Sonntag

Um zwei Uhr wache ich auf. Vor meinem Fenster gähnt der Halbmond, reibt sich die Hände. Er friert und ich habe kalte Füße. Das bringt der November so mit sich. Einen Mond mit blauen Lippen und kalte Füße dazu.

Vor dem Fenster steht eine Laterne. Um die Laterne tanzen drei Männer. Erst denke ich, ein Rest eines merkwürdig verschobenen Traumes verlagert sich dort unten auf die Straße, aber dann finde ich meine Brille und die drei Männer tanzen noch immer um die Laterne. Ringelreihen oder der Plumpsack geht um, eines jener Kinderreime, aber dann singen sie mit taumelnden Lauten ein Sport-Jubellied, denn ein paar Stunden zuvor  hat Irland im Rugby gegen Neuseeland gewonnen. Irgendwann wird ihnen schwindlig und dann sitzen die drei Männer auf dem Bürgersteig und trinken Bier.

Der Mond schweigt über all dies und auch ich vergrabe mich tiefer in die Kissen. Am Morgen hebe ich die Bierbüchsen auf.

Der Mond lehnt seine Wange an die der Sonne, dann geht auch er.

Ich koche Kaffee, die Katze schlürft Milch, der Hund tapst in den Wassernapf, eine große Pfütze. Die Katze grinst, der Hund tapst in die Milchschale, die Katze grinst nicht mehr. „Ach Kinder“, sage ich. Der Hund will doch zeigen, dass er nicht nur Tollpatsch ist, schon stößt er meinen Kaffeebecher um. Wenigstens die Katze ist mit meinem Unglück versöhnt. Der Hund schleicht mit gesenktem Kopf zur Tür. Dann gehen wir langsam durch das Viertel, zwei Kinder kommen angerannt und ziehen am Hund, oh wie niedlich sagen die Eltern, „bitte fassen sie meinen Hund nicht einfach an“ sage ich, der Hund versucht sich unter einer Hecke zu verstecken. „Aber wenn er doch so süß ist“, sagen die Eltern. „Nein“, sage ich. Die Eltern starren mich an. Die Kinder jagen eine Katze.

Der Hund legt sich seufzend auf das Kissen. Die Katze liest die Zeitung und macht ungeduldige Schwanzbewegungen, manchmal glaube ich die Katze ist Spitzenpolitikerin und verhandelt für die Republik der Katzen die Milchpreise neu. Chancen auf die Zeitung rechne ich mir keine aus.

Am Abend zuvor habe ich Frau Crocodylus und ihren Mann kennen lernen dürfen und als ich Honig auf ein Brot träufle, denke ich mit großer Dankbarkeit daran, wie viele wunderbare, einzigartige Menschen ich über dieses Blog schon habe kennen lernen dürfen. Frau Croco liest dieses Blog schon, so lange wie es besteht und diese Form des begleitenden Lesens ist für mich ein besonders großer, unschätzbarer Wert. So viele Gedanken und Kommentare, so viele verschiedene Stimmen tragen dieses Blog Tag für Tag. Ich staune immer wieder, dass Sie hier wirklich für Text um Text um Text vorbeisehen, denn etwas anderes gibt es hier ja nie.

Dann Sonntagsschwimmen. Die schmale Sonne im Fenster und für viele Bahnen ist es ganz still in meinem Kopf. Dann rennt ein Mädchen begeistert noch mit Socken in den Pool. Platsch. Kurz darauf verliert ein Schwimmlehrer beim Vorführen der richtigen Kraultechnik die Balance. Platsch. Prustend taucht er neben mir auf. Tschuldigung, sagt er. Kein Problem sagte ich, ich kenne einen Hund, dem geht es so wie ihnen. „Hauptsache Humor“ sagt er. Dabei ist es mir doch immer ernst.

Lange in Jonathan Coes Middle England  gelesen.

Möhren geschält, Kartoffeln geschält, über Zwiebeln geweint. Rind geviertelt. Knoblauch zerdrückt, mit Töpfen, Pfannen und der Casserole hantiert, Beef Stew in den Ofen geschoben, Kartoffelstampf fertig gestellt. Auf einmal die ungeteilte Aufmerksamkeit der Katze erhalten. Der Katze Kartoffelstampf verweigert. Die Katze verärgert davon eilen sehen. Man wird in der UN von ihr hören.

Eingeschlafen.

Aufgewacht. Zum Glück schmurgelt der Stew weiter unauffällig vor sich hin.

Die G. hat sich angesagt, die G. ist eine Freundin der M. Der M. gehört das Haus in dem ich lebe. Die G. ist für ein paar Tage in der Stadt. Leeds, sagt die M.

„Aha“, sage ich.

Die M. sagt nach Freundlichkeiten, zwei Gläsern Wein und einer Karaffe Wasser für mich: „G. wie hast du denn damals abgestimmt G. als es um den EU-Verbleib ging?“

„Gar nicht“, sagt die G. „wer konnte denn das schon ahnen?“ „Das hat doch niemand ahnen können.“

Dann schweigen wir alle und essen Stew.

„Ich will nur noch, dass es endlich vorbei ist, sagt die G., egal was kommt, Hauptsache, dass alles geht irgendwie vorbei. Man hört ja nichts anderes mehr als Brexit, Brexit, Brexit, Brexit. Es wird schon irgendwie weitergehen, keep calm and carry on, es soll nur endlich vorüber sein.

Wir schweigen lange.

Ich schlucke und sage dann doch: „ Wieso aufhören?“ „Es fängt doch gerade erst an.“ Die G. starrt mich an. „Es fängt doch gerade erst an“, sage ich noch einmal.

Dann knallt es in der Küche. Die Katze hat mit einem beherzten Sprung versucht den Deckel vom Stampfkartoffeltopf herunterzureißen, der Hund sieht verdutzt auf den Deckel zwischen seinen Pfoten. Ich verbanne die Katze in den Garten.

Die Katze faucht verächtlich.

Der Hund kaut entsagungsvoll auf meinem Pantoffel.

Die G. schweigt noch immer.

„Will jemand Kaffee?“ fragt die M.

Der Mond sieht mir über die Schulter, später, da liege ich im Bett noch immer mit Jonathan Coe in der Hand. Der Hund schnarcht. Die Katze lässt die offerierte Versöhnungsmilch stehen und rollt sich in meiner Strickjacke ( streng verboten ) auf dem Sessel ein.

Von Menschen oder dem Mond, der mit den Knöcheln leise ans Fenster klopft, will sie nichts wissen. Ich mache das Fenster trotzdem auf. Der Mond wärmt sich die kalten Hände.

27 thoughts on “Sonntag

  1. Von wegen nur Text, pfft … Wärme gibt es hier, Menschlichkeit, Liebe und Hoffnung. Das alles haben Sie und können und dürfen es hoffentlich selbst auch wieder spüren, was Sie mit uns so großzügig und herzlich teilen.

  2. „Ich staune immer wieder, dass Sie hier wirklich für Text um Text um Text vorbeisehen, denn etwas anderes gibt es hier ja nie.“
    Für mich kann ich sagen: etwas anderes will ich auch gar nicht. Ihr Blog ist hier im Netz für mich so etwas wie ein wärmendes Feuer in klirrender Kälte. Immer sind Ihre Texte besonders und auf verschiedenste Art und Weise bewegend und wenn es im Internet so etwas wie einen Lieblingsort gibt, dann ist meiner hier.

  3. Wussten Sie, dass man über Zwiebeln nicht weinen muss, wenn man harte Kontaktlinsen trägt? Jede WG braucht einen Kontaktlinsenträger für die Küche.
    Vergessen Sie bitte nicht das nächste Mal, wo Kinder in Anwesenheit ihrer Eltern Ihren Hund anfallen, den Eltern danach zu sagen, dass sie die Kinder bitte gründlich waschen und desinfizieren sollen, wegen der Krätze und den Läusen, sehr nett, dass sie dem Hund welche abgenommen haben, aber das reicht nicht, Sie selber wären auf den Weg zum Veterinär deswegen. Eltern lieben solche Hinweise.
    Jonathan Coes Middle England klingt gut. Und einer Katze etwas verbieten zu wollen ist vergebliche Liebesmüh‘, aber was soll man denn sonst tun? Wenn sie gut gelaunt sind, wärmen sie den Bauch aufs vorzüglichste. Das macht vieles wett.

    • Ich wünschte, ich hätte die Idee mit der Krätze und den Läusen vor einigen Jahren gehabt, als wildfremde Menschen hin und wieder meinten, meine noch recht kleinen Kinder tätscheln zu müssen. *würg*

    • Die Idee mit der Läusewarnung, die muss ich mir sehr merken! Leider vertrage ich Kontaktlinsen noch weniger als Zwiebeln und so heißt es eben auch weiter weinen…

      • Einen Tipp fürs Zwiebeln schneiden:
        Mit heraushängender 😛 sieht zwar sehr doof aus wenn nich jemand anders in der Küche steht 🤪aber es hilft wirklich!
        Ich freue mich übrigens auch über ihre so bildlich schön erzählten Geschichten die das Leben schreibt❤️

      • Ich bekam mal den Tip, zum Zwiebelschneiden einer Taucherbrille aufzusetzen. Ich habs aber nie ausprobiert, es erschien mir immer zu unpraktisch.

        Außerdem finde ich, es gehört einfach dazu, beim Zwiebelschneiden weinen zu müssen. Zwiebeln sind halt mal so (scharf), so ist es auch meine Huldigung an die köstlichen Dinger, die nach dem Garen oder Grillen so süß werden können. Und manchmal tut es doch ganz gut, so einfach weinen zu können.

  4. Die Dinge verschieben sich. Der große, einigende europäische Gedanke hat an Bindungskraft verloren. Die EU, in all ihrer babylonischen Verwickeltheit, treibt die Zentralisierung der Entscheidungsprozesse voran, während die gemeinsame Währung Südeuropa in den Ruin treibt. Die Briten haben die Reißleine gezogen. Das wird einiges an Verwerfungen in den nächsten Monaten mit sich bringen. Nichts im Vergleich zu dem, was dem Rest von Europa bevorsteht.

    • Nicht die gemeinsame Währung treibt Südeuropa in den Ruin, sondern mangelnde Wirtschaftskraft (bzw. deren mangelhafter Ausbau in den letzten Jahrzehnten – die gern genommenen EU-Fördergelder wollten die Entscheidungsträger lieber für Prestigebauten – und für sich selber verbrauchen) und mangelnde Ausgabendisziplin. Die gemeinsame Währung verhindert nur, dass durch Abwertung einer eigenen Währung die Zeche dem Arbeitnehmer, dem Rentner, und dem kleinen Sparer auferlegt wird.

      • Ihre Sicht dieser Dinge ist in Deutschland allgemein verbreitet. Aber reden Sie mal mit einem Griechen, oder einem Italiener, die sehen die Schuldfrage genau andersherum. Wer Recht hat, ist dabei unwichtig. Entscheidend für die Zukunft der EU ist, dass Südeuropa wirtschaftlich am Boden liegt und dafür Brüssel (also: Deutschland) verantwortlich macht, und die Deutschen denken, dass sie über die niedrigen Zinsen die Zeche für die faulen Südeuropäer zahlen. Diese Zwietracht ist Folge der gemeinsamen Währung. Sie spaltet die Eurozone, anstatt sie zu einen. Auf lange Sicht gibt es zwei Optionen: Drastische Senkung der Lohnkosten, Renten und Sozialleistungen in Südeuropa oder gigantische Transferleistungen. Gegen die Erste wehrt sich der Süden, gegen die Zweite wehrt sich Deutschland.

      • Zu Ihrem Beitrag, Stephan, nur einige Gedanken:
        1. Sich jahrelang Rente auszahlen lassen für Opa und Oma, die schon lange tot sind, und zu wissen , dass das jeder macht, und dann später behaupten, an den leeren Staatskassen sind die Deutschen schuld (wie man von Griechenland berichtet wurde) – nein, das ist für mich nur dumm und bequem.
        2. Für faul halte ich Südeuropäer nicht, sondern lediglich für korruptionsanfällig.
        3. Wie schon gesagt, die klassische Lösung der Abwertung einer eigenen schwachen Währung führt nur dazu, dass Sparer, Rentner und Arbeiter die Zeche zahlen, während Sachwertbesitzer immer reicher werden. Daher würde eine eigene unabhängige Währung die Probleme Südeuropas imo nicht wirklich lösen.
        4. Gäbe es meiner Meinung nach durchaus eine dritte Option: Nicht die Arbeitnehmer, Rentner und Sozialleistungsempfänger in Anspruch nehmen, die leiden ja bereits jetzt unter der Situation. Sondern die Vermögenden, die Profiteure, die die ja durchaus bereits reichlich geflossenen Transferzahlungen zum Großteil für sich vereinnahmt haben. Aber die leiden ja auch am Wenigsten unter der Situation in Südeuropa, und wollen auch nicht wirklich eine Veränderung, sie leben ja gut damit. Daher ist das wohl nur ein sozialistischer Traum.
        5. Die niedrigen Zinsen freuen natürlich auch den deutschen Finanzminister, er finanziert so den deutschen Staat auch auf Kosten der Sparer.

  5. Die Einstellung zum Brexit kommt mir als in England lebende Deutsche (mit GB-Pass) leider sehr bekannt vor; auch die Frage „Wieso regst du dich auf, du kannst ja hier bleiben?“. Und dann wird aber immer immer wieder Brexit mit dem leidlichen Immigrationsgespenst verteidigt— aber rassistisch ist man nicht …
    Wie Sie sagen, es fängt erst an.

    • Nein, niemand ist je rassistisch, sondern an allem ist ja nur die political correctness Schuld und die böse EU. Es ist eine große Falle, in der sich ganz Großbritannien aufs Schlimmste verfängt. Es macht mich sehr traurig und sehr betroffen solche Sätze wie ihre zu lesen.

  6. Als stille Leserin verfolge ich Ihren Blog. Und Ihre wunderbaren Texte sind fuer mich jedes Mal ein bisschen wie nach Hause kommen und Fernweh in einem. Wie schoen, dass es so einen Ort in diesem ungemuetlichen Internet gibt. Danke dafuer!

    • Ich freue mich sehr, dass Sie hier sein mögen. Es ist sehr schade, dass das Internet immer öfter ein so unfreundlicher Ort zu sein scheint.

  7. Ich gehöre auch zu denen, die sich über jeden neuen Text von Ihnen inwendig gewärmt freuen.
    Hier und zum Glück noch auf vielen anderen Blogs ist das Internet ein sehr freundlicher Ortohne den ich nicht sein mag.
    Ich gehöre auch zu denen mit einem hundeverrückten Kind, das dazu noch recht grob ist und wie es so kommt hat sich der Hundebestand in unserem Quartier mit seinen ersten Schritten versiebzehnfacht hat (oder habe ich früher nur ein siebzehntel wahrgenommen?)
    Und, nein, er darf nicht. Ich rufe die Pendants zu „Platz“ und „bei Fuß“, zerre an der imaginären Leine.
    Einigen Hundebesitzern ist das wohl recht, jedenfalls gehen sie und ihre Hunde einfach weiter.
    Die meisten aber sind beleidigt ; „der tut nichts, der ist an Kinder gewöhnt, lassen Sie Ihr armes Kind doch mal streicheln, den Ball werfen, Sie überängstliche Rabenmutter Sie …)
    Nein, er darf trotzdem nicht.

  8. Ich war ein hundeverrücktes Kind und kann daher das Bedürfnis, den Hund zu streicheln, sehr gut nachvollziehen. Kein Hund war vor meiner Zuneigung sicher und Angst kannte ich nicht. Es ist zum Glück auch immer gut gegangen.
    Den Eltern (und Kindern, sofern sie das schon können) würde ich empfehlen, zu fragen: “ist es erlaubt….?“ und schon ist das Problem – so oder so – gelöst. Eigentlich ganz einfach

    • Cassie mag Kinder und ich mag Kinder, die Hunde lieben auch. Kinder dürfen gerne streicheln, aber bitte erst einmal kurz Hallo sagen, damit der Hund sich nicht erschreckt. Leider reißen viele Kinder ihr gleich am Ohr und die alte Hundedame verträgt das nicht sehr gut.

  9. Meine Großmutter versuchte auch einiges, um beim Zwiebeln schneiden nicht weinen zu müssen. Einmal sah ich sie mit einem Streichholz im Mund. Dennoch hat keiner dieser Tricks geholfen, sie weinte dennoch dabei.
    Aber vielleicht war es auch richtig so. Manchmal braucht es Zwiebeln, um loslassen zu können.

    Ich bin dankbar um Ihren Blog. Er nimmt mir die Sorge um die Zukunft, die mich in manch dunkler Stunde beschleicht.
    Vielen Dank, dass Sie nicht aufgeben!

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