Woanders ist es auch schön

So ein schöner Text, so eine wunderbar nach oben gezogene Augenbraue und überhaupt ein ganz wunderbares Blog.

Kitty Koma und ihr Graf renovieren ja ein Gutshaus, was in Wirklichkeit natürlich ein Schloss mit kaiserlichen Kälbern ist und auf ihrem Blog gewährt sie uns allen einen Blick durch das Schlüsselloch.

Alex, der Busfahrer.

Mirjam Pressler ist verstorben. Dank Ihrer Übersetzungen habe ich Zeruya Shalev auf Deutsch noch einmal ganz anders entdecken dürfen als in Ivrit.

Ein Geniesser.

Liisa hat mir sehr gefehlt.  Umso erleichterter bin ich, dass Sie sich wieder auf die Suche nach Worten macht.

Überall ist die Pressefreiheit unter Druck- auch in Vietnam.

Charlotte Gainsbourg geht immer.

Im Bus mit Theresa May

Immer am Mittwoch und Freitag fahre ich mit Theresa May Bus.

Ha, höre ich Sie sagen, nun ist das Fräulein Read On ja wirklich ausser Rand und Band geraten und will uns ein X für ein U vormachen. Theresa May das weiss doch jeder, lebt  in London und nicht auf der kleinen, reichlich verregneten Insel auf der besagtes Fräulein ihre Tage fristet. Ausserdem fährt doch eine britische Premierministerin nicht mit dem Bus durch die Gegend, sondern wird selbstredend gefahren.

Aber stur sein kann ich auch und ja, schütteln sie ruhig den Kopf, denn Theresa May sitzt ja doch in dem Bus in dem auch ich zum Bahnhof brause.
Ein Arbeiterbus ist die Nummer 15, dort sitzen keine geschniegelten Salesmen oder Professorenehepaare oder gar Richter mit ihrer Perücke in einer braunen Schachtel.

Der Bus Nummer 15 ist ein Bus der kleinen Leute und des grossen Gähnen. Die Geschichten im Bus Nummer 15 beginnen nicht in Irland, sondern in Nigeria, Vietnam, oder in einem Plattenbau.

Im Bus Nummer 15 wird mehr geschwiegen als gesprochen, keiner hat eine Handtasche dafür haben die Reisenden grosse Beutel mit Wechselsachen. Der Bus Nummer 15 teilt sich in Frauen, die sauber machen, vom sauber machen kommen und in Männer, die auf dem Bau arbeiten gehen.

Im Bus Nummer 15 bekreuzigen sich die Frauen, passiert der Bus eine Kirche und die Männer hauchen K Küsse in ihre Telefone, denn irgendwo in Polen oder Rumänien warten ihre Kinder darauf, dass Papa anruft.

Aber am Mittwoch und Freitag sitzt eben auch Theresa May zwischen uns allen, auf dem dritten Sitz links von vorn. Sie sitzt immer am Fenster und – sicher ein Zugeständnis an ihre Security Männer- sie hat einen enormen Regenschirm mit einer silbernen Spitze bei sich.
Im Bus Nummer 15 tragen alle Polyester oder Sicherheitsschuhe, aber Theresa May dort am Fenster sieht exakt so aus wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Am Feitag trägt sie einen Kamelhaarmantel, der so weich ist wie eine Mohairdecke und ihre Fingernägel sind dazu sehr dezent, aber eben auch sehr sichtbar teuer in einer Art dunklem Nilgraubraungrün lackiert.
So etwas bekommen sie nicht in Dublin, wohl aber in London wo man ja bekanntlich alles bekommt.

Exakt die gleiche Kette wie Theresa May sie trägt liegt auch um ihren Hals und mit einer ganz und gar grazilen Handbewegung richtet sie dann und wann, wenn der Bus Nummer 15 sich bedenklich schwer in einer Kurve neigt ihre Kette.
Natürlich ist das Haar der Premierministerin Englands, Schottlands, Wales und Nordirlands auch im Frühbus absolut und ohne Zweifel auf Kante geföhnt. Es gibt wohl nur wenige Friseure die ihr Handwerk so verstehen wie der Friseurmeister einer Premierministerin und ihre Kopfbewegung ist so bestimt, so zielstrebig, so ausserordentlich bekräftigend wie man es wohl sein muss, hat man eine halbe Regierung, fast ein ganzes Parlament und einen guten Teil der öffentlichen Meinung gegen sich. Diese Frau, das sieht jeder Laie liest noch mitten in einem Tornardo Akten mit demselben kurzen und doch so Nicken wie es eben der Premierministerin zu eigen ist.

Ach, werden Sie sagen, das Fräulein Read On macht so einen Bohei, nur weil ihr müder Verstand ihr etwas vorgaukelt, wo es nichts vorzugaukeln gibt. Dabei habe ich das Wichtigste noch gar nicht erwähnt: am Mittwoch nämlich liest Theresa May den Guardian und das ist doch nun wirklich ein Indiz, welches sich nicht leichthin abweisen lässt.
In Irland nämlich greift man zu Irish Times, zum Irish Examiner, nimmt den Irish Independent zur Hand und den Guardian liest man wenn schon denn schon am Samstag und wenn man das tut, dann wird man natürlich nicht müde zu betonen, dass man den Guardian ja ohnehin nur der Rezeptbeilage wegen läse.

Aber bei Theresa May macht das nur Sinn. Wer, wenn nicht die britische Permierministerin muss informiert sein über die Lage der Dinge im Allgemeinen und im Besonderen?
Und ich selbst habe gesehen, wie Theresa May und wer will es ihr verdenken, wenn immer Boris Johnson gescholten wird mit gespitztem Mund beginnt zu lächeln. Ein hämisches Lächeln ist das, ja das kann ich mit Fug und Recht behaupten. Gibt sich der Guardian aber mit Verlautbarungen zu Jacob Rees-Mogg ab, ballt die Premierministerin die Hände zur Faust und aus der Zeitung wird in Sekundenschnelle Küllpapier.

Im Bus Nummer 15 verdenkt es ihr keiner, im Bus Nummer 15 haben alle schon einmal in mehr oder weniger grossen Schwierigkeiten gesteckt. Am Freitag Morgen aber liest die Premierminsterin nicht in der Tageszeitung, sondern immer in einem Krimi. Jetzt aber halten sie sich fest. Theresa May nämlich macht mit dem Bleistift Randnotizen in die Kriminalromane hinein.

Der Bus Nummer 15 nimmt es gelassen zu Kenntnis. Wir alle kennen fiese Chefs ( nicht der verehrte Herr Direktor), biestige Kollegen oder anderes Ungemach gegen das nur die Vorstellung hilft, dass die Nemesis einmal auf einen Inspektor träfe, der mit allen Wassern gewaschen noch den hartgesottensten Kriminellen ( keine Namen!) ins Schwitzen brächte.
Und ich muss zugeben, so entspannt, so milde und heiter habe ich Theresa May im Fernsehen noch nie gesehen. Verstehen kann man es gut, wer wenn nicht sie die Vielgeplagte dieser Tage kann wohl hin und wieder, am Mittwoch und Freitag wenigstens einmal anderthalb Stunden für eine Atempause brauchen?

Wir verdenken es ihr nicht. Der Bus Nummer 15 und die ihm eigene Reisegemeinschaft lässt jeden sein. Hier wird niemand schief angesehen, nur weil er es wirklich einmal für eine gute Idee hielt von einem Plan nicht zu lassen, der voller Tücken ist. Hier im Bus Nummer 15 kennt man sich aus mit gescheiterten Hoffnungen und hier im Bus Nummer 15 in dem mindestens siebnundzwanzig Nationen zur Arbeit fahren, weiss man etwas von den Chancen und Grenzen Europas, die auch Theresa May zu schaffen machen.

Am Bahnhof aber steige ich aus und so kann ich Ihnen nicht sagen, bis zur welchen Haltestelle die Premierministerin fährt. Irgendwo aber wird eine dunkle Limousine schon auf sie warten,ein Fahrer öffnet die Tür und anderthalb Stunden später ist die Premierministerin wieder in London, ihr Privatsekretär reicht ihr eine schwere Aktenmappe, natürlich hat Michael Gove schon wieder vierzehnmal angerufen und die Premierminsterin zählt die Tage bis sie wieder im Bus Nummer 15, der doch eigentlich eine Atempause ist, sitzt.

Ich aber drehe mich nur noch einmal kurz um, bevor ich den Zug zur Fabrik besteige und murmele: Gdspeed Mrs May, Gdspeed und Farewell.

Sonntag

Nachts um zwei Uhr unruhige Träume, oder vielleicht auch nur die Schatten an der Decke. Wer weiss das schon genau zu sagen? Ich weiss es nicht. Aber aufstehen tue ich doch, meine Grossmutter sagte es sind nicht die Monster unter dem Bett vor denen man sich gruseln müsse, sondern der eigentliche Schrecke sei die Weigerung aufzustehen und nach zu sehen, was denn eigentlich geschehen sei. Damals als sie es das erste Mal zu mir sagte, wusste ich nicht, dass sie in Wirklichkeit nicht über die Schattenmonster sprach, sondern über ganz andere Dinge. Aber aufgestanden bin ich schon damals und auch heute stehe ich auf.

Der Hund schläftmit leise zuckenden Pfoten, die Katze schläft mit eingerolltem Schwanz. Die M. schläft und ich schlafe nicht. Ganz leise, also auf Zehenspitzen die Treppe hinunter, tapp, tapp, tapp. Ein Glas kaltes Wasser aus dem Hahn und eine Handvoll Eiswürfel hinterher. Das Eis knackt zwischen den Zähnen. Immer dieser Durst. Ich schäme mich für diesen Durst schon immer. Ich kann nie langsam, nie angemessen trinken, ich kann Wasser nur gierig herunter schlucken, die Eiswürfel sind schon verschwunden, immer der Durst und die Scham und dann sehe ich mich um, ob mich nicht doch jemand beobachtet. Immer die Scham.

Eine ganze Weile sitze ich auf dem Sofa und sehe auf die leere Strasse. So heisst das ja oft im Gedicht oder im Film oder in einem der vielen Kriminalromane. Aber eigentlich gibt es keine stille Strasse. Der Nachbar kann auch nicht schlafen oder sucht seine Monster, jedenfalls raucht er am offenen Fenster. Der Nachbar bläst Rauckringel in die Luft. Vielleicht müssen die Monster davon husten. Ein Auto fährt einmal, zweimal, dann dreimal die Strasse hinauf und wieder hinunter. Dann geht der Motor aus und eine Frau schreit in ein Telefon. Damn it schreit sie, aber ihre Monster kümmert das nicht. Lauteres Geschrei. So viel Wut, überall so viel Wut. So müde Monster. Das Auto hupt aus irgendwelchen Gründen vier Mal- vielleicht gilt in Monsterkreisen die vier als Unglückszahl und nicht die Dreizehn? Dann krakeeln drei Möwen. In den Nächten von Samstag zu Sonntag halten die Möwen grosse Bankette an den Müllkübeln ab. Pieter Breughel hätte daraus grosse Bilder gemacht, aber ich sitze nur vor dem Fenster und sehe den Möwen zu, die Trinklieder singen und ihre gelben, gezackten Schnäbel mit Essensresten beladen stolz in die Höhe recken.
Dann habe ich kalte Füsse.
Zurück ins Bett.
Noch einmal einschlafen.

Am Morgen mit dem Hund durch das Viertel spazieren.
Sturm liegt in der Luft.
Der Hund seufzt.
Die Welt seufzt, sage ich Hund.
Der Hund nickt.
Zuhause richte ich Porridge.
Die Katze glaubt es gereiche ihr zu ihrem Vorteil wenn Sie nur zwischen Topfdeckel und Rührlöffel spränge.
Hier irrt die Katze.
An jedem Sonntag fallen harsche Worte zwischen mir und der Katze.
Aber an diesem Sonntag tappt wenigstens der Hund nicht in die Porridgeschale.
Im Schwimmbad ist es voll.

Am Sonntag sind Schwimmstunden für Kinder. Die Kinder sind schon groß. Vielleicht steigt mit der abnehmenden Angst vor den Monstern die Angst vor anderen Dingen wie dem Wasser. Die großen Kinder haben fast alle Angst vor dem Wasser. Das muss schwer sein mit der Angst im Nacken schwimmen zu sollen. Die Kinder sollen an Schwimmnudeln herunter ins Wasser gleiten. Die Kinder fürchten sich. Überall diese Angst denke ich. Überall die Angst.
Am Nachmittag habe ich der M. einen Kuchen für den Abend versprochen. Die M. hat Besuch. Ich backe einen Kuchen mit dicker Orangenglasur, auf der Straße spielen Kinder Himmel und Hölle. Da ich die Hände schon in Seifenwasser habe, ist es nicht mehr weit bis ich Seifenblasen aus dem Fenster puste. Die Kinder haschen nach den bunten Kugeln. Eine ganze Straße voller Lachen.

Später lese ich im Internet herum. Die Polizei in Bremen hat ein Video veröffentlicht, das bei der Identifizierung von Tätern helfen soll. Mich macht immer wieder neu sprachlos wie viele Kalle Blomquvist Detektive mit starkem Hang zu Verschwörungstheorien dort in den Kommentaren herumpoltern, sich in wildesten Gekreisch übertreffen und nichts zur Sache beitragen. Ob diese Menschen auch glauben, dass James Bond wirklich mit einem Auto über die Dächer fliegt? Und ob diese Menschen wohl in ihrem ganzen großen Wutgeheul nie einmal innehalten, um in sich zu gehen und einfach einmal still zu werden?
Dem Besuch der M. unaufmerksam zugehört.
Spät am Abend einen Pfirsich geschält.
Vergessen das warme Wasser anzustellen. Sehr kalt geduscht.

Später noch in den Nachrichten vom Angriff auf den Gdansker Bürgermeister Paweł Adamowicz gehört.
Später noch, einen halben Tag später ist Paweł Adamowicz tot.
Die Monster schlafen nie.
Cześć Jego pamięci.

Woanders ist es auch schön

Kiki sieht sich einmal im Bücherregal um und sieht nach wie viele Frauen eigentlich auf ihrer Leseliste des vergangenen Jahrs standen.  Frauen Lesen ist ja überhaupt immer eine ziemlich gute Idee.

Nicole Seifert sucht Frauen im Feuilleton und in Literaturbesprechungen.

Wo wir schon bei lesenden und schreibenden Frauen sind. Salka Viertel führt durch ein anderes Hollywood.

Ich bin zu müde, um im Frühzug zu stricken, aber ich finde den Verspätungsschal schlicht großartig.

Ein Konflikt, der keine Schlagzeilen macht.

Loosy führt Tagebuch. Da lässt sich viel entdecken, man reist nach Rostock und läuft Wörtern hinterher. Dafür bin ich ja immer sehr zu haben.

Ein sehr nachdenklich stimmender Text darüber, wie Auslandsreportagen entstehen und wie prekär lokale Journalisten abgefertigt werden, ohne die viele der ausgezeichneten Reportagen unmöglich wären.

Am Meer.

Jetzt aber Musik! ich höre Lemoncello so gerne zu und der müde Tag wird etwas heller. Versprochen.

Was man vielleicht mit bloßem Auge sehen kann.

Meine Schwester hat grüne Augen mit goldenen Sprenkeln und schon seit vielen Jahren einen britischen Pass. Den Pass sieht man nicht gleich, aber ihre Augen sieht man sofort. Meine Schwester hat fünf Kinder, alle Kinder haben eine andere Augenfarbe, aber alle Kinder haben ein britischen Pass. Mein Schwager hat die Augen seiner jüngsten Tochter und seine Mutter sagt, die Familie sei in England schon seit dem großen Feuer von London. Meine Schwester spricht nicht nur Englisch mit ihren Kindern. Aber Deutsch spricht sie nicht mit ihnen. Für Himmelblau, Zuckerwatte und Wiesengrund bin ich zuständig. Die Kinder meiner Schwester haben eine englische Kindheit mit kratzigen Kniestrümpfen, Tea Biscuits und Hockey am Nachmittag.

Am Abend am Telefon sagt meine Schwester, die doch bei Nachrichten den Raum verlässt und unangenehme Dinge überhaupt nur im Vorübergehen bespricht: Alle sagen der Brexit kommt noch, aber ich frage mich, ob er nicht schon lange da ist und wir nur alle so tun als bemerkten wir ihn nicht.“ Ich weiß nicht was ich sagen soll. Meine Schwester sagt solche Sätze nicht. Aber ich sage: „Meinst Du?“ Meine Schwester und ich sprechen weder Deutsch noch Englisch am Telefon. Meine Schwester spricht ganz leise, so als wäre das Leise vielleicht doch nicht wahr.

Viele Jahre lang hat meine Schwester ein Frühstück an einer Schule vorbereitet für Kinder für die es selten Frühstück gab, aber das sollte dann nicht mehr sein. Eine andere Schule wollte gern, dass sie dort ein ähnliches Frühstück anbieten. Die Schulleiterin sagte: Bei ihr würde es meiner Schwester besser ergehen, denn an ihrer Schule sei man gegen den Brexit. Aber meine Schwester wollte kein Frühstück für oder wider den Brexit anbieten, sondern ein Frühstück für Kinder, die sonst eben eher selten eines bekommen. Aber die Zeiten waren nicht mehr so und meine Schwester, die Kinder liebt, macht kein Frühstück mehr. Aber seit zwei Jahren vermisst meine Schwester die vielen Kinder, die sich so auf sie freuten, wie sie sich auch auf sie.

Meine Schwester zuckt mit den Schultern befragte man sie nach ihrem Verhältnis zuEuropa oder zu England oder dem UK oder einer Stadt in der die liebe C. ihre Mutter wohnt. Meiner Schwester sind diese Fragen fremd, sie legt den Kopf in den Nacken und lacht. Sie sagt: „Hauptsache, wir beiden finden uns immer.“Dann muss auch ich lachen. Sie hat Recht. Meine Schwester und ich würden uns überall finden.

Aber auch das ist anders geworden. Eine ihrer Töchter kam nach Hause gelaufen, vor den Weihnachtsferien. „Warum weinst du?“, fragte meine Schwester ihre Tochter. „ Wenn wir zur lieben C. fahren wollen, müssen wir bald eine Strafe zahlen, und weil wir so viele sind, ist die Strafe ganz hoch, weil die Leute auf dem Kontinent alle Engländer hassen. Darum.“ Meine Nichte hörte nicht auf zu schluchzen und meine Schwester sagte, dass die anderen Kinder etwas missverstanden haben müssten. Aber sagt meine Schwester am Telefon so ganz sicher sei sich eben auch nicht.

Meine Schwester hat ein offenes Haus. Wie bei ihre Mutter, der lieben C., ist immer noch ein Platz Tisch frei, auch zwei oder drei. Manche Gäste bleiben zum Essen und andere bleiben ein halbes Jahr. So wachsen ihre fünf Kinder mit Märchen aus Nigeria, mit Geschichten aus Indien, mit Gewürzen aus Peru und Flüchen auf Farsi auf. Aber in den letzten zwei Jahren sagt meine Schwester, die keine Strichliste führt, sind die Gäste weniger geworden und die Gäste, die kommen sind leiser geworden und stehen lieber auf, wenn nicht nur meine Schwester am Tisch sitzt, sondern auch andere, die sie nicht kennen und ihr Telefon klingelt und eine Mutter aus Pakistan oder ein Bruder aus El Salvador ruft an. „Ihr müsst nicht“, sagt meine Schwester, aber die Gäste, die oft mehr Familie sind, stehen schon auf und nehmen erst auf dem Flur den Hörer ab.

Nur durch Zufall, sagt meine Schwester hat sie herausgefunden, dass ihre Kinder sind sie in der U-Bahn oder im Bus nur mehr Englisch sprechen, aber nicht mehr in der Sprache in den meine Schwester ihnen Mut macht für einen Test oder ein Lied singt einfach so. Weder meine Schwester noch mein Schwager hat den Kindern abgeraten auch eine andere Sprache für selbstverständlich zu Halten, aber ganz stillschweigend, tun sie es eben seit einigen Monaten und meine Schwester winkt lieber auf Englisch hinterher.

„Die Anni-Tant“ sagt meine Schwester „ist nicht mehr da.“Was meinst du mit die Anni-Tant ist nicht mehr da?“

Die Anni-Tant ist eines der mit dem Kindertransport aus Deutschland entkommenen jüdischen Mädchen und wie die Mali-Tant war auch die Anni eine Freundin meiner Großmutter. Ein ganzes Leben lang hat die Anni in Croydon gelebt in einem kleinen Reihenhaus. Sie war Lehrerin, die Anni-Tant und wann immer wir sie besuchten, zeigte sie ein kleines, braunes Lederalbum mit den Bildern ihrer Eltern. Die Eltern haben die Shoah nicht überlebt, sie lebten nur noch im kleinen braunen Lederalbum. Die Anni hat wie meine Schwester einen britischen Pass. „Damit es nie wieder Krieg gibt“, dafür hab ich abgestimmt hat die Anni gesagt in ihrem Wohnzimmer in dem es wie meine Nichten und meine Neffe sagten immer ein bisschen nach Deutschland riecht. Nach Alpenveilchen, Bohnerwachs und Werther’s Echten nämlich. Aber die Anni-Tant wohnt nicht mehr lange in Croydon, sondern zieht zu ihrem Sohn nach Israel. „Ich bin doch zu alt für noch einen Krieg und eine Flucht“ hat die Anni zu meiner Schwester gesagt. Meine Schwester sagte, dass es bestimmt keinen Krieg gebe und die Anni bestimmt nicht flüchten müsste. Aber die Anni hat den Kopf geschüttelt und zu meiner Schwester gesagt. „Du klingst wie mein Vater.“

Vielleicht wäre das Frühstück an der Schule ohnehin einmal eingestellt worden, vielleicht wäre die Anni der schmerzenden Knie wegen zu ihrem Sohn gezogen, vielleicht wachsen Kinder aus der Zweisprachigkeit einfach heraus und vielleicht kommen auch die Gäste wieder und spielen Tabla. Vielleicht ruft meine Schwester auch bald wieder an, um den bedauernswerten Zustand meines Unverheiratseins zu besprechen und fragt mich nach dem Stand der Welt. Vielleicht wird alles nicht so schlimm und vielleicht erinnern die Kinder sich in ein paar Jahren an nichts Anderes als eine englische Kindheit und die ungeliebten Kniestrümpfe. Vielleicht und vielleicht nie wieder.

Eckensteher auf Zeit

Auf einer belebten Straße stehe ich und warte auf den Herrn Direktor. Der Herr Direktor steht im Stau. „Macht nichts“, sage ich am Telefon. Wann hat man denn an einem belebten Montag Morgen schon Zeit einfach einmal so auf die Straße zu schauen?

Schon immer wäre ich gern Eckensteher geworden, aber leider hat sich dieser Berufsweg nie ganz durchsetzen können und so sehe ich nur ausnahemsweise der Straße am Montag zu. Da ist der Mann mit bunter Krawatte und Lederetui, der hektisch in ein Telefon schreit: „Hongkong or Singapore? Hongkong or Singapore? Mir scheint an den Business Schools geniesst Geographie nicht den Stellenwert, den es bräuchte. Aber schon ist der Mann vorbei gerannt. Ein kleines Kind mit Zauberstab und prächtigen Schmetterlingsflügeln angetan inspiziert eingehend einen Stock auf den Boden. Wer selbst ein Schmetterling mit magischer Hand ist, so scheint es, der findet nicht einfach so einen verwehtes Stück Holz, sondern hebt den Bleistift eines Druiden auf und hält den Stock genauso fest in der Hand wie den Zauberstab. Ein Mann in mittleren Jahren mit einer kleinen Nickelbrille und einem großen Rucksack auf dem Rücken begrüßt mit großem Ernst jede einzelne Laterne auf dem Weg die Straße hinauf. Langsam geht er und für jede Laterne findet er ein Wort. Ein Hund wartet mit hängender Zunge auf eine Frau. Die Frau trägt einen rot-grün karierten Mantel und einen gelb-blau gestreiften Rock. Ihr Hund hat brau-weiß geflecktes Fell und eine blass-rosa Zunge. Die Frau holt ein Croissant mit Mandeln aus einer Tüte und der Hund bekommt zwei Scheiben Schinken. Der Hund jauchzt und die Frau lächelt.

Zwei amerikanische Touristen mit viel Gepäck haben müde Gesichter. Ihr Hostel hat noch nicht auf oder der Nachtportier ist auf beiden Armen eingeschlafen. So genau weiß man das nicht, denn die Tür zum Hostel geht einfach nicht auf. Die beiden Touristen streiten sich dann. „Das ist alles deine Schuld. Nein deine Schuld. Klar immer bin ich schuld. Jetzt fängst du wieder so an.“ Zum Glück kommt ihnen eine große Möwe dazwischen, die mit viel Getöse auf dem Sims über dem Hostel landet. Die Toursiten kreischen erst und dann machen sie ein Foto. Eine Frau schließt ihren Friseursalon auf und kehrt seufzend mit ihrem Handfeger Zigarettenkippen vom Abtreter herunter. Ein Schulkind hüpft auf einem Bein sehr gekonnt die Straße hinauf. Ich sehe ihm ein bisschen neidisch hinterher. Ich hüpfe nur mittelmäßig und überhaupt viel zu selten.

Eine andere Frau balanciert vier heiße Kaffeebecher und setzt vorsichtig, so vorsichtig es auf einer belebten Straße eben gehen kann einen Fuß vor den anderen. Jetzt soll bloß kein Malheur geschehen. Schon überquert sie die Straße. Eine andere Frau beugt sich über einen Autospiegel und zieht sich die Lippen nach. Zufrieden wirft sie ihrem Spiegelbild einen Kuss zu und schon sieht man sie nicht mehr. Nur ihr schweres Parfüm-Bergamotte und irgendein süßes Gehölz- vermute ich liegt noch lange in der Luft.

Ein älterer Herr stopft sich seine Pfeife, aber er kaut nur auf dem Pfeifenstiel herum. Noch sind die guten Vorsätze nicht gänzlich abgegolten.

Zwei Obdachlose sitzen auf feuchten Pappen und hoffen auf Kleingeld, das vielleicht für einen Kaffee reicht. Ich gehe zu beiden herüber, aber während ich warte, kommen fünf weitere Menschen auf der Suche nach „just a bit og change“ vorbei. Wie haben wir uns als Gesellschaft daran so schnell gewöhnen können, frage ich mich wieder und wieder, dass so viele Menschen nicht nur ganz sprichwörtlich auf dem Boden sitzen? Aber wir haben uns daran schon lange gewöhnt, denn wir sehen kaum noch auf und das liegt nicht an einem geschäftigen Montag Morgen.

Dann klingelt mein Telefon wieder. Aber schon sehe ich den Herrn Direktor, der sich schon wieder entschuldigt und dabei habe ich doch so viel gesehen als ein Eckensteher auf Zeit an diesem trüben Januarmorgen an einer Kreuzung in Dublin.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissenAn jedem 5. eines Monats und das im sechsten Jahr (Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Der Tag ist noch müder als der alte, treue Hund und ich.

Der Hund sieht mich zweifelnd an.

„Doch“, sage ich, heute wird ein schöner Tag.

Der Hund gähnt.

„Du wirst schon sehen“, sage ich.

Der Hund seufzt so wie Kinder seufzen bevor sie zu ihren Eltern sagen: „Immer muss ich machen, was ihr wollt. Nie darf ich.“

Der Fußweg ist dreckig.

Bierdosen, Zigarettenkippen, eine Schüssel mit Biomüll, ein zerrissenes Handtuch, ein alter Schuh, ausgespeibter Kaugummi. Tüten in denen einmal fettiges Hähnchen gewesen sein mag. Alles ist voller Müll. So viel geben die Menschen auf sich, aber auf das wo sie leben geben sie nichts.

Der treue, alte Hund und ich gehen auf der Straße. Scherben sind nicht gut für Hundepfoten.

Langsam gehen die Straßenlaternen aus. Eine nach der Anderen.

Wie schade das doch ist, denke ich, dass es keine Nachtwächter mehr gibt, die singend durch die Straßen ziehen.

Der treue, alte Hund und ich nehmen den ersten Zug nach Howth.

Wir sind ganz allein. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Müde ist der Hund, nicht morgenmüde, sondern müde an sich.

Der Hund ist alt.

Der Zug rattert durch die Vorstädte und kurz bevor der Zug zum letzten Mal anhält, wecke ich den treuen, alten Hund.

Dann wandern wir durch das noch schlafende Städtchen. Noch schlafen auch die Touristen.

Der treue, alte Hund kennt den Weg. So oft sind wir ihn schon gegangen, den Cliff Path über Howth. So gehen wir langsam die Klippen hinauf, mild ist der Morgen, manchmal im Januar tut Irland so als läge unsere Insel am Golf von Neapel und nicht an der irischen See und dem Atlantik. Im August käme Irland niemals auf die Idee uns den Süden vorzugaukeln, aber manchmal im Januar krempelt der Wind sich die Hemdsärmel auf und erzählt uns von einer Liebe im Süden.

So oft sind der Hund, der Tierarzt und ich hier gegangen. Wieder und wieder. Der Tierarzt mochte am Liebsten im Gehen reden, und so liefen wir weiter und weiter auch dann noch als der Tierarzt eigentlich gar nicht mehr gehen konnte. Hier zwischen dem Ginster und den schroffen Felsen zur Linken liegen so viele Gespräche von uns. Angefangene und Abgebrochene. Aber jetzt fassen meine Hände ins Leere und der Ginster, die Felsen und auch das Meer schweigen.

Der Hund seufzt.

Ich seufze.

Schweigend gehen wir die alten Wege entlang.

Ganz oben, noch vor dem Leuchtturm kämmt sich die Sonne das goldene Haar. Die Sonne ist großzügig heute, mir legt sie eine goldene Hand auf den Arm und auch dem Hund schenkt sie goldenen Glanz.

Heute wird ein schöner Tag, sage ich noch einmal und diesmal gähnt der Hund nicht.

Wir steigen zum Leuchtturm hinunter und ruhen uns in der Mitte der Sonne und im Ginster aus.

Ganz blau ist das Meer, ganz mild wie der Morgen ist das Meer.

Dann gehen wir zurück auf den Pfad und zurück in den Ort. Inzwischen kommen uns Sportler und Wanderer mit guten Vorsätzen. Die Sportler haben wenig Geduld mit den guten Vorsätzen und die guten Vorsätze sitzen bald am Wegesrand.

Auf dem letzten Kilometer wird der Hund so müde, dass er nicht mehr gehen mag.

Ich schleppe den Hund zur Bahn zurück.

Die Leute sehen mich seltsam an.

Vielleicht denke ich, lieben sie niemanden der müde Füße hat.

Der Hund kriecht in mich hinein.

„Für müde Pfoten muss man sich nicht schäme“, flüstere ich dem treuen, alten Hund ins Ohr.

Der Hund schläft auf der Rückfahrt. Ich sehe aus dem Fenster.

Zurück zu Hause schläft der Hund vor dem Kamin.

Die Katze poltergeistert herum.
Ich bringe die Decken in den Waschsalon. Dort drehen sich die Deckbetten für ein paar Stunden in einer riesigen Maschine.

Herr X. Besitzer des Waschsalons hat auch gute Vorsätze gefasst.

Dieses Jahr wird er seinen Schwager nicht wieder für vier Wochen beherbergen.

Noch wichtiger aber Herr X. macht ernst mit dem Verkauf nicht abgeholter Wäsche nach der festgesetzten Frist.

Herr X. sagt: „Sie sind meine Zeugin.“

Ich nicke ernst.

Herr X. ist beruhigt.

„Haben Sie auch Vorsätze gefasst, Fräulein Rad On?“

„Nein, sage ich, mir sind die Nachsätze lieber.“

Das leuchtet Herrn X. ein.

„Ihre Betten sind sicher“, sagt er.

Ich bin darum sehr froh.

Dann gehe ich einkaufen.

Im ersten Laden kaufe ich Käse.

Ich vergesse die Eier.

Im zweiten Laden kaufe ich Trauben, zwei Kaki, Rosmarin, Thymian, Salat, Rosenkohl, Kartoffeln, Milch, Reis, Joghurt, Nussschokolade, ein Netz Orangen und Entenbrust.

Ich vergesse die Eier.

Im dritten Laden stehe ich lange im Gang.

Ich überlege was fehlt?

Cottage Cheese? Clementinen? Griechischer Joghurt?

Kurz bevor ich den Laden verlasse, fällt es mir ein.

Ach, ja klar: Waschmittel.

Im vierten Laden dann: sechs braune Eier. Die organisch-glücklichen Hühner auf der Pappe grinsen hämisch.

Zuhause klingelt das Telefon.

Dann geht die Tür.

Der Nachbar hat sich ausgeschlossen.

Den Ersatzschlüssel findet die M. nicht.

Dafür habe ich ja das 15er Skalpell.

Der Nachbar ist erleichtert.

Er hat Reis auf dem Herd.

Ich blättere durch die Zeitung.

Im Radio spielt Yehudi Menuhin Geige.

Ich mache Ente mit Orangensauce für die M., den Hund und die Katze.

Die M. heizt den Kamin an.

Die Schokoladencreme brennt nicht an.

Die M., der Hund, die Katze und ich haben warme Füße und die M. dazu noch ein Glas Wein.

Die M. lächelt und erzählt von einem völlig missratenem Cassoulet, die Katze schnurrt und träumt vom Mäusefasching, der Hund liegt vor dem Feuer und seine Pfote deutet einen langsamen Walzer an.

Heute wird ein schöner Tag, das habe ich doch schließlich versprochen, ganz früh am Morgen, noch halb im Bett, neben mir die müde Nacht und ein Viertel Tag.

Wechselnde Winde

In der ersten Nacht des neuen Jahres stehe ich auf dem Balkon. Es geht ein starker Wind, aber kein Januarwind ist das, sondern ein warmer und weicher Wind tobt vor den Fenster, fährt den Kiefern durch das Haar, ein Wind wie für einen grossen Ball ist das und wer weiss vielleicht tanzen der Mond und die Sonne, dieses sich ewig suchende Liebespaar ja wirklich eine Polka in dieser ersten Nacht des neuen Jahres und der Wind, der nach dem Süden riecht und gelben Lampions und klirrenden Gläsern bläst die Backen auf wie ein gewaltiger Barition im La Fenice. Der Wind ändert alles, denke ich mir und sehe zum Himmel heraus. Immer ändert der Wind alles und dann gehe ich schlafen, denn am zweiten Morgen des neuen Jahres fliege ich nach Irland zurück. Der Wind lacht und die Kiefern tanzen Polka. Ich träume von einer Frau in einem blassrosa Kleid und auch sie tanzt lange auf einer Tenne und wiegt sich sacht im pfeifenden Wind.

Auf dem Flughafen ist es voll. Am zweiten Tag des neuen Jahres fährt alle Welt hin und her, Kinder schluchzen, eine Butterbrezel fällt auf den Boden und ein Geschäftsreisender hat weisse butterschlieren an den Schuhen. Das fängt ja gut an, knurrt er in alle Richtungen und einen Moment lang, ähnelt er ganz und gar nicht einem Geschäftsreisenden sondern einer missmutigen  französischen Bulldogge. Wuff aber macht nicht der Herr mit den Butterschlieren, sondern ein kleiner Chihuaha, der einer Frau entkommt. Der Chihuaha wittert die grosse Freiheit aber schon verhakt sich seine Leine in einem Rollkoffer. Aus, vorbei. „Böser Charlie“ schimpft Frauchen. Charlie seufzt. Der Wind vor dem Fenster aber lacht. Eine Handvoll Schneeregen wirft er gegen die Scheibe. Der Tanzboden ist leer und verlassen.
Alles ändert der Wind.

Ich lege Jacke, Schal und Notebook in die Plastikwannen, die Uhr noch dazu und dann werde ich durchgewunken. Nichts pfeift, denn die Uhr liegt auch in der grauen Wanne. Am anderen Ende des Laufbandes steht ein Mann. Grossgewachsen, so dass ich den Kopf schief legen muss, um in seine Augen zu sehen. Nicht unähnlich der Kiefer vor meinem Fenster. Seine Augenfarbe kann ich nicht entziffern. Was gehen mich auch fremde Augen an?

Pardon sage ich, mehr aus Verlegenheit denn aus einem richtigen Grund, denn der Mann beugt sich zu mir herunter, um etwas zu sagen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das hören will. Aber es ist schon zu spät. Hämisch poltert der Wind vor dem Fenster.

„Meine Schuhe sind weg“, sagt der Mann.

Ich schaue auf den Boden. Der Mann trägt ein Paar Tennisschuh mit blauen Streifen.

„Aber Sie haben doch Schuh an den Füßen“, antworte ich.

„Ja, sagt der Mann, aber meine Schuhe sind das nicht.“

„Wie meinen Sie das?“

Der Mann verdreht die Augen. Silbergrau vielleicht denke ich.

„Meine Schuhe sind verschwunden, also habe ich die genommen und angezogen. Sie sind ein bisschen zu klein.“

„Sie sind zu gross“, sage ich und lege den Kopf noch ein bisschen weiter in den Nacken und sie tragen Schuhe, die nicht ihre sind.“ Wie sind sie denn auf die Idee gekommen?“

Der Mann mit den fremden Schuhen starrt mich an, als hätte ich etwas besondrs Dummes gesagt.

„Ich kann doch nicht ohne Schuhe gehen“, sagt er.

„Sie können nicht in den Schuhe anderer Leute gehen“ sage ich.

„Warum nicht?“ kontert er, „wenn meine Schuhe doch verschwunden sind.

Nein denke ich mir, wir sind hier auf einem Flughafen und nicht in einem Philosophieseminar und sage ich nichts über die aristotelische Wende, sondern schnaube: „Fusspilz.“

Der Mann sieht auf seine Füsse in den zerlatschten Tennisschuhen und sagt: „Sie machen Witze!“

„Nie“, sage ich. Das ist einer der Gründe weswegen meine Schwester findet meine Heiratschancen seien minimal, mir ist es immer ernst. „Fusspilz“, sage ich also noch einmal und der Mann kratzt sich am Kopf.
„Sturmgrau“ befinde ich, sind seine Augen und dann gehe ich hinüber zu einem der Sicherheitsleute und sage:“Es hat eine Verwechslung gegeben. Der Herr dort vermisst seine Schuhe.“

Der Sicherheitsmann sagt: „Mann, Mann, Mann“. Vermutlich Schuhgrösse 45“, sage ich und nicke dem Mann noch einmal zu.

Der hat sich unterdessen die Tennisschuhe von den Füssen gekickt und untersucht seine Fusssohlen auf Champignons vermute ich. Draussen am Fenster keckert der Wind.

Im Flugzeug sitzt eine Frau mit pinken Jogginghosen und einem pinken Hoodie neben mir. Sie hat Adiletten mit Glitzerpuscheln an den Füssen, aber das bewegt mich nicht weiter, aber links auf de randeren Seite da sitzt ein Mann mit einer grossen ausgebeulten Reisetasche auf dem Schoss und einem Baseballcap auf dme Kopf.
Die Reisetasche umklammert der Mann auch dann noch als die Stewardess ihn auffordert das Monstrum entweder unter seinen Sitz zu schieben oder in das Fach über dem Sitz zu wuchten. Die Ausbeulung könnte eine Luftpumpe sein, denke ich oder ein Paar Schuh in Grösse 45.

Aber den grossen Mann mit den unklaren Augen sehe ich nicht mehr. Der Mann mit der Reisetasche sieht sich misstrauisch um, erst dann stopft er die Reisetasche unter den Sitz. Der Kapitän warnt vor heftigen Winden. Als wir landen und der Mann seien Reisetasche unter dem Sitz hervorzerrt platzt ein Reissverschluss auf. Oben auf der Reisetasche liegt ein Paar grosser, brauner Herrenschuhe, die man zum Beispiel auf einem Tanztee tragen könnte. Der Mann selbst hat ein Paar grauer Stoffschuh an. Höchstens Grösse 40 nehme ich an.

Zuhause warten die M., der Hund hechelnd, die Katze gelangweilt und als ich mich setze sagt die M.: Mild war es die letzten Tage, aber heute Nacht hat der Wind gedreht.

Ich nicke und streiche dem Hund über den Kopf. „Alles ändert der Wind“, sage ich.

Wie der Dezember riecht

Der Dezember riecht nach Zimt und schwarzem Tee. Immer im Dezember bringt die D. Tee aus Odessa mit. Die Tüte reicht immer ganz genau für ein Jahr. Ich bin geizig mit dem Tee und verstecke ihn in einer unscheinbaren Dose. Der Tee dampft im Glas. Das Teeglas riecht wie ein Tolstoi Roman und ich bin mir sicher schon Anna Karenina wärmte sich an diesem Tee die kalten Hände. Der Dezember riecht nach Brustkamellen und dem leidigen Erkältungsbad. Piniennandeln steht auf dem Pickerl, aber das Erkältungsbad riecht nicht nach Antibes, sondern nach einer chemischen Formel ganz ohne das Rauschen der Wellen, die Pinien doch brauchen. Der Dezember riecht nach Gewürzbirnen und den Orangenschalen, die die M.in das knisternde Kaminfeuer wirft. Der Dezember riecht nach Granatapfelkernen, die ich langsam in den dicken, griechischen Joghurt rühre. Der Dezember riecht nach Heiserkeit und kalten Betten.

Der Dezember riecht nach Erschöpfung und viel zu hohem Fieber. Der Dezember riecht nach Kehrwoche und den Tannen, die Verkäufer am Straßenrand feilbieten. Der Dezember riecht nach heissen Maroni, dabei gibt es in Dublin keinen Maronimann, der die Früchte auf einem kleinen Ofen röstet, bis die Schalen der Kastanien knackend platzen. Aber wenn ich die Augen schließe dann sehe ich ihn doch noch einmal den Maronimann, mit seinen abgeschnittenen Handschuhen und dem dampfenden Atem, der mir vor Jahren in Böhmen eine Handvoll Maroni in einer aus Zeitungspapier gedrehten Tüte, verkaufte und seitdem riecht jeder Dezember wenigstens in meinen Träumen nach Esskastanien.

Der Dezember riecht nach Chlor und dem Friseur vor der Bushaltestelle. Die Frauen lassen sich Locken wickeln und die Friseurin raucht und schnippt die Asche in eine Kaffeetasse mit abgeplatztem Rand. Der Dezember riecht nach Einkaufslisten und Zugfahrplänen, der Dezember riecht nach Tränen vor Glück am Flughafen und den bangen Minuten vor dem Eintreffen der Verwandtschaft. Der Dezember riecht nach zu viel Pints und Torf in den Kaminen. Der Dezember riecht nach gebrannten Mandeln und zum x-ten Mal verbrannten Fingern am heißen Backblech. Verflixt. Der Dezember riecht nach nassen Haaren und nassem Hund. Am 23. Dezember riecht er nach Chanel No. 5 und Tau, denn so riecht die Mali-Tant und ich überlege, ob man einen Menschen wirklich wieder loslassen muss. Der Dezember riecht nach Kohlenkellern und Rosenwasser. Der Dezember riecht fettig, salzig und zuckersüß. Der Dezember riecht nach Rumrosinen und Kakao mit Haut. Der Dezember riecht nach letzten Anstrengungen und Vanillekipferln.

Der Dezember riecht nach Willkommen und Abschied.