Fast eine Woche später

Die Katze habe ich die ganze Woche kaum gesehen.

Die Katze hat ja auch ihren eigenen Sessel.

Die T. sagt: „Ist das nicht wie enorm, wie die Katze mit einer blossen Schwanzbewegung mitteilen kann, ob sie mehr Milch möchte?“

Ich entschuldige mich für die Katze und die Manieren.

Die T. streichelt die Katze und sagt: „So eine gute Katze!“

Die Katze grinst.

Den treuen, alten Hund immerhin sehe ich öfter.

Aber auch nur weil der J. Abends Sport macht.

Der Hund hat es eher nicht so mit Sport.

Aber am Abend nach der Fabrik gehen der Hund und ich spazieren.

Die Häuser hier sind alle groß und haben einen Garten. Selbst im Januar sieht man, dass hier die Rasenflächen mit der Nagelschere nachgeschnitten werden.

Der Hund und ich gehen ganz vorsichtig umher.

Andere Hunde habe ich noch nicht gesehen.

Vielleicht gehen die vornehmen Hunde die neben ihren Besitzern vor einem Kamin sitzen, aber auch nur tagsüber spazieren und lesen am Abend in: 101 Gründe warum Katzen immer alles besser wissen und was kluge Hunde dagegen tun können.“

Aber tagsüber bin ich nie bei T. und J.

Tagsüber bin ich in der Mondsteinscheibenfabrik.

2,3 Kilometer sind es von der Haustür zur Bahnstation.

Ich laufe, aber sonst läuft morgens nur eine Frau mit einer Stirnlampe ihre Runden. Sie läuft aus anderen Gründen als ich.

Nur einmal bin ich diese Woche so richtig nach irischer Fasson eingeregnet.

Das ist keine schlechte Bilanz.

Die Nachbarn zur Linken haben ein großes, helles Wohnzimmer.

Das ganze Zimmer ist voller Bücher.

Abends bevor ich den Schlüssel aus der Tasche krame sehe ich in ihr Zimmer herein.

„Wie das voll ist, frage ich mich dann immer, so ein vollständiges Leben zu haben?“

Ich habe nur einen Flickenteppich, zwei Koffer, eine Katze, den treuen alten Hund und die wieder säuberlich gestapelten Kisten mit Traurigkeit. Weiter besitze ich einen blauen Rucksack und zwei Taschen. Im ledernen Luggage holdall sind Tierarzt Dinge. Manchmal lege ich meine Hand auf seinen Lieblingspullover. Ich will ihm sagen. „Ohne dich sind wir drei haltloser noch als zuvor.“ Aber der Tierarzt hört ja nicht mehr zu. Dann schiebe ich das luggage holdall wieder ganz tief in den Schrank hinein.

Ich wohne noch immer weit weg vom Meer.

Ein neues Schwimmbad habe ich noch nicht gefunden.

Vor meinem Fenster steht ein großer Baum.

Es ist gut einen Baum in der Nähe zu wissen, sage ich mir.

Der Baum und ich sehen uns selten, aber manchmal ist mir als winkte mit der Baum im Dunkeln zu.

Ich winke immer zurück.

Es regnet vor meinem Fenster. Ich bin froh um den Regen. Der Regen sage ich mir, ist eine bewegliche Wand auf die Verlass ist. Ich möchte mich gern auf den Regen verlassen.

Die ersten Nächte habe ich lieber auf dem Fussboden geschlafen.

Der Boden und der Baum sind sichere Orte habe ich gelernt.

Geschämt habe ich mich trotzdem.

So viel Angst liegt vor dem Davonkommen.

Die T. bringt mir immer mehr Decken.

Vor meinem Fenster steht ein kleines, rotes Segelboot aus Holz.

Ich nehme es oft ganz vorsichtig in die Hand.

Ich sagte mir gern: „Leinen, los.“

Aber dann ist es schon wieder spät und ich muss zusehen, dass ich den Zug in die Fabrik bekomme.

Ich ziehe mir Gummistiefel an.

Der Hund zieht ein Gesicht.

Die Katze grinst und rollt sich auf T.s Schoß zusammen.

Der Hund und ich tappen ins Dunkle.

Der Regen fällt mir schwer ins Gesicht.

Der treue, alte Hund seufzt.

Auf den Rasenflächen stecken die ersten Schneeglöckchen ihre Köpfe heraus.

Der Hund und ich gehen ganz vorsichtig, damit die Schneeglöckchen keinen Schaden nehmen.

In Berlin gehe ich ganz vorsichtig, um nicht auf einen Stolperstein zu treten.

In Irland gehen der Hund und ich ganz vorsichtig, damit keine Blumen Schaden nehmen.

So unterscheiden sich die Böden und die Füße der Länder.

 

12 thoughts on “Fast eine Woche später

  1. Ach du, … deine Traurigkeit … ich spüre sie so sehr in deinen Texten und Tweets und möchte sie tragen helfen und weiß doch, dass das nicht geht. Dass es keine Abkürzungen geht. So schicke ich dir einfach immer wieder herzlich ein Mitgefühl.
    Und eine Herzumarmung, wenn du magst.
    (Und eine warme Decke. Und eine Bettflasche. Und natürlich Käsekuchen und Nussschokolade.)

  2. Ihr Text macht mir Herzziehen.
    Wie gut, dass es die T. und den J. gibt. Ein Baum ist ein guter Anfang. Das Meer, ein Schwimmbad – das wird sich alles wieder finden. Und ein eigenes Zuhause. Es wird vielleicht nicht alles wieder gut, aber mit Sicherheit ganz vieles besser.
    Ich schicke gute Gedanken und eine herzliche Umarmung (wenn Sie mögen).

  3. Schneeglöckchen klingen ein kleines bisschen tröstlich, und ein Baum vorm Fenster auch. Vielleicht kommt auch mal ein Vogel dort vorbei?
    Beim Gedanken an dunkle, nasse Arbeits- und Hundewege möchte ich gerne eine große Portion Wärme rüber schicken. Und beim Mit-Spüren von Bedrängung und Traurigkeit auch das eine oder andere Gebet.

  4. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass sie bei T. und J. einen Platz gefunden haben, an dem Sie Ihre Wurzeln in Sicherheit wieder wachsen lassen können. Mir scheint, dass Ihre Katze und Ihr treuer, alter Hund spüren, dass dies ein guter Ort ist – vielleicht auch aus unterschiedlichen Beweggründen…. Und der winkende Baum kann für die erste Zeit bestimmt mit seinen festen Wurzeln aushelfen, bis Sie wieder festen Boden unter den Füßen spüren können. Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Zeit dazu.

  5. Jede* kann sehen oder treten oder auch nicht auf Blumen oder erinnernde Messingplatten. Letztere leuchten mir auch im Winter, ich bleibe stehen, schaue. lese, frage mich, was das wohl für Menschen waren.
    Natürlich kenne ich auch Stimmen, die sagen Erinnerungen dürfen nicht mit Füßen getreten werden. Es gibt wohl viele Wege.
    Ihnen wünsche ich einen Ort, an dem sie sich ohne den Tierarzt zu Hause finden und sehe Sie, als eine die noch schaut.
    Dass Sie seinen Pullover streicheln, kann ich gut verstehen, tat Ähnliches.
    Im letzten Winter mochte ich die Jacke nicht, die T mir im Hospitz geschenkt. Meine war noch nicht getrocknet. Ich komme nicht mehr raus, sagte sie.
    Im letzten Winter, habe ich sie angezogen, sie wieder in den Schrank gehängt, weil ich in ihr fror.
    In diesem wärmt sie mich.
    Wärme wünsche ich ihnen.

  6. Ja, manche treten auf die Steine, ohne auch nur zu denken, andere auf Menschen. Es ist gut etwas zu haben, dass verlässlich ist. Regen , zum Beispiel. Auch hier regnet es viel. Ich findet ihn tröstend. Man sieht nicht so viel durch ihn.

  7. Doch, der Tierarzt hört noch zu. Und ich bin sicher er wird dabei sein wenn du irgendwann ein Heim findest.
    Bisher war eben noch nicht das richtige da. Es wird kommen, ich bete und hoffe für dich mit. Und dann wird die Katze zufrieden schnurrend, der Hund weise lächelnd vor dem Kamin liegen und du in den Tierarztpullover gehüllt, mit Tee und Nussschokolade angekommen sein.

    Bis dahin ist noch ein wenig Weg zu gehen aber es gibt Menschen die helfen tragen.

  8. Ach Fräulein Read-On! So viel Traurigkeit in einem Text, das tut weh. Aber dann sind da auch die Schneeglöckchen. Sie sind die ersten Zeichen des Lebens im neuen Jahr. Man möchte sie oft warnen, dass es noch zu früh ist, dass sie sich noch im Boden verkriechen sollen, aber sie wachsen unbeirrt weiter, weil sie den Kreislauf der Natur so viel besser kennen als wir. Vertrauen Sie auf die Schneeglöckchen.
    Und die Stolpersteine – Stolpersteinen begegne ich jeden Tag auf meiner Hunderunde, und wir gehen behutsam aus dem Weg, ja auch der Hund tritt niemals drauf. Ich mag die Stolpersteine und manchmal grüße ich die, für die sie stehen. Aber ich denke auch an die, die es gerade noch rechtzeitig geschafft haben. Eine feste Umarmung an Sie!

  9. Schneeglöckchen – ein Symbol. Es wird wieder heller und wärmer. Sie lassen sich nicht unterkriegen, auch wenn nochmal ein Schneeschauer oder Frost sie niederdrückt.
    In diesem Sinne – liebe Wünsche

  10. Pingback: Wochenendliche Wehmut - MATHILDE MAG

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