Der letzte Tag im alten Jahr

Das letzte Mal in diesem Jahr gähnen früh am Morgen auf dem Balkon.

Das letzte Mal in diesem Jahr Kaffee aus der grün-gestreiften Tasse, die ich so mag, weil sie so weich und leicht in den Händen liegt.

Das letzte Mal in diesem Jahr meiner alten Freundin Wildtaube einen Teller mit Rosinen hinstellen. Der Teller hat keinen Sprung mehr am Rand. Freunde soll man wie Könige behandeln, habe ich gelernt in diesem Jahr.

Die alte Freundin Wildtaube ist eine treue Freundin auch an diesem letzten Tag im Jahr.

Das letzte Mal in diesem Jahr eine Tüte Saftorangen kaufen. Dunkelrot sind die Orangen unter der Haut. Wie jedes Jahr vor dem Biomarkt Hupkonzerte und erhobene Fäuste. „Blödmann“ heisst es und „Ziege“. Der Mensch, auch der Mensch der Eier von glücklichen Hühnern kauft, ist dem Frieden nicht gewachsen.

Der Verkäufer im Biomarkt trägt schräg auf dem Kopf ein goldenes Papiermaché Hütchen. Ich weiss nicht, ob es etwas Trostloseres gibt als die Luftschlangen aus Papier und die Hütchen, die davon doch nicht ablenken können, dass ein Mann sich beschwert über das mangelnde Vorhandensein eines Weines, den die Schwiegermutter so gerne trinkt. „Ausgerechnet Silvester“, sagt der Mann mit bösem Blick. Der goldene Hut verrutscht. Der Mann an der Kasse ruft nach Frau Meier. Frau Meier weiss über die Bestände des Lagers Bescheid. Aber der Mann hat genug, er packt seine Tasche und geht ohne Wein. „Frohes Neues“, sagt der Verkäufer. „Dank Ihnen ja nicht mehr“, zischt der Mann.

Der goldene Hut wackelt.

Meine Großmutter sagte Altjahresabend zu diesem letzten Tag im Jahr. Dunkel ist es ja ohnehin. Sie lächelte spöttisch, das tat sie ja immer, berichtete ihr Frau B. von ihrem festen Vorsatz in diesem Jahr doch wirklich ein Haushaltsbuch führen zu wollen. Denn Frau B. Gab jedesmal am 10. Jänner diesen Vorsatz wieder auf. Sie nickte mit dem gleichen Spott über die rosigen Schweine aus Marzipan und stellte sie irgendwo ab, wo sie keiner mehr fand. Sie hielt nichts von der großen Bilanzabrechnung am Ende des Jahres. Kindereien waren ihr das. Der Mensch fand sie erinnerte sich nur an das, woran er sich erinnern wollte und vergesse alles was ihn dabei stören könne.

Erst Jahre später, da begriff ich, dass das Ende eines jeden Jahres sie ein Stück weiter forttrug von ihrem Vater, der Mutter, den Geschwistern, auf die sie wartete beharrlich und vergeblich in jedem, neuen Jahr.

Altjahresabend sagte sie und erzählte mir Jahr für Jahr die Geschichte wie bei Familie G. ein Tischfeuerwerk erst den Tisch und dann die Familie ins Wanken brachte.

Zum ersten Mal in diesem Jahr kaufe ich Krapfen für den Besuch am Abend.

Das letzte Mal in diesem Jahr herunter zum See. Dem See sind die Jahre gleich, der See schimmert grau, ein graues Wachstuch, die Bäume am Ufer sind kahl und warten und warten, sie warten wie wir, die wir glauben in dieser letzten Nacht änderte sich doch etwas. Der See schüttelt den Kopf und irgendwo auf dem Grund wartet der Nöck auf den Frost. Der Nöck hat Zeit.

Das letzte Mal in diesem Jahr in der Buchhandlung gewesen. Der Buchhändler trägt einen schönen gelben Pullover. Kanariengelb. Auf dem Einpackpapier des Buches sind rote Vogelbeeren.

Zum letzten Mal in diesem Jahr eine Karte in den gelben Postkarten an der Ecke geworfen.

Zum letzten Mal in diesem Jahr die lange Straße hinuntergelaufen zu mir nach Haus.

Jetzt aber schnell, die D. bringt doch ihren Hund vorbei. Der Hund fürchtet sich vor den lauten Böllern und kreischenden Raketen. Hier draussen im Wald aber ist es auch ganz am Ende des letzten Tages still.

Auch am letzten Jahr des Tages bin ich fast schon wieder zu spät.

Aber die D. lacht nur. Glück gehabt.

Der Hund schläft und ich kürze die Rosen. Das ist der letzte Strauss in diesem Jahr.

Zum letzten Mal in diesem Jahr drehe ich mich um und rufe über meine Schulter.

„Tierarzt, kannst Du bitte.“ Aber der Tierarzt kann nicht mehr.

Die Verluste dieses Jahres werde ich mitnehmen für viele, neue Jahre.

Selbstverständlich ist nichts mehr nach diesem Jahr.

Zum letzten Mal in diesem Jahr die Hand auf die Rinde des alten Birnbaumes legen drunten im Garten.

Zum letzten Mal in diesem Jahr eine Platte auf den Plattenspieler legen.

Wie alle Jahre endet auch dieses Jahr mit Johann Sebastian Bach.

Ein letztes Mal also eine Platte auf den Plattenspieler legen.

Concerto für Oboe und Violine BWV 1060 heisst das Stück.

Ein Stück wie ein Strauss roter Gladiolen schrieb der Y. auf die Hülle der Schallplatte.

Ein schöner, letzter Satz für den letzten Tag im alten Jahr.

Danke für Ihr Lesen, für Ihre Kommentare, für Ihre Geduld und Ihr Interesse an diesen meinen Notizen eines weiteren Jahres. Ich freute mich blieben Sie sich und auch mir gewogen im kommenden Jahr.

Auf der Suche nach Thomas Mann-Halle an der Saale

Ich bin noch nie in Halle gewesen. Halle ist eine alte Universitätsstadt an der Saale. Dabei bin ich doch in so vielen Städten zwischen Prag und Brünn gewesen, die man nur schwer auf einer Landkarte findet. Halle findet man ganz leicht auf der Landkarte zwischen Magdeburg und Dessau.

Ich bin schon oft in Halle gewesen, denn kein Buch lese ich öfter als Doktor Faustus und Thomas Mann schickt Adrian Leverkühn und auf Umwegen auch Serenus Zeitblom zum Studium nach Halle. Halle ist keine Großstadt, aber eine große Stadt, schreibt er und endlich gehe auch ich ganz wirklich vom Bahnhof hinunter zum Marktplatz. Thomas Mann selbst war 1921 während einer Lesereise in Halle. Er war denkbar schlechter Laune- Das Hotel Stadt Hamburg schien ihm schlecht und die Anzahl der Verehrerinnen entnervte ihn auf das Äußerste. Lange blieb er nicht in jenen Februartagen, sondern fuhr weiter, er hatte eine Einladung beim Prinz zu Meiningen zum Tee.

Dabei sind wir eigentlich wegen Gustav Klimt hier, oder die Anderen sind vor allem wegen der goldenen Bilder aus Österreich hier. Aber ich bin es nur zu einem Viertel, obwohl ich doch Klimt sehr liebe.

Aber dreiviertel von mir sind auf der Suche nach Thomas Mann. Man muss nicht lange suchen, den Marktplatz findet man auch, wenn man sich so schnell verläuft wie ich. Im gleißenden Licht Kaliforniens hat Thomas Mann jenen Roman geschrieben, der vielleicht doch der wichtigste Roman des 20. Jahrhunderts ist.

Heute aber ist noch immer Weihnachtsmarkt. Buden mit Glühwein, Socken und Harzer Blasenwurst stehen eng gedrängt neben einem bunten Karussell. In einer Bude wird ungarischer Lángos verkauft, aber die Verkäuferin sieht jener Esmeralda nicht ähnlich, der Leverkühn später nach den Hallenser Jahren unweigerlich verfiel. Die Lángosverkäuferin hat müde Augen. Der Sockenverkäufer übertönt alle, selbst das Karussell und den Vater, der schreit: „Torben-Leonhard jetzt guck doch in die Kamera, aber der Sohn schluchzt und klammert sich verzweifelt an einem Karusselltiger fest. „In die Kamera“, schreit der Vater, aber der Sockenverkäufer gibt nicht nach. Drei Paar, zehn Euro, meine sehr verehrten Damen und Herren. Was für ein super-duper Preis. Ich bin schon weiter, denn auf der gegenüberliegenden Seite des Marktes, ein bisschen an die Seite gedrückt durch einen hässlichen Neubau, da findet man es jenes „gegiebelte Bürgerhause am Marktplatz“ in dem Adrian in einem Zimmer mit Alkoven als Untermieter einer älteren Beamtenwitwe lebte.

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Vermutlich das Haus mit Alkoven, in dem Adrian Leberkühn, die zwei Jahre seines Studiums in Halle verbrachte.

 

Und wirklich steht man am Eingang des Hauses, das heute ein Bankfiliale ist, dann sieht man ganz exakt so wie Thomas Mann es im Buch beschreibt: „das mittelalterliche Rathaus, die Gotik der Marienkirche, zwischen deren gekuppelten Türmen eine Art von Seufzerbrücke geht, den frei dastehenden Roten Turm und die Bronzestatue Händels.“

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Blick vom Haus Leverkühn auf das Hallenser Rathaus

 

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Blick auf den roten Turm und die Kirche mit Seufzerbrücke

Ich stehe da lange, die Anderen sehen sich Halle an und warte. Wer weiß denn schon, ob nicht doch der saftige Ehrenfried Kumpf, der so vortreffliche Vorlesungen hielt nicht doch eine gebrannte Tüte Mandeln kaufte, die doch seinem Sinne nach auch G*ttesgabe wären, warte auf einen Studenten aus der Verbindung Winfried, der heute alt zwar, aber das heißt noch nichts Salzgurken einholte, aber vor allem warte ich auf jenen Eberhard Schleppfuss, jenem dämonischen Verführer, der einen ist man ihm nur einmal begegnet, nie wieder loslässt. Schleppfuss mit seinem schwarzen Mantel und dem Hut mit eingerollter Krempe, von dem man nie genau sagen konnte, ob er nun wirklich den Fuß nachzog oder nicht. Schleppfuß, der sich verbeugte tiefer noch als sein Gegenüber, nur um sagen zu können: „Ganz ihr ergebener Diener.“

Ich stehe an der Ecke und warte und natürlich kommt niemand.

Dafür kommt eine Mutter mit einem Buben an der Hand, der einen kleinen Hubschrauber in den Händen hält. „So nicht Freund Blase“, ruft sie und ich wundere mich über diese Wendung. Wer ist wohl dieser Freund Blase mit dem sie hier schimpft? Der Bub jedenfalls lässt den Helikopter fliegen und seine Mutter trifft eine Freundin und ist dann besserer Dinge. Ein alter Mann steht neben einer Musikanlage und tanzt zu Discopop. Ein paar Leute lachen, aber einige Leute werfen auch Geld in einen alten Pappbecher. Der Mann tanzt. „Wir müssen weiter“, sagt die liebe C. und ich laufe ihr hinterher. Jetzt doch Klimt. Endlich Klimt. Klimt ist strenger hier in der Moritzburg als im süßen Wien. Leicht ist Klimt auch hier in Halle mit seiner historisch-pietistischen Luft. Ich habe eine große Schwäche für Klimt, der doch bei seiner Mutter lebte und mit fast allen Frauen schlief, die es wollten.
Das ist das Seltene bei einem Mann, dass er die Frauen hinterher nicht für seine Lust bestrafte, denn das können viele Männer gut, aber er malte sie alle immer nur noch viel schöner. Mehr Gold, mehr Grün, mehr Blau, von allem immer noch mehr. Er, der die Frauen liebte und sich niemals schämte, dass er Frauen liebte, bleibt eine große Ausnahme auch noch 100 Jahre nach seinem Tod. Hier in Halle treffe ich auch Eugenie Primavesi wieder, deren Haus doch in Olmütz auf eine bessere Zukunft ist. So ist das mit den alten Habsburger Geschichten. Irgendwann trifft man sich immer wieder.

Die Anderen mögen nach Klimt, Kaffee aber ich mag lieber noch einmal zum Markplatz gehen. Es ist schon ganz dunkel und noch einmal sehe ich mit dem Blick von Adrian Leverkühn über den Marktplatz herüber. Ein Hund namens Sascha hört nicht. Eine Gruppe Mädchen fischen Dose um Dose voll Energydrinks aus ihren Jacken. Fünf junge Männer zeigen sich ihre Einkäufe. Nike hat reduziert. Nike riecht nach großer Welt. Eine Frau hat den Arm voll roter Gladiolen. Dann sehe ich ihn doch. Langsam kommt ein älterer Herr langsam über den Marktplatz gelaufen. Einen langen schwarzen Mantel trägt er, wenn auch ohne silberne Schnalle und einen schwarzen Hut, aber rund und mit kurzer Krempe und wirklich bin ich nicht sicher, ob er den linken Fuß wohl etwas nachzieht oder ich nur will, dass er es tut. Einen Augenblick zu lang für die völlig Fremden die wir sind, sieht er mich an, aber er murmelt keinen Gruß und schon ist er in einer vielen Hallenser Gassen verschwunden.

Dann aber legt die liebe C. mir den Arm auf die Schulter. „Komm“, sagt sie wir müssen gehen. Ich weiß nicht wie lange sie schon gewartet hat. Was sie wohl denkt, frage ich mich, als wir schließlich zusammen den Anderen folgen, über die Familie in die hier geraten ist? So viele Jahre sieht sie mir schon dabei zu, wie ich etwas suche, was es niemals wieder geben wird und niemand hält dieses Suchen, das ich in mir trage mit so viel Geduld aus wie sie, die meine kalte Hand in ihre warmen Hände legt.

Aber wenn auch Sie durch Halle wandern, so sehen Sie doch einmal beim Hallenser Dom vorbei, den ich immer nur von Lionel Feinigers Bildern kannte und dann ist er doch ganz wirklich und echt und von dem gleichen Zauber, die in Feinigers Hallenser Stadtansichten liegt.

Es lebe die Besinnlichkeit!

Die Mali- Tant erzählt den Nichten vom Simmeringer Blutsonntag.

Die Nichten kauen Königsberger Marzipan und erschauern wohlig.

Es soll Familien geben in denen das Morbide von Kindern ferngehalten wird, bei uns im Wohnzimmer sitzt mein Vater und erörtert mit meinem Neffen die Selbsttötung Senecas.

Mein Schwager erzählt mir vom Tod seiner ersten Schildkröte. Sie hieß Jenny und starb während einer Weihnachtsansprache der Queen in einem Wohnzimmer in North London. Mein Schwager kann seit jenem Tag die Queen nur mehr mit feuchten Augen reden hören.

Ich verspreche die Vorhaltung genügender Taschentücher.

Die liebe C. diskutiert mit ihrer Freundin der D. perforierte Blinddärme. Die beiden kichern auf das Allerlieblichste und verzehren fröhlich knuspernd den Mohnstollen der Mali-Tant.

Kater Mau da bin ich mir sicher spräche, wenn wir nur Kätzisch könnten von lange Nächten mit fetten Mäusen.

Der Jean liest in der Zeitung die Todesfälle nach.

Ich huste.

Mein Vater und mein Schwager blind verkosten Marzipan.

Die liebe C. erzählt von einem Patienten, der einmal ein Marzipanschwein quer in der Luftröhre stecken hatte.

Die Marzipantester lässt das kalt.

Das Königsberger Marzipan von Sawade führt.

Die Mali-Tant findet, es sollte doch jetzt auch einmal ein bisschen Musik geben, der Besinnlichkeit wegen.

Ich huste und setze mich ans Klavier.

Ich stimme: „Oh Du Fröhliche“ an.

Das stößt auf großes Missfallen.

Das Lied sei doch sehr fad.

Die Königin-Nichte schreit: „Spiel Meckie Messer.“

Ich huste und spiele Meckie Messer.

Bébé No. 5 gluckst selig ob dieser fröhlichen Reigen.

Der Jean tritt neben das Klavier und flüstert mir etwas ins Ohr.

Ich huste und spiele: „Tauben vergiften.“

Der Jean und die Mali-Tant singen schöner noch als Kreisler.

Donnernder Applaus.

Kater Mau fragt sich, ob Mäuse wohl nach dem Giftmord wohl noch verzehrlich seien. Vielleicht bei 180 Grad und Preiselbeermus?

Die Mali-Tant braucht ein Glaserl Champagner.

Mein Vater, mein Schwager und mein Neffe stellen die Catlinarische Verschwörung nach.

Die liebe C. schleift die Messer nach.

Die Nichten beschließen im Garten eine Räuberbande zu gründen.

Ich huste.

Die Kinder schreien Zeter und Mordio, die römischen Verschwörer essen Walnusseis, die Mali-Tant liest Bébé No. 5 eine Gespenstergeschichte vor. Bébé No. 5 gluckst vergnügt.

Schwesterchen erzählt Brexit-Geschichten. Wir alle erschauern.

Die Mali-Tant findet auf so viel Besinnlichkeit gehöre jetzt doch ein Stück Lachs, mit scharfem Meerettich und einer Scheibe Pumpernickel.

Ich huste.

Mein Vater sucht die Knallbonbons.

Ich wünsche Ihnen von Herzen wunderbare, besinnlich-wilde, heitere Weihnachtstage. Geben sie auf sich acht und lassen Sie sich bekümmern, ich hoffe wir alle sehen ein bisschen mehr Licht als sonst.

Schön, dass Sie hier sind.

A very, merry Christmas to you all!

Sonntag

Der Wecker zeigt 4.30 Uhr.

Das Fieberthermometer zeigt 38,3 Grad Celsius.

Meine Füße zeigen Widerwillen gegen die Uhrzeit und gegen die kalten Dielen.

Das luggage holdall ist schon gepackt.

In den Rucksack müssen noch Pass, Portemonnaie, zehn Mince Pies, das Schlüsselbund und die Zeitung von gestern.

Habe ich den Schlüssel wirklich eingepackt?

Mir ist kalt und heiß und dann wieder kalt.

Die M. schläft noch.

Leise also.

Die Katze und der Hund sind schon urlaubsverschickt.

Das Haus atmet leise.

Die Straße atmet leise.

„Tierarzt kommst du“, flüstere ich und dann verschlucke ich den Satz wieder.

Der Tierarzt kommt nicht mehr die Treppe hinunter.

Die Tür fällt ins Schloss.

Es regnet.

Ich tappe in eine zu große Pfütze.

Auch das noch.

Im Flugzeug liest der Mann neben mir G*ttes Werk und Teufels Beitrag.

Er unterstreicht immer wieder einzelne Sätze und murmelt sie vor sich hin, als wolle er sie sich nur gut genug einprägen. Vielleicht ist er Schauspieler oder Hörbuchsprecher, aber vielleicht hat auch seine große Schwester immer Recht und dieses Jahr am Heiligen Abend will er endlich einmal nicht stumm all ihrer Vorwürfe hinunterschlucken, sondern mit geschliffen-scharfen Sätzen dagegenhalten. Dann schläft er ein und ich sehe hinaus in die grauen Wolken, die sich ganz langsam in Zeitlupe fast, ein blaues Tuch über die Schultern legen. Ein blasses, ein heimliches Blau ist das und ich lege den Kopf gegen die Fensterscheibe. So ein blaues Tuch, das wäre schön.

Im Flugzeug sprechen alle Polnisch, für fast alle geht die Reise ab Berlin noch viele Stunden weiter. Aber die Frauen sind ausnahmelos schon alle festlich angezogen. Die Männer schweigen. Die Kinder fragen: „Sind wir schon da?“ Die schönste Frau des Flugzeuges trägt eine goldene Paillettenbluse und dunkelblaue, hohe Pumps. An ihren Ohrläppchen baumeln kleine rote Christbaumkugeln. Sie lacht und manchmal sieht sie sich vorsichtig um, ob wir sie wohl lachen sehen. Natürlich sehen wir sie.

Das Blau vor dem Fenster wird blass gegen sie und noch im grauen Berlin funkelt und glitzert und strahlt sie als sei eine Schwester der Sonne selbst. Vielleicht ist sie es ja.

In der Wohnung liegt zwischen Fenster und Tür noch die warme Hand des Sommers.Aber ich mache dann doch die Fenster auf. Dezemberluft. Der Sommer ist doch schon lange vorbei.Eine Handvoll Rosinen und Sonnenblumenkerne für meine alte Freundin die Wildtaube.Meine alte Freundin Wildtaube und ich schweigen.Auf der Badkommode steht noch das Reisenecessaire des Tierarzts.

Auf meinem Schreibtisch liegt eines seiner vielen Notizbücher.

Auf der ersten Seite steht Ankunft.

„Deutsch schöne Sprache, Mädchen?“

„Bist Du angekommen?“, frage ich im leeren Zimmer.

Meine Zeigefinger auf der ersten Seite.

Aber niemand antwortet mir.

Schon so spät denke ich.

Wie lange habe ich auf das Notizbuch gesehen?

Eine Stunde?

Eine Minute?

Es ist schon so spät.

Das Oldsmobile stottert zunächst, wir ähneln uns, das Auto und ich.

Der Zug der Mali-Tant hat Verspätung.

Ich stehe auf dem Bahnsteig.

„Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“, warnt eine Lautsprecherstimme.

Alle Reisenden halten ihre Koffer fester.

Ein Mann wühlt in einem großen Rimowa-Koffer.

„Inge, es geht um deine Mutter“, ruft er.

Aber das Geschenk bleibt vergessen.

Inge sagt: „Mensch, mach doch bloß den Koffer zu.“

„Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“,

schallt es wieder.

Neben mir steht ein Mann. Er sagt: „Tach, ick bin der Kalle. Ick hab hier det Magazin für Wohnungslose, ick will se ja nich nerven, ick seh ja wie se all voll im Stress sind….“

Ich kauf eine Zeitung und lege ein bisschen mehr dazu als sonst.

„Mensch, sagt Kalle, dit is aber, Mensch ick, sehn’se ick bin janz jerührt.

Er hält mir die Hand hin.

Frohe Weihnachten.

Frohe Weihnachten.

Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“, sagt die Lautsprecherstimme.

Dann kommt der Zug mit der Mali-Tant, Kater Mau und Jean.

„Geh Mädi, Du siehst aus wie die Trina Landauer, das Schaf, die sich hat einmal auf dem Balkon selbst ausgeschlossen fia a Nacht im Dezember und bis in den März gehustet hat sie. So ein Schaf ist die Trina Landauer gewesen.

Schön Dich zu sehen Mali sage ich und die Mali-Tant umarmt mich, obwohl ich genauso husten muss wie einmal die Trina Landauer.

Auf dem Bahnhof befinden sich professionelle Bettelbanden“, sagt die Stimme noch einmal.

Wir fahren mit dem Oldsmobile langsam über leere Straßen. Die Mali schläft, der Jean schläft und Kater Mau schläft auch.

Als wir ankommen, sagt die Mali-Tant: Geh Mädi, ich hab nicht geschlafen.

Nein, sage ich Mali nein.

Die liebe C. hat Dienst.

Mein Vater sucht die Bienenwachskerzen.

Die Kinder umzingeln Kater Mau.

Schwesterchen kocht Kinderpunsch.

Jean küsst die Mali, schöner als im Hollywoodfilm.

Ich rolle mich auf dem alten, roten Sofa zusammen.

Alles ist ganz genau wie immer, denke ich.

Alles ist ganz anders, weiß ich.

 

 

Woanders ist es auch schön

Ein grossartiger, ein persönlicher, ein bewegender Text über das Ruhrgebiet. Ein grossartiges Blog ist es ohnehin.

In Berlin lebe ich nur wenige Meter vom Haus Jochen Kleppers entfernt und immer im Dezember wird das Herz mir besonders schwer. Frau Arboretum erinnert an Jochen, Johanna und Renate Klepper und empfiehlt eine sehr sehenswerte Dokumentation über die Familie.

Herr Buddenbohm macht sich wie so oft sehr kluge Gedanken über Geschichten und Szenen.

Die großen Konsequenzen des Brexits einmal im Kleinen, das dann doch gar nicht so klein ist besehen.

Julia Karnick ist wütend. Mit Recht, wie ich finde.

Jetzt aber doch ein bisschen Weihnachtshachseufz

Gilbert Grape.

 

Ich liebe Mahalia sehr und ich erinnere mich noch sehr gut an mein neunzehnjähriges Ich, wann immer ich ihr zuhöre.

Geschichten erzählen als Maßeinheit

Seit ziemlich genau fünf Jahren gibt es dieses Blog. Mehr oder weniger regelmässig sitze ich mit einem alten Notebook auf den Knien auf einem Sofa, einem alten Sessel oder der Bettkante und schreibe etwas auf. Notizen, Eindrücke, Erinnerungen, schlechte Träume, gute Begegnungen, verfehlte Liebschaften, bockige Kälber, traurige Menschen, glückliche Seebäder und Franz Kafka. Es sind Momentaufnahmen, Rückblicke, Wahrnehmungen, Blickpunkte oder Fragezeichen. Es sind immer Geschichten. Geschichten schaffen, so ist es meine Überzeugung eine Distanz zur Welt, sie sind Maßband meiner Erfahrungen, sie sind Gartenzaun zu meiner Person, Geschichten sind Maßeinheiten für Verständnis und für die Fähigkeit sich eine Sache auch einmal von einer ganz anderen Seite aus anzusehen.

Noch in keinem Jahr ist es mir so schwer gefallen hier zu schreiben, wie in diesem. Das Ganze hat mit einer Nachricht, die als süsses Bonbon verpackte Drohung war, einer wohl angeblichen schwedischen Dame zu tun, die mir mitteilte, ich löge, dass sich die Balken biegen und sie in ihrer ganzen Größe würde mir nun das Handwerk legen, hätte mich und mein Tun entlarvt und sähe sich nun gezwungen mich anzuzeigen-bei den Goldenen Bloggern nämlich. Gemeldet hat die Dame aus dem schönen Land Schweden sich danach nicht mehr, schwedische Damen sind vorsichtig nehmen sich an und geben wohl auch deshalb an in Schweden zu wohnen, damit Verleumdungsklagen sie nicht erreichen. Die Infragestellung der eigenen Identität macht etwas mit einem und seitdem schreibe ich immer auch mit diesem Schatten über der Schulter. Beschreibe ich etwas, traue ich mir selbst kaum über den Weg, stelle ich etwas fest, denke ich darüber nach, wer es auch so gesehen habe könnte, lasse ich etwas, rechtfertige ich mich lange vor mir selbst. Beschämt haben mich die dunklen Briefe der schwedischen Madame, schmutzig fühlte ich mich und ich weiß bis heute nicht, wie man die Geschichten, die ich hier teile, von ihren schmutzigen Fingern wieder befreien kann. Geschichten sind angreifbar und sie machen angreifbar, sind sie es nicht, dann sind es Erzählfiguren aber keine Geschichten.

Misstrauischer bin ich in diesem Jahr geworden. Vor ein paar Wochen schrieb mir ein Mann der angeblich ein Buch über Stralsunder Juden schreibt und Dokumente meiner Familie verwenden will. Vor einem Jahr hätte ich ihm sicher freundlich geantwortet, in diesem Jahr erscheint er mir zweifelhaft. Wer ist dieser Mann? Schreibt er wirklich ein Buch? Wie kommt er auf mich? Ist der Mann der ein Buch schreiben will, nicht vielleicht eine Dame aus Schweden? Wie würde ich jemanden schreiben, von dem ich etwas erfahren will? Sind nicht vermehrt Blogzugriffe aus Schweden zu verzeichnen? Schulde ich dem Mann, der ein Buch schreiben will eigentlich etwas? Ich habe ihm noch nicht geantwortet, so kommen mit den Lügnern immer auch die Zweifel gleich mit zur Tür herein und immer schwieriger scheint die Frage, ob sich den wirklich an Geschichten festhalten lässt.

Wie erzählt man wahrhafte Geschichten?, frage ich mich mit der schwedischen Dame im Nacken, wieder und wieder. Habe ich nicht falsch gelegen in meiner grundsätzlichen Annahmen, dass im Wie immer schon das Was liegt? Man kann bekanntlich fast alles fälschen, vielleicht ist es ja auch die Dame in Schweden in Wirklichkeit, ein Mann aus Bottrop-Kirchhellen? Alles lässt sich ausdenken, umünzen und verbiegen, es gibt Menschen, die erzählen Geschichten aus Berechnung, andere wollen abrechnen und wieder andere träumen von Elefantenjagden und fürchten sich doch schon vor der Spinne im Badezimmer, darum erschien mir das wie stets wichtiger. Wie man die Welt sieht, ob man Menschen in ihr sieht und nicht nur Figuren, ob man Stimmungen wahrnimmt, oder nicht zulässt, ob man Geschichten als Wertekunde versteht oder als wertfreien Rahmen, das scheint mir eigentlich kaum komplett verstellbar und es ist dieses wie von dem ich hoffe, dass sie es hier sehen können, dass darin die Wahrhaftigkeit dieser, meiner Geschichte liegt.

Man kann besonders angesichts des Fall eines Journalisten der Interviews zusammen fabulierte, wie auch Reportagen in Syrien erfand, immer wieder hören, das Internet erlaubte einfache Recherchen, ermöglichte erst das Aufbauen solcher Geisterschlösser und weiter sei die Geschichte als Form ohnehin keine wahrhafte Angelegenheit. Ich teile beide Maßgaben nicht.
Von meiner Existenz und mein Name steht ja im Impressum lassen sich etwa 35 Prozent ergoogeln, der Rest steht nicht im Internet und das trifft doch wohl auf Viele von uns zu. Aus Teilstücken, aus losen Fäden und Ecken wird niemals ein Ganzes, sondern immer nur eine Interpretation, ein Zusammenschnitt, ein Vexierspiegel möglich, den man sich selbst zusammenbaut. Claas Relotius erfand sich Kinderhelden im Krieg und Ehepaare mit schwerem Schicksal, die schwedische Dame erfand sich selbst als Sherlock Holmes und mich erfand sie sich als Moriarty. Beide eint ihr Desinteresse an Menschen, ihr hartnäckiges Beharren darauf, dass ihre Version eines halben Puzzleteils das Ganze sei, sie verabscheuen beide das was der Realität immer zu eigen ist, das Komplexe, das Private, das Biographisch Zusammenhängende. Beide haben ein Bild im Kopf, dass erfüllt werden muss, ihre Motivationen mögen unterschiedlich sein, im Ergebnis gleichen sie sich stark.

Ihre Bilder, Geschichten und Menschen sind Strohpuppen. Lügnern wie ihnen unterstellt man oft lebhafte Phantasie dabei besitzen sie keine, sie wissen es ja schon aus sich heraus, sie erfinden niemals etwas neues, sondern immer nur Schablonen ihrer selbst. Ihnen fehlt ja das Interesse an den Anderen, an ihren Geschichten, an ihrer Geschichte, sie sind Maler nach Zahlen ihrer eigenen Hirngespinste und zusammengereimten Figuren, die immer blutleer oder eben böse bleiben. Egon Erwin Kisch hat seine Geschichten so kunstvoll wie ornamentreich ausgeschmückt, Joseph Roth hat für uns alle ein Österreich-Ungarn erfunden und vergoldet, dass es niemals gab , dennoch verdanken wir diesen beiden großen Journalisten nicht nur Wissen darüber was Geschichten sein können, sondern auch die grenzenlose Neugier auf Menschen und andere Erfahrungen, die jeden Journalisten Ansporn sein sollten. Ihre Geschichten haben unser Bild der Welt verändert, weitergeschrieben und uns auf Menschen gestossen, die wir ohne ihren geduldigen, scharfen, beobachtenden, einnehmenden, aber niemals vereinnahmenden Blick niemals getroffen hätten. Das ist etwas was keine der preisgekrönten Reportagen Class Relotius tat. Man trifft in ihnen nur die Annahmen des Autors selbst.

Sie sind Geschwisterkinder die Lügnerin aus Schweden und der Erzähler, der eigentlich nichts erzählen wollte. Erzählen das heisst ja auf Schlüsse zu verzichten, das Eindeutige misstrauisch zu besehen, plausible Schlüsse gibt es nicht in Aleppo auf der Straße und auch nicht in meinem Leben. Erzählen das heißt die Schatten der Wirklichkeit auszuhalten. Erzählen fordert nicht voyeuristische Neugier, sondern etwas verstehen zu wollen, was sich wohl niemals ganz verstehen lässt.

Erzählen heißt lange auf eine stille Strasse zu sehen, ganz in dem Wissen, das immer alles dann passiert, wenn man nicht hinsieht, nur um von Neuem die gleiche Straße noch einmal hinunterzugehen und wieder und wieder etwas Anderes zu sehen. Erzählen, das heißt sich nicht sicher zu sein, wen man im Spiegelbild sieht und genau deswegen immer wieder neu anfängt von Neuem nach Fragen zu suchen auf die es immer mehr als eine Antwort gibt.

A Tale of Two Streets

Dublin is a rich city.

Sometimes I forget how rich this city can be. Right place, right time, fortune makers are no fortune tellers.

I asked a fortune teller once. She had no good news.

So rich, Dublin city.

It is easier to forget than to remember.

I know the grit better than well- groomed hedges. I can’t help it.

I have a bit of time of left.

Dublin can be such a rich girl. Pearls like fists. You know what I mean. Don´t you?

Golden frames, windowpanes, fine teak, true antiques. Big cars. Bigger cars. A Ferrari. A yellow one. Playful, sweetlike. Aren´t we all children sometimes?

Sweet kids, of course. Such a rich city, rich city girls waiting for the car valet.

The men make business, the children breath entitlement, the pavement too, the women look good, sometimes they look even better when the divorce gets through.

I stand there in the rain, window shopping is just another word for waiting. Oil paintings, hunting scenes, the empire is not dead yet. Red coats, dead hogs, a man drinks old sherry. Dublin is a rich girl. Christmas trees, candlelights, button-up or button-down, your so silent rich girl I think, when do you ever speak. I am leaving. Such a rich girl you are I think

I don´t know thing about you. I walk back. It is not a long way.

Just a one way.

One bridge,

Two traffic-lights,

One zebra crossing

Two pharmacies, one deli, one Supervalu later, Dublin is poor again, or at least poorer. Just an ordinary street.

A pizza place.

A Laundromat.

A bakery. Orange brownies. What is not like?

Puddles of all sorts. Water, dirt, puke. It´s Christmas season after all.

All souls.

An ATM machine.

A vegetable shop.

600 metres maybe more, maybe less.

I stop.

They have honeymelons in the window.

They just look like a summer day. A day without shadow. Blasting heat. Hell I am roastin, the Irish say. I am so cold. Always cold. Rain is dripping. I could go and buy one, I want to convince myself here. It is turnip season after all. I have a bad conscience. But the honeymelons, I can smell under my tongue. I look up, suddenly. Why did I look.

A Woman on the street stands somehow awkward at the corner.

She looks cornered. Sometimes my English can´t follow my eyes.

The woman is still there. Standing still. Why is she standing so still? Is cornered actually a word? I forget the honeymelon, I hear a man shout. I am not surprised. Men are shouting all the times. Couples have issues, don’t they? It’s Christmas season after all. Finally I listen. Listen what the man shouts at the woman. The woman, still the same woman, standing there. He shouts, but I don´t, he shouts like a child would, looking for words, but finding any. I takes me a moment, because sometimes I don’t trust me English. Am I getting it wrong? Am I a not? More shouting, louder and louder, and the woman still standing there frozen. It takes another moment until realize that this man and this woman have never met before. She just meets his scorn.

Out of the sudden he jumps forward and grabs her by the arm, drags her with him. A massive lad, he is wearing stained jeans, and cut off bin bags, he has a firm grip at the woman he just shouted at. Finally I grab the woman by her elbow. So cold, I think, my hands are always cold. I want to tell her, I am so sorry for my cold hands. The man is shouting trying to drag the woman with him. Strong this man. A heavy grip, my cold hands are clammy.

Don’t be afraid I want to to tell this woman, but the words do not come. So strong is his grip, I shout, finally two men come to help.

Arab men, vegetable sellers. The honey melon still behind the warm windows. Three pairs of hands finally, the man caves in, all so sudden, we land on the pavement. The vegetable vendors keep the shouting man at bay. So loud, his voice is a boomerang, a grinding piece of metal. The woman cries. A man calls the police. There is a man who grabs women on the street. He fells silent, the police needs twenty minutes. The woman is shaking.

I want to tell her that she will be ok. It is just 6.30pm, this is busy street, but I don’t tell her. I can’t. Your fingers, she whispers are so cold. She covers her ears.

The man throws a beer can at the two men, then he turns around, walks across the street, disappears, is gone. We are still waiting. The woman, the two men and I. We don’t speak. I look back. The street makes a swift left turn, where the street turns left, Dublin is a rich city, grand houses, proper fire places, security alert, fine wreaths, careful measured scorn. Warm windows glowing, silk tapestries, heavy linen, brass plates, velvet curtains. Dublin is a rich city. Sometimes I forget the riches. I don’t buy a watermelon. Count your blessings, the policeman looks so young. The woman shivers.

“Can you tell me what happened?”

It is still raining and my hands are still so cold.

Woanders ist es auch schön

Ein sehr bedachter Blick aus Frankreich auf Frankreich und die Gilets Jaunes. Es ist nämlich gar nicht so einfach die Vernunft zu finden, nur darf man dennoch nicht aufhören zu suchen.

Der Herr Slowtiger  hat aufgeschrieben warum es fatal und nicht nur banal ist, dass Tumblr ab ich glaube übermorgen Nacktheit von seiner Plattform verbannen und verbieten will.

Heiliger Laib. Geben Sie es zu, auch sie können sich nicht sattessen an dem Wort: große Stollenprüfung!

Ein Seelsorgetelefon für Muslime in Deutschland Ein sehr berührender Text über Mohammad Imran Sagir und seine Suche nach Antworten.

214 Jahre Bücher und  jetzt schliesst die Buchhandlung in Ludwigsburg. Das sind traurige Nachrichten.

Ich habe noch niemals ein Computer oder Videospiel auch nur angefasst, aber Herr Rau gibt einen faszinierenden Einblick in einen anderen Kosmos.

Ein Weihnachtsbaum auf Beinen. Ich bin sehr beeindruckt.

SÍOMHA macht irische Musik, die einfach immer weiterfliegt und in die man sich hineinlehnen kann an einem stürmischen Samstagmorgen im Dezember. Der Sommer kommt ganz bestimmt zurück.

12 Bilder, ein Tag. Irland Ausgabe

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder eines Tages und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen

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Zugausblick. #1v12 #12von12 #morningcommute

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Meine Tage beginnen alle mit einer Zugfahrt. Seitdem ich in Irland lebe, pendle ich und ich tue es nicht gern. Die Züge sind unpünktlich, alt und abgeranzt. In all den Jahren habe ich noch nicht einen neuen Zug gesehen. Verspätungen sind die Norm, Fahrplanwechsel passieren einfach und die Idee, dass man bei Verspätungen eine Entschädigung bekäme ist der irischen Bahn vollständig fremd. Wer so dumm ist zu pendeln, der ist selber schuld, so ihr Motto und nein, ich pendle wirklich nicht gern.

Die Mondsteinscheibenfabrik am Morgen. Wie wohl jede Fabrik ist auch diese Fabrik eigentlich ein Roman. Ich wäre nicht verwundert, käme eines Morgens auch Thomas Buddenbrook mit mir zur Tür herein.

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Eisiger Blick. #3v12 #12von12 #polarbears #theymadeitsofar

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In der Kantine sind die Eisbären los. Sie machen ziemlich ernste Gesichter, das mag an der weiten Reise liegen, aber man erzählt sich, dass sie Nachts, heimlich Wasserball spielen und an gefrorenen Lachswürfeln lutschen. Die Eisbären also sind voller Ernst und Würde und auch wir gehen alle ein bisschen aufrechter. Niemand will der Erste sein, den ein mächtiger Prankenschlag trifft.

Den lieben langen Tag also tue ich lauter Dinge, von denen hier nicht berichtet werden kann. Aber berichtet werden kann von meiner grossen Liebe zu Snickers Riegeln, die mich regelmässig davor bewahren den Geduldsfaden mit der Auszubildenden zu verlieren. Snickers und der Weltfrieden it’s a thing!

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Letztes Licht. #5v12 #12von12 #blauestunde

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Die Fabrik liegt in einer Landschaft, die eigentlich ein Märchenwald sein müsste. Vielelicht schleicht ja doch ein Zauberer in einem himmelblauen Mantel durch die Wiesen und Felder, lehnt sich an einen Baum und liest Benn-Gedichte, die doch viel zu viele Rosen haben.

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Die Welt mit Kinderblick. #6v12 #12von12 #augenblick

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Auf dem Heimweg er erhöhe ich auf Bus und Bahn. Im Bus sitzt ein kleines Mädchen vor mir. sie dreht sich um und sagt: „Willst du meine Freundin sein?“ Ich will natürlich unbedingt ihre Freundin sein. Sie malt mit der Fingerspitze lauter Figuren an die beschlagene Fensterscheibe und ich male mit. Immer wieder sehe ich unendlich gern dabei zu wie Kinder unsere Welt besehen. Wir winken uns zum Abschied lange zu. So macht man das unter Freunden.

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Blick ins Glück. #7v12 #12von12 #swimming

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Mittwochabende sind Schwimmbadabende. Ein Schwimmbad ist ja auch ein kleines Meer, wenn auch eher eins aus Menschen, denn aus Schaum und Salz und kaltem Wind. Das Menschenmeer riecht nach den Parfümgeschenken vieler Schwiegermütter aus dem vergangenen Jahr, die jetzt doch wenigstens einmal probiert werden müssen, denn bald gibt es eine Flasche in teurem Papier. Ich schwimme jeden Tag. An den ungeraden Tagen drei Kilometer und an den geraden Tagen fünf. Manchmal tue ich so als ein gerader, eigentlich ein ungerader Tag und manchmal so als ein ungerader ein gerader Tag. So ist das mit mir.

Es gibt Menschen, die sehen nach dem Sport aus als seien sie geradewegs eine Schwester der schaumgeborenen Aphrodite. Ich leider nicht. Ich sehe aus als sei ich gerade noch einmal dem Nöck entkommen, wenn ich mich aus dem Wasser hieve. Mein Haar ist struppig und ich schniefe wie ein Walross. Ich wünschte das wäre anders, aber es ist eben genau so.

Draussen braust der Sturm. Die beste Aussicht haben die Heiligen. Aber ihnen weht auch Wind ins Gesicht und ich bin mir sicher alle Heiligen haben einen fiesen Schnupfen. Hatschi!

Irgendwann muss der Mensch ja auch etwas anderes essen als Snickers-Riegel.

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Blick ins Buch. #11v12 #12von12 #nowreading

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Was schon so spät? Ian McEwan hat eine Oper geschrieben und ich summe ein bisschen vor mich hin.
Nicht im Bild, der schnarchende Hund, die schnurchelnde Katze und der hustende Wind vor dem Fenster.

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Gute Nacht. Das Licht ist aus. #12von12 #12v12

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Jetzt aber Licht aus. Die Glühbirne mag auch schon nicht mehr.
Augen zu und Miau!

 

Wie mir Weihnachten einmal bedenklich nahe kam.

Es ist sehr früh. Also sehr früh. Alles ist dunkel. Also sehr dunkel.Selbst die weihanchstvernarrten Nachbarn haben ihren kreischbunten, blinkenden Weihnachtbaum ausgeschaltet. So dunkel ist es also. Wüsste ich es nicht besser, es glaubte mir keiner, dass hinter der Gardine eine Katze sitzt, die hämisch grinst, weil ich zur Arbeit muss und sie der Welt nichts schuldig ist. Ich seufze und die Finsternis raucht eine Pfeife. Feinster Nebeltabak, Hausverschnitt. Ich seufze noch einmal und lehne mich an die Bushaltestelle. Die Buhaltestelle liegt an einer vielbefahrenen Strasse. Aber so früh am Morgen klappert nur das Müllauto die Strasse hinunter.

Einmal hatte die Buhaltestelle vier Wände aus Glas. Aber die Wände gibt es schon lange nicht mehr. Bushaltestellenwände sind feinstes Mutprobenmaterial und so sind die Wände alle zerschlagen. Um Ersatz kümmert sich niemand. Die Mutproben sind ja erfolgeich verlaufen und wer so früh auf einen Bus wartet, dem ist doch sowieso nicht zu helfen und so stehe ich also im Wind und warte auf den Bus. Der Bus kommt nicht. Mein Fuss macht tapp, tapp, tapp gegen den feuchten Rinnstein. Im Rinnstein liegen Bierdosen, aufgequollene French Fries, ein abgebrochener Hacken eines Damenschuhs, eine alte Zeitung, ein verfaulter Salatkopf und ein Berg Mandarinenschalen- ja es wird wirklich Weihnachten.

Ich starre in den Müll und mein Fuss macht tapp, tapp, tapp, denn der Bus kommt nicht. Dann aber  höre ich ein Knattern. Was ist das nur für ein Knattern. Es ist kein Müllauto,es ist nicht der Bus, kein Flugzeug, sondern auf dem Fussweg da braust ein Motorscooter heran. Der Motorscooter knattert lauter, der Motorscooter ist alt, etwas rostig vielleicht und auf dem Motorscooter, der den Gehweg hinabbraust sitzt niemand anders als der Weihnachtsmann selbst. Vielleicht ist es auch ein Weihnachtsmann in Ausbildung denke ich mir, denn der Weihnachtsmann macht gar kein freidlich-feierliches Gesicht wie man es erwarten würde, sondern der Weihnachtsmann macht schon von weitem einen Recht verbiesterten Eindruck. Der Eindruck verstärkt sich noch je näher der Weihnachtsmann an mich heranknattert.

Seine Schuhe sind keine feinen Stiefel aus Rentierleder, sondenr durchgelaufene Turnschuhe besserer Jahre. Sein Mantel ist nicht aus prächtiger Seide mit Pelzbesatz, sondern ein dünner roter Flaus mit abgewetzten Stellen und sein Bart, ach wir wollen schweigen, denn es gibt Dinge, die sind so traurig, dass sie am besten sofort wieder vergessen werden. Wir leben bekanntlich in sparsamen Zeiten und während ich so den Weihnachtsmann auf seinem Motorrad beschaue, seufze ich und frage mich zum ersten Mal ob es wohl eine Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen gibt? Wer vertritt die Einhörner bei Beschwerden über mangelndes Heu? Gibt es Saisonnachteilsausgleiche für Osterhasen? Wer übersieht die Schichtpläne der Elfen und Trolle? Ist Schneewittchen privat versichert? Gibt es Vertragsbarbiere für Weihnachtsmännner? Wenig nur wissen wir über das himmlische Personal.

Dann aber kommt der Weihnachtsmann bedenklich näher und ich nehme Haltung an. Schon meine Grossmutter sagte, als Jude könne man gar nicht genug aufpassen und wer kann schon wissen, ob der Weihnachtsmann nicht an G*tt selbst berichtet, wie es sich mit den Erdenkindern so verhält.

Aber der Weihnachtmann auf seinem Motorroller würdigt meine Mühe um ein feierlich-festlich-besinnliches Gesicht nicht. Er schreit: F*ck off ya old owl. Brakes aren’t working und er meint wirklich mich. Ich mache einen Satz zur Seite, denn wie solle ich das der A. erklären, dass ich nicht nur am Shabbat den Lichtschalter bediene, sondern mich nun auch noch der Weihnachtsmann selbst ins Grab zu bringen sucht? Ich springe also so schnell und gut ich kann in den Rinnstein, denn der Bus kommt nicht. Der Weihnachtsmann erhebt eine Faust und schreit neue Gemeinheiten in meine Richtung, ich glitsche auf den Mandarinenschalen aus. Pardauz. Hohohoho macht der Weihnachtsmann und braust mit seinem Scooter weiter den Gehweg herunter. Er fährt Schlangenlinien. Ich rapple mich hoch. Die Strassenverkehrsordnung jedenfalls scheint für Fabelwesen nicht zu gelten.

Vom Weihnachtsmann bleibt nur eine Wolke aus Benzin zurück und sein schepperndes Hohohoho. In Sprechtraining jedenfalls inverstiert die Gewerkschaft für himmlisches Personal und Fabelwesen. Als ich die Fabrik erreiche, kreischt die Auszubildende: Fräulein Read On, an ihrem Mantel pappt Mandarine iiiiehhhh. Es weihnachtet eben sehr, sage ich zur Auszubildenden. Aber die Auszubildende schüttelt den Kopf. „Den Weihnachtsmann gibt es doch gar nicht.“ Während sie wild gestikuliert schreibt sie weiter an ihrem kilometerlangen Wunschzettel. Ganz oben steht auf ihrer Liste steht „Glitzereinhorn.“