Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissenAn jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Der Tag ist noch müder als der alte, treue Hund und ich.

Der Hund sieht mich zweifelnd an.

„Doch“, sage ich, heute wird ein schöner Tag.

Der Hund gähnt.

„Du wirst schon sehen“, sage ich.

Der Hund seufzt so wie Kinder seufzen bevor sie zu ihren Eltern sagen: „Immer muss ich machen, was ihr wollt. Nie darf ich.“

Der Fußweg ist dreckig.

Bierdosen, Zigarettenkippen, eine Schüssel mit Biomüll, ein zerrissenes Handtuch, ein alter Schuh, ausgespeibter Kaugummi. Tüten in denen einmal fettiges Hähnchen gewesen sein mag. Alles ist voller Müll. So viel geben die Menschen auf sich, aber auf das wo sie leben geben sie nichts.

Der treue, alte Hund und ich gehen auf der Straße. Scherben sind nicht gut für Hundepfoten.

Langsam gehen die Straßenlaternen aus. Eine nach der Anderen.

Wie schade das doch ist, denke ich, dass es keine Nachtwächter mehr gibt, die singend durch die Straßen ziehen.

Der treue, alte Hund und ich nehmen den ersten Zug nach Howth.

Wir sind ganz allein. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Müde ist der Hund, nicht morgenmüde, sondern müde an sich.

Der Hund ist alt.

Der Zug rattert durch die Vorstädte und kurz bevor der Zug zum letzten Mal anhält, wecke ich den treuen, alten Hund.

Dann wandern wir durch das noch schlafende Städtchen. Noch schlafen auch die Touristen.

Der treue, alte Hund kennt den Weg. So oft sind wir ihn schon gegangen, den Cliff Path über Howth. So gehen wir langsam die Klippen hinauf, mild ist der Morgen, manchmal im Januar tut Irland so als läge unsere Insel am Golf von Neapel und nicht an der irischen See und dem Atlantik. Im August käme Irland niemals auf die Idee uns den Süden vorzugaukeln, aber manchmal im Januar krempelt der Wind sich die Hemdsärmel auf und erzählt uns von einer Liebe im Süden.

So oft sind der Hund, der Tierarzt und ich hier gegangen. Wieder und wieder. Der Tierarzt mochte am Liebsten im Gehen reden, und so liefen wir weiter und weiter auch dann noch als der Tierarzt eigentlich gar nicht mehr gehen konnte. Hier zwischen dem Ginster und den schroffen Felsen zur Linken liegen so viele Gespräche von uns. Angefangene und Abgebrochene. Aber jetzt fassen meine Hände ins Leere und der Ginster, die Felsen und auch das Meer schweigen.

Der Hund seufzt.

Ich seufze.

Schweigend gehen wir die alten Wege entlang.

Ganz oben, noch vor dem Leuchtturm kämmt sich die Sonne das goldene Haar. Die Sonne ist großzügig heute, mir legt sie eine goldene Hand auf den Arm und auch dem Hund schenkt sie goldenen Glanz.

Heute wird ein schöner Tag, sage ich noch einmal und diesmal gähnt der Hund nicht.

Wir steigen zum Leuchtturm hinunter und ruhen uns in der Mitte der Sonne und im Ginster aus.

Ganz blau ist das Meer, ganz mild wie der Morgen ist das Meer.

Dann gehen wir zurück auf den Pfad und zurück in den Ort. Inzwischen kommen uns Sportler und Wanderer mit guten Vorsätzen. Die Sportler haben wenig Geduld mit den guten Vorsätzen und die guten Vorsätze sitzen bald am Wegesrand.

Auf dem letzten Kilometer wird der Hund so müde, dass er nicht mehr gehen mag.

Ich schleppe den Hund zur Bahn zurück.

Die Leute sehen mich seltsam an.

Vielleicht denke ich, lieben sie niemanden der müde Füße hat.

Der Hund kriecht in mich hinein.

„Für müde Pfoten muss man sich nicht schäme“, flüstere ich dem treuen, alten Hund ins Ohr.

Der Hund schläft auf der Rückfahrt. Ich sehe aus dem Fenster.

Zurück zu Hause schläft der Hund vor dem Kamin.

Die Katze poltergeistert herum.
Ich bringe die Decken in den Waschsalon. Dort drehen sich die Deckbetten für ein paar Stunden in einer riesigen Maschine.

Herr X. Besitzer des Waschsalons hat auch gute Vorsätze gefasst.

Dieses Jahr wird er seinen Schwager nicht wieder für vier Wochen beherbergen.

Noch wichtiger aber Herr X. macht ernst mit dem Verkauf nicht abgeholter Wäsche nach der festgesetzten Frist.

Herr X. sagt: „Sie sind meine Zeugin.“

Ich nicke ernst.

Herr X. ist beruhigt.

„Haben Sie auch Vorsätze gefasst, Fräulein Rad On?“

„Nein, sage ich, mir sind die Nachsätze lieber.“

Das leuchtet Herrn X. ein.

„Ihre Betten sind sicher“, sagt er.

Ich bin darum sehr froh.

Dann gehe ich einkaufen.

Im ersten Laden kaufe ich Käse.

Ich vergesse die Eier.

Im zweiten Laden kaufe ich Trauben, zwei Kaki, Rosmarin, Thymian, Salat, Rosenkohl, Kartoffeln, Milch, Reis, Joghurt, Nussschokolade, ein Netz Orangen und Entenbrust.

Ich vergesse die Eier.

Im dritten Laden stehe ich lange im Gang.

Ich überlege was fehlt?

Cottage Cheese? Clementinen? Griechischer Joghurt?

Kurz bevor ich den Laden verlasse, fällt es mir ein.

Ach, ja klar: Waschmittel.

Im vierten Laden dann: sechs braune Eier. Die organisch-glücklichen Hühner auf der Pappe grinsen hämisch.

Zuhause klingelt das Telefon.

Dann geht die Tür.

Der Nachbar hat sich ausgeschlossen.

Den Ersatzschlüssel findet die M. nicht.

Dafür habe ich ja das 15er Skalpell.

Der Nachbar ist erleichtert.

Er hat Reis auf dem Herd.

Ich blättere durch die Zeitung.

Im Radio spielt Yehudi Menuhin Geige.

Ich mache Ente mit Orangensauce für die M., den Hund und die Katze.

Die M. heizt den Kamin an.

Die Schokoladencreme brennt nicht an.

Die M., der Hund, die Katze und ich haben warme Füße und die M. dazu noch ein Glas Wein.

Die M. lächelt und erzählt von einem völlig missratenem Cassoulet, die Katze schnurrt und träumt vom Mäusefasching, der Hund liegt vor dem Feuer und seine Pfote deutet einen langsamen Walzer an.

Heute wird ein schöner Tag, das habe ich doch schließlich versprochen, ganz früh am Morgen, noch halb im Bett, neben mir die müde Nacht und ein Viertel Tag.

18 thoughts on “Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

  1. Treue alte Pfoten haben es verdient auf Händen getragen zu werden!

    In Howth war ich vor vielen Jahren mal, im Mai. Damals erwische ich eine ganze Woche Süden. Das Blau des Himmels und des Meeres, dazu das leuchtende Geld der blühenden Ginsterbüsche, es war wundervoll. Danke, dass Sie mich an diesem grauen Wintertag an diese Sommerfarben erinnert haben!

    • Wirklich, treue alte Pfoten soll man treu tragen.

      Howth ist zu jeder Jahreszeit besonders, aber ich mag den Winter oben auf den Klippen besonders gern.

  2. Ach Howth, das Meer und die Gerüche! Und die Gespräche, die im Ginster liegen….Dort sind sie sicher, ganz bestimmt. Streicheln Sie den alten Hund von mir! Sunni

    • Holt ist wirklich wunderbar. Man muss nur vor den Touristenhorden kommen….Den treuen, alten Hund streichle ich natürlich gern.

  3. Was für ein wunderschönes Bild. Ich war leider noch nie in Irland, aber es sieht sehr verlockend aus. Und das Meer ja sowieso.

    Scheinbar haben Sie jetzt eine Mitbewohnerin und auch wenn das vielleicht ein bisschen meschugge klingt, finde ich es irgendwie beruhigend, dass Sie nicht so allein sind. Halten Sie mich für seltsam, aber so ist es.

    Die gute Cassie, ich wünsche ihr noch viele schöne Tage selig schnarchend vor dem Kamin.

    • Irland hat wirklich unendlich viele schöne Ecken und Enden und die M. ist eben die M. Dass Cassie noch lange zufrieden schnarcht, das hoffe ich auch sehr.

  4. „Ich hörte die Brachvögel, Drommeln und Kiebitze, Schwermutslaute aus untraurigen Kehlen, ich sah meine Großmutter wieder am Fenster stehen und diese Vogelrufe ausstoßen, sich einbildend, die Vögel wären zu täuschen, sie könnte es mittels ihrer Herzenstraurigkeit den Lauten aus den an sich ganz gleichmütigen Vogelkehlen gleichtun, die doch vom Herzzerreißenden ihres Klanges nicht das Geringste wussten. So geht jedem die Natur ans Leben – mit ihrem ungerührten Herzschlag, der an die herzbemannte Unruh aller Trauer rührt.“
    https://www.deutschlandfunk.de/mensch-und-natur-ueber-natur-schreiben-heisst-ueber-den.1184.de.html?dram:article_id=434001

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