Vor vollen Tellern

Die Mondsteinscheibenfabrik hat eine Kantine. Die Kantine ist hell und gross. Die Mondsteinscheibenfabrik schläft nie, auch um 2.30 Uhr mitten in der Nacht können sie in der Kantine Bratwurst mit Senf oder Pfannkuchen mit Ahornsirup verzehren. Die Kantinendamen aber sind wohl die eigentlich Mächtigen der Fabrik. Sie wissen schon von fern, ob Aidan einen schlechten Tag hatte, oder Rory Aerger mit der Chefin, sie muntern den verehrten Herrn Direktor auf, der von seiner Frau ein Mittagsmahl aus gedämpften Brokkoli und Thunfisch verordnet bekommen hat und versichern ihm glaubhaft, dass er noch im Wachstum sei. Für jeden haben die Damen der Kantine ein Ohr und so sind die Damen im Erdgeschoss Geheimnisträger und Quelle des besten Klatsches in Einem. Als der verehrte Herr Direktor mit mir im Schlepptau vor die Damen der Kantine trat, so beschlossen sie auf mich ein Auge zu haben, der verehrte Herr Direktor war beruhigt und bald darauf wussten die Damen der Kantine von meiner Abneigung gegen Schwein und meiner Vorliebe fuer Nussschokolade Bescheid. Den letzten Snickers-Riegel bewachen sie eisern, moegen die Mondsteinscheibeningenieure auch noch so jammern und klagen, an den Damen der Kantine aber kommt niemand vorbei.

Hell und gross ist die Kantine und es riecht nie Mehlschwitze und dafuer oft nach Zitronengras und Koriander. Aber trotzdem liegt mir immer ein Stein im Magen gehe ich hinunter, denn darauf bsteht der verehrte Herr Direktor, ist er selbst verhindert, klopft die Chefingeniuerin der Mondsteinscheiben an meine Tür, ist sie tief im Bauch der Fabrik verschwunden, steht ein Pressesprecher vor mir und ruft: Zu Tisch, zu Tisch, ist der Pressesprecher aber mit einer leidigen Mitteilung befasst, kommt ein Ingenieur und wippt ungeduldig mit den Hacken und oh es gibt viele Mondsteinscheibeningenieure, wenn aber der Ingenieur ein Rätsel loest, so steckt die Sekretärin den Kopf zur Tür herein und wo die Sekretäin ist, da darf auch die Auszubildende nicht fehlen und so ziehen mich um 13.30 Uhr Ortszeit Tag fuer Tag bestimmte Arme in Richtung Kantine. Fast jeden Tag esse ich das Gleiche. Ich fuelle Couscous in eine Schale und haufe allerlei Gemüse obendrauf. Über das Gemüse giesse ich zwei Esslöffel Joghurt und an ungeraden Tagen lege ich ein Ei in den Salat und dann laufe ich der Auszubildenden hinterher, die Tag fuer Tag Huhn und French Fries verzehrt und Tag fuer Tag dem Hühnerschlegel die Haut abzieht und mit einem bäääääh an den Tellerrand schiebt. Die Auszubildende hat sehr scharfe Fingernägel.

Aber das ist es nicht, das macht mir keinen Stein in der Magengrube, denn weiss G*tt ich habe nicht Woche für Woche den Kühlschrank des Institutes gesäubert, um mich jetzt vor scharf gefeilten Fingernaegeln zu grausen. Nein, diese Zeiten sind auf ewig vorbei. Aber wenn wir uns dann setzen- die Auszubildende erzählt mir von ihrem Plan ihrem Gefährten zum Geburstag eine Babyziege zu schenken- und die Sekretaerin des verehrten Herrn Direktors berichtet wie sie einmal in Dubai fast einem reichen Ölscheich verfiel, und dann ganz plötzlich ist er wieder da dieser Stein in meiner Magengrube,den auch die Geschichten der Damen mir gegenüber nicht kleiner machen.

Die Kantine der Mondsteinscheibenfabrik naemlich ist immer voll, denn die Fabrik schläft nie. Hungrig sind diejenigen die im Bauch der Fabrik in vielen Schichten die kostbaren Mondsteinscheiben bearbeiten udn zusammensetzen und jeder der in der Kantine sitzt kann sehen wie hungrig sie sind. Die Maenner essen Berge von Rührei mit Bratwürstchen und Bohnen in roter Sauce, sie essen Rind in brauner Sosse und einem grossen Klecks Kartoffelbrei. Sie essen Fries und Hähnchenschlegel, Suppen und Stew, sie verzehren Fisch und Berge von Reis oder lassen sich vom Koch eine halbe Pizza ueber den Tresen reichen. Die Männer dort an den Tischen mit ihren dampfenden Tellern haben das, was man gemeinhin einen gesunden Appetit nennt. Sehe ich ihnen zu, wie sie essen, lachen, erzaehlen, bevor sie herzhaft in ein Brötchen beissen, dann überfällt mich wieder und wieder diese entsetzliche Wut.

Liesse ich sie los, die Wut, liesse ich sie nur laufen, dann pfefferte ich die Tabletts und die Teller auf den Boden, fegte die Gläser vom Tisch und leerte die Suppenschalen auf dem Fussboden aus.
Wie kann das denn sein, frage ich mich und die entsetzliche Wut, wie kann das denn sein, dass alle so fröhlich, so unbekümmert, so ganz und gar mit sich im Reinen und ohne weiter darueber nachzudenken einfach so essen und an einem ganz anderen Tisch, der Tierarzt sass und nicht mehr essen konnte, weder eine Hand voll Erbsen noch eine Schale Joghurt mit Himbeeren oder auch nur eine trockene Scheibe Brot.
Verhöhnen sie mich nicht die überquellenden Teller und vollen Tabletts? Halten Sie mich nicht zum Narren mit ihrer bunten Fülle? Die Teller habe ich oft das Gefühl strecken mir ihre Zunge entgegen, höhnisch blicken sie zu mir herüber: „Hast du wirklich gedacht, fragen sie mich, dass Du auch nur den Hauch einer Chance gehabt hast gegen den Hunger? Dann lachen sie scheppernd und schlagen die Hände zusammen, so als hätten sie noch niemals etwas so Komisches gehört. Sie haben ja Recht, die Teller, denn kläglich bin ich mit ihnen gescheitert und eingerollt in T-Shirts, habe ich die kleinen Flaschen mit Sanddorn und Rotbäckchensaft gefunden, die die liebe C. Woche für Woche von Deutschland nach Irland schickte, weil ich glaubte endlich hätte ich etwas gefunden, wenn schon keinen Teller, dann wenigstens ein Glas. „Es tut mir so leid“ schrieb der Tierarzt auf gelbe Klebezettel und als ich sie fand, da zerbrachen die Flaschen auf dem Boden, aber alles war ohnehin schon zu spät.

Dann ist die Wut wieder da und die Hilflosigkeit, meine Müdigkeit und die alte Schwester Vergeblichkeit, die ich besser kenne als mich selbst. Die Sekretärin lacht, die Auszubildende hat ihr Huhn verzehrt und dann kommt mir mein Telefon zur Hilfe und ich laufe aus der Kantine heraus so schnell ich kann. Bis zum nächsten Mittagessen jedenfalls.

45 thoughts on “Vor vollen Tellern

  1. Vergeblichkeit und Endgültigkeit sind für mich am Schwersten zu ertragen . Vielleicht gehen Sie lieber eine Weile draußen allein essen- manchmal muss man sich vor zu großen Schmerzen schützen!

  2. Ich kann die Wut so gut nachvollziehen, die Aussichtslosigkeit im Kampf. Und die Ungerechtigkeit im Leben. Nein, es ist nicht fair. Aber all die anderen können es nicht wissen und auch gar nichts dazu, dass es so ist. DAS wissen nur die, die es erlebt haben. Es gibt keinen Ort, an dem die Wut über die Endgültigkeit landen könnte. Nicht jetzt. Später, sehr viel später.

  3. Liebe ReadOn, Sie dürfen traurig sein, Sie dürfen wütend sein, aber bitte bitte schicken Sie das Gefühl, versagt zu haben, ganz weit aufs Meer hinaus. So weit, dass es keine Strömung, keine Flut wieder zurück zu Ihnen ans Land bringen kann, niemals nimmer

  4. Liebes Fräulein, der Schmerz wird irgendwann kleiner. Die Arme ziehen Sie runter in die Kantine, damit sie selber etwas Essen.
    Und falls es zuviel wird. Dann gehen sie bei Sonnenschein mit ihrem Essen raus, setzten sich ins Gras und blinzeln zu den Wolken. Vielleicht blinzeln die ja zurück.

  5. Dass die ‚vollen Teller‘ (und vermutlich nicht nur diese) Sie wütend und hilflos fühlen lassen, sehr nachvollziehbar.

    Von ganzem Herzen wünsche ich, dass Ihnen der Appetit auf Leben nicht abhanden kommt. ❤

  6. Wie gut ich diese Wut verstehe! Zerreisst einem beim Lesen schon fast das Herz – und wir sind doch nur Zuschauer in diesem Drama. Wünschte mir so sehr, hier – dir – helfen zu können, und weiss doch, dass du da deinen eigenen Weg finden musst. Nur: Zuhören werde ich dir immer. Es aushalten, mit dir. Und an den Tierarzt denken. Immer und immer wieder.

  7. Es tut mir leid. Wenn schon nicht in der Kantine, dürfen Sie hier wütend Teller schmeißen bis alles zerbrochen ist solange Sie nur übrig bleiben.

  8. Liebes Fräulein read-on, ich finde es sehr schön wie die Damen in der Kantine auf sie acht geben.
    Und gescheitert sind sie sicher nicht, bitte passen sie auf sich auf. Ich wünsche ihnen noch viele „Kantinendamen“ an ihrer Seite.

  9. Bitte, bitte lassen Sie alle diese Gefühle zu. Wut, Verzweiflung, Trauer. Immer raus damit und wenn Sie Teller werfen müssen, dann tun Sie das. Und schreien Sie dazu, so laut Sie nur können.
    Aber bitte tun Sie eins nicht: suchen Sie nicht die Schuld bei sich, machen Sie sich keine Vorwürfe. Sie haben alles getan und noch mehr. Sie sind wunderbar, wir alle wissen das umd auch der Tierarzt wusste es und vielleicht können Sie es auch irgendwann glauben.
    Und wenn es gar nicht geht, dann lassen Sie sich bitte, bitte helfen. Niemand kann (und muss) immer nur stark sein.
    Ich denke an Sie und wenn ich irgendetwas für Sie tun kann, bin ich da.

  10. Ihre Wut über Aussichtslosigkeit und Vergeblichleit kann ich verstehen – auch den Drang zum Teller-schmeißen.
    Die Vorgeschichte habe ich mir aus Ihren Erzählungen bruchstückhaft zusammengereimt. Das, was ich davon mitbekommen habe, erscheint mir furchtbar bitter – letztlich begreife kann ich es nicht.
    Ich vermute, das geht nicht nur mir so …
    Wie jemand hier schon schrieb: auch ich wünsche Ihnen, dass Sie nicht den Appetit aufs Leben verlieren!

  11. Sie haben keine Schuld, nicht den geringsten Anteil an der traurigen Situation. Können Sie draußen, auf einer Bank, essen, solange bis die Kantine erträglich ist? Die Damen der Kantine würden es verstehen.
    Und vielleicht ist die vielfältige Aufforderung zum Essen lieb gemeint?

  12. Auch Wut und Trauer sind Schwestern.
    Wenn ich ihre Zeilen lese wird mir Angst um Sie, Fräulein Readon.
    Ich denke oft an Sie und hoffe, dass sie den richtigen Weg finden.

  13. Ach, egal was ich schreibe, es liest sich so profan und unpassend. Ihre Gefühle sind wohl nur normal und eine Zeit der Trauer ist eben nicht einfach. Wenn es nicht anders geht, suchen Sie sich bitte Hilfe, vielleicht Menschen, mit denen Sie reden können, was auch immer Ihnen gut tut.

    Alles erdenklich Gute für Sie!

    Liebe Grüsse
    Clara P.

  14. Ich möchte nur weinen. Liebstes Fräulein, fühlen Sie sich geborgen und beschützt und gut aufgehoben in den Armen aller Ihrer Leser in diesem Internet, seien Sie wütend und zornig und schreien und toben Sie, wir alle halten das aus und sind für Sie da. Alles Liebe.

  15. Mensch Read On,
    ich kenne diese Wut, der Trauer Schwester, wie auch Kebi schrieb. Sie haben allen Grund dazu.
    Ich bitte Sie, sie sich zu erlauben und vertraue Ihnen, einen Weg zu finden. Werfen Sie mit Tellern, bitte nicht in der Kantine. Brüllen Sie am Meer. Werfen Sie mit Steinen. Stellen Sie sich eine Rummelplatzschießbude mit Saftfläschen vor, wenn Ihnen das hilft.
    Mir hat geholfen, ein altes Badezimmer rauszuhauen, viel Holz zu hacken und Stubben von Hand zu roden. Der Mann einer verstorbenen Freundin hat sich nach ihrem Tod einen Boxsack zugelegt. Es gibt keine Rezepte.
    Vielleicht ist es gut, dass Menschen Sie in die Kantine ziehen. Bei meinem Büro gibt es keine. Eine Kollegin hat mir Stullen mitgebracht, Suppe und Salat, mit mir gegessen, trotzdem habe ich neue Löcher im Gürtel gebraucht.
    Eine Bitte habe ich noch: Ziehen Sie sich den Schuh nicht an, sie haben nicht genug getan. Etwas im Tierarzt, das ich nicht benennen kann, hat so entschieden.
    Ihnen wünsche ich Menschen, die mit Ihnen sind.

  16. Ach, Sie Liebe, ich hoffe so sehr, Sie finden einen Weg für die Wut, diese Zwillingsschwester der Trauer. Wie gut, dass man Sie vor den Tellern der Mondsteinscheibenfabrin nicht allein lässt. Auch und gerade deshalb.
    All meine Guten Wünsche Ihnen ♡!

  17. Es ist gut, dass Ihr Weg Sie in diese Kantine geführt hat. Hell, groß, freundlich mit offensichtlich wunderbaren Kantinendamen und mit Menschen, die sie abholen und mitnehmen dorthin.
    Ihre Wut und Ihre sind mehr als verständlich und richtig, auch wenn Sie sicher keine Schuld trifft an der Krankheit des Tierarztes. Es ist eine Krankheit, niemand hat Schuld, so schrecklich alles ist, mit Schuld hat es nichts zu tun.
    Lasssen Sie Trauer und Wut zu und denken Sie bitte darüber nach, ob es Ihnen gut tun würde, sich darin begleiten zu lassen.
    Und vielleicht gelingt es Ihnen mit der Zeit die Kantine als einen Ort zu sehen, der er auch sein kann: ein Ort, in dem Essen all seine positiven Eigenschaften entfaltet, ein Ort, der Ihnen vor Augen führt, dass Essen auch mit Gemeinschaft, Appetit und Fröhlichkeit verbunden sein kann und für die meisten Menschen, die genug zu essen haben dürfen, auch ist.
    Alles, alles Gute und geben Sie sich bitte viel Zeit!

    • Das war auch genau mein Gedanke. So soll „essen“ sein, etwas fröhliches, gesellige… Und es ist nicht ihre Schuld, dass der Tierarzt dies verlernt hat. Wobei ich die Wut und hilfslosigkeit total verstehen kann! Bleiben Sie stark, für sich, die Freunde, Familie aber auch für Niahl… Denn nichts anderes hätte er sich gewünscht!
      <3
      Julia

      • Das ist das Tückische an ihr. So lange lässt sie einen glauben man könne doch die Überhand erlangen.

  18. ((( <3 )))
    Sie haben nicht versagt, und ich glaube fest, das auch der Tierarzt Sie und das Leben mit Ihnen liebte und viele glückliche Momente hatte, und hätte es für ihn die Möglichkeit gegeben hinter diesen Punkt zurückzugehen an dem eine Änderung noch möglich gewesen wäre, um Ihretwillen und weitere gemeinsame Zeit mit Ihnen, hätte er es getan. Aber Sie ( und leider auch ich) wissen, das bei aller Liebe manches trotz aller Bemühung nicht mehr umkehrbar ist. Das macht die Wut und die Trauer nicht kleiner, aber geben Sie sich nicht die Schuld daran.
    Sie haben in Ihrem engen Umfeld Freunde und Familie die sie lieben und sich um Sie sorgen, und es ist gut das im Arbeitsalltag, wenn auch pragmatischer und vordergründiger, Sorge um Sie getragen wird, auch wenn es Sie oft zerreisst. Diese Menschen wissen nicht um Ihre Geschichte. Schaffen Sie sich kleine Freiräume wenn es Sie zu sehr bedrängt und holen Sie Luft.
    Ich wünsche Ihnen, das die Zeit und die Arbeit in der Mondsteinscheibenfabrik ( was auch immer Sie dort mit oder ohne Kaffeeflecken tun) helfen wird und bleibe eine von Anbeginn an treue Leserin
    Barbara

  19. Ich verstehe Sie gut. Man lebt jahrelang zwischen hoffen und bangen – es ist zermuerbend. 9 Jahre begleite ich nun schon eine Freundin mit Ess Störungen, 4 oder 5x dachte ich schon, sie stirbt. Magen u Darm OP waren erfolglos, wenn Sie nicht essen kann und will.. Brezel bring ich immer mit und anderes leckeres, in der Hoffnung…seit über 1 Jahr ist sie ein Pflegefall u wir reden öfter über den Tod. Ich habe immer noch etwas Hoffnung, sie kaum noch. Leider lasse ich meine Wut raus,in dem ich viel mit ihr schimpfe. Ihre Zwänge u Ängste überfordern mich sehr. Als Sie schrieben, wie seine Familie ins Haus kam u alles noch schwieriger wurde, fand ich mich wieder. Viel Vorwürfe, da das unbegreifliche halt schwer zu verstehen ist.

    Wenn es vorbei wäre, ich wüsste, ich hätte alles getan. Aber wie es mit der Leere danach wäre, ich weiß es nicht.

    Auch Sie haben alles getan, wie so oft. Und die Zeit danach ist unendlich schwer.

    Ich denk an Sie.

  20. Ich möchte Sie gerne trösten, und weiss doch nicht wie.
    Ich kann mich gut an die wunderbare Geschichte erinnern, wie der Tierarzt Sie mit Erdbeertörtchen anlaesslich der Promotion verwöhnte, auch wenn er selbst an dieser Form der Freude nicht teilhaben konnte. Auch wenn es viel prosaischer ist, bleibt Nussschokolade weiter hervorragend.

  21. Sie haben ihn geliebt und seine Krankheit angenommen. Ich bin mir sicher, dass er sich von Ihnen geliebt gefühlt hat und dass diese Liebe ihn, so lange es ging, gehalten hat. Dass die Krankheit ihn am Ende genommen hat, heißt nicht, dass sie über die Liebe gesiegt hat. Die Liebe ist Ihnen beiden geblieben, das ist in dieser furchtbaren Trauer und Wut das einzige Glück. Reden Sie sich bitte Ihre Liebe nicht klein!

  22. Liebes Fräulein, bitte zweifeln Sir nicht daran, dass Sie dem Tierarzt gegeben haben, was nur ging. Ich kenne eine Person, bei der sich das nagende Gefühl , doch nicht alles Mögliche getan zu haben, in eine langwierige Depression verwandelt hat. Nur: diese Person und Sie, sie haben alles gegeben, was möglich war. Es lag nicht in Ihrer Macht zu bestimmen, das es auch angenommen werden kann. Es ist das t
    Traurigste, ja, aber nicht immer können wir die retten, dir wir lieben. Bitte seien Sie gut und fair zu sich.
    Ich schicke, wie immer, Kraft und gute Gedanken.

  23. Sie haben einen Menschen, für den es keine Heilung mehr gab, geliebt bis zum Ende. Sie haben ihn respektiert und geachtet und sein Sterben begleitet, ohne Rücksicht auf sich selbst zu nehmen. Sie haben ihn nicht mit seiner Mutter und seiner Schwester allein gelassen. Sie haben ihm eine andere Familie gegeben, Ihre liebevolle, warme Familie.
    Betrachten Sie es als Scheitern, dass Sie den Tod nicht besiegen konnten? Wenn nicht, wüsste ich nicht, worin Sie gescheitert sein sollten.
    Ihretwegen ist der Tierarzt nicht einsam gestorben, sondern in dem Bewusstsein, geliebt zu sein, für einen Menschen diesen entscheidenden Unterschied in der Welt gemacht zu haben. Scheitern kann ich das wahrhaftig nicht nennen.

  24. Liebes Fräulein,

    oft denke ich an Sie und den Tierarzt und versuche dem allen irgendwie einen Sinn zu entnehmen. Ich mag mir nicht anmaßen zu wissen, wie schlimm es für Sie sein muss und hoffe, dass es ein wenig hilft, dass so viele Menschen Ihnen virtuellen und ja auch greifbaren Beistand schenken. Ich hoffe, es schmeckt bald nicht mehr alles nach Wut.

    Ich weiß nicht, ob es zu früh für soetwas ist, aber ich habe letzte Woche eine Doku über ein niederländisches Mädchen gesehen, das gegen ihre Essstörung kämpft und nicht gewinnt. Sie ist noch in der 3sat Mediathek nachzuschauen. http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=75664 Wenn es blöd und unsensibel ist, bitte löschen Sie meinen Kommentar, ich kann es gerade wirklich nicht enschätzen.

  25. Liebes Fräulein Read On,

    mach Sie weiter! Bitte machen Sie weiter! Ganz genau so, wie Sie es gerade tun. Ich kann verstehen, wie entsetzlich alles für Sie ist. Mir helfen Sie damit.

    (Gerade kann ich nicht mehr richtig essen, aus Zorn und Trotz und Einsamkeit und Hilflosigkeit gegen meinen Therapeuten und so obszön es jetzt auch klingt, es gibt mir zu denken, das es bei anderen Menschen noch viel schlimmer war und ist. Bitte verstehen Sie das nicht falsch. Gerade habe ich nur das Gefühl, dass es niemanden gibt, der mich versteht aber Sie tun das und das hilft.)

    Bitte seien Sie weiter so wütend. Und bitte weiter in der Kantine essen. Essen Sie für alle mit, die es brauchen und gebraucht hätten. Es hilft mehr als Sie denken. Bitte weiter machen.

  26. Auch die Wut gehört zur Trauer, sie gilt sogar als ein gesundes Zeichen und ist nötig, um in der Trauer nicht für alle Zeit zu verharren, sondern selbst weiterleben zu können. Sie haben allen Grund, auf die Krankheit des Tierarztes wütend zu sein und ja, Sie dürfen auch auf ihn selbst wütend sein.

    Ihre Wut ist gut. Nur vergessen Sie darüber bitte nicht, selbst zu essen und für sich gut zu sorgen. Die Wut wird irgendwann auch wieder verschwinden und Platz machen für Neues. Vielleicht können Sie sie als eine etwas ungewöhnliche Freundin ansehen, die Sie für eine Zeit lang begleiten wird. Sie ist ziemlich anstrengend, aber sie meint es gut mit Ihnen.

    • Ich finde auch, dass diese Art von Wut etwas heilsames hat, etwas reinigendes und irgendwann kann dann etwas neues beginnen. Die Wut anzunehmen und zuzulassen so wie andere Gefühle auch ist nur vielleicht schwieriger, weil die Wut im Allgemeinen kein hohes Ansehen genießt.

  27. Ach, liebes Fräulein, die Wut, die hat hier auch gewohnt, lange Zeit, manchmal schaut sie noch vorbei. Eine gute Freundin war sie zu Anfang, schützend stand sie vor der bodenlosen Traurigkeit, hat mich aus dem Haus getrieben, die Angst in Schach gehalten. Viele Kilometer hat sie mich laufen geschickt, bis der Atem zurückgekommen ist, das Gewicht auf der Brust und im Kopf leichter war und die Tränen fliessen konnten. Laufen tut gut, immer noch, Jahre später.
    Glauben Sie nicht den Tellern, wenn sie höhnisch zu klirren scheinen, bitte… Sie haben es versucht, Sie haben den Kampf aufgenommen, mit aller Liebe und Zuneigung und Mitgefühl, gegen gewaltige Gegner. Zu glauben, man könnte gewinnen, gehört notwendig dazu, scheint mir. Seien Sie wütend, das ist in Ordnung. Verlieren ist bitter und das Schicksal zuweilen eine miese, ungerechte b*tch. Seien Sie wütend, aber bitte niemals auf sich selbst. Es wird leichter irgendwann. Und bitte verzeihen Sie, dass ich mich zu Ratschlägen hinreissen lasse. Und danke fürs Teilen.

  28. Es freut mich zu lesen, dass Sie viele Menschen haben, die Sie unterstützen, die auf Sie Acht geben. Geben Sie mindestens genau so sehr auf sich Acht, und seien Sie nachsichtig mit sich selbst.

  29. Gezögert, und drüber nachgedacht und es dann doch gesagt: dass man sich selbst etwas so vorwirft, was man einer lieben Freundin stets vergäbe : „du hast getan was ging, vergib dir“

  30. Es ist die Wut, wenn man aus der Parallelwelt wieder auftaucht und realisiert, wie schön ein normales Leben gewesen wäre. Wie leicht. Solange man drin steckt denkt man immer, man hat alles auf dem Schirm, aber das ist ein Trugschluss, man ist viel zu sehr gefangen. Psychische Krankheiten sind Terroristen.

  31. Liebe ReadOn,
    Sei ihm nicht böse, sei Dir nicht böse.
    Umarme ihn in Gedanken, er war ein leidender Mensch.
    Und glaube mir, wenn er gekonnt hätte, hätte er wegen Dir und Deiner Liebe gegessen. Doch etwas anderes hatte die Herrschaft über ihn, stärker als alles.
    Und wir denken manchmal, unsere Liebe kann heilen, retten, alles wieder gut machen. Diese Macht haben wir nicht, leider.
    Magst Du meinen Boxsack haben?
    Liebe Grüsse croco

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