Abseits des Meeres heißt stadteinwärts

In meinem fünften Jahr in Irland ist mir das Meer abhanden gekommen. Sehe ich aus dem Fenster, so ist vor dem Fenster eine Straße, hinter der Straße beginnt eine andere Straße und so geht es immer weiter. Keine der Straßen führt ans Meer. Die Straße liegt nicht mehr im Oberland und am Morgen gehe ich nicht mehr im Bademantel die Straße hinunter ans Meer. Das Meer und ich wir hatten uns aneinander gewöhnt. Das Meer sich an meine Müdigkeit und ich mich an die kalten Hände der irischen See. Oft bin ich aufgewacht in der Nacht und das Meer war noch war. Das Meer ist ein guter Wächter, wenn auch einer mit kalten Händen. Oft saß der Mond auf der Fensterbank und erzählte mir von der Sonne, dieser einen Liebe und am Morgen kam die Sonne zum Fenster herein und erzählte mir vom Mond, dieser einen, großen Liebe.
Wache ich auf in der Stadt, gluckert manchmal Wasser in einem Rohr, aber das ist alles, nichts ist mehr da vom großen Rauschen der See vor meinem Fenster. Ein Kanal ist in der Nähe, aber der Kanal führt nichts ans Meer. Müll schwimmt im Kanal und zwischen dem Müll schwimmen Schwäne. Am Kanal stehen Zelte, da leben Menschen, die haben kein Dach über dem Kopf, sondern nur eine Plane. In Dublin ist das ganz normal, seit Jahren schon, alle Antworten sind die immer gleichen Redensarten und jeden Abend liege ich im Bett und zähle die Kamine und hinter den Kaminen, da stehen die Zelte. Am Wochenende stelle ich Tüten mit Dingen des täglichen Gebrauchs vor die Zelte.
Ich schäme mich und das Meer ist nicht da, was die Scham auffängt. So lebt man in der Stadt beständig mit der Scham. Vor dem Haus steht eine Laterne und auf der anderen Straßenseite, da steht eine Kirche, aber es ist nicht mehr St. Sylvester, keine Seefahrerkirche mehr, die Kirche ist nur noch von außen Kirche, lange war sie ein Arbeitsamt, dann sollten sich Käufer finden und keiner kaufte und manchmal spielen die Kinder der Nachbarschaft Verstecken im Kirchgarten, aber niemand hat einen Schlüssel oder vielleicht doch, aber niemand der den Schlüssel hat, schließt die Kirche auf und es gäbe weniger Zelte am Kanal. Aber keiner kommt. S
o fern das Meer und der Mond ist blasser in der Stadt, hat nichts vom munteren Liebhaber, sondern viel vom müden Geliebten, der in einem schäbigen Bahnhofshotel auf die Geliebte wartet, die doch nicht kommt. Die Sonne kommt spät, hat Ruß in den Haaren, die Stadt hinterlässt selbst bei der Sonne Spuren und eilig ist die Sonne, wenn sie die Stadt erreicht. Keine Zeit mehr für Liebesgeschichten ruft sie mir zu und ich sehe ihr hinterher. So wird man sich fremder und irgendwann läuft man aneinander vorbei.
Manchmal steht ein Mann unter der Laterne und raucht. Er wippt mit den Hacken, vielleicht ist der Bordstein ja für eine Zigarettenlänge ein Boot auf der wogenden See, vielleicht ist alles auch ganz anders. Manchmal bilde ich mir ein, ich könnte das Meer noch immer hören, aber dem ist nicht so, selbst wenn in der Nacht nur in einem Haus noch ein Licht zu sehen ist, rauscht nur von Ferne eine andere Straße.
Damals als ich in das Dorf zog da sagte die Frau des Krämers zu mir: „Sie müssen noch viel lernen, wir verstehen die Welt hier vom Meer her.“ Ich wusste nichts, die Frau des Krämers wusste alles. Sie war es doch, die eine Stelle bei Arnott’s ausgeschlagen hatte, um einen Krämersladen in einem kleinen Dorf zu führen, denn die Frau des Krämers wusste schon damals, dass das Meer ihr zur Lebensform werden würde und so ist es ja auch gekommen.Bereut habe sie es nie, sagte sie beständig und zählte auf wer von den Lehrmädchen tot oder geschieden sei, das ist für die Frau des Krämers fast ein und dasselbe.
Sie werden schon sehen, was sie davon haben, sagte die Frau des Krämers als ich vor ein paar Wochen zum letzten Mal im Morgenmantel und mit tropfendem Haar bei ihr im Laden stand.
Das Meer, das habe ich nicht mehr, denke ich, wenn ich aus dem Fenster sehe, frühmorgens, abends oder nachts.
Das Meer ist mir auf einmal und ganz plötzlich abhanden gekommen.

25 thoughts on “Abseits des Meeres heißt stadteinwärts

  1. Nein! Ganz sicher nicht! Das Meer gehört zu Ihnen wie die Luft zum Atmen! Es hat sich nur ein wenig zurückgezogen, vielleicht braucht es auch ein wenig Ruhe, Besinnung, Befreiung um Sie dann wieder mit atemberaubender Liebe zu umarmen. Ganz sicher! Bleiben Sie stark!

  2. Liebes Fräulein, das ist schon starker tobak: der Lieblings-Mensch stirbt, neue Arbeit, neue Wohnung, ohne den vertrauten Blick aufs Meer, ohne das geliebte schwimmen. Da wurden Ihnen alle Wurzeln gleichzeitig gekappt. Jetzt brauchen Sie viel Kraft, Mut und Menschen, die Ihnen beistehen. Und ganz zarte junge Wurzeln, die bereit sind, sich optimistisch festzuhalten und Ihnen Halt und Heimat zu geben. Meine guten Wünsche sind bei Ihnen, für Kraft, Mut und den liebevollen Umgang mit Ihnen selbst.

    • Ich finde auch, es ist ein bisschen viel des Schlechten, des Anstrengenden und des Neuen, aber es hilft wohl nichts und so soll man hoffen, dass das Meer eines Tages wieder näher kommt.

    • Sie schaffen das. Ganz sicher, Sie sind stark und Jung und mutig. Aber Sie müssen gut für sich sorgen – gute Orte finden zum schwimmen, essen, trinken, Musik hören. Ihrer Wut und Ihrer Trauer zuhören, aber sich nicht von ihnen gefangen nehmen zu Lassen. Und den Mut haben, um Hilfe zu bitten. Gute Unterstützung finden. Mein Mitgefühl und mein Daumen drücken, meine guten Gedanken und wünsche schicke ich Ihnen. Und bin so froh, dass es Sie gibt.

  3. Diesen Abschiedsschmerz verstehe ich gut. Ich bin auf einer Nordseeinsel aufgewachsen und wohne jetzt in Berlin, schon 35 lange Jahre, meine Kinder sind Großstadtkinder, und ich suche die Nordsee in den Augen und in der Sprache der Menschen. Immer noch. Und wenn jemand so wasserblaue Augen hat oder einen Anflug von Norddeutschem in der Sprache, dann höre ich die Nordsee.
    Ihnen Alles Gute für die Suche nach dem Meer.

  4. Ihre Sehnsucht nach dem Meer verstehe ich sehr gut, der Abschied fällt mir jedes Mal wieder schwer. Das Meer macht etwas mit einem, es setzt die Dinge in eine andere Perspektive. Vielleicht haben Sie „Kruso“ gelesen, dort heisst es über das Meer: „… seine schiere Größe, seine Übermacht. Und die eigenen, lächerlichen Grenzen.“ Das finde ich sehr treffend.
    Nur erahnen kann ich, was die ganzen Umbrüche derzeit in Ihrem Leben mit Ihnen anstellen. Ich wünschte, ich wäre in der Nähe und könnte Kuchen und Nussschokolade einfach so vorbeibringen. Leider ist es nicht so, deshalb umarme ich Sie aus der Ferne und hoffe, Sie schaffen es vielleicht ab und zu, mit dem Hund und dem alten Volvo ans Meer zu fahren. Und morgen, wenn ich mich für dieses Mal von der Ostsee verabschieden muss, werde ich einen Stein für Sie ins Wasser werfen.

  5. Ach liebe Read on, das Meer ist noch da. Es wartet auf ein Fräulein das, so sie denn wieder Mut fassen kann, damit sie wieder Mut fassen kann, vorbei kommt und es besucht.
    Ich bin sicher die Frau des Krämer hat einen heißen Kakao. Und wenn nicht, was ist mit dem Schlüssel der Kirche?
    Kommt Zeit, kommt das Meer, kommt ein kleiner Sonnenstrahl und die Wut, die Verzweiflung, die Trauer können sich für einen Moment zurück ziehen.
    Wenn nicht morgen oder nächsten Monat dann eben übernächsten. Aber das Meer, das wird da sein und geduldig warten.

    Ich bewundere dich in deiner Stärke und denke jeden Tag daran wie es dir gehen mag. Fühle dich umarmt.

  6. Vor ein paar Jahren im Herbst. Die lange Beziehung, die, bei der ich mir “Für immer zusammen, heiraten, Kinder kriegen“ vorstellte ist zusammengebrochen und alles was blieb war ein Berg voller Scherben. Ich wollte nicht alleine in unserer Wohnung bleiben und bin in ein kleines Loch gezogen. Dann den Job verloren und den ganzen Tag nix zu tun außer auf dem Sofa liegen und die Wand anstarren. Dann doch eine neue Aufgabe, ein Umzug in die Großstadt für ein halbes Jahr. Alle Sachen eingelagert und mit 2 Koffern in ein gemietetes Zimmer gezogen.
    Nichts war mehr da. Keine Freunde oder Familie, kein Partner, meine Sachen. Alles war weg.

    Ich hab so gelitten.
    Es gab aber eine Vorstellung, die mir geholfen hat: ich hab mir vorgestellt, ich fahre in einen schönen Obstgarten und suche mir den stärksten Birnenbaum aus mit den schönsten goldenen Früchten.
    Und am Fuße dieses Birnbaums knie ich nieder und vergrabe dort mein armes Herz. Der Winter kommt und kühlt das wunde Herz und irgendwann kommt der Frühling und mit ihm kommt vielleicht auch ein bisschen Kraft zurück. Und im Sommer, mit seinen warmen Tagen, dem Regen und der Sonne heilt die Natur mein Herz. Und dann, im Herbst, sind die Narben vielleicht etwas verheilt und nur noch blasse Striche und keine klaffenden Wunden mehr. Und dann grab ichs wieder aus.

    So hört es sich ein bisschen banal an, aber mir hat es sehr geholfen. Es war auf einmal ok, dass ich mich klein und schwach gefühlt habe und gleichzeitig so wütend war und traurig. Und irgendwie abgeschnitten von allem.
    Ich weiß nicht, ob meine Geschichte dir irgendwie helfen kann, aber das Gefühl das deine Geschichte vermittelt, das hat mich sehr daran erinnert, wie es mir damals ging.
    Ich wünsche dir viel Kraft.

  7. Wieso Niederlage? Eine Folge kleiner Siege! Sie haben geleistet, was möglich war. Sie haben Ihnen beiden eine glückliche Zeit geben können. Sicher haben Sie das Leben des Tierarztes verlängern können. Ein großer Sieg!

  8. Liebes Fräulein,
    das Meer ist geduldig und wartet. Es vergisst nicht. Und eines Tages wird es Sie wieder mit offenen Armen empfangen.

    Geben Sie auf sich acht!

  9. Ich verstehe, was Sie meinen. Ich lebe zwar nicht am Meer, aber am großen Strom, der ins Meer führt. Ca. 300 Meter trennen unsere Wohnung vom großen Strom, den ich aber erst in wenigen Wochen wieder sehen kann, wenn die Bäume das letzte Laub verloren haben.
    Ich war immer dem Meer und dem Wasser verbunden und nichts zieht mich in die Berge.
    Vielleicht finden Sie ja eines Tages wieder einen Job in der Nähe das Meeres, ich wünsche es Ihnen von Herzen.

  10. Das Meer, so dachte sie eines Tages, das Meer ist das Einzige, das in seiner Unbeständigkeit zuverlässig ist. Das Meer bleibt. Das Meer und der Große Wagen. Zuverlässig ziehen die Gezeiten es hinfort, genauso zuverlässig aber kommt es zurück. Mit einem Tusch, einer lauten Brandung oder auch fast geräuschlos. Tsch. Stille. Tsch. Stille. Tsch. Ich wünsche Ihnen sehr, dass es schon bald wieder Ihre Barfüße umspült und nicht zu viel Salz in die Wunden legt. Ich denke fest an Sie.

  11. Für Sie, für den Tierarzt, für uns alle….

    The river is flowing, flowing and growing,
    the river is flowing back to the sea.
    Mother earth carry me, your child I will always be,
    mother earth carry me back to the sea.

  12. Das Meer wird wieder da sein, es wird Sie umarmen. Und die Sonne, sie wird wieder wärmen. Aus jedem Tal gibt es einen Weg in die Höhe, mancher ist steil, steinig und verwachsen. Aber es ist ein Weg. Und wenn Sie ganz genau hören, in sich hinein, dann ist es da, das Meer, mit aller Umarmung. Nur für Sie heute:

  13. Sind Möwen da? Die vorbeifliegen oder neben den Kaminen am Dach sitzen? Die sehe ich inmitten der großen Stadt als Boten des Meeres und freue mich, dass es doch noch da ist, gar nicht so weit weg.

  14. Ach ja, das Leben ohne Meeresnähe ist schwer. Ich bin in Bremerhaven aufgewachsen wo die Weser in die Nordsee fließt. Viele Tausende Deichspaziergänge erst als Kind, dann mit Kind liegen hinter mir. Jetzt wohne ich schon lange in Berlin. Das ist auch ok, aber das Meer fehlt und fehlt.

  15. Liebe Read On, erst seit einem Weilchen lese ich hier mit, sehr nachdenklich und bis jetzt auch sehr still – aber zu diesem Thema will ich Dir ein Lied leise ins Ohr singen, das ich vor einigen Jahren geschrieben habe. Möge es Dir ein wenig Trost bringen!

    ******************

    Aller Anfang ist Meer,
    alles kommt aus der See,
    alles steigt mit der Flut.

    Alles schmeckt noch nach Salz
    wie dein Schweiß dir verrät
    deine Tränen, dein Blut.

    Aller Anfang ist mehr als wir ahnen;
    wir sind Fische auf dem Land,
    tief verbunden mit den Ozeanen
    und doch fern von unserm Strand.

    Wenn du weinst,
    stürzt die Springflut ans Ufer,
    spült fort, was dich beschwert.

    Wenn die See sich beruhigt,
    wachst du auf in der Nacht
    und dein Geist ist geklärt.

    Wir sind verbunden mit den Ozeanen,
    wir sind Fische auf dem Land.
    In uns das Meer, viel mehr, als wir ahnen.
    In uns: Wellen, Wind und Strand.

    Aller Anfang ist Meer,
    alles kommt aus der See,
    alles steigt mit der Flut …

  16. Ach liebes Fräulein, liebes Fräulein. Hämische Teller, das Meer abhanden gekommen und so vieles andre auch, die Armut vor der Tür, die Scham und noch nicht einmal St Sylvester. Ich wünsche Ihnen dass die Flut nach der Ebbe langsam wieder kommt, wünsche Ihnen viele kleine Fluchten an die irische See, wann immer es geht, das Herz zu beruhigen, den Blick zu weiten, die Haut zu netzen und wenigestens gedanklich jede Menge hämische Teller zu schmeissen. Ach liebes Fräulein, ach. Das Leben walzt rollt latscht hungert trampelt rülpst friert immer weiter, ob wir mitkommen oder nicht, ob wir auf Ruhe und Flut warten und an Ebbe verloren sind – es tut mir so leid. Nussschokolade und sanftes Curry. Ich würde eine kleine Garküche aufschlagen wollen Ihnen, nur für Sie und das Herz bekochen wollen. Warme Socken.

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