Automatenwirtschaft

Es ist schon spät als ich im Supermarkt stehe. So spät schon wieder, draussen hat die Dunkelheit alles verschluckt.Die Müdigkeit hält uns alle fest bei den Händen. Ein Kind schreit der Bonbons wegen, laut und schrill schreit das Kind, seine Mutter hält sich für einen Moment die Hände über die Ohren, sie wirft Nudeln, eine Gurke und Cracker in den Einkaufskorb, dann fallen ihre Hände herunter, sie beugt sich zu dem schreienden Kind, das Kind schluchzt und beide Mutter und Kind suchen nach einer Atempause, aber das wird nicht verkauft in den Regalen.

Ein Mann sucht nach einer Flasche Wein, ein Etikett nach dem Anderen liest er sorgfältig, so als seien die Weinflaschen ein besondes gehaltvoller Zeitungsartikel,vielleicht sind sie es ja, aber seine Hände zittern beim Lesen, das Zittern der Trinker erkenne ich noch immer als sei es gestern gewesen. Der Supermarkt ist ein upscale Supermarkt, hier gibt es französischen Käse, deswegen bin ich hier. Ich kaufe Brot. Sourdough San Francisco steht auf der Packung, im Radio laufen Weihnachtslieder, ich lege Brie und Comte d‘ Chateau in den Einkaufswagen. „Das bist du nun?“, frage ich mein Spiegelbild, eine von jenen, die teuren Kaese kaufen und Weissbrot mit albernen Namen, weil dir nichts anderes einfällt gegen die Leere. Aber mein Spiegelbild antwortet nicht,es ist ja auch schon so spät.

Die Schlange an der Kasse ist lang. Ganz vorn an der Kasse steht eine Frau deren Haare am Scheitel schon dünn sind, ein verwaschenes rot sehe ich von ganz hinten, aber so genau sehe ich nicht hin, denn meine Finger tippen auf dem iphone herum, Teresa May gibt eine Pressekonferenz, tapp, tapp machen meine Füsse, tapp, tapp, ungeduldig werden meine Füsse, es ist doch schon so spät, Minister treten zurück, die grosse Weltlage hier auf dem kleinen iphone, tapp, tapp, das Spiegelbild lacht mich aus, so wichtig auch du, ja, tapp, tapp, meine Füsse wollen weiter, die Frau vorn an der Kasse kann nicht bezahlen, drei Karten reicht sie dem Kassierer herüber keine der Karten funktioniert, sie verliert sich in Erklärungen, dann rennt sie aus dem Supermarkt heraus, zwei Tüten bleiben zurück, als ich es bemerke, Teresa May verteidigt ihrern Brexit-Plan, ist die Frau schon verschwunden. Da siehst du, so fällt die Welt dir vor die Füsse sagt mein Spiegelbild. Das iphone verschwindet in meiner Manteltasche. Der Kassierer sagt: „Aber ich kann doch nichts tun.“ Keiner antwortet.

Vor mir bezahlt der Mann seine Weinflaschen, drei Weinflaschen und ein Tetrapack Milch, er zahlt in Münzen. Seine Hände zittern jetzt stärker als vorhin am Regal. Die Münzen reichen, Glück gehabt, die Weinflaschen verschwinden in seinem schweren Mantel, die Milch nimmt er in die Hand.

Dann bin ich dran, Käse und Brot. Tapp, tapp machen meine Füsse, ich gebe dem Mann an der Kasse 50 Euro. Der Mann an der Kasse ist alt, nicht nur älter, der Mann an der Kasse sollte nicht mehr im Supermarkt arbeiten, denke ich, 39, 58 Euro bekomme ich zurück. Die Armut lehrt rechnen, ich kann nicht, nicht mit rechnen, die Jahre mit dem Marmeladenglas für das Monatsende vergisst man nie, der Kassierer gibt mir 25 Euro. Ich starre auf die zerknitterten Geldscheine in seiner Hand. Ich rechne hektisch nach, aber ich lande noch immer bei 39, 58 Euro, ich sage: „Entschuldigung, ich habe Ihnen 50 Euro gegeben.“ Der Kassierer sagt: „Oh mein G’tt, oh mein G’tt, ich habe mich geirrt, ich habe nicht gesehen, ich habe, ich es tut mir so leid, das ist mir so peinlich, was für ein Fehler, wenn sie sich beschweren wollen, ich.“ Ich sage: „Das kommt doch mal vor, es ist doch schon spät, bitte wirklich, nein ich möchte mich nicht beschweren. Der Mann hat rote Flecken auf den Wangen und hinter uns da ist die Schlange mit den Menschen, tapp, tapp. Der Kassierer hat rote Flecken auf den Wangen. „Wie ich mich so irren konnte, wie, dann bricht er ab.“ „Hatten Sie schon eine Pause?“, frage ich ihn. Er starrt mich an. „Ich glaube Sie brauchen eine Pause“, sage ich. „Ich brauche den Job wissen Sie sagt er, aber wenn Sie sich beschweren wollen.“ „Nein, sage ich, ich will mich nicht beschweren.“ Der Mann zählt mein Rückgeld zweimal nach. „Es muss gehen“, sagt er und fragt: „Brauchen Sie einen Beutel. Es tut mir so leid.“ „Nein, sage ich, nein.“

Dann kommt der nächste Kunde, tapp, tappen meine Füsse und ich sind auf und davon. Langsam laufe ich nach Hause, im Sommer, ich hatte es fest vergessen, da war ich in Berlin, die Milch war aus oder etwas anderes, ich weiss es nicht mehr, da war ich in einem jener Supermärkte in die ich sonst doch nicht gehe,ich weiss schon warum, der Marktleiter schrie: „Lange mache ich das nicht mehr mit, ihr seid alles Idioten, dann kommen hier die Automaten rein und ihr seid erledigt.“ Die Frau, die da stand weinte und sagte:“ Bitte, ich brauche diesen Job.“ Der Marktleiter verschwand irgendwohin und die Frau musste ja auch wieder an ihren Platz, Kasse drei oder sieben. Ich hatte die Geschichte fast vergessen, am Abend in einem anderen Supermarkt holte sie mich wieder ein.

Tapp, tapp, ich schliesse die Tür auf, Katze und Hund und die Leere, alles wie immer und die Geschichten tief vergraben im Beutel unter dem San Francisco Sourdough und dem teuren Käse. Ich esse nichts mehr, ich sehe aus dem Fenster, still ist es, ich ziehe die Knie hoch. „Ist es zu spät?“, frage ich mich, „Ist es nicht längst zu spät?“

25 thoughts on “Automatenwirtschaft

  1. Jedes Wort so richtig gesetzt, im Rhythmus der Supermarkt-Kassen, in ihrer erschreckenden Automatenlogik, in der das Rest-Menschliche herausgequetscht wird auf Heller und Pfennig und sich nicht mehr wehrt, nur rote Backen bekommt es noch und stammelt und schmerzt.

  2. Ach, Sie Liebe. Wäre ich durch und durch Optimist, so antwortete ich Ihnen: es ist nie zu spät. Stattdessen denke ich manchmal, dass es vielleicht nicht genug sind, die die Welt vor dem Untergang bewahren möchten. Aber vielleicht gelingt es wenigstens, den Vorgang ein bisschen zu verlangsamen.

    Manchmal ist es leider unmöglich, nicht an der Welt zu verzweifeln.

  3. Es ist nie zu spät für eine Innehalten, für ein Nachdenken über das eigene (relative) Glück und es ist vor allem nie zu spät für eine Geste der Güte und der Barmherzigkeit inmitten der Trostlosigkeit. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie ein waches Auge und eine nicht so schnell verstummende Stimme haben.

      • Jjjjeinnnn – wie bei vielen Gelegenheiten gibt es die sog. „schweigende Mehrheit“ (ich weiß – ein doofer Begriff). Ich bin optimistisch genug daran zu glauben, dass es eine nur eine (mitunter sehr laute) Minderheit ist, die abgestumpft daher kommt. Um mich herum beobachte ich schon, dass viele Menschen nicht mehr laut aussprechen, was sie sehen, fühlen, hören.

  4. Noch ein wunderbarer Text, sofort ist man lesend versetzt in diesen Supermarkt und alle Abgründe, die dort lauern.
    Ich kannte mal eine, die arbeitete einmal die Woche nur, in so einem Supermarkt, in den Sie nur gehen, wenn die Milch alle ist. Sie ging voller Fröhlichkeit dahin, froh einmal die Woche wenigstens anderes um sich zu haben, als ihre drei Pflegekinder, den Spielplatz und die Ergotherapie.
    Und am Ende bekam sie eine Abmahnung, weil sie zu freundlich zu den Kunden sei.

    • Überall sind die Abgründe schon da.
      Bei den ganzen Diskussionen um die Arbeit der Zukunft spielen die Geschichten und Erfahrungen dieser Menschen gar keine Rolle und das scheint mir besonders fatal.

  5. Danke.
    Die lange Arbeit und der späte Besuch im Supermarkt, 2x diese Woche wieder. Gestern die russischen oder polnischen Arbeiter (ich weiss es leider nicht), die jede Menge Sandwiches und abgepackte Kuchen und Milch kauften – warscheinlich ihre Hauptmahlzeit unter der Woche…? Heute die Youngsters, die sich fürs Vorglühen eindecken, dann ein paar Ältere, die so penibel darauf achten, nicht aufzufallen, indem sie allerlei Dinge kaufen, querfeldein, neben den obligatorischen Weinflaschen … Ein Lächeln an der Kasse, weil das gewählte Brötchen nicht in der „Brötchenübersicht“ zu finden ist. Ich schlage was vor: „Laugenknoten“. Es ist so dunkel hier.
    Danke, dass Sie Ihre Begegnungen teilen.

    • Alle Geschichten die grossen und die kleinen kann man zwischen Kasse und Tiefkuehltruhe finden. Ob wir sie sehen wollen, ist die andere Frage. Danke dafuer, dass Sie so hinsehen wie sie es tun.

  6. Manchmal helfen Käse und ein gutes Brot gegen die Leere, wenigstens kurzfristig, bis man geschluckt hat…
    Nein, es ist nicht zu spät, es darf nicht zu spät sein. Wir sind doch alle noch da. Und unsere Kinder und Enkel. Nein.
    Menschlichkeit, nichts weiter hilft, Menschen, die Menschen sind zu einander. Nichts weiter.

  7. Nein es ist nie zu spät. Die Leere lässt es nur so aussehen. Seien Sie gut zu sich. Ich musste gerade an einen anderen Supermarkt Blog denken,den “Täubchen Begrüssungs Einkauf”.Nach jedem Winter kommt die Sonne zurück, auch zu Ihnen.

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