Eckensteher auf Zeit

Auf einer belebten Straße stehe ich und warte auf den Herrn Direktor. Der Herr Direktor steht im Stau. „Macht nichts“, sage ich am Telefon. Wann hat man denn an einem belebten Montag Morgen schon Zeit einfach einmal so auf die Straße zu schauen?

Schon immer wäre ich gern Eckensteher geworden, aber leider hat sich dieser Berufsweg nie ganz durchsetzen können und so sehe ich nur ausnahemsweise der Straße am Montag zu. Da ist der Mann mit bunter Krawatte und Lederetui, der hektisch in ein Telefon schreit: „Hongkong or Singapore? Hongkong or Singapore? Mir scheint an den Business Schools geniesst Geographie nicht den Stellenwert, den es bräuchte. Aber schon ist der Mann vorbei gerannt. Ein kleines Kind mit Zauberstab und prächtigen Schmetterlingsflügeln angetan inspiziert eingehend einen Stock auf den Boden. Wer selbst ein Schmetterling mit magischer Hand ist, so scheint es, der findet nicht einfach so einen verwehtes Stück Holz, sondern hebt den Bleistift eines Druiden auf und hält den Stock genauso fest in der Hand wie den Zauberstab. Ein Mann in mittleren Jahren mit einer kleinen Nickelbrille und einem großen Rucksack auf dem Rücken begrüßt mit großem Ernst jede einzelne Laterne auf dem Weg die Straße hinauf. Langsam geht er und für jede Laterne findet er ein Wort. Ein Hund wartet mit hängender Zunge auf eine Frau. Die Frau trägt einen rot-grün karierten Mantel und einen gelb-blau gestreiften Rock. Ihr Hund hat brau-weiß geflecktes Fell und eine blass-rosa Zunge. Die Frau holt ein Croissant mit Mandeln aus einer Tüte und der Hund bekommt zwei Scheiben Schinken. Der Hund jauchzt und die Frau lächelt.

Zwei amerikanische Touristen mit viel Gepäck haben müde Gesichter. Ihr Hostel hat noch nicht auf oder der Nachtportier ist auf beiden Armen eingeschlafen. So genau weiß man das nicht, denn die Tür zum Hostel geht einfach nicht auf. Die beiden Touristen streiten sich dann. „Das ist alles deine Schuld. Nein deine Schuld. Klar immer bin ich schuld. Jetzt fängst du wieder so an.“ Zum Glück kommt ihnen eine große Möwe dazwischen, die mit viel Getöse auf dem Sims über dem Hostel landet. Die Toursiten kreischen erst und dann machen sie ein Foto. Eine Frau schließt ihren Friseursalon auf und kehrt seufzend mit ihrem Handfeger Zigarettenkippen vom Abtreter herunter. Ein Schulkind hüpft auf einem Bein sehr gekonnt die Straße hinauf. Ich sehe ihm ein bisschen neidisch hinterher. Ich hüpfe nur mittelmäßig und überhaupt viel zu selten.

Eine andere Frau balanciert vier heiße Kaffeebecher und setzt vorsichtig, so vorsichtig es auf einer belebten Straße eben gehen kann einen Fuß vor den anderen. Jetzt soll bloß kein Malheur geschehen. Schon überquert sie die Straße. Eine andere Frau beugt sich über einen Autospiegel und zieht sich die Lippen nach. Zufrieden wirft sie ihrem Spiegelbild einen Kuss zu und schon sieht man sie nicht mehr. Nur ihr schweres Parfüm-Bergamotte und irgendein süßes Gehölz- vermute ich liegt noch lange in der Luft.

Ein älterer Herr stopft sich seine Pfeife, aber er kaut nur auf dem Pfeifenstiel herum. Noch sind die guten Vorsätze nicht gänzlich abgegolten.

Zwei Obdachlose sitzen auf feuchten Pappen und hoffen auf Kleingeld, das vielleicht für einen Kaffee reicht. Ich gehe zu beiden herüber, aber während ich warte, kommen fünf weitere Menschen auf der Suche nach „just a bit og change“ vorbei. Wie haben wir uns als Gesellschaft daran so schnell gewöhnen können, frage ich mich wieder und wieder, dass so viele Menschen nicht nur ganz sprichwörtlich auf dem Boden sitzen? Aber wir haben uns daran schon lange gewöhnt, denn wir sehen kaum noch auf und das liegt nicht an einem geschäftigen Montag Morgen.

Dann klingelt mein Telefon wieder. Aber schon sehe ich den Herrn Direktor, der sich schon wieder entschuldigt und dabei habe ich doch so viel gesehen als ein Eckensteher auf Zeit an diesem trüben Januarmorgen an einer Kreuzung in Dublin.

7 thoughts on “Eckensteher auf Zeit

  1. Das nenne ich mal eine interessante Ecke, da stände ich auch gern ein wenig rum. Ich warte immer an eher ereignislosen Ecken.
    An eine faszinierende Eckensteherin erinnere ich mich: Kam ich um 6.50 vom Nachdienst, um 7.10 oder um 7.25, ein sehr adrette Dame stand an der Ecke und aß eine Banane. Immer, nur am Wochenende hatte sie frei. Sie winkte immer freundlich, sagte aber nie ein Wort. Sie fing an mich zu beschäftigen. Was tat sie da? So elegant bei jedem Wetter und wie langsam kann man eine einzige Banane essen oder hatte sie einen Vorrat und aß mehrere Bananen?
    Irgendwann kam ich erst deutlich nach 7.30, da stieg die adrette Dame gerade in den Bus einer Werkstatt für Behinderte und winkte mir freundlich zu.

  2. Sie können Ihre Beobachtungen so wunderbar in Worte fassen! Allein die Sätze zu dem kleinen Schmetterlingsmädchen, das rührt mich so, die Überzeugung eines Kindes, genau das jetzt zu sein, was man gerne sein möchte. Und die Umwelt wird dann selbstverständlich angepasst. Meine kleine Mitbewohnerin schläft ja seit einer Woche ohne Schlafanzuhose, weil sie fest daran glaubt, dass sie nachts von einer Fee in eine Meerjungfrau verwandelt wird. Und das macht die Fee natürlich nicht, wenn da eine schnöde Schlafanzughose an den Beinen ist. Vielleicht erfüllt die Fee den Wunsch nicht heute oder morgen, aber bestimmt ganz bald, da ist sich die Mitbewohnerin völlig sicher.

  3. Ihre Alltagsbeobachtungen mag ich sehr und ich glaube, diese Welt könnte ein besserer Ort sein, würden mehr Menschen so genau hinsehen und beobachten wie Sie es tun.

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