Sonntag

Am Morgen nach langen Regentagen die Sonne im Fenster. Der Sonne ist kalt. Ich ziehe die Knie an unter der Decke. „Komm Sonne“, sage ich „Leg dich doch dazu.“ Die Sonne seufzt selig und selig seufze auch ich.

Lange gelesen. Iris Murdoch nach Jahren wieder, ich hatte ganz vergessen wie sehr ich es mag langsam in die Geschichten, die Figuren hineinzufallen. Die Sonne lehnt sich dichter an mich heran. „Nicht so schnell“, sagt sie, ich nicke.

Eine Tasse Tee, zwei Löffel Zucker, noch immer im Bett, eine Bachkantate, immerhin, denke ich wo das Meer mir doch fehlt. Den Tee in kleinen Schlucken, stark ist der Tee und heiß. Die Sonne lacht an meinem Ohr.

Aufstehen, die Schuhe suchen, das graue Yogahemd, die schwarzen Hosen, Handtuch und Seife, der Badeanzug ist pink. Das Meer ist mir abhanden gekommen, aber die städtische Schwimmhalle gibt es in der Nähe. Zu warm ist mir das Wasser, das macht die Irische See mit einem, aber dann doch Bahn für Bahn, 3000 Meter, hinauf und hinunter, erst fliegen die Gedanken noch hinter mir her, dann nur das Rauschen des Mannes, der wie ich Bahn um Bahn schwimmt, sein Rücken ganz leicht gebogen, ein Delfin denke ich für einen Moment, bevor ich ganz einem Walrosse gleich Bahn für Bahn, Länge um Länge schwimme.

Die Sonne sieht durch die Fenster der Schwimmhalle hinein. „Ich und Du“, sagt sie. „Du und ich“, sage ich.

Ein Kind fragt seine Mutter, was ich in der Hand halte. Ein Stücke Seife sagt sie.
Das Kind weiß nicht was das ist. Seife ist nichts mehr was man in der Hand hält lerne ich. Ich weiß gar nicht was man noch nehmen könnte, andere wissen nicht, dass das reichen könnte.
Die Seife riecht nach Kamille, seitdem ich die Seife aus Aleppo nicht mehr bekommen kann.

In einem Café, noch immer das gleiche Buch und nun auch Kaffee, weiter zwischen den Seiten versinken.

„Entschuldigung sagt eine Frau, die älter aussieht als sie wohl ist, können wir uns zu ihnen setzen?“ Das Café ist voll an diesem Sonntagmorgen, klar sage ich und kicke die Sporttasche zur Seite. Ihr Sohn hat ein strahlendes Lachen und einen Plüschelefanten. Strahlend hält er mir den Elefanten hin. „Oh, sage ich, es ist mir eine große Ehre so einen Elefanten kennen zu lernen, wie begrüßt man denn einen Elefanten richtig?“ Der Junge sieht mich strahlend an. „Er kann nicht sprechen“, sagt seine Mutter. Ich schüttle den Rüssel des Elefanten und der Junge nickt mit dem Kopf. Der fröhliche Junge und der Elefant sehen aus dem Fenster. Vor dem Fenster da liegt die ganze Welt. Ein kupferbrauner Jagdhund gähnt, ein Maedchen braust mit einem Skateboard vorbei, ein Mann sammelt Zigarettenstummel vom Boden auf. Die Blumenfrau wickelt Blumen in ein feuchtes Papier. Ein altes Ehepaar mit Mohnblumen am Revers kommt aus der Kirche. Ein kleiner Junge und ein großer Plüschelefant drücken die Nasen ans Fenster. Es gibt so viel zu sehen in der Welt. Seine Mutter dreht ihre Kaffeetasse in der Hand hin und her. Sie zuckt mit den Schultern manchmal muss ich einfach für ein paar Stunden unter die Menschen. Wir stören sie doch nicht. Dann sieht sie mich an. „Nein, sage ich, sie stören mich ganz und gar nicht, ich habe eine Schwäche für neugierige Weltbeobachter und Elefanten.“ Sie lächelt müde. „Sein Vater“ sagt sie und dann schüttelt sie den Kopf und spricht nicht aus, was sie hatte sagen wollen. Es stimmt ja auch nicht. Schmerzen werden nicht doch Wiederholung kleiner, sie zieht sich das Kleid über die Knie zurecht, so decken wir alle unsere Wunden wieder zu und wir reden ein bisschen, so wie Fremde manchmal reden und ich staune über die Weltzugewandheit des Kindes und seiner Mutter. Wir winken einander als wir auseinandergehen.

Ich ärgere mich nicht nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Ich hätte sie und ihren Sohn so gern wiedergesehen. Meine Unmöglichkeit die richtigen Fragen zu stellen, holt mich immer wieder ein.

Die M. erwartet ihre Nichte.

Ich backe einen Kuchen.

Der Regen ist zurück.

Ich rette Handtuch und Schuhe.

Vor dem Fenster raucht ein Mann eine Zigarette.

M. ist nervös.

Die Nichte ist sehr verwöhnt sagt sie.

Die Ansprüche.

Dann schweigt sie.

Es ist genug, sage ich.

Eine Tasse Pfefferminztee auf der Fensterbank.

Ich sehe den Wolken hinterher.

Im Radio Armistice Day.

Sie sei world weary sagt die Nichte später.

Ich nicke und sage nichts.

Ganz am Ende des Tages stehe ich noch einmal auf und sehe aus dem Fenster.
Ganz still ist es auf der Strasse, der Regen hält einen Moment an, die Sonne ist lange schon untergegangen, der Mond wohl verborgen, wo das weiss ich nicht. Einen Atemzug lang kann man manchmal der Welt zusehen, wie sie die Schultern hochzieht, die Wangen aneinanderpresst und eine ganze Minute lang die Luft anhält.

Doch schon regnet es wieder, eine Autotür fällt zu und ich schliesse bald darauf die Augen.

 

34 thoughts on “Sonntag

  1. Das Wort Liebe ist zu schwach Ihre Texte zu beschreiben. Soviel Welt in so wenig Worten finde ich sonst nirgends.
    Danke
    Gruß aus dem Münsterland
    Anke

  2. Danke für diesen wunderbaren Text, in den ich heute morgen förmlich eingetaucht bin.
    Ich bin leider eine schlechte Schwimmerin, dennoch liebe ich das Meer und seine Weite mehr als alles andere.
    Und dann erwähnen Sie Iris Murdoch. Als die Alzheimer Diagnose bei meiner Mutter vor vielen Jahren als sicher diagnostiziert wurde, habe ich mich in jeder mir zugänglichen Weise informiert. Tief beeindruckt hat mich das so ehrliche, voller Liebe und doch schonungslose Buch John Bayleys „Elegie für Iris“ über die gemeinsame Zeit mit ihrer Erkrankung.
    Dass diese Krankheit jeden Menschen treffen kann, die Auswirkungen der Demenz sich so ähneln, unabhängig von Talent, Intelligenz, Status, die Erfahrungen anderer, haben mir sehr geholfen und auch Trost gegeben.
    Und der Junge im Schwimmbad weckte Erinnerung an Hans-Josef Ortheil, den sprachgewandten Schriftsteller, der als Kind – aus Gründen – für viele Jahre keine Sprache hatte. Die Bemerkung der Mutter „sein Vater….“ regt sofort die Phantasie an.

  3. Sehr schön, die lachende Sonne an Ihrem Ohr.

    Sich fallen lassen in solch ein sonntägliches Stimmungsbild,
    das könnte doch vielleicht auch die weltmüde Nichte ein wenig wacher machen.

  4. Ein Sonntag voller Sonne und doch nicht.
    Niemand beschreibt das Leben so schön wie du.

    Ich wünsche noch viele Sonnenstrahlen um diese zu tanken für den langen Winter. Aber nach diesem kommt ein neuer Frühling, das ist gewiss.

    Liebe Grüße

    P.s.: Seife aus Aleppo gibt es in Frankreich im Supermarkt. Vielleicht findet sich ein geneigter Leser, eine geneigte Leserin die da aushelfen kann.

  5. Schwimmen – unser beheiztes Freibad ist seit nun 2 Monaten geschlossen und öffnet erst wieder am 1. Mai nächsten Jahres. 6 Minuten zu Fuß, und ich stehe mit meiner Saisonkarte am Drehkreuz, 3 x in der Woche – schwimmen, nicht baden wie so viele. Jetzt müsste ich mit dem Wagen in die große Stadt um in der Halle zu schwimmen.

    • Ah, das ist bitter! Ich werde ja ohne Wasserkontakt sehr mürrisch und so hoffe ich sehr, dass Sie doch immer mal wieder in der großen Stadt vorbeisehen können.

  6. Oh ja, die Sonne. Welch ein Glück, dass dieser November nicht so kalt und dunkel ist, wie man ihn sonst kennt.
    Wie Sie es immer wieder schaffen, mit Worten Bilder zu malen. Als wäre man dabei gewesen, im Schwimmbad, im Café. Soviel Melancholie und dennoch Hoffnung.
    Kommen Sie gut durch den November.

    • Leider ist die Sonne im November hier eine Ausnahme- aber umso schöner, wenn sie dann doch vorbeisieht. Der November ist glaube ich immer ein sehr melancholischer Monat.

  7. Wann kommt endlich ein Buch mit all Ihren Texten? Ich schicke noch 3 kg Sonne und 4 kg Meer, das sollte für heute reichen. Manchmal braucht man solche Pakete! Herzlich, Sunni

  8. Ich möchte mich manchmal gerne in Ihre Texte legen, vielen Dank dafür!

    Heute war es übrigens so nebelig, da habe ich mich gefragt, wie schön Sie das wohl beschrieben hätten….

  9. @Ferrer
    Vielen Dank für den Hinweis auf den Film. Wie konnte er mir nur entgehen – aber klar, zu Zeiten der Entstehung war ich sehr mit der Betreuung meiner Mutter beschäftigt. Schon wegen der herausragenden Besetzung werde ich ihn mir noch anschauen. Außerdem lässt einen das Thema nicht mehr los, denn die nahe Berührung führt auch zu Ängsten, möglicherweise selbst einmal betroffen zu sein.

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