Die Strasse nach Westen.

Das Auto ist silber und schwer. „Wirklich?“, frage ich. Der verehrte Herr Direktor nickt.„Es ist nur ein Auto“, sagt er achselzuckend. Ich zucke zusammen und fahre dann doch. Leise ist das Auto, anders als der alte Volvo holpert er nicht, knirscht nicht, das Direktorenauto gleitet still durch den Morgen.

Ich denke an die Barke, die schwarze Gondel in der Gustav von Aschenbach durch die Kanäle von Venedig gleitet. „Habe ich sie nicht gut gefahren?“, fragt der Gondelier, der vielleicht jemand ganz anders ist den Fremden mit seinen Koffern. Aber ich frage nicht, der Direktor telefoniert und ich fahre auf der langen Strasse nach Westen, schon liegt Dublin hinter uns, eine Autobahn wie sie es viele gibt. Thomas Mann geht mir im Rueckspiegel verloren. Sie machen ihr Literaturgesicht, sagt der Direktor. Ich nicke. „Der Tod in Venedig sage ich, eine Wasserstrasse 19xx, vor dem ersten grossen Krieg.“ Er nickt und schweigt. Seine Zitate sind aus Veep einer Serie, die ich googlen musste und meine Sätze sind aus dem vorherigen Jahrhundert. Das ist die Entfernung aus der wir sprechen, vielleicht liegt gerade in der grundsätzlichen Fremde, die praktikable Nähe an der wir uns versuchen, auch hier auf der Strasse nach Westen.

Obama Plaza heisst die Raststätte an der wir halten. Obama hat natürlich einen irischen Verwandten und jetzt auch eine Raststätte. Fotos kann man dort sehen, die Statue aber von ihm und Michelle ist nicht zu sehen. Vielleicht wird sie grundgereinigt oder winterfest lasiert, wer das weiss schon genau. Wir trinken Kaffee und bewundern die Raststättendamen, die fuer die LKW-Fahrer, Familienersatz sind und natuerlich finden sie auch fuer ein schluchzendes Kind ein roten Luftballon. Es riecht nach Kaffee, Fluessigseife, nach Bratfett und langen Touren. Ein Trikot an der Wand. Rot-weiss und Obama. Ein riesiges Bild an einer Stele: Obama steigt aus dem Helikopter, irisches Wetter. Der Präsident strahlt, der nächste LKW-Fahrer kommt und die Raststättendamen rufen: John, nearly there, nearly there. Was fuer ein Satz. Wir fahren weiter, die Berge zu unserer linken sind eine Regenwolke, graue Schatten vor uns und neben uns. Wir streiten uns ueber die Frage, aus welcher Entfernung man wohl das Meer riechen kann. Dann der erste Ort unserer Reise. Ein Strassendorf mehr, ein Postamt ( geschlossen), ein Pub ( offen), die Polizei (offen). „Ein Polizist“, sage ich, quietschende Reifen. Vielleicht lacht der Herr Direktor. Der Polizist hat Zeit. Seine Wegbeschreibung ist die Chronik des Ortes, wir finden die Veranstaltung dennoch. Ein Direktorenvortrag und viele Gespräche später wieder die Strasse, weiter nach Westen.

„Fräulein Read On“ sagt der Direktor, denken sie es wäre moeglich an einem Pub zu halten. Ich nicke. Zwei Countryhotels, einen Gastropub und drei Doerfer weiter halte ich an. Jim O’Hara, ein rotes, verwittertes Schild, verschmierte Fensterscheiben, der Wirt steht in der Tuer und schreit zum Fleischer herueber. „Ich wusste, dass Sie hier anhalten, ich wusste es.“ „Bier oder kein Bier, Herr Direktor, das ist hier die Frage.“ Der Wirt starrt uns an. Zwei lachende Fremde. Ein Pint für den Herrn, ein Wasser mit Sprudel für mich. Der Wirt starrt noch strenger auf usn herab. Er schüttelt den Kopf. Fremde, was soll man da anders erwarten. Das Mobiliar ist alt und verwittert. Stühle aus altem, verwitterten Holz, Tische mit Wachsflecken und eingeritzten Strichen lang schon vergangener Kartenpartien. Im Pub neben uns der Doktor nach den Hausbesuchen, die Trinker des Ortes und in ihrer Mitte eine Frau mit wasserstoffblonden, herausgewachsenen Haaren und langen Fingernägeln. Sie erzählt von ihrem Sohn, der anderswo Geld macht und sich nicht mehr um seine Mutter schert und die Trinker trinken. Sie heben ihre Gläser und so beginnt ein Abend, dem viele andere Folgen. Der Direktor wird seine Krawatte los und die Frau mit den Haaren, die so verdächtig einem Waschbären ähnelt, wirft mir verächtliche Blicke zu. Aber hier bei Jim O’Hara sind alle Fremde. Der Wirt trinkt einen klaren Schnaps. Wir sehen aus dem Fenster. Noch 50 Kilometer. Die Dorfjugend kommentiert das silberne, schwere Auto auf der Strasse. „ So wollte ich nie werden“, sagt er. „So sind Sie nicht“, sage ich. Die Dame fährt, sagt er zu den Jugendlichen auf der Strasse. Das Auto schweigt, silbern und schwer.

7 thoughts on “Die Strasse nach Westen.

  1. Eine Beschreibung wie gemalt. Nur dass ich die Gerüche noch zusätzlich in der Nase habe. Gute Fahrt liebes Fräulein, ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie irgendwann mal einen Ort finden, an dem Sie nicht fremd sondern daheim sind.

  2. Ich glaube, auf der Fahrt von Roscommon nach Athlone bin ich vor 17 Jahren auch in diesem Pub gewesen und habe mich mit Irish Coffee aufgewärmt!

  3. „…..vielleicht liegt gerade in der grundsätzlichen Fremde, die praktikable Nähe an der wir uns versuchen….“

    Das gehört in leuchtenden Lettern in unser aller Bewusstsein eingeschrieben.

  4. Ich könnte wetten, Sie waren im O´Hara zwischen Borrisokane und Nenagh.
    Lange her, aber alle Bilder noch genau vor Augen. Damals war die Blonde schwarzbraun. Und das Pint schmeckte etwas abgestanden, aber ich würde viel darum geben, noch einmal dort alle Orte zu sehen. Bestellen Sie bitte Grüße, auch ans Meer. Man riecht es relativ früh, wenn man will.

  5. „meine Sätze sind aus dem vorigen Jahrhundert“. Die Szenen im Pub und die Welt der Lastwagenfahrer auch. Sogar der silberne Wagen. Der Regen und der Berg als Wolke. Darum und wegen der unüberwindlichen Fremde, die sich in ihnen ausdrückt, fühle ich mich in ihnen geborgen.

  6. Literaturgesicht, was für ein schönes Wort.
    Mein neuer Chef darf gerne auch einer von den Guten sein. Und ihr Chef muss sich keine Sorgen machen, weder Kleider noch Autos machen Leute.
    Sind Sie jetzt auch ein apokalyptischer Reiter, oder gab es keine Pfützen unterwegs? 😉

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