Sonntag

Nachts um zwei Uhr unruhige Träume, oder vielleicht auch nur die Schatten an der Decke. Wer weiss das schon genau zu sagen? Ich weiss es nicht. Aber aufstehen tue ich doch, meine Grossmutter sagte es sind nicht die Monster unter dem Bett vor denen man sich gruseln müsse, sondern der eigentliche Schrecke sei die Weigerung aufzustehen und nach zu sehen, was denn eigentlich geschehen sei. Damals als sie es das erste Mal zu mir sagte, wusste ich nicht, dass sie in Wirklichkeit nicht über die Schattenmonster sprach, sondern über ganz andere Dinge. Aber aufgestanden bin ich schon damals und auch heute stehe ich auf.

Der Hund schläftmit leise zuckenden Pfoten, die Katze schläft mit eingerolltem Schwanz. Die M. schläft und ich schlafe nicht. Ganz leise, also auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, tapp, tapp, tapp. Ein Glas kaltes Wasser aus dem Hahn und eine Handvoll Eiswürfel hinterher. Das Eis knackt zwischen den Zähnen. Immer dieser Durst. Ich schäme mich für diesen Durst schon immer. Ich kann nie langsam, nie angemessen trinken, ich kann Wasser nur gierig herunter schlucken, die Eiswürfel sind schon verschwunden, immer der Durst und die Scham und dann sehe ich mich um, ob mich nicht doch jemand beobachtet. Immer die Scham.

Eine ganze Weile sitze ich auf dem Sofa und sehe auf die leere Strasse. So heisst das ja oft im Gedicht oder im Film oder in einem der vielen Kriminalromane. Aber eigentlich gibt es keine stille Strasse. Der Nachbar kann auch nicht schlafen oder sucht seine Monster, jedenfalls raucht er am offenen Fenster. Der Nachbar bläst Rauckringel in die Luft. Vielleicht müssen die Monster davon husten. Ein Auto fährt einmal, zweimal, dann dreimal die Strasse hinauf und wieder hinunter. Dann geht der Motor aus und eine Frau schreit in ein Telefon. Damn it schreit sie, aber ihre Monster kümmert das nicht. Lauteres Geschrei. So viel Wut, überall so viel Wut. So müde Monster. Das Auto hupt aus irgendwelchen Gründen vier Mal- vielleicht gilt in Monsterkreisen die vier als Unglückszahl und nicht die Dreizehn? Dann krakeeln drei Möwen. In den Nächten von Samstag zu Sonntag halten die Möwen grosse Bankette an den Müllkübeln ab. Pieter Breughel hätte daraus grosse Bilder gemacht, aber ich sitze nur vor dem Fenster und sehe den Möwen zu, die Trinklieder singen und ihre gelben, gezackten Schnäbel mit Essensresten beladen stolz in die Höhe recken.
Dann habe ich kalte Füsse.
Zurück ins Bett.
Noch einmal einschlafen.

Am Morgen mit dem Hund durch das Viertel spazieren.
Sturm liegt in der Luft.
Der Hund seufzt.
Die Welt seufzt, sage ich Hund.
Der Hund nickt.
Zuhause richte ich Porridge.
Die Katze glaubt es gereiche ihr zu ihrem Vorteil wenn Sie nur zwischen Topfdeckel und Rührlöffel spränge.
Hier irrt die Katze.
An jedem Sonntag fallen harsche Worte zwischen mir und der Katze.
Aber an diesem Sonntag tappt wenigstens der Hund nicht in die Porridgeschale.
Im Schwimmbad ist es voll.

Am Sonntag sind Schwimmstunden für Kinder. Die Kinder sind schon groß. Vielleicht steigt mit der abnehmenden Angst vor den Monstern die Angst vor anderen Dingen wie dem Wasser. Die großen Kinder haben fast alle Angst vor dem Wasser. Das muss schwer sein mit der Angst im Nacken schwimmen zu sollen. Die Kinder sollen an Schwimmnudeln herunter ins Wasser gleiten. Die Kinder fürchten sich. Überall diese Angst denke ich. Überall die Angst.
Am Nachmittag habe ich der M. einen Kuchen für den Abend versprochen. Die M. hat Besuch. Ich backe einen Kuchen mit dicker Orangenglasur, auf der Straße spielen Kinder Himmel und Hölle. Da ich die Hände schon in Seifenwasser habe, ist es nicht mehr weit bis ich Seifenblasen aus dem Fenster puste. Die Kinder haschen nach den bunten Kugeln. Eine ganze Straße voller Lachen.

Später lese ich im Internet herum. Die Polizei in Bremen hat ein Video veröffentlicht, das bei der Identifizierung von Tätern helfen soll. Mich macht immer wieder neu sprachlos wie viele Kalle Blomquvist Detektive mit starkem Hang zu Verschwörungstheorien dort in den Kommentaren herumpoltern, sich in wildesten Gekreisch übertreffen und nichts zur Sache beitragen. Ob diese Menschen auch glauben, dass James Bond wirklich mit einem Auto über die Dächer fliegt? Und ob diese Menschen wohl in ihrem ganzen großen Wutgeheul nie einmal innehalten, um in sich zu gehen und einfach einmal still zu werden?
Dem Besuch der M. unaufmerksam zugehört.
Spät am Abend einen Pfirsich geschält.
Vergessen das warme Wasser anzustellen. Sehr kalt geduscht.

Später noch in den Nachrichten vom Angriff auf den Gdansker Bürgermeister Paweł Adamowicz gehört.
Später noch, einen halben Tag später ist Paweł Adamowicz tot.
Die Monster schlafen nie.
Cześć Jego pamięci.

9 thoughts on “Sonntag

  1. Ja, der Danziger Bürgermeister, der arme. Wie so oft heißt es beim Täter „psychisch gestört“. Das mag schon sein. Aber außerdem passt er in die Reihe politisch motivierter Täter. Der Bürgermeister war einer der Aufrechten.

  2. Die Kommentare mag ich schon lange nicht mehr lesen, in Online-Zeitungen, nicht hier auf Deinem Blog. Denn anderswo lehren sie einem das Gruseln.
    Aber es gibt einen schönen Artikel über die Angst in der Zeit von Martha Nussbaum.
    Lesenswert (die Kommentare habe ich gar nicht angeguckt).
    Eine schöne Woche wünsche ich. Maren

  3. So ist es wirklich, die Monster schlafen nie. Fürchterlich, was in Polen passiert ist und fürchterlich auch, wie Ängste geschürt werden, um Menschen zu instrumentalisieren.

    Warum schämen Sie sich für Ihren Durst?

  4. Die vielen unangemessenen Kommentare sollte man gar nicht mehr lesen, sie sind der eigenen Gesundheit nicht zuträglich, sie verursachen Bluthochdruck. Und immer wieder falle ich darauf herein und lese doch obwohl ich weiß, dass ich das gerade bei einigen Veröffentlichen lieber nicht tun sollte.

  5. Monstern begegnet man überall, wirklichen und den erdachten. Man kann ihren Schrecken mindern, indem man sie beobachtet und ihre Armseeligkeit erkennt. Das nimmt ihnen die Macht. Trinken Sie, wann immer Sie es brauchen, das spült auch Monster weg. Ich lese schon lange nicht mehr an Stellen, wo Hass, Neid, Missgunst und Selbstdarstellung hohe Zeit feiern. Es tut nicht gut. Aber es gibt doch zum Glück auch anderes, hier bei Ihnen, auf ein paar ganz einzelnen Blogs und in Büchern. Eine ganz andere Welt. Und in der Musik. Was für ein Glück! Danke dafür!

  6. „Auf dem Langen Markt wurden die letzten Worte von Adamowicz eingespielt. Auf der Bühne der Spendenaktion hatte er gesagt:

    „Danzig ist großzügig, Danzig ist eine Stadt der Solidarität, das ist eine wunderbare Zeit, um miteinander zu teilen.“
    https://www.deutschlandfunk.de/nach-attentat-danziger-trauern-um-ermordeten-buergermeister.1773.de.html?dram:article_id=438327

    Diese letzten Worte gehen zu Herzen und ich hoffe und wünsche, dass
    viele Menschen sich diese zu Herzen nehmen. Eine wunderbare Weise
    Monster zu entmachten.

    • @Ute:
      Das sind tatsächlich besonders wahre, ergreifende Worte; fast wie Schlussworte (was sie ja tragischerweise dann auch geworden sind). Wir alle sollten sie uns zu Herzen nehmen; mit mehr Solidarität und Zusammenhalt lassen sich sicher viele Monster bezwingen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.