Wie der August riecht.

Der August riecht nach der schweren Süße der Pflaumen und der Schärfe, die in jedem ersten Klarapfel liegt. Der August riecht nach Brombeeren und dicker Milch. Satt riecht der August und dieser August gehörte den Wespen. Einen Apfel oder auch zwei holen sich die Wespen unter den Apfelbäumen und so riecht der August nach der Vergänglichkeit, die das Barock so liebte. Der August riecht nach dem Ende der Sommerferien, nach langen Zugfahrten und einer Wanderung mit Blasen an den Füßen. Der August riecht noch einmal nach feuchten Handtüchern und der See riecht schon nach dem schweren Atmen des Nöck. Lange wird der See den Menschen nicht mehr gehören.
Der August riecht nach Zitronensorbet und einem Sommerfest auf dem man trinkt und lacht, um schließlich doch zu tanzen. Der August riecht nach Regenwolken, die doch weiterziehen und nach vertrocknetem Gras. Nach schwelendem Rauch riecht der August und der Müdigkeit eines kleinen Mädchens, das selig in einem roten Buggy schläft. Nach Bergamotte riecht der August und keimenden Kartoffeln in einem kühlen Kellergelass. Der August riecht nach schwarzem Tee mit Pfefferminz und kalten Zitronenscheiben. Der August riecht nach kühlen Morgen und feuchten Füßen im nassen Gras. Noch einmal blüht die gelbe Rose an der Mauer ganz weit hinten am Garten und noch einmal kann man sich eine Hand voller Himbeeren aus der Hecke pflücken. Der August riecht nach frisch gedruckten Büchern und Filzstiften mit denen am offenen Fenster Mütter viele Male auf Schulbücher schreiben: Mathematik, Elisa, Klasse 3 b.
Der August riecht nach Milchreis mit brauner Butter und der Zimtstange, die im Topf ganz langsam um ihre Achse kreiselt, denn es sind schon wieder so viele Pflaumen reif. Der August riecht also nach Pflaumenkuchen und einem dicken Löffel Pflaumenmus auf schwarzem Brot. Das riechen die Wespen und nachdrücklich weisen sie auf den Esslöffel hin, der so vortrefflich für das Verteilen von Pflaumenmus zu gebrauchen ist. Der August riecht nach Brotdosen, die zum ersten Mal seit sechs langen Wochen geöffnet werden und nach der Aufregung der Kinder, die zum ersten Mal in die Schule gehen. Sie sind jetzt groß, flüstern sie sich zu und greifen nur ganz verstohlen in ihre Tasche, um sich zu versichern, dass ein treuer Teddybär und ein Nilpferd aus Plüsch noch immer bei ihnen sind. Der August riecht nach Benzin in einer Pfütze, nach kaltem Kaffee in einer Tasse. Jemand muss die Tasse vergessen haben, denn im kalten Kaffeesee schwimmen Zigarettenstummel.

Der August riecht nach billigem Rosé aus dem Aldi. Es ist Sommer auch noch für die Trinker auf der Parkbank, vielleicht hilft der Rosé gegen die Erinnerung an den Winter, der sich irgendwo schon die Stiefel putzt. Der August riecht nach Wut und verschwitztem Ärger, unfassbar ist er der Ärger, aber riechen kann man ihn allerorten, nicht nur dort, wo Kameras ihn sich suchen. Der August riecht nach Seife von Molton and Brown und nach der Erleichterung, dass der Opel Corsa, der ein junges Studentenpaar doch nach Heidelberg bringen soll wirklich anspringt, auch wenn es lange so aussah als sei jede Mühe umsonst. Der August riecht nach der Müdigkeit des Sommers, lang war der Sommer und die Hände des Sommers haben lange schon Schwielen. Seinen Kopf in die Regentonne sinken zu lassen davon träumt der Sommer und er seufzt, sieht er auf seine trockenen, rissigen Hände. Der Sommer riecht nach Rilkes Frack und nach der Furcht der Kinder, die bei mir im Garten Äpfel, Birnen und Pflaumen stehlen und nicht damit rechnen, dass ich sie aus der Hängematte ganz genau sehen kann. Sie flüstern: „Glaubt ihr sie holt die Polizei?“ Einem Buben aber purzeln die Äpfel aus der Tasche und er beißt sich auf die Lippe. Was nun? Es gibt auch Apfelkuchen sage ich und er wird ganz rot, verlegen, beißt sich auf die Lippe, starrt auf den Boden und weiß nicht, dass er mir doch der Liebste ist aus der Kindergruppe. Die Anderen sind schon über den Zaun verschwunden. Auf ihn warten sie nicht. „Klauen ist blöd“, sagt er und ich sage: „Warum?“

Er sieht mich zweifelnd an. Weil die geklauten Sachen eigentlich nur nach schlechtem Gewissen schmecken, sagt er und schluchzt und weil man nur in die Clique darf, wenn man auch klaut.“

Der August riecht nach getrockneten Tränen und Apfelkuchen mit einem großen Klecks Sahne. Der August riecht Ölfarbe und süßen Trauben.

Der August riecht nach Desinfektionsmittel, Lilien und dem süßen Tee des Hospizes. Dorthin fahre ich jeden Tag.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

28 thoughts on “Wie der August riecht.

  1. Liebe read on,
    Wieder so toll geschrieben, dass man riecht und spürt und sieht… die Hitze auf der Haut, die Wehmut beim Abschied vom See, die Solidarität mit dem Jungen, der nicht klauen will. Viel Kraft, Mut und innere Leichtigkeit für das Hospiz. Mein Mitgefühl ist bei Ihnen. Ich drücke für alles die Daumen.

  2. Der August riecht nach dem Meer, das nur 5 Minuten entfernt ist. Er riecht nach Salz in Badesachen, die trotz Ermahnung nicht ausgewaschen werden (ist nicht schlimm). Nach Kleinkindspucke auf der Schulter. Und nach meiner Mama, die im Mai auf der Palliativstation gestorben ist.

  3. Ich möchte so gern einen Kommentar hinterlassen zum Duft des August, aber die letzten Zeilen stimmen trotz aller Leichtigkeit des Textes so traurig… Viel Kraft!
    Julia

  4. Mein August riecht nach Freibad und der Freiheit einer grosszügigen Badeanstalt mit heimlichen Ecken, dem alten Holz der Umkleidehütten, Tiroler Nussöl und Pommes. Und später riecht der August nach Pferdestall ganz früh am Morgen. Wenn die Erwachsenen noch schlafen und ein Pferdehals die Tränen des unglücklich verliebst sein auffangen.

  5. Der August riecht nach der Hitze in der Stadt und dem vertrocknenden Gras an der Straßenbahn-Haltestelle. Nach dem heißen, trockenen Papier im Magazin der Landesbibliothek in der Museumsnacht, der Schwüle in der Kleinen Kirche beim Abend- und dem Weihrauch in der Altkatholischen Kirche beim Queergottesdienst, und nach der Sichtbarkeit bei allen dreien. Nach der Minze im Kräuterstrauß vom Queergottesdienst. Nach dem Staub und der Elektronik im Serverraum, mitten im Luftzug der Klimaanlage, und ein klein wenig schon nach der Vorfreude auf das Meer.

    Ich sende ganz, ganz viel Kraft für die Tage im Hospiz. ((<3))

  6. Mein August riecht nach radfahren durch schattigen Wald. Nach Handstand unter Wasser im glasklaren See. Nach einem großen erdbeerbecher mit Sahne und nach Sonnencreme. Nach selbst gemachten caipirinhas, Limetten und Liebe. Und der Gewissheit, dass alles zusammen gehört – diese Freude, das Gefühl von Sommerferien, Lachen und lauen Nächten, 1000 Sterne am Himmel mit Trauer, Tod und dunklen Nächten, Tränen, Einsamkeit und Unwiederbringlichkeit. Ich wünsche Ihnen, dass diese Gewissheit Ihnen beisteht, dass auch nach der schwärzesten Nacht wieder ein Sonnenaufgang kommt. Klingt nach blödem klischee. Hab ich aber genauso erlebt und es mir vorher nicht vorstellen können, dass es weiter geht. Und dass ich sogar wieder glücklich sein würde… das hätte ich nie gedacht. Für die Zeit dazwischen wünsche ich Ihnen Umarmungen, Mitgefühl und ganz viel Kraft.

  7. „Der August riecht nach Desinfektionsmittel, Lilien und dem süßen Tee des Hospizes. Dorthin fahre ich jeden Tag.“
    Es tut mir so unendlich leid. Wie sehr habe ich gehofft. Ich sitze hier und weine und würde Ihnen so gern etwas tröstliches sagen, wenn ich doch nur könnte.
    Ich wünsche Ihnen alle Kraft der Welt. Und ich würde Sie gern einmal wirklich umarmen.

  8. In jüngster Zeit habe ich oft an den Tierarzt gedacht, wenn ich Einmal oder Kommen und Gehen hörte. Ich weiß nicht, ob er Gundermann überhaupt kennt, aber ich vermute, ihm als dem größten Deutschlandfan unter der irischen Sonne würden etliche von dessen Songs gefallen.

    Ihnen wünsche ich, dass Sie Kraft und Trost finden.

  9. Pingback: Wie roch mein August | la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

  10. Sie sind noch so jung, doch Sie scheinen auserwählt, eine unvorstellbare Fülle von Erfahrungen zu machen. Weil all Ihre Sinne lebendig sind, Augen und Herz weit geöffnet und Ihr Intellekt so groß.

    Wie schwer das oft sein wird. Aber wie gut, dass es Sie gibt!

  11. Der August – besonders die letzten August-Tage – riecht nach Übergang und lässt den Herbst ahnen. Mir kommt Ihr „Einatmen – Ausatmen“ in den Sinn.

  12. Ich weiß nicht, welche grausamen Umstände den Tierarzt in diese Krankheit gezwungen haben und wie verletzt er sich gefühlt haben muss, dass er sein Leid nicht überwinden konnte. Aber er soll wissen, dass er über Sie, liebes Fräulein, mit seinem Leben unendlich viele Menschen berührt hat. Ich danke, dass ich ihn kennenlernen durfte und wünsche ihm die Leichtigkeit und den Frieden, die er so sehr sucht.

    Ihnen, liebes Fräulein wünsche ich eine große Familie und Freunde, die Sie im richtigen Leben auffangen und halten können.

  13. Der August riecht nach Wut und verschwitztem Ärger, unfassbar ist er der Ärger, aber riechen kann man ihn allerorten, nicht nur dort, wo Kameras ihn sich suchen.

    Ja, riechen kann man den Ärger allerorten, nicht nur dort, wo der Ärger sich die Kameras sucht.

  14. Der August riecht nach dem warmen tröstlichen Biss in eine Zimtschnecke.
    Nach Walnuss-Eis am Stiel. Ein bisschen modrig nach dem langen Gras im Rhein. Nach fruchtigen Tomaten, süssem Zwetschgen- und Pfirsichmus ( mit Zimt) und regennassem Asphalt.
    Ich wünsche Ihnen Frieden und dass Sie getragen werden.

  15. Pingback: Wie mein August roch & schmeckte | Die Farbe Ev

  16. Mein August riecht nach Neuanfang, nach zu vielen Menschen in verspäteten Zügen, nach den Böden Brandenburgs und meinem frisch gestrichenen Büro, aber auch nach einer Hoffnung, von der wir nun Abschied genommen haben. Es kommt so viel und meistens alles zusammen, aber wie es kommt, ist es gut. Ich wünsche Ihnen Kraft und Zuversicht.

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  19. Mein August riecht nach dem Ende eines fantastischen Sommers, nach dem Fluss, der zu einem letzten Bad einlädt. Nach der Schärfe der ersten Herbstluft. Nach süssem Kindershampoo, wenn mein Sohn sich an mich schmiegt. Nach leicht abgestandener Luft in einem külen kleinen Raum, zu dem meine Familie jetzt einen Schlüssel hat, den wor am liebsten nicht hätten. Nach frisch ausgehobener Erde. Nach Rosen, die zu einem Herzen zusammengebunden sind, mit letzten Grüßen und mit meinem Namen darauf.

    Ich denke sehr an Sie und den Tierarzt.

  20. Liebes Fräulein, still lese ich hier mit. Mag den Hund ein bisschen lieber als die Katze. Vermisse Ihre Gespräche mit dem Pfarrer. Muss bei der Frau des Krämers an Mrs Oleson aus ‚Unsere kleine Farm‘ denken. Mit Tochter. Vermute oft, Sie sind mehr Meerjungfrau als Fräulein. Sehe Kälbchen Päne für Unfug schmieden. Und den Tierarzt….ach, der Tierarzt. Sagen Sie ihm, er berührt. Nicht Mitleid. Nicht „man muss doch“. Sie haben ihn in meine Welt gebracht, nur Worte, man kennt sich nicht. Und doch…ach, und doch. Der Tierarzt und das Fräulein. Ich danke Ihnen für’s Teilen der Geschichten. Sie sind in den Gedanken vieler.

  21. der süße Tee im Hospiz. Ach liebes Fräulein read on, ach. Alle Worte werden mir schwer. Ich wünsche Kraft und Zeit beisammen, miteinander. Der Tierarzt und Sie sind in vielen Herzen, auch in meinem. Ich denke an Sie und wünsche Ihnen Halt. Meine Augustgerüche hab ich schon in der Mitte des Monats geschrieben, hier: https://fredaimgarten.blogspot.com/2018/08/wie-der-august-riecht_13.html
    Ich grüße und winke und sende eine Handvoll frische Nektarinen und Brot mit duftenden Röstzwiebelchen.

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