Ein kleiner, schwarzer Vogel und ein Baum.

Ein kleiner schwarzer Vogel sitzt neben mir auf dem Baum.

Kahl ist der Baum jetzt im November.

Der Baum legt sich vielleicht die Arme um die Schulter gegen den Wind und den Frost.

Der Wind ist schon da, der Frost kommt noch, sagt die Frau im Radio.

Die Frau im Radio ist die erste Stimme, die ich höre am Morgen. Kurz nach fünf Uhr ist es dann.

Die Stimme der Frau aus dem Radio ist die Stimme der Silberpappel.

In einem dunklen Studio sitzt die Frau aus dem Radio

und

Dunkel ist es auch in meinem Zimmer.

Ich nehme die Bluse vom Bügel und die Frau im Radio dreht die Seite mit den Nachrichten um.

Vielleicht sitzt ein kleiner, schwarzer Vogel neben ihr auf einem Ast und hört ihr zu.

Dann verschwindet ihre Stimme. Musik im Radio und ich stelle das Radio aus, suche nach dem Schal

Oder vergesse wonach ich suche.

Ob der kahle Baum wohl seine Blätter vermisst, frage ich mich viele Stunden später, da sehe ich aus

dem Fenster, zum ersten Mal, obwohl das nicht stimmen kann, denn ich sehe oft aus dem Fenster.

Aber nicht immer sehe ich den ausgezogenen Baum.

Ich sehe den Baum und sehe ihn nicht, das ist die Scham über die warme Jacke, das pinke Tuch, die dicken Socken, die festen Stiefel. Timberland steht auf dem Hacken und ich frage mich, ob die Schuhe, die ich trage nicht einmal Holzfällerschuhe waren.

Vor mir steht der entblösste Baum.

Entblössen ist ein furchtbares, deutsches Wort.

Meine Grossmutter und ich, wir hatten eine Liste schrecklicher Wörter.

Meine Grossmuter sagte zu ihren Patienten niemals: „Entblössen sie sich doch bitte.“

Meine Grossmuter sass stundenlang unter alten Bäumen und schwieg.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, weiche ich dem Baum aus.

Ich sehe Strommasten und Felder, grau, braun, metallisch-grau.

Nebelfetzen.

Oder sind es nicht doch Hochspannungsleitungen?

Ich bin zu müde um wirklich nachzusehen.

Die Frau im Radio irrt sich nicht.

Ich sehe die Fabrik.

Schnell wende ich die Augen ab.

Dann ertappe ich mich doch dabei wieder nach dem Baum zu suchen.

Alt ist der Baum, seine Jahre wiegen schwerer als meine Jahre.

Ein kleiner, schwarzer Vogel sitzt auf einem Ast.

Neben mir auf dem Baum sitzt ein kleiner, schwarzer Vogel.

Ein Augenzwinkern.

Seine Augen,

meine Augen?

Der Baum schweigt.

Der Wind lehnt sich gegen den Baum.

Ein grosser Baum und ein kleiner, schwarzer Vogel.

Der Baum gewinnt.

Noch.

Der kleine, schwarze Vogel liest dem Baum vielelicht den Wetterbericht vor.

Vielleicht weiss der Vogel etwas über die Frau im Radio.

Vielleicht singen sie dieselben Lieder bevor sie ein dunkles Studio faehrt.

Eine Lampe klickt. An und aus.

Dann die Stille.

Ihre Stille, meine Stille, die Stille des kleinen, schwarzen Vogels neben mir im Baum. Der Baum selbst

schweigt ja auch.

Treffen sich zwei oder drei oder vier, so fangen oft Witze an.

Ich kann fast nie darüber lachen.

Treffen sich zwei, drei oder vier schweigen fünf.

Hier vor und hinter dem Fenster schweigen wir lieber.

Recht hat der Baum und Recht hat auch der Vogel, ihre Geheimnisse gehen mich nichts an.

Auch nicht die Lieder der Frau aus dem Radio früh am Morgen.

Der Wind kommt zurück.

Immer kommt der Wind zurück.

Der Baum und der kleine, schwarze Vogel gehören zusammen.

Ich bleibe hinter dme grossen Fenster aus Glas.

Kleiner, schwarzer Vogel, will ich sagen, komm und nimm mich mit.

Aber schon ist der Vogel verschwunden, der Nebel schliesslich kommt dme Baum zu Hilfe,ein perlgrauer Schal um die Schultern des Baumes. Ein Schal mit langer Geschichte. Der Nebel schreibt seine Geschichten auf feines Seidenpapier, eine Handschrift aus Perlenketten, sagten die Lehrer damals in der Schule zum Nebel. Der Nebel nickt unbeirrt. Der Schal aus Nebel ist grösser als der Baum.

Der kleine schwarze Vogel ist auf und davon.

Die Frau im Radio sieht vielleicht aus dem Fenster in einen anderen Baum.

Ich sehe den Nebel und keinen Baum und keinen kleinen, schwarzen  Vogel mehr.

11 thoughts on “Ein kleiner, schwarzer Vogel und ein Baum.

  1. Mit viel Herz: (((((Fräulein Dr.))))) durch die Nebelperlenschnüre, die schwärzten Vogelfedern, auch das kleinste blattlose Ästchen, das schon die Knospen des nächsten Grün in sich wachsen spürt, die Lieder von Radiofrauen und Silberpappeln, wie ein Blick vom einen Glas durch das nächste, mit der Hoffnung, das solche Gedanken umarmen können.

  2. Dazu fällt mir sofort das Gedicht „Winternacht“ von Joseph Eichendorff ein :
    Verschneit liegt rings die ganze Welt
    Ich hab nichts was mich freuet
    Verlassen steht der Baum im Feld
    Hat längst sein Laub verstreuet.
    Der Wind nur geht bei stiller Nacht
    Und rüttelt an dem Baume
    Da rührt er seinen Wipfel sacht
    Und redet wie im Traume.
    Er träumt von künft’ger Frühlingszeit
    Von Grün und Quellenrauschen
    Wo er im neuen Blütenkleid
    Zu Gottes Lob wird rauschen.

  3. „Kleiner, schwarzer Vogel, will ich sagen, komm und nimm mich mit.“

    Ich kenne einige Menschen, die in der Anwesenheit eines solchen kleinen Vogels eine Art Trost-Bote sehen, der sich zeichenhaft zwischen den Welten bewegt.

  4. “… lieber Vogel , fliege weiter, nimm ein’ Gruß mit und ein’ Kuss. Ja ich kann dich nicht begleiten, weil ich hier bleiben muss.”

  5. Liebe Readon,

    Kürzlich bekam ich folgenden Text geschickt:

    „A friend lost her husband and I didn’t say anything. I went to college with both of them. She is a writer, and from hundreds of miles away I watched her blog as she shared her journey. It was beautiful. I didn’t say anything. There was a memorial in town. I didn’t go. I asked friends to send my regards. Deb even asked why I wouldn’t go. The answer was I felt presumptuous to call her a friend. And even more so her husband. I saw her at our reunion, just a couple weeks before Seamus died, I once again spent some fine hours with her. I still said nothing, offered no condolences. If she wanted to talk about it I’d be happy to, I told myself, I’ll follow her cue. When Seamus died my friend wrote another blog post. It was about reunion, and her husband, and friends, and saying goodbye, and Seamus and me. It was beautiful. I will never hesitate to call her a friend again. I am ashamed I did not acknowledge her grief. It was my fear of not knowing, of saying something wrong, of my inability to encompass an experience in my own mind and express it in any meaningful or helpful way. I had no words. I now know there are no words. There are connections.

    I pay someone weekly to talk with me. He’s got plenty of credentials and I appreciate him. He has years of clinical work behind him so when I say, “ This sucks,” he can confidently respond, “Yes it does.” He offers me comfort that my dystopic vision and physical pain are normative. Not normal. Normative. Meaning that others who have had their heart torn out and portions of their body shredded by the loss of such an amazing person feel similarly at this temporal distance from the moment the world exploded. So that’s helpful. But what he doesn’t say is it will get better. The best he’ll offer is less worse. He doesn’t have any words to help. He can’t take away my pain. And that is why my family doesn’t even bring it up and I can totally understand. They have no words. My shrink has no words. I have no words. So how can we speak?

    I hang out with a young friend a couple times a week; it’s pretty quiet. Seamus was one of his best friends. His dad was a pretty special person who touched a lot of folks. His dad had an accident less than a month after Seamus died, and died as school began anew. My young friend has trouble with school because no one talks about what has happened. It upsets him. He told me even his family and my family couldn’t completely understand; I and Deb and Winnie felt Seamus’s death, but weren’t as close to his dad as he was, his family shared part of his grief, but didn’t have his bond with Seamus. I agree with him. Wanting to help I said that I was available to talk anytime he wanted. He met my eyes and said, “okay.” Like, go ahead, start. I couldn’t. I had no words.

    It is less worse when people say how much Seamus meant to them. It is less worse when people share a story of Shmoo that I never knew or didn’t remember or even one that is in the front of my mind but thrills me to hear that others remember too. These words are meaningful. They are connections. I have lost a connection that was entwined joyously with every part of my being. Reminders that others were connected to him makes it less worse. I live in grief, and think about it all the time. Time thinking of Seamus in life is a gift, even if it does make me cry.

    I have a couple other friends who were entwined with my life at one point. They didn’t know Seamus or had only briefly met him. I have not been in touch with them for years, my loss. They can’t offer Seamus stories to console me. They truly have no words. They listen. They offer advice and then apologize cause how could they know. They make things less worse. They remind me that important connections still exists. That the whole world has not fled leaving me alone in a strange land that looks catastrophically familiar.

    How are you? is such a huge question that people shy from asking. It’s the most common question, if you include its derivatives, and thoughtful people are understandably afraid of it with me and my young friend and our families. They try to find alternatives that won’t trigger emotions or seem callouss.
    It has been a little over four months since Seamus died. I think of him almost every moment. I cry every day multiple times. Truthfully crying doesn’t hurt. I try to avoid it. I run every day (I hate running) just to escape it. But it is comforting to wail. I recognize him by screaming or sobbing or keening or whatever grade of pulmonary and ocular and audible spasm that wrenches forth from me. Little hint: you didn’t cause it. At most you pricked the precarious tension holding the flow of tears. The few words you had that preceded the flood did not create the flood. In all probability they were comforting or consoling, or brought back a memory that sent a positive jolt through my listless body giving me the strength to cry again.

    Maybe next time I’ll be braver, and speak to others when there are no words. I’ve been trying to talk to my young friend though I got nothing. After all, when you have no words, I still love to hear what you got. It’s a connection to life, even if it’s a life I don’t care to believe in.“

    Ich habe leider keinen Verfasser dazu, aber ich musste an sie denken… Diese Sprachlosigkeit. Sie hält einen wohl immer im Griff. Ich denke es war bei weitem nicht ihre erste Begegnung mit dem Tod (ihre Mutter vermute ich, ihre Zeit in Indien hat ihnen bestimmt auch unzählige Trauermomente beschert).
    Aber die Sprachlosigkeit die bleibt. Ich wünschte ich könnte sagen, dass es besser wird, aber das wird es doch nie. Es wird leichter, das waren die Worte die am meisten Wahrheit beinhaltet haben. Aber besser wird es doch nie. Man lernt damit zu leben, man lernt damit zu leben, aber besser wird es nie. Die die man verloren hat fehlen und niemand kann oder soll sie ersetzten.
    Ein Buch das für mich viele wahre Zitate enthält ist von Lewis: A Grief Observed.
    Es mag nicht ihre Religion sein, die seine ist – es ist auch nicht meine. Aber ich finde nicht, dass die Religion hier relevant ist, es geht um die Botschaft und die gab mir damal Trost. Vielleicht, dass man weiß, man ist nicht alleine in seiner Einsamkeit, den Trauer ist immer einsam. Vielleicht das Wissen, dass es Menschen gibt die verstehen. Auch wenn man wünscht, dass es niemand versteht, da man niemandem diesen Schmerz wünscht.

    Ich hoffe das Meer gibt ihnen immer wieder eine Umarmung und die Sonnenstrahlen fallen durch das Wasser, wenn sie den Kopf untergetaucht haben.
    Es wird nicht besser. Aber es wird leichter.

    Und geben sie sich niemals die Schuld an einer Krankheit, die alles auffrisst. Es mag Paradox sein, aber genau das tun alle Süchte nunmal schlussendlich, auch die Sucht, nach dem Nichts und Hunger.

    Alles Liebe wünsche ich ihnen. Ich hoffe der Tierarzt geht oft neben ihnen, steht neben ihnen, wenn sie an der Klippe stehen und das Meer besuchen, während ihnen beiden der Wind durch das Haar braust.

  6. ungeschützt im Wind stehen. Der Baum schaudert, aber er wurzelt tief und sein Winter ist die Zeit, in der er sich in seine Wurzeln zurückzieht, den Vögeln zuhört, den Wind spürt und sich in den Nebel schmiegt oder den Regen für sich weinen lässt. Liebstes Fräulein, eine Umarmung, ein Schweigen, ein Da sein biete ich an und warme Suppe. Eva

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