Anna

Das letzte Mal habe ich Anna vor vielen Jahren gesehen. So viele Jahre liegen zwichen Anna und mir, dass ich nicht mehr weiß wie viele Jahre genau.

Das letzte Mal als ich Anna sah, lebte ich in Berlin.

Das letzte Mal als ich Anna sah, hatte ich ganz kurze Haare.

Aber Anna hatte immer ganz lange Haare.

Anna war die Freundin meines Freundes J.

Der J. und ich hatten Freundschaft in einem Waschsalon geschlossen.

Bevor ich J. kannte, wusste ich schon von Anna.

J. sagte zwischen den sich drehenden Waschmaschinentrommeln: Ich bin Jan und die Frau, die ich liebe, heißt Anna.

Ich nickte und sagte: Hallo, J. der Anna liebt.

Dann sahen wir auf die Buntwäsche.

Wir teilten uns eine Stange Pfefferminzdrops und eine Tüte grüner Haribo-Frösche.

Zwei Tage später traf ich Anna zum ersten Mal.

Anna war hell, so hell, dass ich erst einmal blinzeln musste. Ich war nie hell und damals als ich Anna traf, war ich besonders dunkel.

Anna aber lachte mit offenem Mund, sie schlang die Arme um J., wie es eigentlich nur Kinder tun, sie spielte Gitarre, Anna spielte Gitarre und J. sah Anna zu wie sie liebte und lebte, ganz aus dem Vollen. Man musste einfach lächeln, wenn Anna kam.

Anna hatte immer Ideen. Auf ein Hausboot ziehen. Die Anden erkunden. In Thailand ein Fischerboot zu einer Bar ausbauen. In Sizilien auf einer Steintreppe selbstgezogene Kerzen verkaufen.

Jeden Anderen hätte man belächelt, aber Anna bewunderte man insgeheim und man wollte sofort ein Interrail Ticket lösen, um mit ihr loszuziehen.

Niemand fragte Anna, woher sie sei. Alle wollten immer wissen, wohin Anna wohl als Nächstes ginge.

Ich war gar nicht so wenig neidisch auf diese Frage.

Aber Anna lachte und wenn man sie zwei Wochen später sah, war sie gerade erst mit dem Zug aus Budapest angekommen oder hatte in einem Kloster in Oberbayern Schals gebatikt.

Anna war Ballerina und konnte Traktor fahren.

Aber Anna liebte auch J. und wann immer er dazukam, strahlte sie heller noch und hielt seine Arme fest, so fest es ging.

Eines Tages Anna und ich kannten uns ein halbes Jahr, da machte der J. ihr einen Heiratsantrag.

Anna sagte Ja.

J.sagte immer wieder: Sie hat wirklich ja gesagt.

Nie wieder habe ich J. so glücklich gesehen wie an jenem Tag.

Das war vielleicht zwei Wochen bevor ich Anna das letzte Mal sah.

Das letzte Mal habe ich Anna in einem Brautmodengeschäft in der Schlüterstraße gesehen.

Anna wollte eine spontane Hochzeit und ein Kleid für eine Hochzeit, die man mindestens ein Jahr im voraus plant.

Anna probierte immer neue Kleider an.

So schön war Anna. Draußen vor dem Schaufenster blieben Passanten stehen, um Anna anzusehen.

Anna winkte.

Ich lachte so sehr an diesem Nachmittag mit Anna. Vielleicht habe ich nie wieder so gelacht wie damals mit Anna.

Sie suchte ein Kleid aus, das ihr weich um die Knöchel fiel. Ein Kleid aus Stoff und Tüll, mit Spitzenbesatz, ein Kleid wie aus einem Märchen. Ein Kleid wie es nur Anna einfallen konnte, die schwor sie würde genau zu diesem Kleid schwere Haferlschuhe tragen und die alte Strickjacke ihrer Mutter mit den Rosenknospen.

Die Verkäuferin strahlte, wir strahlten und der J. bezahlte das Kleid.

Der J. ging zurück zur Arbeit.

Anna küsste mich zweimal links und zweimal rechts.

Sie roch nach Jasmin und grünem Tee, glaube ich.

„Ich ruf dich später an“, sagte Anna und dann lief sie los.

Sie trug ein gelbes Kleid mit weißen Streifen.

Es war ein Sommertag in Berlin als ich Anna zum letzten Mal sah.

Angerufen hat Anna mich nicht.

Nicht am Abend.

Auch nicht einen, oder zwei Tage später.

Sie meldete sich auch nicht bei J.

Der J. hängte das Kleid zum Lüften an den Schrank.

J. fuhr durch die Berliner Krankenhäuser und fragte nach Anna.

Aber da war Anna nicht.

Nach einer Woche ging er zur Polizei.

Es gibt immer wieder Menschen, die verschwinden und nicht gefunden werden wollen, sagte der Polizist.

Anna und ich wollen heiraten, sagte der J.

Aber Anna meldete sich nicht.

Der J. hängte das Hochzeitskleid in den Schrank.

„Sie kommt bestimmt wieder“, sagte J.

„Ja“, sagte ich.

Aber Anna kam nicht zurück.

Manchmal sagten Freunde sie hätten von Anna in Sydney gehört.

Oder sie hätten Anna mit einem Freund in Hongkong gesehen.

Irgendwann hatte der J. kein Geld mehr um spontan nach Sydney zu fliegen.

Anna blieb verschwunden.

Aber wenn jemand den J. fragte auch noch zehn Jahre oder fünfzehn Jahre später, ob er mit jemanden zusammen sei, dann sagte er, er würde auf Anna warten.

Manchmal in all den Jahren, die vergingen und in denen der J. sich oft verlor, rief er mich an und sagte: „Du hast doch Anna gekannt.“

„Ich weiß nicht“, sagte ich und oft fuhr ich dann los und suchte nach J.

So vergingen die Jahre.

Das Brautkleid frassen die Motten.

Den J. frisst die Arbeit auf.

Aber nach Anna sucht er nicht mehr.

Keiner seiner Freunde fragt mehr nach Anna.

Den Freundeskreis jener Jahre gibt es nicht mehr.

Der J. nimmt manchmal eine Frau mit nach Haus, aber über Nacht bleibt sie nie.

Seine Telefonnummer ist noch immer dieselbe.

Wenn wir uns in Berlin sehen, sprechen wir über alles, aber nicht über Anna.

Einige Jahre lang schrieb ich ihrer Mutter.

Aber irgendwann kamen die Briefe ungeöffnet zurück.

Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich in den letzten zwei oder drei Jahren kaum noch Anna gedacht.

Längst kenne ich andere Annas und ihr Name ist nur noch ein fernes Echo.

Ein Brautkleid habe ich selbst nie gekauft.

Aber immer mal wieder habe ich mit einer Freundin in einem Brautmodenladen gesessen und ihr zugesehen, wie sie ein Kleid aus Tüll anprobierte. Nur gelacht habe ich nie mehr so wie an jenem Nachmittag mit Anna.

Aber das habe ich den Freundinnen nie gesagt.

Eine getrocknete gelbe Rose erinnerte mich immer mal wieder an Anna.

Aber eigentlich erinnerte mich nur der J. noch an Anna.

Denn der J. liebt Anna noch immer.

Irgendwann hat der J. eine Therapie gemacht. Der Therapeut sagte er müsse eben loslassen und sich auf neue Erfahrungen einlassen. Aber der Therapeut wusste nichts von Anna und ihrem Lachen.

Gesprochen aber haben der J. und ich auch nicht mehr über Anna.

Nur geschwiegen haben wir über Anna.

Heute Nachmittag aber ich hatte gerade ein anderes Telefonat beendet und dem D. versprochen mich einer Angelegenheit anzunehmen, da klingelte das Telefon. Ich dachte die vorherige Anruferin hätte etwas vergessen.

Aber die Stimme am Apparat war eine Andere.

„Hallo, hier ist Anna“, sagte die Stimme am Telefon, so viele Jahre später, heute um 16.34 Uhr.

80 thoughts on “Anna

      • Es gibt da diese eine Freundin, mit der ich nach dem Studium fast zwanzig Jahre lang noch Kontakt hatte- dann brach er plötzlich ab.
        Und ein Gespräch ließe sich jetzt, nach so langer Zeit, gar nicht mehr so einfach aufnehmen – es hat sich so vieles geändert, entwickelt, daß wir uns wieder wie ganz neue, fremde Menschen kennenlernen müßten.

        Letztens auf twitter kam mir der Satz über den Weg, daß man bei Türen, die sich im Leben geschlossen haben, nicht mehr versuchen sollte, durchs Schlüsselloch zu sehen – und vielleicht ist da ja was dran.

  1. Fräulein – – – das ist jetzt etwas gruselig! Da verschwindet die Frau, die ihr Ja-Wort gab. Hinterläßt größtes Herzeleid bei dem J. Und meldet sich eine gelebte Ewigkeit am Telefon zurück. Bei Ihnen!
    Fräulein, dieser Cliffhanger ist voll gemein! Ich war beim Lesen so richtig stinkesauer auf die Anna geworden… Und jetzt – jetzt bin ich neugierig. Das ist ja wie ein Unfall. Eigentlich will man nicht hinsehen und nix wissen, aber…

    • Es ist sehr gruselig. Ich weiß nicht, ob sie sich bei J. Gemeldet hat. Aber ich weiß vor allem auch nicht, ob ich mit ihr sprechen will und kann.

      • Also, ich wäre viel zu neugierig, um nicht mit ihr zu sprechen. Davon abgesehen versuche ich mir bei Paargeschichten das Parteinehmen möglichst zu verkneifen, da man von außen nie die ganze Wahrheit kennt. (Pardon, ich weiß schon, dass hier keine Ratschläge gefragt waren. :))

  2. Eine sehr liebe alte Freundin ist die Tochter eines Mannes, der nicht zur Hochzeit erschien. Die Frau stand im Brautkleid da, hochschwanger, der Mann erschien nicht. Sie gab die Tochter gleich nach der Geburt in ein Heim, von wo aus sie adoptiert wurde. Als meine Freundin ihre Mutter mit 23 Jahren ausfindig machte, weigerte sich diese, mit der Tochter zu sprechen. Sie wollte sie nicht sehen, nicht zur Kenntnis nehmen. So blieb das bis zum Tod.
    Natürlich werden Sie mit Anna sprechen.

  3. Hm, es ist natürlich schwierig, wenn man weder Anna noch den J. kennt. Ich nehme aber mal an, dass Anna ihn geliebt hat, sonst hätte sie seinen Antrag wohl kaum angenommen. Warum sie dann so plötzlich verschwunden ist, sich so scheinbar rücksichtslos verhalten hat? Wo sie all die Jahre gewesen ist, warum sie sich nicht früher gemeldet hat? Das werden Sie nur erfahren, wenn Sie mit Anna sprechen – ob Sie das möchten oder können, liegt bei Ihnen.
    Auch bei mir hat sich nach vielen Jahren einmal jemand gemeldet, wodurch sich einige Dinge und auch meine Sicht darauf ganz anders dargestellt haben. Es ist nicht einfach, auch und vielleicht gerade nicht nach langer Zeit.

    • Ich glaube wir alle leben in der Hoffnung etwas wuerde erklaert- aber ich habe da grosse Zweifel. So bitter das ist, Anna schuldet uns keine Antwort.

      • Nicht immer lässt sich alles erklären. Und wir sehen nur das von anderen Menschen, was sie uns sehen lassen. Dass Anna damals einfach so verschwand ist eine Katastrophe gewesen – für den J., für Sie, möglicherweise aber auch für Anna selbst. Im besten Fall können sie alle jetzt nach langer Zeit Frieden finden. Kann es denn eigentlich schlimmer werden?

  4. Und, hast du mit ihr gesprochen? Wie geht es weiter? Würde sie entführt? So viele Fragen! Bitte bitte setz die geschichte fort…
    Danke, so toll geschrieben!
    Lg Julia

  5. Ich weiß natürlich nicht, ob das auf die Anna auch zutrifft, aber ich habe schon Menschen erlebt, die lachen soviel und so laut, weil sie damit etwas zudecken wollen. Vielleicht Schmerz oder Unsicherheit.

    Ich persönlich würde mit Anna sprechen. Schon allein, weil es mich interessieren würde, welche Erklärung sie für all das hat. Und weil Menschen nunmal Fehler machen und ich glaube, dass man auch eine zweite Chance im Leben verdient hat und anderen einräumen sollte (selbst wenn es nur die Chance auf ein Gespräch ist, man muss danach ja nicht in Kontakt bleiben, aber Dinge klären sollte immer gehen).

    Für den J. hoffe ich sehr, dass Anna sich bei ihm meldet und ihm wenigstens eine Erklärung gibt und dass der arme Mensch damit seinen Seelenfrieden erhält.

    Alles Liebe Ihnen und viele Grüsse an die Katze und den Hund 😉

    • Ich nehme die Gruesse besonders gern.

      Ich glaube, dass Problem sind weder die Fehler noch die Erklaerung, sondenr Zeit vergeht nicht und Anna, Anna ist niemand mehr den ich kenne. Vielleicht kann man nur lernen, dass Anna noch immer sucht.

  6. Ich glaube, dass man auch nach all den Jahren und all dem Schmerz Anna eine Chance geben sollte, zu erklären was damals vorgefallen ist. Von Ihrer Erzählung her klingt es so, als wäre Anna vielleicht eine von denen, die romantische große Dinge wie eine Hochzeit zwar lieben, ein stetes Eheleben aber zu erdrückend ist. Vielleicht hat sie das nach dem Kauf des Brautkleides gemerkt. Natürlich ist das keine Entschuldigung, höchstens eine Erklärung, die sie meiner Meinung nach nicht Ihnen sondern J. schuldet.

    • Ich sehe den Punkt. Aber, ich fuerchte es ist schwieriger als das. Anna’s entscheidung so fatal sie auch war, war ihre Entscheidung und ich glaube es gibt keinen Foerderungskatalog und oft gibt es keine Antworten. Das ist das Schwere, das man die Stille aushalten muss.

  7. Menschen, die einmal verschwunden sind, ist es schwer wieder Vertrauen entgegen zu bringen. Egal, was ihre Beweggründe für das Verschwinden war. Menschen, die einfach verschwinden, sind wie Geister, nicht greifbar, aber dennoch spuken sie im Kopf und im Herz und lassen das Warum unbeantwortet. Und darum kann man auch nicht abschließen, sondern trägt diesen Geist immer mit sich.
    Es hat nicht nur J. Herz gebrochen, auch Ihr Vertrauen wurde gebrochen, das ist heraus zu lesen.

    Ich hoffe, aus dem Geist Anna wird wieder ein Mensch und J. Herz wird endlich heilen können. Ganz egal, auf welchem Wege dies passiert. Ein unbeantwortetes „warum“ sollte kein Mensch mit sich herum tragen müssen.

    • Ich glaube es kann nicht immer auf alles Antworten geben. Das ist schwer auszuhalten. Aber Anna hat auch ein Recht nicht antworten zu muessen. Das lernt man auf der Suche nach dem Warum- es gibt viel seltener ein weil als man glaubt.

      • Da haben Sie recht, dennoch zerstört es so viel, wenn ein Mensch sich jeglicher Antwort entzieht.
        Mich hat diese Geschichte gestern Abend noch sehr beschäftigt, anders als einige hier empfinde ich nichts Schönes daran (abgesehen von Ihren Worten), aber ich weiß letztlich auch nichts und kenne keinen der Beteiligten und darf mir kein Urteil erlauben. Dennoch hoffe ich, dass J. die Chance hat zu heilen.

        Und ja, es ist sehr interessant was diese Geschichte mit den hier Lesenden (und mir) macht.
        Vielen Dank für das Erzählen!

      • Es zerstoert sehr viel. Sehr viel. Mich beschaeftigt der Anruf auch sehr. Aber wenn es drauf ankommt, moechte ich immer noch ein Mensch sein, den man auch als Fremder, den auch Anna anrufen kann, auch wenn ich vielleicht nichts mehr sagen kann.

  8. Ich hätte als erste Reaktion vermutlich aufgelegt. Als zweite auch. Keine Ahnung, ob die Neugier irgendwann überwiegen würde, aber sicher nicht das Bedürfnis, Anna „eine zweite Chance“ zu geben. WTF?! Es gibt für viele krasse Sachen im Leben die seltsamsten Gründe, aber so mit einem Menschen umzugehen, wie Anna das mit J. getan hat, ist schon weit jenseits des Erträglichen. Sehr weit jenseits.

    • Ich glaube nicht, dass es noch einmal ein Gespraech oder ein weiter geben kann. Zeit vergeht nicht einfach so und Anna, ist nicht mehr Anna. Alles ist anders und die Herzen sind muede geworden.

    • Egal welche Gründe für damals vorliegen, einfach zu verschwinden ist grausam und es zerstört Leben. Daher bin ich da ganz bei Ihnen.

  9. Das finde ich seltsam, wie die Leser*innen hier „Wie geht es weiter!“ rufen. Es ist eine wunderbare Geschichte mit einem guten Ende – was kein Ratschlag sein soll. Wie die Geschichte mit Anna weiter geht, geht uns nichts an (oder vielleicht in zehn Jahren, wenn Anna ihre Trauzeugin sein wird). Es ist eine Geschichte über Sie. Eine Geschichte, die mich nicht überrascht. Eine Geschichte über einen Menschen, der gefunden wird. Ein Mensch, der die Helligkeit und die Freude der anderen so sehr zurück strahlt, dass man das über Kontinente und Jahrzehnte hinweg noch als Leuchtfeuer sieht. Das ist schon etwas.

    • Danke Frau Wiesel. Ich finde auch, dass die Geschichte von Anna und mir hier endet.
      ( Das ist interessant, dieser Wunsch es moege weitergehen, das Leben ist ja nie eine Serienfolge, aber ich finde die Kommentare alle interessant und alle erzaehlen etwas ueber sich und die eigenen Aengste und Wuensche.

      • Sie sind wirklich eine kluge, besondere Frau (soweit ich das beurteilen kann). Die zu sein, die angerufen wird …

  10. Die Geschichte einer großen Liebe und einer großen Enttäuschung.
    Ich wage zu behaupten, selbst wenn Anna zurück zu J. geht bleibt dort nur noch Enttäuschung. Auch wenn es J. gern anders haben wollen würde.
    Aber ich kenne weder Anna noch J. von daher?

    Die Frage die ich mir stelle ist nicht würde ich mit Anna reden wollen sondern ruft oder rief Anna noch einmal an?
    Und falls ja, wie beginnt man so ein Gespräch? Man kann ja nicht fragen wie ist das Wetter oder was machst du so. Auch kann man nicht mit der, sicher berechtigten Frage, Wo warst du? Was hast du dir dabei gedacht? beginnen.
    Da wäre erstmal Schweigen, und Anna beginnen lassen. Dann aber ja, Anna eine Chance geben sich zu erklären.

    • Ich glaube einfach die Grundannahme man koenne gehen, um dann doch wieder zu kommen, funktioniert nicht. Alles, was ich und J,. einmal ueber Anna wussten, stimmt nicht mehr und die Frau, die anrief ist eine voellig Fremde.

  11. Wieder einmal ein hervorragender Text! Ich wäre natürlich auch neugierig zu erfahren, wie dieses Gespräch abgelaufen ist. Nachdem Sie aber darüber nichts geschrieben haben, war es offensichtlich nicht Ihre Absicht ein Drehbuch für eine Serie zu schreiben. Dafür wäre der Text auch wirklich zu schade.
    Allerdings ertappe ich mich beim Lesen Ihres blogs auch immer wieder bei voyeuristischen Neigungen, aber ich rüge mich dann selbst und wende mich der schriftstellerischen Qualität Ihrer Texte zu und freue mich au Ihr erstes Buch. mit herzlichen Grüßen

  12. Wie konnte Anna das dem J. und ihnen damals antun? Sie hätte dem J. sagen sollen das sie geht. Es hätte ihm das Herz gebrochen aber irgendwann wäre er drüber hinweggekommen und hätte ein neues Leben anfangen können. So hat sie meines Erachtens sein Leben zerstört. Ich kann nur den Kopf schütteln über so viel Respektlosigkeit.
    Ich wünsche ihnen beiden viel Kraft. Egal wie die Geschichte weitergeht…
    Liebe Grüße Rachel

  13. Vielleicht kann man Annas deshalb nicht verstehen, weil sie es selbst nicht tun?
    Sie läuft und läuft, sie ist oder war eine Getriebene. Sie tut mir sehr leid, ich vermute, sie fühlte sich dem allen nicht mehr gewachsen und am einfachsten für sie war es, fort zu laufen. Erklären war ihr nicht möglich und böse war sie auch nicht. Sonst hätten Sie Anna nicht so lieben können.
    Möchte sie jetzt vielleicht irgendwo ankommen und weiss wieder nicht, wie man das anstellt? Ich könnte mir vorstellen, es wäre eine Chance für J. abzuschließen.

    Mir kommt übrigens der Gedanke an eine manisch depressive Erkrankung. Dann sähe alles ganz anders aus!

  14. Eine Frau, die ich für eine gute Freundin hielt, ist vor Jahren ähnlich wortlos verschwunden. Am vereinbarten Besuchstermin warteten Gästebett, Kuchen und Blumen vergebens, Telefonate führten ins Leere, Briefe kamen zurück mit dem Hinweis „Empfänger unbekannt verzogen“. Über entfernte Dritte hörte ich vor einiger Zeit, wo sie heute leben solle. Ich weiß nicht, wie ich reagierte, würde sie sich melden (womit ich nicht rechne – aber wer rechnet schon mit so etwas; nicht mit dem weggehen, nicht mit dem auftauchen).
    Gute Gedanken für Sie und den J.

  15. Es gibt Menschen, die sind so bezaubernd, dass es einen jeden gefangen nimmt und nicht mehr los lässt. Ob diese Eigenschaft zu haben ein Segen oder ein Fluch ist, ist aber eine andere Frage.

  16. Anna lebt. Sie ist in der Lage ein Telefonat zu machen. Das ist eine gute Nachricht, unabhängig davon, ob noch weitere Anrufe oder Gespräche folgen oder nicht.
    Ich war auch schon in der Situation, dass Menschen aus meinem Leben verschwunden sind als ein Statuswandel bevorstand (zum Glück keine Ehe!). Ich bin am besten damit gefahren ein letztes, zeitlich offenes Kommunikationsangebot inklusive Kontaktadresse zu hinterlassen und dann meinerseits jede Nachforschungen und weiteren Kontaktversuche einzustellen, notfalls auch dem eigenen Kontaktbedürfnis durch das Löschen der Kontaktdaten des Anderen einen Riegel vorschieben. Alles Gute für Sie (&Vierbeiner), den J. und auch Anna.

  17. Menschen wie Anna, die so hell und strahlend erscheinen, die so sind, wie Sie das so hervorragend beschreiben, lassen mit solchen Aktionen die Unschuld verrotten. Sie hat sich entschieden, J. und Sie, anscheinend auch ihre Mutter und noch mehr in Angst, Verwirrung und Sorge zu hinterlassen. Ohne ein Wort der Erklärung. Ja, solche Annas gibt es in zu vielen Leben und nein: Ich kann da nur für mich sprechen, auch ich hätte aufgelegt. Nicht die Bohne interessiert mich, was sie so entscheiden ließ. Sie hatte mindestens 15 Jahre Zeit, 15 x 365 Tage, um wenigstens ein Lebenszeichen zu geben. Das ganze Leben besteht aus Aktion und Reaktion und ich gebe gerne zu, dass ich mittlerweile nicht mehr dazu bereit bin, alles verstehen, vergeben, vergessen, verzeihen, nachvollziehen zu wollen und zu müssen.
    Es tut mir im Herzen weh, was das alles für und in Ihrem Leben bedeutet hatte und hat.
    Ich wünsche Ihnen allen, die sie so ins Leere gestoßen und fallen lassen hat sehr viel Kraft. Im Übrigen auch ihr, auch wenn mich ihre Seite nicht interessiert.
    Herzlichst, Ev – nicht bereit, jederzeit auch die andere Wange hin zu halten.

  18. Manchmal verschwinden Menschen aus unserem Leben ohne eine Erklärung, ohne einen triftigen Grund. Lassen uns ratlos, ängstlich zurück. Wenn man sie dann doch über Umwege und nach Jahren zu fassen bekommt, haben sie keine Antwort und lassen uns genauso ratlos ein zweites Mal zurück.
    Ich bin gespannt wie die Geschichte weiter geht und ob sie weiter geht.
    Lg Sabine

  19. letztlich ist es doch an dem, dass sowas passiert. manchen menschen. anderen wiederum nicht.
    niemand kann wissen, warum ein mensch in einer situation plötzlich anders als verabredet/erwartet/gewünscht reagiert, niemand darf ein urteil fällen.

    alles was man tun kann ist: willig hinhören, zuhören, nicht fragen, sondern akzeptieren. wer nach langer zeit wieder aus dem vermeintlichen nichts auftaucht, der hatte für das verschwinden wohl ebenso gute gründe wie für das wiedererscheinen.

    alles was wir tun können/sollten/müssen ist: ohne groll, ohne vorwürfe, ohne bedingungen, einfach geduldig zuhören und akzeptieren. es ist nicht unser leben, sondern das der anderen, an dem sie uns teilhaben lassen.

    btw.: mir ist sowas nicht erst einmal passiert. am ende des tages war es dann letztlich immer eine bereicherung – so wie halt die meisten dinge im leben, wenn man sie denn aus der richtigen perspektive betrachten kann.

  20. Was der Text bei mir wachruft:

    Ehrfurcht vor den Schleifen, die das Leben manchmal zieht.

    Dankbarkeit dafür, Loslassen gelernt zu haben.

  21. Das darf doch nicht wahr sein!
    (Ein sehr deutcher Satz, nach meiner Erfahrung. Wird immer dann gesagt, wenn etwas, was man nicht glauben will gerade sich als eben geschehen entpuppt. Und so vieldeutig, dass ich nicht einmal weiss, welche der vielen Bedeutungen ich meine).

  22. „Niemand fragte Anna, woher sie sei.“ Irgendwie liegt der Schlüssel zur Geschichte für mich in diesem Satz. Wahrscheinlich hat auch in den vergangenen 10(?), 20(?) Jahren niemand Anna gefragt, woher sie war. Toll geschrieben. Bedrückende Geschichte.

  23. Ein sehr schöner Text. Eine Konstellation wie in Rashomon, mit dem Unterschied, dass sich der Leser seinen eigenen Film macht. Wunderbar.

  24. Beim ersten Lesen von Anna fiel mir spontan Sex and the City ein, die Folge, in der Mr. Big Carrie scheinbar einfach vor dem Altar stehen lässt. Er hat ihr durchaus mehrfach zu verstehen gegeben, dass die Hochzeit so nicht seiner Vorstellung entspricht. Oder es zumindest versucht. Aber der Zug war in Bewegung gekommen und nur die Notbremse schien einen Ausstieg zu ermöglichen. Bei Anna und J. gab es halt keine Manolo Blahnik.

    Dass auch zu anderen die Brücken abgebrochen wurde, war vielleicht Kollateralschaden. Hätten sie Anna nicht immer wieder gefragt, gelöchert?

    Und manchmal gibt es einfach auch keine Erklärung, keine Antwort auf die Frage Warum. Es ist halt so.

  25. „Don’t question why she needs to be so free
    She’ll tell you it’s the only way to be
    She just can’t be chained
    To a life where nothing’s gained
    Or nothing’s lost, at such a cost“

    (Ruby Tuesday, 1967, The Rolling Stones)

  26. In dem Moment verlassen zu werden, in dem man glücklich ist und das ohne ein Gespräch, ohne jede Nachricht, spurlos, dass ist schon sehr sehr hart. Ich denke, das ist schwerer zu verarbeiten als jede andere Art von Trennung. Trauer vergeht, aber offene Fragen, die bleiben. Die gehen nicht so schnell weg.

    • Ja, so ist es, die offenen Fragen bleiben. Und manchmal bietet sich die Möglichkeit zu reden und vielleicht Antworten zu bekommen, wenn man gar nicht (mehr) damit rechnet. Und dann muss man sich fragen, ob man die Antworten überhaupt noch will.

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