Sonntag

Der Wecker zeigt 4.30 Uhr.

Das Fieberthermometer zeigt 38,3 Grad Celsius.

Meine Füße zeigen Widerwillen gegen die Uhrzeit und gegen die kalten Dielen.

Das luggage holdall ist schon gepackt.

In den Rucksack müssen noch Pass, Portemonnaie, zehn Mince Pies, das Schlüsselbund und die Zeitung von gestern.

Habe ich den Schlüssel wirklich eingepackt?

Mir ist kalt und heiß und dann wieder kalt.

Die M. schläft noch.

Leise also.

Die Katze und der Hund sind schon urlaubsverschickt.

Das Haus atmet leise.

Die Straße atmet leise.

„Tierarzt kommst du“, flüstere ich und dann verschlucke ich den Satz wieder.

Der Tierarzt kommt nicht mehr die Treppe hinunter.

Die Tür fällt ins Schloss.

Es regnet.

Ich tappe in eine zu große Pfütze.

Auch das noch.

Im Flugzeug liest der Mann neben mir G*ttes Werk und Teufels Beitrag.

Er unterstreicht immer wieder einzelne Sätze und murmelt sie vor sich hin, als wolle er sie sich nur gut genug einprägen. Vielleicht ist er Schauspieler oder Hörbuchsprecher, aber vielleicht hat auch seine große Schwester immer Recht und dieses Jahr am Heiligen Abend will er endlich einmal nicht stumm all ihrer Vorwürfe hinunterschlucken, sondern mit geschliffen-scharfen Sätzen dagegenhalten. Dann schläft er ein und ich sehe hinaus in die grauen Wolken, die sich ganz langsam in Zeitlupe fast, ein blaues Tuch über die Schultern legen. Ein blasses, ein heimliches Blau ist das und ich lege den Kopf gegen die Fensterscheibe. So ein blaues Tuch, das wäre schön.

Im Flugzeug sprechen alle Polnisch, für fast alle geht die Reise ab Berlin noch viele Stunden weiter. Aber die Frauen sind ausnahmelos schon alle festlich angezogen. Die Männer schweigen. Die Kinder fragen: „Sind wir schon da?“ Die schönste Frau des Flugzeuges trägt eine goldene Paillettenbluse und dunkelblaue, hohe Pumps. An ihren Ohrläppchen baumeln kleine rote Christbaumkugeln. Sie lacht und manchmal sieht sie sich vorsichtig um, ob wir sie wohl lachen sehen. Natürlich sehen wir sie.

Das Blau vor dem Fenster wird blass gegen sie und noch im grauen Berlin funkelt und glitzert und strahlt sie als sei eine Schwester der Sonne selbst. Vielleicht ist sie es ja.

In der Wohnung liegt zwischen Fenster und Tür noch die warme Hand des Sommers.Aber ich mache dann doch die Fenster auf. Dezemberluft. Der Sommer ist doch schon lange vorbei.Eine Handvoll Rosinen und Sonnenblumenkerne für meine alte Freundin die Wildtaube.Meine alte Freundin Wildtaube und ich schweigen.Auf der Badkommode steht noch das Reisenecessaire des Tierarzts.

Auf meinem Schreibtisch liegt eines seiner vielen Notizbücher.

Auf der ersten Seite steht Ankunft.

„Deutsch schöne Sprache, Mädchen?“

„Bist Du angekommen?“, frage ich im leeren Zimmer.

Meine Zeigefinger auf der ersten Seite.

Aber niemand antwortet mir.

Schon so spät denke ich.

Wie lange habe ich auf das Notizbuch gesehen?

Eine Stunde?

Eine Minute?

Es ist schon so spät.

Das Oldsmobile stottert zunächst, wir ähneln uns, das Auto und ich.

Der Zug der Mali-Tant hat Verspätung.

Ich stehe auf dem Bahnsteig.

„Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“, warnt eine Lautsprecherstimme.

Alle Reisenden halten ihre Koffer fester.

Ein Mann wühlt in einem großen Rimowa-Koffer.

„Inge, es geht um deine Mutter“, ruft er.

Aber das Geschenk bleibt vergessen.

Inge sagt: „Mensch, mach doch bloß den Koffer zu.“

„Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“,

schallt es wieder.

Neben mir steht ein Mann. Er sagt: „Tach, ick bin der Kalle. Ick hab hier det Magazin für Wohnungslose, ick will se ja nich nerven, ick seh ja wie se all voll im Stress sind….“

Ich kauf eine Zeitung und lege ein bisschen mehr dazu als sonst.

„Mensch, sagt Kalle, dit is aber, Mensch ick, sehn’se ick bin janz jerührt.

Er hält mir die Hand hin.

Frohe Weihnachten.

Frohe Weihnachten.

Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“, sagt die Lautsprecherstimme.

Dann kommt der Zug mit der Mali-Tant, Kater Mau und Jean.

„Geh Mädi, Du siehst aus wie die Trina Landauer, das Schaf, die sich hat einmal auf dem Balkon selbst ausgeschlossen fia a Nacht im Dezember und bis in den März gehustet hat sie. So ein Schaf ist die Trina Landauer gewesen.

Schön Dich zu sehen Mali sage ich und die Mali-Tant umarmt mich, obwohl ich genauso husten muss wie einmal die Trina Landauer.

Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“, sagt die Stimme noch einmal.

Wir fahren mit dem Oldsmobile langsam über leere Straßen. Die Mali schläft, der Jean schläft und Kater Mau schläft auch.

Als wir ankommen, sagt die Mali-Tant: Geh Mädi, ich hab nicht geschlafen.

Nein, sage ich Mali nein.

Die liebe C. hat Dienst.

Mein Vater sucht die Bienenwachskerzen.

Die Kinder umzingeln Kater Mau.

Schwesterchen kocht Kinderpunsch.

Jean küsst die Mali, schöner als im Hollywoodfilm.

Ich rolle mich auf dem alten, roten Sofa zusammen.

Alles ist ganz genau wie immer, denke ich.

Alles ist ganz anders, weiß ich.

 

 

47 thoughts on “Sonntag

  1. Liebes Fräulein read on,
    Ich wünsch Ihnen, dass Sie Weihnachten gut überstehen. Trotz allem! Und dass es schön wird, auch trotz allem. Alles liebe aus Berlin! Susanna

  2. Alles bleibt anders. Das ist das Furchtbare und das Tröstliche zugleich.
    Danke für die vielen Momentaufnahmen auch in diesem Jahr, die traurigen wie die fröhlichen. Sie ahnen oder wissen natürlich, dass „das Internet“ mit Ihnen weint und lacht. Der Tierarzt ist, wie auch die Mali-Tant, die liebe C., Ihr Vater, Schwesterlein und Familie mit Baby 1-5, Frau Rajasthani, Kälbchen, der Priester, die Frau des Krämers und ihre Tochter, die beste Chefin von allen, Auszubildende 1 und 2, der Herr Direktor der Mondsteinscheibenfabrik und die ungezählten Menschen wie der Zeitungsverkäufer, die niemand zu sehen scheint außer Ihnen, bei uns allen präsent und Sie haben sie in unsere Herzen geschrieben (ja, auch die Frau des Krämers). Danke. Ein warmes Fest, ein helles Jahr, und natürlich gute Besserung – das wünschen wir Ihnen.

  3. Die wunderbare Kiki hat es so schön gesagt, dass von mir nur ein heftiges Kopfnicken kommt. Habe gerade sowieso einen Kloß im Hals. Ich rede noch mit meinem Kater der vor 18 Monaten gestorben ist. Wie viel größer muss da das „Tierarzt- Loch“ sein. Alles Liebe Ihre Simone

  4. „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, was für ein wunderbares Buch. Überhaupt, John Irving.

    Liebes Fräulein, ich wünsche Ihnen, dass Sie Ruhe und Entspannung finden, dass Sie durchatmen und sich fallenlassen können, jetzt, wo so viele liebe Menschen um Sie sind, die Sie auffangen werden. Lassen Sie sich umsorgen und werden Sie bald wieder gesund. Von Herzen alles Gute.

      • Vielen lieben Dank!

        Ja, John Irving – manchmal dauert es ein bisschen, bis man in seinen Büchern „drin“ ist, aber es lohnt sich immer. Jedes Mal bewundere ich sein Wissen zum jeweiligen Thema, über das er gerade schreibt. Wieviel Recherchearbeit wohl dahintersteckt. Ein paar Dinge tauchen in seinen Romanen immer wieder auf (Bären, Wien, Ringen), ansonsten ist es immer wieder eine neue, komplexe, manchmal auch sehr verrückte Welt.
        Ich könnte jetzt noch viel schreiben und darüber ins Schwärmen geraten (Irving gehört definitiv die Hälfte meines Bücherherzens, die ich nicht an Sàndor Màrai verloren habe. Ich lese gern und viel, aber zu diesen Beiden komme ich immer wieder zurück), deshalb nur noch soviel:
        sollten Sie Irving doch noch eine Chance geben wollen – „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und „Owen Meany“ möchte ich Ihnen besonders ans Herz legen.

  5. Mögen die von Dir so zahlreich in den letzten Jahren ausgesandten guten Wünsche, Taten und Gedanken vielfach reflektiert wieder bei Dir ankommen – trösten, tragen.

  6. Ach wie traurig, ihr erstes Weihnachten ohne den Tierarzt. Ich hoffe die Gesellschaft ihrer Familie kann sie trösten. Ich wünsche ihnen trotz allem ein paar schöne Feiertage und gute Besserung! Fühlen sie sich umarmt! Liebe Grüße Rachel

  7. Liebes, kluges, anrührendes, inspirierendes, belesenes Fräulein Doktor: Alles Gute wünsche ich, Frieden, Geduld, Gemüt, Freude, uns allen, dir vor allem. Ich kommentiere hier nicht viel, aber ich lese alles mit Freude und Anteilnahme.

  8. Liebe Read-On, es ist gut, dass Sie nicht allein sind. Eine lärmende Familie hilft über so manches hinweg. (Ich weiß das, wir waren 5! Und wenn alle Kinder, Schwiegerkinder und Enkel bei den Eltern versammelt waren, dann kam man nur auf dem stillen Örtchen zur Ruhe.) Ich wünsche Ihnen frohe Tage mit Ihren Lieben und ein neues Jahr voller Liebe, in dem die Zuversicht wieder wachsen und Ihr Herz heilen kann. PaulineM

  9. Gesegnete Weihnachten wünsche ich Ihnen liebe ReadOn, die Sie immer diese wunderschönen Worte finden. Wenn ich mir etwas wünschen darf, dann dass Sie auch im kommenden Jahr diese schönen Worte finden werden. Auch über das was traurig ist, über das was weh tut. Wie duftet eigentlich Weihnachten? Sie lassen diesen Duft entstehen. Danke Ihnen. Ihnen wünsche ich eine gute Zeit, in der auch die Gedanken an den Tierarzt ihren Raum haben…G’tt segne Sie.

  10. Alles Liebe und Gute bei und mit der Familie. Aufgehoben sein ist wichtig. Erinnerungen auch. Der Tierarzt ist in allem präsent. Auch wenn es weh tut.

    Und weil es schon erwähnt wurde:
    „Trockne die Tränen, zieh deine Kreise.
    Der stille Weg folgt dem Sonnenaufgang leise.
    Und tanz den Tanz auf dünnem Eis…“
    (Herbert Grönemeyer, aus: Bleibt alles anders)

  11. Möge sich der ganze Himmel über Berlin in eine riesige Hühnersuppe verwandeln und sich Ihnen über die Füsse legen, auf das die warm werden und bleiben, und den Husten heil wird, und sie eine Halt finden, in den Lieben, die offensichtlich bei Ihnen sind. Was Sie nicht wissen, ist, dass Sie auch bei mir sind, nicht wie eine Hühnersuppe, aber wie ein Stein, den man mal irgendwo gefunden hat, und dann nicht wieder hergibt, weil er so schön ist, und weil er auch tröstet.

    • So ein Seelenbad aus Hühnersuppe klingt nach einem vortrefflich guten Plan! Ich bin sehr froh bei Ihnen stein sein zu dürfen und wünsche entspannte Tage!

  12. Was für ein wunderbarer Schluss. Fehlt ein Mensch – und bei mir sind es zwei – ist einfach nichts wie immer, wie könnte es…

  13. Fräulein – eine Extra-Kerze habe ich für Sie entzündet. Ihr Licht soll für Sie leuchten und die Flamme Ihr Herz warm halten. G’tt schütze Sie und die Ihren!

  14. Alles anders…und doch nicht. Sie sind doch alle da, alle. In Ihnen, liebe Readon, und auch in uns. Da leben sie alle weiter. Ein Wort, ein Ton, ein Klang…ein Geruch, und sie sind da,immer. Ihnen gute Besserung mit, bei und durch ihr liebsten Menschen. Wie gut, dass da Menschen sind, die da sind und auffangen und vor allem halten. Mein Mann und ich schicken Ihnen alle guten Wünsche! Sunni

  15. Eine frohe Zeit, trotz allem. Und danke für Ihre Zeilen, in denen sich Nachdenklichkeit, Poesie und Hoffnung oft ganz wunderbar mischen. Ich lese gerade eine 3-bändige Biographie von Kafka und muss immer wieder an Sie und Ihre Reise auf Kafkas Spuren denken. Das Leben ist doch ein ganz großes Abenteuer, mit Höhen und Tiefen, aber doch ein Abenteuer. Was für ein Glück, Teil davon zu sein! Ihnen auf jeden Fall alles Gute!

    • Schöne Weihnachtstage Ihnen! Ist das die Kafka Biographie von Stach? Ich beneide Sie heiß um das erste Lesen und wünsche ganz und gar versunkene Tage des Glücks!

  16. Liebe readon, so viele wundervolle Worte, alle so herzlich ausgewählt und voller guter Wünsche! Da schließe ich mich sehr gerne an und wünsche in auch von Herzen alles Gute 🙂 Julia

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