Die apokalyptischen Reiter fahren BMW

Am Mittwoch aber regnet es. Hunde und Katzen, Mäuse und Wanzen, Schnürsenkel und Bindfäden, was immer sie wollen. Ich werde nass. Das Wasser tropft mir trotz des doch so treuen Wetterflecks erst in den Nacken, dann in die Ohren, meine Schuhe weichen auf als seien sie aus Papier. Missmutig stapfe ich zum Zug. Im Zug sehe ich ein nasses Gespenst im Fenster. Ein Gespenst stelle ich fest, kann auch sehr grosse Ähnlichkeit mit einem Abtropfbrett haben. Ich tropfe also ungefähr so ausdauernd wie man es von 16 Pfannen, sieben Töpfen, sehr vielen Gläsern und dem ganzen, guten Tafelsilber erwarten würde.
Mit dem Wasser tropft auch meine Laune auf den Boden. Natürlich muss sich ein riesiger Hund mit struppig grauem Fell genau dann schütteln als ich meine Tasche schnappe um auszusteigen. Der Hund grinst da bin ich mir sicher auf das Allerhämischste, ein Grinsen wie es der Cheshire Cat steht, diese Bestie und ihr hohnvolles Lachen. Für einen kurzen Moment überlege ich, ob es dem Hund nicht recht geschähe, schüttelte auch mich und tauchte ihn in ein kaltes Wasserbad. Aber schon pfeift die Tür und ich muss mich eilen. Aber schon halb auf dem Bahnsteig drehe ich mich noch einmal um und sage: „ Warte nur Du Untam von einem Hund eines Tages wirst Du eine Dalamatinerdame treffen und Dein Herz wird nie wieder dasselbe sein. Für Rudi, den Boxerrüden wird sie dich verlassen und deinen Kummer wird man an den Polarkappen sehen.“

Dann stehe ich wieder im Regen, denn der hat die Zugfahrt ja nur damit zugebracht noch einmal richtig Luft zu holen und nun mit voller Kraft und kalten Händen Wasser über mir auszugiessen. Ein guter Kilometer liegt zwischen mir und der Fabrik. Der Regenschirm jault, der Wetterfleck wimmert und ich recke die nasse Faust gen Himmel. Der Regen grölt lauter und mir rinnt das Wasser aus allen erdenklichen Winkeln. All mein Sinnen und Trachten ist auf die Mondsteinscheibenfabrik gerichtet, die doch mit jedem Schritt naeher kommen muss. Aber die Strasse wird länger mit jedem Schritt. Ich huste böse und dumpfe Wut überkommt mich. Auf die Autofahrer, die wohl geborgen durch den Regen schaukeln, auf die unsinnige Idee auf eine Insel zu ziehen, die sturmgebeutelt ist wie diese, auf Kälbchen, das seine Kräfte an alles verschwendet nur nicht an das Ziehen einer Kutsche in der ich trocken die Zeitung läse und so fluche und knurre ich so vor mich hin. Dann geschieht das Unfassliche: mich trifft eine Flutwelle und war ich eben noch nass, so bin ich nun zwanzig Sekunden später durchgeweicht dem besten Wortsinne nach. Erst glaube ich dies sei die Apokalypse selbst, die sich ausgerechnet mich als Testobjekt erwählte, aber dann sehe ich den schweren, silbernen BMW, der durch die Pfütze preschte als sei dies nicht die Strasse zur Fabrik, sondern eine Rennstrecke in Monte Carlo. Der BMW braust davon und ich bleibe zurück. Nass ist trocken verglichen zu meinem Zustand, meine Zähne klappern vor Wut und Entsetzen und als ich endlich die Fabrik erreiche, fährt die Auszubildende vor. Die Auszubildende wird von ihrem Gefährten gebracht. Der Gefährte hat einen tiefergelegten VW Polo und ist Alleinunterhalter. Gerade unterhält er sich aber mit der Auszubildenden. „Babe, just give me twenty!“ Der Alleinunterhalter ist chronisch pleite. Die Auszubildende erblickt mich und ruft: „Sind Sie das Fräulein Read on? Meine Cousine hatte einmal eine Ratte…..“ „Auszubildende, zische ich, es gibt Sätze die wollen Sie besser nicht beenden,liegt ihnen auch weiterhin an einem Platz in einem warmen und trockenen Büro.“ Die Auszubildende verstummt.

„Fräulein Read On, sagt der verehrte Herr Direktor, der gefasst und trocken auf mich zukommt, was ist denn Ihnen geschehen?“
„Verehrter Herr Direktor, sage ich, eine Schlingpflanze von einer Person, eine faule Apfelsine, nein, der Teufel selbst fährt inzwischen BMW und mit diabolischer Lust ist eben jener durch eine Pfütze gebrettert, um mich mit einer Flutwelle zu begiessen, die seit der Arche Noah ihresgleichen sucht. Ja, Herr Direktor so ist der Mensch, rücksichtslos, tückisch, zu jeder Gemeinheit in der Lage, mitleidlos mit einem ohnehin schon nassen Fräulein, und wahrscheinlich hat diese Brennessel von einer Person noch laut gelacht. Ich wische mir Wasser aus dem Gesicht.
Der verehrte Herr Direktor starrt mich an. „Fräulein Read On, ein BMW-Fahrer sagten sie?“ „Oh ja, Herr Direktor, oh ja, aber kein Fahrer, nein das war er nicht, ein Fahrer im Wortsinne nach, ertränkt keine Fussgänger hat schon einmal vom Wort Bremse gelesen, nein das war ein Bleifuss, eine Anaconda ist eine liebliche Freundin verglichen zu jenem Regen-Rowdy.
„Ein silberner BMW, Fräulein Read On?“ Der verehrte Herr Direktor sieht auf einmal bedenklich blass um die Nasenspitze aus. Ich nicke. „Silbern, sage ich, silber von aussen,ich dachte ja erst die apokalyptischen Reiter seien herabgefahren, aber dann war es doch nur eine dieser Autos die kleinen Geistern grosse Geschwindigkeit erlauben.“ Der verehrte Herr Direktor sieht mich schweigend an. Ich tropfe wie ein Sieb. Die Reinigungsfrauen holen den Wischwagen. „Wenn ich den erwische, sage ich, finster, wenn ich den erwische oh ein Bad in Motorenoel wird ihm als Labsal erscheinen.“ Der verehrte Herr Direktor sinkt in sich zusammen.

„Fräulein Read On, der Regen-Rowdy, das war ich, die verehrte Frau Gemahlin war am Telefon, die Freisprechanlage aber hat so merkwürdig geknistert, ich hatte die Pfütze nicht kommen sehen und noch gedacht: „Himmel, war das ein sehr grosser Hund oder ein kleiner Mensch da auf der Strasse.“

„Fräulein Read On, Sie sagen ja gar nichts mehr!“

 

17 thoughts on “Die apokalyptischen Reiter fahren BMW

  1. HAHA, das ist eine Regengeschichte mit wunderbaren Bildern. „Abtropfbrett“, großartig, das muss einem einfallen! Mein Respekt vor ihren Bildern und Metaphern steigt noch ein bisschen. Viel mehr geht da eh nicht.

  2. So nass es war, es ist einfach lustig.
    Wieder haben Sie ein Lächeln in den Tag gezaubert.
    Hoffentlich bleiben Sie gesund, Mademoiselle.
    Und Wetterfleck habe ich lange nicht mehr gehört (gelesen )

  3. Ihre Wortakrobatik ist so treffsicher, Frl. ReadOn, unglaublich, vielen Dank! Wird der Herr Direktor in der nächsten Woche als Ausgleich Frei-Tage gewähren, die Sie in gleichermaßen wunderbaren wie sonnigen Gefilden verbringen können? Ich bin gespannt und drücke die Daumen – auch für Ihre inneren Helferzellen gegen Erkältungen.

  4. Dem Herrn Direktor sei zu Gute gehalten, dass er den Mut und Anstand besitzt, sich als Regen-Rowdy zu outen. Nun muss er mit Ihrem gnadenlosen Urteil leben: „der Teufel selbst fährt inzwischen BMW.“ Und er wird am Abend die verehrte Frau Gemahlin anweisen, ihn nie wieder bei Regen anzurufen.

    Sie, liebes Fräulein, haben jetzt eine neue Aufgabe für lange Winterabende, dem Kälbchen das Ziehen einer Kutsche beizubringen, in der Sie beim nächsten Regen trocken die Zeitung lesen können. Bleiben Sie gesund!

  5. Eine großartige ‚Regengeschichte‘, die Sie hoffentlich
    ohne Grippe überstanden haben?

    Hoffe, Sie haben in der Mondscheinfabrik immer
    auch trockene Kleider zum Wechseln parat?

  6. Oh, was für eine Flut…Und Sie mittendrin. Rudi, der Boxerrüde , war schon gut, aber der Direktor als „rasender Wasserschreck“ ist nicht zu toppen. Ehrlich ist er, das muss man sagen. Hoffentlich fällt ihm etwas ein, das wieder gut zu machen. Und sie mit einem großen Hund zu vergleiche, phewww, der Herr Direktor braucht wohl eine Brille und eine neue Freisprechanlage! Bleiben Sie gesund!

  7. Ich habe Tränen in den Augen vor Lachen. Die Auszubildende scheinen sie ja bereits ebensogut eingenordet zu haben wie den Herrn Direktor. Sehr mutig von ihm gleich zu gestehen, bevor sie das Fahrzeug eines Tages selbst entdeckt hätten 😉

  8. Ich musste sehr lachen, hoffe doch aber sehr, Sie haben sich keine Erkältung geholt bei all der Nässe.
    Und der Herr Direktor sollte sich zur Wiedergutmachung etwas einfallen lassen. Ein neuer Wetterfleck, schicke Gummistiefel oder gleich ein Wellnesstag – ganz ungeschoren darf er nicht davonkommen, bei aller Ehrlichkeit.

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