Auf der Suche nach Thomas Mann-Halle an der Saale

Ich bin noch nie in Halle gewesen. Halle ist eine alte Universitätsstadt an der Saale. Dabei bin ich doch in so vielen Städten zwischen Prag und Brünn gewesen, die man nur schwer auf einer Landkarte findet. Halle findet man ganz leicht auf der Landkarte zwischen Magdeburg und Dessau.

Ich bin schon oft in Halle gewesen, denn kein Buch lese ich öfter als Doktor Faustus und Thomas Mann schickt Adrian Leverkühn und auf Umwegen auch Serenus Zeitblom zum Studium nach Halle. Halle ist keine Großstadt, aber eine große Stadt, schreibt er und endlich gehe auch ich ganz wirklich vom Bahnhof hinunter zum Marktplatz. Thomas Mann selbst war 1921 während einer Lesereise in Halle. Er war denkbar schlechter Laune- Das Hotel Stadt Hamburg schien ihm schlecht und die Anzahl der Verehrerinnen entnervte ihn auf das Äußerste. Lange blieb er nicht in jenen Februartagen, sondern fuhr weiter, er hatte eine Einladung beim Prinz zu Meiningen zum Tee.

Dabei sind wir eigentlich wegen Gustav Klimt hier, oder die Anderen sind vor allem wegen der goldenen Bilder aus Österreich hier. Aber ich bin es nur zu einem Viertel, obwohl ich doch Klimt sehr liebe.

Aber dreiviertel von mir sind auf der Suche nach Thomas Mann. Man muss nicht lange suchen, den Marktplatz findet man auch, wenn man sich so schnell verläuft wie ich. Im gleißenden Licht Kaliforniens hat Thomas Mann jenen Roman geschrieben, der vielleicht doch der wichtigste Roman des 20. Jahrhunderts ist.

Heute aber ist noch immer Weihnachtsmarkt. Buden mit Glühwein, Socken und Harzer Blasenwurst stehen eng gedrängt neben einem bunten Karussell. In einer Bude wird ungarischer Lángos verkauft, aber die Verkäuferin sieht jener Esmeralda nicht ähnlich, der Leverkühn später nach den Hallenser Jahren unweigerlich verfiel. Die Lángosverkäuferin hat müde Augen. Der Sockenverkäufer übertönt alle, selbst das Karussell und den Vater, der schreit: „Torben-Leonhard jetzt guck doch in die Kamera, aber der Sohn schluchzt und klammert sich verzweifelt an einem Karusselltiger fest. „In die Kamera“, schreit der Vater, aber der Sockenverkäufer gibt nicht nach. Drei Paar, zehn Euro, meine sehr verehrten Damen und Herren. Was für ein super-duper Preis. Ich bin schon weiter, denn auf der gegenüberliegenden Seite des Marktes, ein bisschen an die Seite gedrückt durch einen hässlichen Neubau, da findet man es jenes „gegiebelte Bürgerhause am Marktplatz“ in dem Adrian in einem Zimmer mit Alkoven als Untermieter einer älteren Beamtenwitwe lebte.

IMG-7908

Vermutlich das Haus mit Alkoven, in dem Adrian Leberkühn, die zwei Jahre seines Studiums in Halle verbrachte.

 

Und wirklich steht man am Eingang des Hauses, das heute ein Bankfiliale ist, dann sieht man ganz exakt so wie Thomas Mann es im Buch beschreibt: „das mittelalterliche Rathaus, die Gotik der Marienkirche, zwischen deren gekuppelten Türmen eine Art von Seufzerbrücke geht, den frei dastehenden Roten Turm und die Bronzestatue Händels.“

IMG-7938

Blick vom Haus Leverkühn auf das Hallenser Rathaus

 

IMG-7913

Blick auf den roten Turm und die Kirche mit Seufzerbrücke

Ich stehe da lange, die Anderen sehen sich Halle an und warte. Wer weiß denn schon, ob nicht doch der saftige Ehrenfried Kumpf, der so vortreffliche Vorlesungen hielt nicht doch eine gebrannte Tüte Mandeln kaufte, die doch seinem Sinne nach auch G*ttesgabe wären, warte auf einen Studenten aus der Verbindung Winfried, der heute alt zwar, aber das heißt noch nichts Salzgurken einholte, aber vor allem warte ich auf jenen Eberhard Schleppfuss, jenem dämonischen Verführer, der einen ist man ihm nur einmal begegnet, nie wieder loslässt. Schleppfuss mit seinem schwarzen Mantel und dem Hut mit eingerollter Krempe, von dem man nie genau sagen konnte, ob er nun wirklich den Fuß nachzog oder nicht. Schleppfuß, der sich verbeugte tiefer noch als sein Gegenüber, nur um sagen zu können: „Ganz ihr ergebener Diener.“

Ich stehe an der Ecke und warte und natürlich kommt niemand.

Dafür kommt eine Mutter mit einem Buben an der Hand, der einen kleinen Hubschrauber in den Händen hält. „So nicht Freund Blase“, ruft sie und ich wundere mich über diese Wendung. Wer ist wohl dieser Freund Blase mit dem sie hier schimpft? Der Bub jedenfalls lässt den Helikopter fliegen und seine Mutter trifft eine Freundin und ist dann besserer Dinge. Ein alter Mann steht neben einer Musikanlage und tanzt zu Discopop. Ein paar Leute lachen, aber einige Leute werfen auch Geld in einen alten Pappbecher. Der Mann tanzt. „Wir müssen weiter“, sagt die liebe C. und ich laufe ihr hinterher. Jetzt doch Klimt. Endlich Klimt. Klimt ist strenger hier in der Moritzburg als im süßen Wien. Leicht ist Klimt auch hier in Halle mit seiner historisch-pietistischen Luft. Ich habe eine große Schwäche für Klimt, der doch bei seiner Mutter lebte und mit fast allen Frauen schlief, die es wollten.
Das ist das Seltene bei einem Mann, dass er die Frauen hinterher nicht für seine Lust bestrafte, denn das können viele Männer gut, aber er malte sie alle immer nur noch viel schöner. Mehr Gold, mehr Grün, mehr Blau, von allem immer noch mehr. Er, der die Frauen liebte und sich niemals schämte, dass er Frauen liebte, bleibt eine große Ausnahme auch noch 100 Jahre nach seinem Tod. Hier in Halle treffe ich auch Eugenie Primavesi wieder, deren Haus doch in Olmütz auf eine bessere Zukunft ist. So ist das mit den alten Habsburger Geschichten. Irgendwann trifft man sich immer wieder.

Die Anderen mögen nach Klimt, Kaffee aber ich mag lieber noch einmal zum Markplatz gehen. Es ist schon ganz dunkel und noch einmal sehe ich mit dem Blick von Adrian Leverkühn über den Marktplatz herüber. Ein Hund namens Sascha hört nicht. Eine Gruppe Mädchen fischen Dose um Dose voll Energydrinks aus ihren Jacken. Fünf junge Männer zeigen sich ihre Einkäufe. Nike hat reduziert. Nike riecht nach großer Welt. Eine Frau hat den Arm voll roter Gladiolen. Dann sehe ich ihn doch. Langsam kommt ein älterer Herr langsam über den Marktplatz gelaufen. Einen langen schwarzen Mantel trägt er, wenn auch ohne silberne Schnalle und einen schwarzen Hut, aber rund und mit kurzer Krempe und wirklich bin ich nicht sicher, ob er den linken Fuß wohl etwas nachzieht oder ich nur will, dass er es tut. Einen Augenblick zu lang für die völlig Fremden die wir sind, sieht er mich an, aber er murmelt keinen Gruß und schon ist er in einer vielen Hallenser Gassen verschwunden.

Dann aber legt die liebe C. mir den Arm auf die Schulter. „Komm“, sagt sie wir müssen gehen. Ich weiß nicht wie lange sie schon gewartet hat. Was sie wohl denkt, frage ich mich, als wir schließlich zusammen den Anderen folgen, über die Familie in die hier geraten ist? So viele Jahre sieht sie mir schon dabei zu, wie ich etwas suche, was es niemals wieder geben wird und niemand hält dieses Suchen, das ich in mir trage mit so viel Geduld aus wie sie, die meine kalte Hand in ihre warmen Hände legt.

Aber wenn auch Sie durch Halle wandern, so sehen Sie doch einmal beim Hallenser Dom vorbei, den ich immer nur von Lionel Feinigers Bildern kannte und dann ist er doch ganz wirklich und echt und von dem gleichen Zauber, die in Feinigers Hallenser Stadtansichten liegt.

16 thoughts on “Auf der Suche nach Thomas Mann-Halle an der Saale

  1. Wenn Du heute in der Stadt warst, dann ist es nicht unwahrscheinlich, daß ich Dich zwischen fünf und sechs vor dem Haus mit Alkoven stehen sah neben dem Wintermarkt …

    Und ich habe Dich nicht erkannt.

  2. Ich mag dieses Halle an der Saale. Irgendwann werde ich sagen können, ich habe hier studiert. Um ehrlich zu sein, bin ich seit Jahren an der Uni eingeschrieben und bringe ein berufsbegleitendes Studium nicht zu Ende. Vielleicht wäre das ein Ziel für 2019; quasi ein vorgezogener Vorsatz zum neuen Jahr. Dann habe ich hier studiert. Danke für diesen Anstoß, auch wenn er so nicht beabsichtigt war. 🙂

  3. Es ist spannend zu lesen wie Sie Halle sehen und was Sie damit in Verbindung bringen. Und ich finde in ihrem Blog Bilder, die in Spuckweite sind.
    Es tut mir leid, aber ich muß leider etwas klugsch*. Das Rathaus auf dem Foto ist das Stadthaus. Das mittelalterliche Rathaus hat den Krieg nur als Ruine überlebt und die wiederum den Wiederaufbau der Stadt nicht.
    Im Hotel Stadt Hamburg habe ich studiert, weil es jetzt Teil der Universität ist. Von Ringelnatz wußte ich, daß er dort übernachtet hat. Thomas Mann war mir neu.
    Gerne hätte ich sie zu einem Stück Stollen eingeladen.
    Auch wenn Sie nicht über meine Heimatstadt schreiben, nehmen mich Ihre Blogartikel oft gefangen. In der einen und der anderen Weise. Dafür so ganz pauschal Vielen Dank!

  4. danke für diese spannende reise zu mann. ich war bisher auch nur einmal in halle (obwohl ich auch viele städte zwischen olmütz und brünn kenne) – allerdings auf der suche nach wilhelm v. kügelgen. trotzdem habe ich die bilder im kopf gesehen – ohne die fotos hier anzusehen!

    danke und auf noch viele reisen im neuen jahr!

  5. Halle, Klimt und Mann. Ja, das geht. Und warten wir nicht alle auf etwas, das längst nicht mehr kommt, und hoffen doch immer wieder. Was wären wir ohne das Hoffen? Ein torkelndes Blatt im Wind.
    Wie gut, dass Sie dort waren. Und wie tröstlich, dass es die Hand der C. gibt. Alle guten Wünschen mögen Sie und die Ihren begleiten.

  6. „…wie ich etwas suche, was es niemals wieder geben wird…“
    Ich glaube, dieses Suchen steckt in vielen von uns, wenn auch vielleicht aus unterschiedlichen Beweggründen. Es treibt an, macht unruhig und manchmal auch müde, aber es bedeutet auch das Gegenteil von Stillstand.
    Über Thomas Mann weiß ich leider wenig und von einer Verbindung zu Halle höre ich hier zum ersten Mal. Zu meiner Schande muss ich auch gestehen, dass ich noch nie in Halle war, was ich ändern werde, Sie haben mich sehr neugierig gemacht.
    Dafür bin ich in diesem Jahr quasi über Lionel Feininger gestolpert. Seit fast 20 Jahren besuchen wir die Insel Usedom bei jeder Gelegenheit und erst im letzten Sommer habe ich dort Feiningers Spuren entdeckt. In Benz gab es eine kleine Galerie (leider aus Altersgründen im November 2018 geschlossen), in der man u.a. Briefe Feiningers und das Original seines „Strandkorbes“ besichtigen konnte. Auf der Insel gibt es ausserdem eine Feininger – Tour, die mit Bronzeplatten markiert ist. So kann man z.B. per Rad etwa 50 Stationen entdecken, die mit Feiningers Usedom – Aufenthalten seit 1908 in Verbindung stehen. Ein Beispiel ist die Kirche in Benz, die auch zu seinen Motiven zählt. Ich habe viel Interessantes erfahren und auf meinem Bücherstapel liegt nun auch ein Buch über Feininger, eine Urlaubserinnerung aus der kleinen Galerie.

  7. Interessant, so eine Stadtansicht zu lesen, wenn man nur 30km entfernt wohnt. Vielen Dank dafür!

    Wenn ich meine Kleinstadt verlasse, führt mich der Weg immer nach Leipzig und nicht nach Halle. Vielleicht sollte man das mal ändern.

  8. ich habe den Bericht mit einem Schmunzeln gelesen ..
    so typische Alltagsszenen ..
    aber auch eine interessante Sicht auf eine Stadt die ich nicht kenne
    der Dom sieht sehr interessant aus
    den Roman kenne ich leider auch nicht

    liebe Grüße
    und ein frohes neues Jahr
    Rosi

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.