Im Bus mit Theresa May

Immer am Mittwoch und Freitag fahre ich mit Theresa May Bus.

Ha, höre ich Sie sagen, nun ist das Fräulein Read On ja wirklich ausser Rand und Band geraten und will uns ein X für ein U vormachen. Theresa May das weiss doch jeder, lebt  in London und nicht auf der kleinen, reichlich verregneten Insel auf der besagtes Fräulein ihre Tage fristet. Ausserdem fährt doch eine britische Premierministerin nicht mit dem Bus durch die Gegend, sondern wird selbstredend gefahren.

Aber stur sein kann ich auch und ja, schütteln sie ruhig den Kopf, denn Theresa May sitzt ja doch in dem Bus in dem auch ich zum Bahnhof brause.
Ein Arbeiterbus ist die Nummer 15, dort sitzen keine geschniegelten Salesmen oder Professorenehepaare oder gar Richter mit ihrer Perücke in einer braunen Schachtel.

Der Bus Nummer 15 ist ein Bus der kleinen Leute und des grossen Gähnen. Die Geschichten im Bus Nummer 15 beginnen nicht in Irland, sondern in Nigeria, Vietnam, oder in einem Plattenbau.

Im Bus Nummer 15 wird mehr geschwiegen als gesprochen, keiner hat eine Handtasche dafür haben die Reisenden grosse Beutel mit Wechselsachen. Der Bus Nummer 15 teilt sich in Frauen, die sauber machen, vom sauber machen kommen und in Männer, die auf dem Bau arbeiten gehen.

Im Bus Nummer 15 bekreuzigen sich die Frauen, passiert der Bus eine Kirche und die Männer hauchen K Küsse in ihre Telefone, denn irgendwo in Polen oder Rumänien warten ihre Kinder darauf, dass Papa anruft.

Aber am Mittwoch und Freitag sitzt eben auch Theresa May zwischen uns allen, auf dem dritten Sitz links von vorn. Sie sitzt immer am Fenster und – sicher ein Zugeständnis an ihre Security Männer- sie hat einen enormen Regenschirm mit einer silbernen Spitze bei sich.
Im Bus Nummer 15 tragen alle Polyester oder Sicherheitsschuhe, aber Theresa May dort am Fenster sieht exakt so aus wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Am Feitag trägt sie einen Kamelhaarmantel, der so weich ist wie eine Mohairdecke und ihre Fingernägel sind dazu sehr dezent, aber eben auch sehr sichtbar teuer in einer Art dunklem Nilgraubraungrün lackiert.
So etwas bekommen sie nicht in Dublin, wohl aber in London wo man ja bekanntlich alles bekommt.

Exakt die gleiche Kette wie Theresa May sie trägt liegt auch um ihren Hals und mit einer ganz und gar grazilen Handbewegung richtet sie dann und wann, wenn der Bus Nummer 15 sich bedenklich schwer in einer Kurve neigt ihre Kette.
Natürlich ist das Haar der Premierministerin Englands, Schottlands, Wales und Nordirlands auch im Frühbus absolut und ohne Zweifel auf Kante geföhnt. Es gibt wohl nur wenige Friseure die ihr Handwerk so verstehen wie der Friseurmeister einer Premierministerin und ihre Kopfbewegung ist so bestimt, so zielstrebig, so ausserordentlich bekräftigend wie man es wohl sein muss, hat man eine halbe Regierung, fast ein ganzes Parlament und einen guten Teil der öffentlichen Meinung gegen sich. Diese Frau, das sieht jeder Laie liest noch mitten in einem Tornardo Akten mit demselben kurzen und doch so Nicken wie es eben der Premierministerin zu eigen ist.

Ach, werden Sie sagen, das Fräulein Read On macht so einen Bohei, nur weil ihr müder Verstand ihr etwas vorgaukelt, wo es nichts vorzugaukeln gibt. Dabei habe ich das Wichtigste noch gar nicht erwähnt: am Mittwoch nämlich liest Theresa May den Guardian und das ist doch nun wirklich ein Indiz, welches sich nicht leichthin abweisen lässt.
In Irland nämlich greift man zu Irish Times, zum Irish Examiner, nimmt den Irish Independent zur Hand und den Guardian liest man wenn schon denn schon am Samstag und wenn man das tut, dann wird man natürlich nicht müde zu betonen, dass man den Guardian ja ohnehin nur der Rezeptbeilage wegen läse.

Aber bei Theresa May macht das nur Sinn. Wer, wenn nicht die britische Permierministerin muss informiert sein über die Lage der Dinge im Allgemeinen und im Besonderen?
Und ich selbst habe gesehen, wie Theresa May und wer will es ihr verdenken, wenn immer Boris Johnson gescholten wird mit gespitztem Mund beginnt zu lächeln. Ein hämisches Lächeln ist das, ja das kann ich mit Fug und Recht behaupten. Gibt sich der Guardian aber mit Verlautbarungen zu Jacob Rees-Mogg ab, ballt die Premierministerin die Hände zur Faust und aus der Zeitung wird in Sekundenschnelle Küllpapier.

Im Bus Nummer 15 verdenkt es ihr keiner, im Bus Nummer 15 haben alle schon einmal in mehr oder weniger grossen Schwierigkeiten gesteckt. Am Freitag Morgen aber liest die Premierminsterin nicht in der Tageszeitung, sondern immer in einem Krimi. Jetzt aber halten sie sich fest. Theresa May nämlich macht mit dem Bleistift Randnotizen in die Kriminalromane hinein.

Der Bus Nummer 15 nimmt es gelassen zu Kenntnis. Wir alle kennen fiese Chefs ( nicht der verehrte Herr Direktor), biestige Kollegen oder anderes Ungemach gegen das nur die Vorstellung hilft, dass die Nemesis einmal auf einen Inspektor träfe, der mit allen Wassern gewaschen noch den hartgesottensten Kriminellen ( keine Namen!) ins Schwitzen brächte.
Und ich muss zugeben, so entspannt, so milde und heiter habe ich Theresa May im Fernsehen noch nie gesehen. Verstehen kann man es gut, wer wenn nicht sie die Vielgeplagte dieser Tage kann wohl hin und wieder, am Mittwoch und Freitag wenigstens einmal anderthalb Stunden für eine Atempause brauchen?

Wir verdenken es ihr nicht. Der Bus Nummer 15 und die ihm eigene Reisegemeinschaft lässt jeden sein. Hier wird niemand schief angesehen, nur weil er es wirklich einmal für eine gute Idee hielt von einem Plan nicht zu lassen, der voller Tücken ist. Hier im Bus Nummer 15 kennt man sich aus mit gescheiterten Hoffnungen und hier im Bus Nummer 15 in dem mindestens siebnundzwanzig Nationen zur Arbeit fahren, weiss man etwas von den Chancen und Grenzen Europas, die auch Theresa May zu schaffen machen.

Am Bahnhof aber steige ich aus und so kann ich Ihnen nicht sagen, bis zur welchen Haltestelle die Premierministerin fährt. Irgendwo aber wird eine dunkle Limousine schon auf sie warten,ein Fahrer öffnet die Tür und anderthalb Stunden später ist die Premierministerin wieder in London, ihr Privatsekretär reicht ihr eine schwere Aktenmappe, natürlich hat Michael Gove schon wieder vierzehnmal angerufen und die Premierminsterin zählt die Tage bis sie wieder im Bus Nummer 15, der doch eigentlich eine Atempause ist, sitzt.

Ich aber drehe mich nur noch einmal kurz um, bevor ich den Zug zur Fabrik besteige und murmele: Gdspeed Mrs May, Gdspeed und Farewell.

11 thoughts on “Im Bus mit Theresa May

  1. Ich bin ja sehr froh, dass Sie mit Theresa May Bus fahren und nicht mit Boris Johnson, Nigel Farage oder Jacob Rees-Mogg. Ich bin mit Frau May weiß Gott nicht auf einer Linie, aber immerhin hat sie eine Linie und sie kann diese Linie mit Argumenten verteidigen. Die drei Herren hingegen halte ich für Lügner und Opportunisten, verantwortungslose Scharf- und Krawallmacher, auf deren Gesellschaft man gut verzichten kann. Der Kolumnist und Literaturkritiker der „Irish Times“, Fintan o’Toole, hat übrigens ein ganz gutes Buch geschrieben: Heroic Failure. Brexit and the Politics of Pain. Für alle, die sich fundiert über die britische Politik ärgern möchte. Eine mit viel Hintergrundwissen geschriebene Abrechnung. 😜 Aber zurück zu Ihren Bus-Abenteuer. Es ist erfreulich, dass die Nummer 15 Raum ubd Zeit für spannende Beobachtungen bietet, ubd es ist noch viel erfreulicher, dass Sie uns daran teilhaben lassen.

  2. Danke für den Text und doch ich fürchte, lange liest sie nicht mehr entspannt im Bus. Dank der Zerstrittenheit innerhalb der englischen Parteien und unter ihnen gehe ich mittlerweile von einem harten Brexit aus … Ich zweifele, ob sie sich im April noch traut, mit all den anderen Menschen.

    Ob dann noch alle da sind? Auch ihre Wege, um ihre Kinder im Urlaub, ganz in echt zu küssen, würden dann länger. (Der Meinige kam vor langer Zeit aus Schottland nach einem halben Jahr zurück, weil er das nicht aushielt. Der Firma für die er tätig war, war es zu teuer geworden, seine Familie nachkommen zu lassen.)

    Vielleicht sieht sie dann anders aus. Ich glaube, ihr Friseurmeister föhnt auch von der Leyen. Vielleicht hat er zwei Pässe?

  3. Oh, welch interessante Busfüllung. Gönnen wir Theresa das kurze Glück. Ist ihr Friseur nicht die Wiederauferstehung dessen von Margaret Thatcher? Bei den britischen Stürmen hilft nicht mal das Haarspray für die 3 Wetter. Oh, Theresa, oh….

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