he was right.

It is only the first betrayal that counts.

The pig was looking at me. Staring. It didn’t back off. There you go Jonny boy, said my father or the pig. Hard to tell which.”

“Tell me he said as if finally remembering that I was still there, what is the difference between killing a pig and a man?”

I looked at him unsure, if he was really asking me.

But he did. “Tell me, what is the difference?”

Later I often wished I had said something else.

I said: “You kill pigs to make sausages, that is the difference. I mean you don’t make sausages out of humans.”

“So you don’t mind Jonny asked, me gunning down pigs?”

“I like sausages” I said.

I shrugged with my shoulders. I wanted to stop him talking about the pigs.

“You like sausages” Jonny said. I see. “I will gun down pigs all my life from now on, he said. The last pig standing, that’ll be me.”

I nodded.

I felt relieved that he had stopped talking about the killing and the pigs.

I pretended not to have heard that last sentence of his.

The last pig standing.

He really sounded like Miss Morton.

We didn’t linger much longer on top of the haystack. He brought me back home. He didn’t look at me, or try to kiss me.

Bye he said” Thanks for coming it was the best birthday present I ever had.”

“Today is your birthday?”

Yes, he said. 19 June.

It was the last time I saw Jonny.

Two weeks later I left Ballydungarvon and I’ve never been back since.

Sometimes my mother told me about Jonny the butcher.

He married.

He tore down his father’s house.

He sponsored the GAA team, the Ballydungarvon Kickers.

On their shirt it said Proudly sponsored by Donovan “Sausages made to Remember.”

He invested heavily in the butcher’s shop.

He bought land outside of the village. He built a modern slaughterhouse, with a semi-automatic killing station. Thousand pigs per day.

A minister from Dublin came. Photos were taken.

A state of the art facility for pig-slaughtering the minister said.

My mother was impressed.

She sent me the photo carefully cut out of the newspaper. I threw the picture away.

But I listened and kept quiet over the years.

So it went until my mother called on a Monday morning.

She called again in the afternoon.

“The poor lad”, she said.

“He shot himself with his father’s old rifle. Nobody knew he still had it. Shot himself straight in the head. Went out to the haystacks where the road to Ballyduncarrough meets our old village road. Do you remember?”

“It was splendid day”, my mother said. “Was a brazen thing of the sun to shine like that, when the poor lad went out to shoot himself.”

I couldn’t say anything.

I stood there with the phone in my hands, my mother’s voice drifting away.

19 June said the calendar above the kitchen sink.

“I brought sausages”, the man I slept with on Thursdays said to me, while kicking his shoes into a corner.

„10 sausages for just 4 Pound.“

„What a bargain.“

 

Sonntag

Schon wieder Sturm oder immer noch Sturm. Der Sturm selbst hat Zeit im Februar.

Der Tierarzt behauptete stets, er sei in einer Sturmnacht geboren.

Aber der Tierarzt steht nicht mehr neben mir am Fenster und sieht dem Sturm dabei zu, wie er die Bäume zum Armdrücken herausfordert, wie er mit einem Fingernagel bloß die losen Dachschindeln anhebt, wie er mühelos einem Blumentopf die Heimat nimmt, am Fenster stehe bloß ich. Den Sturm kümmert das nicht.

97 Jahre und einen Tag wäre meine Großmutter alt in diesem Jahr. Das ist doch kein Alter, sage ich mir. Alt war mir meine Großmutter nie vorgekommen und vielleicht ist das der Grund, warum ihr Tod mir immer unbegreiflich bleibt.

Ich habe meine Großmutter alles gefragt, auch die Dinge die man niemanden fragt, auf all meine Fragen hat sie mir geantwortet, aber nie abschließend, nie war ihre Antwort ein Schlusssatz. Eine jede Antwort beendete sie mit der Bemerkung, ich möge sie bald noch einmal fragen.

Neben meinem Nachtkastel liegt ein Notizbuch. In dem Notizenbuch stehen alle Fragen, auf die meine Großmutter mir nicht mehr antworten kann, aber je länger sie schweigt, umso drängender werden meine Fragen.

Ich sehe oft auf anderen Blogs , dass dort Fragebögen ausgefüllt werden. Ich lese die Fragen, wie auch die Antworten mit stillem Staunen und leisem Neid. Ich habe niemals einen Zustand erreicht, in dem ich mir einer Antwort sicher war. Mir ist der Boden schon zu oft und zu vollständig weggebrochen, um zu wissen, dass Grün niemals auch Blau sein kann, oder ein Wunsch nicht auch sofort ein Alptraum werden kann.

Ich bin selbst am Freundschaftsbuch, das mir mein Neffe einmal antrug vollständig gescheitert. „Was ist deine Lieblingsspeise?“, war die Frage und ich konnte nicht herausfinden, welche Speise denn wirklich satt macht und so lange es Hunger gibt, hat doch er das letzte Wort. Mein Neffe begriff gleich und ich füllte das Buch niemals aus.

Wie wird man ein gefestigter Mensch? Woher wissen Sie, wer Sie sind? Ich kenne mich kaum.

Am Morgen kehrt die Sonne zurück.

Die Katze besieht sich ausführlich im Wasserbassin.

Der Hund und ich grinsen uns an. Aber keiner von uns beiden würde es wagen die Katze Narziss zu nennen. Der treue, alte Hund und ich gehen in den Park. Der Hund verschludert seinen geliebten Turnschuh. Das Wort Schuh ist für dieses zerkaute Monstrum eine freundliche Umschreibung. Der Hund jault. Ich krieche ins Gebüsch und triumphierend schwenke ich den Schuh in Richtung Hundenase. „Das ist das Ding“ jauchze ich. Ein Mann, der Dehnübungen gegen eine Parkbank macht, sieht mich mit Erstaunen an. Ich versuche so harmlos wie möglich zu wirken und nicht wie jemand, der noch ganz andere Dinge im Gebüsch verbirgt.

Der Hund kaut seelig auf seinem Schuh.

Die Katze liegt im Wäschekorb.

Ich falte Wäsche und die Katze liest die Zeitung nach.

Der Hund lässt sich von T. und J. versichern, dass ein verlorener Schuh wirklich und wahrhaftig des ausführlichen Streichelns bedarf.

Ich backe für den Bruder der T. eine Kirschwähe.

Dann fahre ich in die Stadt.

Im Konzerthaus gibt es Schubert-Lieder und ich liebe doch Schubert so.

In Dublin hat Conor Biggs sich vorgenommen einmal alle Schubert-Lieder zu singen.

Manchmal hat man Glück und ist ausgerechnet dann in Dublin zugegen, wenn Conor Biggs alle Schubert-Lieder singt. 577 Lieder hat Franz Schubert vertont.

Außergewöhnliche Lieder sind da dabei. Lieder, die man nur selten hört.

Einen ganzen anderen Schubert, als den vom Lindenbaum hört man da. Einen Schubert, der Mayrhofer vertont, einen Schubert, der nichts von der Schwerfälligkeit hat, die Fischer-Dieskau ihm immer wieder gab, dass es so schwer ist ihn noch einmal ganz anders und neu zu hören, aber Conor Briggs singt einen klaren Schubert, der nichts hat von der stickigen Wiens und dem tristen Leben in feuchten Wohnungen und dem ewigen Streit mit dem Vater. Schubert ist ein Kommentator und oft auch ein Satiriker seiner Zeit. Er vertont Lieder von Matthias Claudius, der aus Zeitungsmneldungen oft Gedichte machte und es ist Schubert, der dann die Sensationslust und das Spiel mit dem Gefühl jener Zeitungsgedichte karikiert. Es ist ganz und gar unmöglich sich nicht immer wieder neu in die Tiefen von Franz Schubert zu verlieben. So viele Lieder, so viele Geschichten, so viele Möglichkeiten, auch Franz Schubert ist einer von jenen, die sich der Klarheit entziehen.

Neben mir sitzen zwei Frauen beide tragen Cashmere Pullover und Perlen am Hals, sie riechen nach schwerem Parfum und in der Pause ziehen sie über Penelope her. Penelope ist ihre Freundin und für nach dem Konzert ist ein Tisch in einem Restaurant reserviert in dem Dublin so tut als sei es eigentlich London. Aber wenn man den beiden Damen so zu hört, dann ahnt man nichts von der Freundschaft zu Penelope, sondern nur etwas davon, dass die Häme keine Altersgrenze hat und so wird erst Penelopes Sohn verlacht, ihr Ehemann verachtet, ihre Sucht nach Vitamintabletten bewiehert und am Ende ist Penelope nur noch ein trauriger Schatten ausgestreckter und wohl manikürter Fingernägel.

Wer glaubt nur im Internet sei der Ton hart und rau, der wird am Konzerthausnachmittag eines Besseren belehrt.

Man versteht auch Schubert noch einmal besser, der vielleicht auch deshalb so viele Lieder vertonte, damit der Krach der Welt ihn doch nicht mehr so hart und so unerbittlich erreichte.

Auf dem Heimweg beginnt es heftig zu regnen.

Ich schreibe ein neue Frage in das Notizbuch.

War es ein schönes Konzert?, fragt mich die T.

„Es war schön und dann auch wieder nicht“, sage ich.

Die T. lacht.

Du bist der Katze ähnlicher als Du denkst“, sagt sie.

Ich nicke, aber ich sage nicht: „Frag mich doch lieber in ein paar Tagen nochmal.“

Von meiner Grossmutter habe ich auch die Stille geerbt.

Woanders ist es auch schön

„Geh doch weg.“

„Man lebt ja nur einmal.“ Das ist ein so besonderer Nachruf, der noch lange Echo bleibt.

Einer dieser Tage.

Eine ganz besondere Winterreise. Überhaupt muss man immer mehr Schubert hören, hat man einmal angefangen. Sagen Sie also nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

Der Jüdische Friedhof von Thessaloniki.

„Glauben Sie nicht auch, Herr Friedländer, dass die Juden schuld sind am Antisemitismus?“

17 Jahre Mutter und Sohn. Ich kann gar nicht aufhören hinzusehen.

Anna of the North singt schöne Lieder, die alle eigentlich ziemlich traurig sind, aber auch sehr schön. Ich singe gern mit und Sie vielleicht ja auch.

Die nasse Grenze

So viel Regen ist in diesem Land, denke ich.

Das ist was mich trennt von diesem Land weiß ich.

In eine Sprache kann man hineinwachsen. Vielleicht.

Gewohnheiten das sagt ihr Name ja schon, kann man annehmen oder auch nicht.

Selbst in einem Paar zu großer Schuh kann man gut und gern ein Paar Kilometer weit zurücklegen.

Aber der strömende Regen, der trennt dieses Land und mich.

Vielleicht wäre das anders würde ich mit dem Auto fahren.

Aber ich fahre ja nicht mit dem Auto. Ich laufe früh am Morgen zum Bahnhof und abends, wenn auch der Tag genug von mir hat, laufe ich wieder zurück.

Meistens regnet es morgens oder Abends. Aber an vielen Tagen regnet es Morgens und Abends.

Der Regen ist hier eine Wand gegen die man läuft. Ein Wand, die noch im Gehen wächst, einen umschließt dichter noch als die größte Hecke. Der Regen hier ist ein Labyrinth glaubt man, es wäre möglich sich einfach eine Kapuze in die Stirn zu ziehen, um das Schlimmste zu überstehen so irrt man natürlich. Der Regen atmet nur einmal durch, sucht sich Lücken in den Haaren oder auch nur in den Augenwinkeln, schlägt gegen die Wimper, schlägt Regenschirme grundsätzlich entzwei, zögert nicht lang und schon sind auch Füße, Knöchel, Schienbeine und die Knie durchweicht. So eine Wand ist der Regen, so glatt ist die Wand, das noch die Fingernägel abrutschen, auch unter den Fingernägeln läuft das Wasser herunter als sei eine Wand eigentlich auch nur ein Fluss.

Einmal habe ich im Regen vor dem Dom in Milano gestanden und in den blanken Steinen Grimassen geschnitten. Selbst die ernsten Löwen aus Stein mit ihrer Schwanzquaste so sehr um Haltung bemüht, mussten nicht wenig kichern. Vielleicht haben sogar die Heiligen im Schatten des Baptisterium leise angefangen zu kichern. Warm war der Regen an jenem Nachmittag an dem ich eigentlich in eine andere Stadt fahren wollte, nur um dann doch in einem Hotel am Bahnhof der Stadt zu landen. Drei Tage hat es in Milano geregnet. Aber der Regen dort, damals war voller Demut. Ließ Fassaden rosa glänzen und ein alter Palazzo strahlte senf-gelb so als lägen nicht viele Jahrhunderte zwischen dem letzten anstrich und dem Regen. So ein Regen war das. Die Löwen immer schon auf dem Sprung und der Regen war sanft mit der Stadt und seinen Bewohnern. Eine Frau hielt einen Regenschirm in der Hand, meine ich zu erinnern. Der Schirm, so meine ich war weiß mit schwarzen Punkten oder schwarz mit weißen Dreiecken, aber ganz sicher weiß ich noch, dass der Schirm Rüschen hatte. Das schien mir das Feinste zu sein, was es geben könne. Ein Schirm mit Rüschen. Die Frau war sehr schön und ein Mann zog seinen Mantel aus mitten im Regen. Aber ich habe den Mann nicht gefragt nach seinen Gründen und auch die Frau habe ich nur aus den Augenwinkeln angesehen. Das aber lange, denn sie wich in Schlangenlinien den Pfützen aus.

Aber der Regen hier hat nichts von der Weichheit, nichts von dem Rosa, nichts von dem warmen Gelb Milanos.

Hier ist der Regen ein Denkzettel. Eine beständige Erinnerung daran, dass ich nicht dazugehöre. Kalt hängen Kleid, Schal, Mantel und auch meine Haare an mir herunter. Der Regen hier ist hart und kalt und legt einem ganz plötzlich eine eisige Hand zwischen meine Rippen.

Du nicht, grinst der Regen.

Sein Lachen hat etwas vom heiseren Husten eines alternden Nachtportiers.

Vielleicht stehen hier die Mütter von klein auf mit den Kindern im Regen und der Regen ist dann irgendwann auch nur noch Gewöhnungssache.

Aber ich habe als Kind niemals im irischen Regen gestanden und der Regen und ich haben uns niemals aneinander gewöhnen können.

Vielleicht singen die Väter hier ihren Kindern Regenlieder ins Ohr und irgendwann bekommen die Kinder die Melodie nicht mehr aus dem Ohr.

Aber ich habe als Kind niemals Regenlieder gehört und so haben der Regen und ich uns nichts zu sagen.

Fremd sind der Regen und ich einander.

Nass bin ich und der Regen denkt sich nichts dabei.

Noch später da tropft das Kleid, die Schuhe sind mit Zeitungspapier ausgestopft, die Strumpfhosen sind ein nasser Ball und die Jacke ist noch immer schwer vor Nässe, da liege ich im Bett. Klamm sind die Beine noch immer, obwohl das doch gar nicht sein kann. Aber draußen an die Scheibe da klopft der Regen an. Seine Fingerknöchel sind weiß, unermüdlich scheppern sie gegen das Glas. Sie sind Warnung. Du die Fremde, verstehst mich ja doch nicht. Lauf nur, zieh dir nur die Decke bis zu deiner Nasenspitze, versteck dich nur, mach dich nur unsichtbar, ich finde dich noch. In deinen Träumen noch soll dir mein Wasser bis an den Hals reichen, du bist von zu weit her gekommen, um das ich mir mit dir einig werde. Der Regen läuft an den Fensterscheiben herunter. Durch den Regen lässt sich nicht hindurchsehen, die ganze Welt hält der Regen von mir fern.

Wirklich, mitten in der Nacht wache ich auf und glaube das Bett sei ein schwarzer Tümpel.

Aber das Bett ist immer noch ein Bett.

Auf dem Läufer neben dem Bett schläft doch selig, der treue alte Hund.

Nur ich kann nicht schlafen, denn der Regen schläft nie.

So viel Regen und so viel Fremde, denke ich und der Regen hört nicht auf.

An den Regen kann man sich niemals ganz gewöhnen.

Dunkelgrau fast schwarz ist das Wasser vor meinem Fenster.

Der Regen ist ein Maßband für Entfernungen.