Wie mir Weihnachten einmal bedenklich nahe kam.

Es ist sehr früh. Also sehr früh. Alles ist dunkel. Also sehr dunkel.Selbst die weihanchstvernarrten Nachbarn haben ihren kreischbunten, blinkenden Weihnachtbaum ausgeschaltet. So dunkel ist es also. Wüsste ich es nicht besser, es glaubte mir keiner, dass hinter der Gardine eine Katze sitzt, die hämisch grinst, weil ich zur Arbeit muss und sie der Welt nichts schuldig ist. Ich seufze und die Finsternis raucht eine Pfeife. Feinster Nebeltabak, Hausverschnitt. Ich seufze noch einmal und lehne mich an die Bushaltestelle. Die Buhaltestelle liegt an einer vielbefahrenen Strasse. Aber so früh am Morgen klappert nur das Müllauto die Strasse hinunter.

Einmal hatte die Buhaltestelle vier Wände aus Glas. Aber die Wände gibt es schon lange nicht mehr. Bushaltestellenwände sind feinstes Mutprobenmaterial und so sind die Wände alle zerschlagen. Um Ersatz kümmert sich niemand. Die Mutproben sind ja erfolgeich verlaufen und wer so früh auf einen Bus wartet, dem ist doch sowieso nicht zu helfen und so stehe ich also im Wind und warte auf den Bus. Der Bus kommt nicht. Mein Fuss macht tapp, tapp, tapp gegen den feuchten Rinnstein. Im Rinnstein liegen Bierdosen, aufgequollene French Fries, ein abgebrochener Hacken eines Damenschuhs, eine alte Zeitung, ein verfaulter Salatkopf und ein Berg Mandarinenschalen- ja es wird wirklich Weihnachten.

Ich starre in den Müll und mein Fuss macht tapp, tapp, tapp, denn der Bus kommt nicht. Dann aber  höre ich ein Knattern. Was ist das nur für ein Knattern. Es ist kein Müllauto,es ist nicht der Bus, kein Flugzeug, sondern auf dem Fussweg da braust ein Motorscooter heran. Der Motorscooter knattert lauter, der Motorscooter ist alt, etwas rostig vielleicht und auf dem Motorscooter, der den Gehweg hinabbraust sitzt niemand anders als der Weihnachtsmann selbst. Vielleicht ist es auch ein Weihnachtsmann in Ausbildung denke ich mir, denn der Weihnachtsmann macht gar kein freidlich-feierliches Gesicht wie man es erwarten würde, sondern der Weihnachtsmann macht schon von weitem einen Recht verbiesterten Eindruck. Der Eindruck verstärkt sich noch je näher der Weihnachtsmann an mich heranknattert.

Seine Schuhe sind keine feinen Stiefel aus Rentierleder, sondenr durchgelaufene Turnschuhe besserer Jahre. Sein Mantel ist nicht aus prächtiger Seide mit Pelzbesatz, sondern ein dünner roter Flaus mit abgewetzten Stellen und sein Bart, ach wir wollen schweigen, denn es gibt Dinge, die sind so traurig, dass sie am besten sofort wieder vergessen werden. Wir leben bekanntlich in sparsamen Zeiten und während ich so den Weihnachtsmann auf seinem Motorrad beschaue, seufze ich und frage mich zum ersten Mal ob es wohl eine Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen gibt? Wer vertritt die Einhörner bei Beschwerden über mangelndes Heu? Gibt es Saisonnachteilsausgleiche für Osterhasen? Wer übersieht die Schichtpläne der Elfen und Trolle? Ist Schneewittchen privat versichert? Gibt es Vertragsbarbiere für Weihnachtsmännner? Wenig nur wissen wir über das himmlische Personal.

Dann aber kommt der Weihnachtsmann bedenklich näher und ich nehme Haltung an. Schon meine Grossmutter sagte, als Jude könne man gar nicht genug aufpassen und wer kann schon wissen, ob der Weihnachtsmann nicht an G*tt selbst berichtet, wie es sich mit den Erdenkindern so verhält.

Aber der Weihnachtmann auf seinem Motorroller würdigt meine Mühe um ein feierlich-festlich-besinnliches Gesicht nicht. Er schreit: F*ck off ya old owl. Brakes aren’t working und er meint wirklich mich. Ich mache einen Satz zur Seite, denn wie solle ich das der A. erklären, dass ich nicht nur am Shabbat den Lichtschalter bediene, sondern mich nun auch noch der Weihnachtsmann selbst ins Grab zu bringen sucht? Ich springe also so schnell und gut ich kann in den Rinnstein, denn der Bus kommt nicht. Der Weihnachtsmann erhebt eine Faust und schreit neue Gemeinheiten in meine Richtung, ich glitsche auf den Mandarinenschalen aus. Pardauz. Hohohoho macht der Weihnachtsmann und braust mit seinem Scooter weiter den Gehweg herunter. Er fährt Schlangenlinien. Ich rapple mich hoch. Die Strassenverkehrsordnung jedenfalls scheint für Fabelwesen nicht zu gelten.

Vom Weihnachtsmann bleibt nur eine Wolke aus Benzin zurück und sein schepperndes Hohohoho. In Sprechtraining jedenfalls inverstiert die Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen. Als ich die Fabrik erreiche, kreischt die Auszubildende: Fräulein Read On, an ihrem Mantel pappt Mandarine iiiiehhhh. Es weihnachtet eben sehr, sage ich zur Auszubildenden. Aber die Auszubildende schüttelt den Kopf. „Den Weihnachtsmann gibt es doch gar nicht.“ Während sie wild gestikuliert schreibt sie weiter an ihrem kilometerlangen Wunschzettel. Ganz oben steht auf ihrer Liste steht „Glitzereinhorn.“

Endnote

Thank you Jane, for letting me grow, for making me laugh so hard, for setting me free and keeping me close.

Mein Vater verliert seinen Pass. Wir suchen alle. Die liebe C. verzweifelt. Dann findet sich der Pass doch noch an. Mein Vater schwört er werde den Pass hüten wie seinen Augapfel. Zwei Minuten später suchen wir seinen Pass erneut. Die liebe C. versucht sich an Klebeflüchen. Eine kleine Königinnichte heult. Sie darf ihr blinkendes Zauberschwert, das gern bei Gelegenheit laut los scheppert nicht mit zur Urkundenverleihung nehmen. Meine Schwester bleibt unerbittlich. Die kleine Königin verflucht uns alle. Die Mali-Tant ruft an: „Geh Mädi, wenn du eh kos Kleid von Chanel host, denn kennst eh gleich nackert gehen.“ Ich weigere mich nackt meine Dissertationsurkunde in Empfang zu nehmen. Die Mali-Tant schnaubt empört. Mein Vater verliert die Einladungskarten für den Saalzutritt. Die liebe C. steht kurz vor der Verwandlung in eine Würgeschlange. Schwesterchen schüttelt den Kopf: „Ich habe sie ihm doch nur für zwei Minuten gegeben.“ Bébé No. 5 gluckst fröhlich vor sich hin. Im Kinderwagen finden sich gut angekaute Karten. Ich rase zur Universitätsverwaltung. Der Drucker gluckst nicht ganz herzig wie das fünfte Nichtenkind, aber dann sind doch alle Karten wieder da. Die liebe C. verweigert meinem Vater das Besehen der Karte. Ich wickle mich in eine Robe ein. Mein Neffe lacht: „Haus Slytherin“, sagt er und kringelt sich. Ich stecke ihm die Zunge heraus. Meine Schwester macht: „tsk, tsk, tsk“. Die liebe C. legt mir die Kette meiner Großmutter um den Hals. Ich muss schlucken. Die kleine Königin zieht die Kette eng um meinen Hals zusammen: „Zauberschwert murmelt“ sie finster. Ich schüttle den Kopf. Wutgeheul. Nichte No.3 ist verschwunden. Sie findet sich auf meinem Baum wieder an. Mein Vater ist sich nicht sicher, was er noch alles verloren hat. Mein Schwager konfisziert ein magisches Schwert.  Mein Neffe johlt: „Slytherin.“ Die liebe C. sucht meinen Vater. Mein Vater will nicht gefunden werden. Er hat eine alt Inschrift entdeckt und macht Notizen. Meine Telefon zeigt 15 verpasste Anrufe an. Es ist die Nummer der Mali-Tant. Das Telefon trifft das gleiche Schicksal wie das röhrende Zauberschwert aus Plastik. Dann scheucht mich eine Universitätsangestellte in einen langen Flur. Namenslisten. Ölbilder. Ui. Strenge Gesichter und ein Kugelschreiber mit Schluckauf. Alphabetischer Ordnungssinn. Wäre ich doch noch mal ins Bad gelaufen, denke ich mir. Zu spät. Die Robe ist schwer und schief. Läuft da nicht gerade Draco Malfoy vorbei? Habe ich die Robe richtig herum an? Na ja. „Können Sie mir mit der Fliege helfen?“, fragt mich ein Mann. Ich nicke. Kehlkopfgewürge. „Atmen Sie“, sage ich. Er lacht. Schon wieder wird durchgezählt. Wir stehen in einem weißgekalkten Flur. ALPHABETISCH GEORDNET. „Keiner tanzt aus der Reihe.“ Wir warten. Worauf? Eine Katze schleicht über den Flur. Sie sieht aus wie die vergrätzte Mali-Tant und die verärgerte Könginnennichte in Einem. Einatmen. Ausatmen. 2 Sekunden lang fällt mir der Titel meiner Doktorarbeit nicht mehr ein. Weiche Knie. Immer noch warten. Vielleicht kommt doch gleich einen strenge Headmistress? Der Mann mit der Fliege macht Kniebeugen. Egal, Hauptsache alphabetisch. Plötzlich liegt eine Hand auf meiner Schulter. Ganz unalphabetisch. Die Hand gehört der besten Chefin der Welt. Die Schulter gehört zu mir: „You’ve got notions!“, sagt sie, sagt diesen so irischen Satz, sagt ihn mir der Fremden und dann sehen wir uns an und das Lachen, mit dem Alles begann, vor ein paar Jahren, legt sich uns in die Arme. Damals stand ich auf von meinem Schreibtisch, um nachzusehen, wem dieses Lachen gehörte und dann stand sie da, ich tat so als hätte ich weder ihr Lachen gehört noch nach ihrem Lachen gesucht, aber schon hatte sie mich angesteckt und auch jetzt in der ernsten Stille des Flures da stehen wir und alles wird leicht, das Lachen hüpft zwischen uns hin und her, fährt ihr und mir durch die Haare und durch alle Jahreszeiten, dieses Lachen kommt mit Aplomb und einem Liederbuch, dreht eins, zwei, drei Pirouetten läuft die Treppe hinunter in den Saal hinein und ich die ich so fremd bin, auch zwischen Robe und Würde halte mich an diesem, ihrem, unserem Lachen fest, wie an einem Geländer, einer Überlandbrücke und dann, ganz am Ende lasse ich los.

Alles kann ein Lachen ändern.

Ein kleiner, schwarzer Vogel und ein Baum.

Ein kleiner schwarzer Vogel sitzt neben mir auf dem Baum.

Kahl ist der Baum jetzt im November.

Der Baum legt sich vielleicht die Arme um die Schulter gegen den Wind und den Frost.

Der Wind ist schon da, der Frost kommt noch, sagt die Frau im Radio.

Die Frau im Radio ist die erste Stimme, die ich höre am Morgen. Kurz nach fünf Uhr ist es dann.

Die Stimme der Frau aus dem Radio ist die Stimme der Silberpappel.

In einem dunklen Studio sitzt die Frau aus dem Radio

und

Dunkel ist es auch in meinem Zimmer.

Ich nehme die Bluse vom Bügel und die Frau im Radio dreht die Seite mit den Nachrichten um.

Vielleicht sitzt ein kleiner, schwarzer Vogel neben ihr auf einem Ast und hört ihr zu.

Dann verschwindet ihre Stimme. Musik im Radio und ich stelle das Radio aus, suche nach dem Schal

Oder vergesse wonach ich suche.

Ob der kahle Baum wohl seine Blätter vermisst, frage ich mich viele Stunden später, da sehe ich aus

dem Fenster, zum ersten Mal, obwohl das nicht stimmen kann, denn ich sehe oft aus dem Fenster.

Aber nicht immer sehe ich den ausgezogenen Baum.

Ich sehe den Baum und sehe ihn nicht, das ist die Scham über die warme Jacke, das pinke Tuch, die dicken Socken, die festen Stiefel. Timberland steht auf dem Hacken und ich frage mich, ob die Schuhe, die ich trage nicht einmal Holzfällerschuhe waren.

Vor mir steht der entblösste Baum.

Entblössen ist ein furchtbares, deutsches Wort.

Meine Grossmutter und ich, wir hatten eine Liste schrecklicher Wörter.

Meine Grossmuter sagte zu ihren Patienten niemals: „Entblössen sie sich doch bitte.“

Meine Grossmuter sass stundenlang unter alten Bäumen und schwieg.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, weiche ich dem Baum aus.

Ich sehe Strommasten und Felder, grau, braun, metallisch-grau.

Nebelfetzen.

Oder sind es nicht doch Hochspannungsleitungen?

Ich bin zu müde um wirklich nachzusehen.

Die Frau im Radio irrt sich nicht.

Ich sehe die Fabrik.

Schnell wende ich die Augen ab.

Dann ertappe ich mich doch dabei wieder nach dem Baum zu suchen.

Alt ist der Baum, seine Jahre wiegen schwerer als meine Jahre.

Ein kleiner, schwarzer Vogel sitzt auf einem Ast.

Neben mir auf dem Baum sitzt ein kleiner, schwarzer Vogel.

Ein Augenzwinkern.

Seine Augen,

meine Augen?

Der Baum schweigt.

Der Wind lehnt sich gegen den Baum.

Ein grosser Baum und ein kleiner, schwarzer Vogel.

Der Baum gewinnt.

Noch.

Der kleine, schwarze Vogel liest dem Baum vielelicht den Wetterbericht vor.

Vielleicht weiss der Vogel etwas über die Frau im Radio.

Vielleicht singen sie dieselben Lieder bevor sie ein dunkles Studio faehrt.

Eine Lampe klickt. An und aus.

Dann die Stille.

Ihre Stille, meine Stille, die Stille des kleinen, schwarzen Vogels neben mir im Baum. Der Baum selbst

schweigt ja auch.

Treffen sich zwei oder drei oder vier, so fangen oft Witze an.

Ich kann fast nie darüber lachen.

Treffen sich zwei, drei oder vier schweigen fünf.

Hier vor und hinter dem Fenster schweigen wir lieber.

Recht hat der Baum und Recht hat auch der Vogel, ihre Geheimnisse gehen mich nichts an.

Auch nicht die Lieder der Frau aus dem Radio früh am Morgen.

Der Wind kommt zurück.

Immer kommt der Wind zurück.

Der Baum und der kleine, schwarze Vogel gehören zusammen.

Ich bleibe hinter dme grossen Fenster aus Glas.

Kleiner, schwarzer Vogel, will ich sagen, komm und nimm mich mit.

Aber schon ist der Vogel verschwunden, der Nebel schliesslich kommt dme Baum zu Hilfe,ein perlgrauer Schal um die Schultern des Baumes. Ein Schal mit langer Geschichte. Der Nebel schreibt seine Geschichten auf feines Seidenpapier, eine Handschrift aus Perlenketten, sagten die Lehrer damals in der Schule zum Nebel. Der Nebel nickt unbeirrt. Der Schal aus Nebel ist grösser als der Baum.

Der kleine schwarze Vogel ist auf und davon.

Die Frau im Radio sieht vielleicht aus dem Fenster in einen anderen Baum.

Ich sehe den Nebel und keinen Baum und keinen kleinen, schwarzen  Vogel mehr.

Wie der November riecht

Der November riecht nach nach langen Regentagen, nassen Schuh und einer vermoderten Holzplanke in einer Senke. Der November riecht nach Fisch mit weisser Sosse und nach der ersten Mandarine. Ganz vorsichtig fällt die Schale der Mandarine in meine Hand. Noch einmal rieche ich den Sommer. Einen staubigen Marktplatz in Andalusien vielleicht und eine Frau, die aus einer Holzkiste Orangen verkauft, und jede Einzelne in feines, knisterndes Seidenpapier einwickelt. Der Saft der Mandarine tropft mir auf die Hand. Der November riecht nach Maronen in Zeitungspapier eingewickelt und Hirschhornsalz. Der November riecht nach einer knarrenden Schublade, die selten nur geoeffnet wird, zu viele Erinnerungen liegen im November. Nach einer Kellertreppe und frischem, weissem Kalk riecht der November, nach Pfefferminzpastillen und Anisbonbons in einem Tweed-Jackett riecht der November. Nach einem Kuchen mit einundvierzig Kerzen und Schokoladenglasur riecht der November, so eine grosse Schwester habe ich. Aber meine Schwester am Telefon lacht, sie findet sie sei noch immer Peter Pan.
Am Telefon singe ich ihr ein Lied und höre ihr zu, wie sie die Kerzen auspustet.

Der November riecht nach Gemüsesuppe, nach Pastinaken und natürlich nach meinem Erzfeind Sellerie. Der November riecht nach frischgestrichener Wand und feuchter Erde, um die Rosen herum im kleinen Garten von M. Der November riecht Dieselmotoren an einem Kai im Westen von Irland, nach harter Arbeit und schwieligen Händen eines Fischers und seinem Netz. Kaum habe ich ihn gesehen im Nebel, der über dem Hafen liegt. Er schweigt und ich schweige. Im November hat die Stille, die hoeheren Rechte. Der November riecht nach Schuhputzcreme und Lederfett, nach dem dicken Daunenbett, das liegt in der Kommode neben dem Lavendel aus, aber vom Lavendel rieche ich im November nichts. Nach Efeu riecht der November und kalten Kirchen in denen ein Chor übt, viele Stunden lang. Am Ende der Probe haben die Sänger rote Wangen und haken sich unter den Armen ein, so als trüge die Musik sie witer durch den stillen Abend.

Der November riecht nach Temperaursturz und klammen Pyjamabeinen am Abend. Die Wäsche trocknet auch nach einem ganzen Tag auf der Leine kaum. Der November riecht nach der Müdigkeit der Sonne und der Schlaflosigkeit des Mondes, nach verblichenen Liebesbriefen und unbezahlten Rechnungen riecht der November und nach verschimmeltem Brot im weissen Kasten. Der November riecht nach Stachelbeeren im Glas und tropfendem Honig, von der Messerspitze hinunter auf einen Wecken. Der November riecht nach Kutscherhaus und Laterne. Lady Chatterly müsste ich einmal wieder lesen, denke ich mir, aber das Buch liegt irgendwo anders, aber nicht neben mir. Nach Stew auf dem Ofen am Sonntagabend riecht der November, noch immer nach Werther’s Echten in der schwarzen Handtasche meiner Grossmutter, die heute meine Handtasche ist. Das letzte Konzert mit ihr fiel auf einen Novembertag. Werther’s Echte lutsche ich nie und habe sie doch immer in der Tasche.

Der November riecht nach Massnahmenpaketen und Chlor im Schwimmbad, nach Salbei für den ersten Husten, der muss natürlich auf einen Freitag im November fallen. Der November riecht nach dem Unerfüllten, dem zu sehr gewünschten und immer, immer dem Unerreichten. Der November riecht nach mit Zeitungspapier ausgestopften Schuhen und nach feuchten Schaf überall. Der November riecht nach leeren Betten, nach dünner Milch und den mürben Äpfeln oben auf dem Boden. Es reicht noch einmal für einen Apfelkuchen mit warmer Sahne und die Katze schnurrt eine ganze, halbe Stunde lang. Der November riecht nach dem verbrannten Daumen am heissen Backblech. Au weh. Der November riecht nach tropfenden Tannen und Brandy, ein Mann zerdrückt mit seiner Hand den Stiel des bauchigen Glases. Es gibt nichts, was nicht passiert im November, denke ich mir.

Der November riecht nach dünnem Eis.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.