Lautes Gelächter

Vor vielen Jahren, ich lebte noch nicht lange in Europa, da saß ich auf einem Sofa. Das Sofa war blau.

Ich weiß nicht mehr was aus dem Sofa geworden ist und zu A. und G. mit denen ich auf dem Sofa saß, habe ich kaum noch Kontakt.
A. und G. waren damals ein Paar, aber ich weiß nicht, ob sie es immer noch sind. Nach jenem Nachmittag auf dem blauen Sofa habe ich mich einfach nicht mehr gemeldet und war erleichtert als auch A. und G. schließlich nicht mehr anriefen.

Vor dem blauen Sofa stand ein Fernseher.

Als ich nach Europa kam, war Fernsehen für mich etwas von ungeheurem Luxus.

Niemand den ich kannte, dort im Land A. besaß einen eigenen Fernseher.

Meine Großmutter hatte auch keinen Fernseher.

So habe auch ich nie einen Fernseher besessen.

Aber A. und G. hatten einen riesigen Fernseher und sagten: „Komm doch vorbei, es kommt etwas total Lustiges.“

Ich nickte und brachte Kuchen mit.

Wir saßen zu dritt auf dem Sofa und ich fühlte mich plötzlich sehr europäisch. Was für ein Gefühl an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag einfach fernzusehen.

Aber einen Film haben wir nicht gesehen.

Sondern A. und G. hatten einen Sender gefunden in dem lauter Videoclips liefen.

Die Videos waren nicht in besonders guter Qualität, grobkörnig und verwackelt, mit verzerrten Stimmen im Hintergrund. Kein Clip war länger als zwei Minuten.

„Pass auf“, sagten A. und G. „Du wirst so lachen.“

Die Videoclips zeigten eine Frau, die im Garten stolpert, hinschlägt und einen Hang hinunterpurzelt. Ein Kind, das in eine Torte fiel. Einen dicken Mann, der in einer Flugzugtoilette stecken blieb. Eine Frau, der eine Spinne auf den Kopf fiel und anfing zu kreischen als sei sie eine Banshee. Einen Mann, der sich mit dem elastischen Hosenträger verheddert und gegen eine Wand prallte, nur um einen Tisch zu Fall zu bringen. Eine Oma, die ihr Gebiss verlegte und mit brabbelnden Gesten Hilfe erbittet, während die Enkel die Zähne versteckten, ein Kind, das in eine Plastikbanane biss und vergeblich schluckte.

Ein Clip nach dem Anderen. A. und G. lachten. Lachten so herzlich als gäbe es nichts Komischeres als diesen fremden Leuten, bei ihren Missgeschicken zuzusehen. Es waren die Kinder, Ehremänner, Onkels und Cousins, die diese Clips aufnahmen. Das Hochzeitspaar, das unter einer Stange hindurch kriechen sollte und er knallte sich den Holzstiel vor den Kopf. Pardauz. Gelächter. Onkel Hans ruft im Hintergrund: So ist die Ehe!

Oft endeten die Clips mit einer Momentaufnahme, in der diejenigen die fielen oder stolperten, der Tatsache gewahr wurden, dass sie gefilmt worden sein und auch sie begannen scheppernd zu lachen, damit bloß niemand auch noch das Weinen. Nur die Kinder heulten inmitten der johlenden Geburtstagsgäste, weil sie noch nicht gelernt hatten, dass man entweder mitlacht oder ausgelacht wird. Sie wurden irgendwann aus dem Bild getragen. A. und G. johlten über die Menschen, die alle schon so aussahen, wie man sich dumme, hässliche, ungeschickte Leute eben vorstellt.

Die Frauen, die sich auf ein Furzkissen setzten, waren keine eleganten Elfen, die anmutig erröteten, sondern trugen Lockenwickler, Kittelschürze und hatten geschwollene Beine.

Die Männer waren dick, hatten Nasenhaare, eine schlechte Frisur, sicher auch schlechten Atem. Ihre Kleidung war schlecht sitzend, passte ihnen so wenig, wie wohl ihr Leben selbst. Auch die Hochzeitspaare selbst, sahen nicht aus wie auf Fotografien auf denen Forever Yours steht, sondern die Kleider waren billig, die Anzüge geliehen und die große Liebe traute man den Lamabda Tänzern auf keinen Fall zu.

Alle Menschen, die in diesen Videoclips vorkamen, waren einfache Opfer, weil allein ihre äußere Erscheinung kein Mitleid, sondern Abscheu erregte.

Ein deutliches, das geschieht dem dicken Fresssack Recht.

Sieh mal wie die Alte brabbelt.

So dick wie doof.

Das die mit dem Arsch überhaupt einen abgekriegt hat.

Ein Clip nach dem Anderen. A. und G. auf dem Sofa rot vor Lachen.

Ich konnte nicht lachen.

Nicht einmal über den Hund, der auf einer Bratpfanne, die Kellertreppe hinunterfuhr.

Denn alles was ich sah, war ich.

Ich war kein schönes, kein elegantes, kein kluges Kind.

Ich war ein hässliches, verstocktes Kind,

Ich habe meine Schulzeit damit verbracht über ausgestellte Beine zu fallen, ich war daran gewöhnt, dass Leute, die Nase rümpften, wenn ich vorbei kam. „Die stinkt“, wir waren arm und mir sah man es an, nicht auf schöne, zarte Weise, sondern ich war hart und kantig, unangenehm und keineswegs anrührend.

Ich stolperte, lief mit Löchern in den T-Shirts herum, hatte schwarzen Dreck unter den Nägeln, war nicht sozialkompatibel, misstrauisch, verschlagen und in allen Clips, sah ich mich fallen, hinschlagen, ausrutschen, einbrechen und liegen bleiben.

Das war ich.

Auch ich habe viele Jahre am lautesten gelacht über mich.

Das ist vielleicht das Ekligste an den Demütigungen, dass man gezwungen ist noch lauter zu lachen als alle Anderen.

Ertappt habe ich mich gefühlt, damals am Nachmittag. Ertappt bei meiner eigenen Hässlichkeit. Ein nimmer endender Spiegel meiner Geschichte.

Aufgestanden bin ich dann und weggegangen.

Das ist Europa dachte ich später. Fernsehen mitten am Tag und das Gelächter über die hässlichen Menschen und ihre Idiotie.

Über das Land K. und das A. schüttelt man in Europa oft den Kopf.

Unzivilisiert heißt es gern, denn noch immer setzt Europa Maßstäbe, auch die der Lächerlichkeit.

Ich denke nicht mehr oft an den Nachmittag, das blaue Sofa und A. und G.

Nur manchmal erinnere mich, so wie in dieser Woche.

Da ging der Mann mit dem Deutschlandhut, dem karierten Hemd, dem breiten Gesicht, dem Akzent durch das Internet und schon lange ist er schon längst nicht mehr ein LKA Mitarbeiter, der sich von der Pressefreiheit nicht die Lust am Pöbeln lassen will, sondern eine jener Figuren vom Clipkanal, der nur noch der Lächerlichkeit dient.

Das Beispiel des hässlichen, gemeinen Deutschen, wie man ihn sich vorstellt.

Ein Mann, dessen Pöbelei nicht überrascht,

Genau so einer ist das nämlich.

Das ist ein Bild, bei dem man sich sicher sein kann. Hier trifft es nicht den Falschen, sondern hier treffen Spott, Häme und lustige Memes endlich einmal den Richtigen, hier kann man ohne schlechtes Gewissen ein Zeichen gegen Rechts setzen, wer austeilt muss einstecken können und dann auch noch der Dialekt.

Echt Ossi-Nazi-Pegidist.

Wie der schon aussieht,

Das ist was übrig bleibt von der Szene in der jener Mann unangenehm, überheblich und gegen die Presse pöbelt.

Das herumgereichte Bild des Mannes ist das einfache Gegenteil, die Versicherung: So bin ich nicht. Das sind die Anderen.

Diejenigen, die auf der Seite des Mannes mit seinem Deutschlandhut stehen, haben in ihm längst eine Symbolfigur gefunden, denn sie erkennen sich ja wieder und seine Demütigung kann morgen schon ihre sein. Ihre Ansichten werden ja nicht dadurch angenehmer, dass einer von ihnen ein Hanswurst ist.

Fragen aber beantwortet es keine.

Keine darüber, wie das Klima in sächsischen Behörden ist.

Wieso die Demokratisierung nach 1989 zwar Eigenheime und Autos ermöglicht hat, aber in vielen Hinsichten kein Bewusstsein für einen demokratischen Staat und seine Institutionen,

Wie Mitarbeiter in einer öffentlichen Behörde ein Klima finden können, dass solche Ansichten wenn nicht fördert, so doch ignoriert.

Warum ein Mitarbeiter des LKA keinen Begriff von Pressefreiheit hat und wer überhaupt weiß was Pressefreiheit ist.

Wieso eigentlich keiner auf dem Bild sagt: „Geht’s noch!“

Warum das Bild der Polizei eigentlich so oft einen so unsouveränen Eindruck macht.

Ein Bild und so viele Fragen.

Aber keine davon ist übrig geblieben.

Und das Bild macht es uns so einfach, auch in der Annahme, dass dies das größte Problem ist, der hässliche Mann und sein Hut.

Den kennen wir ohnehin nicht, der kommt nicht zum Abendbrot vorbei und auch in der Philharmonie hat er keine Karten, da kann man sich sicher sein.

Eine Witzfigur, ein Michel, ein Hanswurst, einer der sich nicht entblödet, und die Polizei macht auch noch mit.

Aber unangenehmer ist es doch, wenn die gute Freundin auf einmal findet, dass es mehr Müll gibt, seitdem die Flüchtlinge da sind. Dass der gute Freund sein Kind lieber auf die Privatschule gibt, weil in der Klasse eben doch sehr viele Kinder sind, die Deutsch nicht als Muttersprache können, wenn bei Butter Lindner in der Schlange diskutiert wird, dass Integration eben eine Bringschuld derjenigen ist, die hierherkommen und der Mann hinter der Theke, der eben nicht Müller, sondern Özgöz heißt, wird Rot. Wenn beim zweiten Glas Wein, dann eben doch befunden wird, dass nicht jeder kommen kann und wir ja auch genug eigene Arme hätten und nicht noch die aus der übrigen Welt gebrauchen könnten. Oder die Bekannte vom Wochenmarkt erzählt, dass man so froh sei über die eigene Perle aus Polen, die rein machen kommt, während man ja höre, wie viele von den Putzhilfen aus Rumänien betrogen würden. Das lässt sich fortsetzen, viele, viele Zeilen lang und es ist die Frage, ob wir ihnen denn mit der gleichen Härte und dem gleichen Einsatz wie dem Hütchenträger begegnen oder ob wir nicht lieber nicken, hmm, naja sagen, uns lieber schnell verabschieden oder ausweichen, denn es sind doch die hässlichen Menschen, die nach rechtsaußen schwenken und deren Anderssein uns doch versichert, dass wir auf der richtigen Seite stehen und lachen dürfen, laut und heiter und ohne Gewissensbisse.

Ich habe keine eindeutige oder einleuchtende Antwort auf die Frage wie man mit Menschen, die mit größten Selbstbewusstsein Verächtliches äußern umgeht, ich bin schon immer Jude und habe schon lange gelernt, dass keine noch so wohlmeinenden Worte, Überzeugungen ändern. Aber gelacht, gelacht, habe ich nicht, damals nicht auf dem blauen Sofa und auch nicht über den Mann mit seinem Hut und der schiefen Sonnenbrille. Dazu ist es zu ernst, dazu schien mir schon damals geht es um zu viel.

34 thoughts on “Lautes Gelächter

  1. „Ich habe keine eindeutige oder einleuchtende Antwort auf die Frage wie man mit Menschen, die mit größtem Selbstbewusstsein Verächtliches äußern, umgeht, ich bin schon immer Jude und habe schon lange gelernt, dass keine noch so wohlmeinenden Worte, Überzeugungen ändern.“

    Das folgende Gespräch mit dem Historiker u. Rassismus-Forscher Christian Gehlen hat zwar auch nicht unbedingt eine Antwort auf diese Frage, die Sie (und auch mich) umtreibt, vermittelt allerdings notwendiges Wissen über die Entwicklung von Rassismus als „…kulturelles Produkt, vor allen Dingen aber ein historisch der Moderne angehörendes Produkt.“

    https://www.deutschlandfunkkultur.de/von-apartheid-bis-pegida-die-renaissance-des-rassismus.990.de.html?dram:article_id=426458

  2. Oh Read on, jeder Satz ein Schlag. Welch starker Artikel. Diese furchtbaren Fernsehsendungen gibt es immer noch. Und der Mann mit Hut…sein Bild tausendfach verbreitet und verhöhnt. Als wäre es Pflicht gleiches zu tun, um zu zeigen, dass man auf der richtigen Seite steht, der bessere, klügere Mensch ist. Danke, dass Du dafür Worte gefunden hast. Ich hatte sie bisher nicht, nur ein schlechtes Gefühl.

    Ich werde diesen Artikel häufig lesen.

    Alles Gute
    Ursula

  3. Mir wurden als Jugendliche in den 90er Jahren Sendungen, wie die, die Sie beschreiben („Bitte lächeln!“ auf Tele 5? Glaube ich war es) gezeigt mit dem Hinweis, wenn die über sich lachen können, dann solle ich doch mal über mich lachen, dann könne man mich auch leichter integrieren…

    Das ist vielleicht das Ekligste an den Demütigungen, dass man gezwungen ist noch lauter zu lachen als alle Anderen.

    Ich habe nicht gelacht früher, ich habe geschluckt, weil ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte. Mir hatte niemand gezeigt was geht oder wie man sich wehrt. Es gab nur „Du bist anders als die, du musst dich assimilieren, du musst werden wie die“. Geht nicht, egal wie man es versucht und egal wie man sich einredet, dass es aufhört, wenn man es nur ignoriert.

    Aber gelacht, gelacht, habe ich nicht, damals nicht auf dem blauen Sofa und auch nicht über den Mann mit seinem Hut und der schiefen Sonnenbrille. Dazu ist es zu ernst, dazu schien mir schon damals geht es um zu viel.

    Ich habe auch nicht gelacht und ich glaube auch nicht, dass man jetzt lachen sollte, dass man es eigentlich kann, wenn man begreift um wie viel es da geht.

  4. Ein ganz toller Text, liebe read on. Ich kenne das, ich mag auch nicht lachen über diese blöden Filme, unter anderem, weil auch ich als Kind unsportlich, hässlich und unbeliebt war.
    Dir Brücke zu schlagen von diesen schadenfrohen filmchen zu dem pegida-Mann mit dem Hütchen, finde ich richtig genial. Genauso gehts mir auch – bei dem hässlichen Mann ist es einfach, empört zu sein – denn so sind wir ja nicht. Aber dieses Unbehagen, wenn nette Leute, gute Bekannte, sogar Freunde, Bemerkungen machen, die mehr oder weniger subtil rassistisch sind. Es ist so schwierig, in dem Moment ein gutes Gegenargument zu haben – und es zu sagen… dann riskiert man ja gleich einen Konflikt. Und meistens hab ich dann nicht die gut recherchierten Daten im Kopf, so dass ich überhaupt weiter argumentieren kann… es ist nicht einfach, aber ein bisschen leichter dadurch, dass ich weiß, dass ich nicht allein damit bin.
    Vielen Dank für diesen Text, liebe read on.

  5. ‚Ihre Kleidung war schlecht sitzend, passte ihnen so wenig, wie wohl ihr Leben selbst.‘
    Wie sehr doch das Aussehen und das Dabeisein heutzutage den Menschen verstellen!
    Ich hab auch nie über diese Filmchen lachen können, mir tat es immer selbst weh, wenn da was passiert war. Und zu oft war ich auch die, über die gelacht wurde. Oder andere haben erzählt, was ich wieder gemacht hab, und die anderen haben gelacht. Das tut nochmal doppelt weh, die Schmäh und das Erinnern.
    Und das mit der Integration, hier bin ich selbst eine. Ich solidarisiere mich mit all den wundervollen Menschen, die hierhergekommen sind um etwas beizusteuern, zu leben, zu blühen. Vorurteile sind Gift. Ich passe rein hier, man sieht es mir nicht an, anders zu sein, mir wird oft ein lokaler Akzent (nicht von hier, weiter westlich) bescheinigt, und dann komm ich mir vor, als wenn das Kostüm doch nicht so gut passt, weil ich als etwas angenommen werde, was ich nicht bin. Und dann folgt Schweigen, wenn ich dementiere, lachend, damit ich doch irgendwie reinpasse.
    Ich bewundere die, die es nicht stört, anders zu sein. Die reinpassen, in das Kostüm, die mitmachen können ohne nachdenken, für die die Welt in Ordnung ist, so wie sie dargeboten geformt wird.

    Aber dann wiederum, ist viel mehr Platz zum Tanzen am Rande. Und da sind auch noch andere wundervolle Menschen, wie hier! Und dann ist es wieder ein bisschen gut mit dem Leben.

  6. Pingback: Worüber lachen wir? – Die allgemeine Lage

  7. Ein großartiger Text, den ich sicher noch öfter lesen werde. Ich lache sehr gern, gern über mich und gemeinsam mit anderen. Ich mag jedoch nicht über andere lachen und konnte diese Sendungen auch nicht lustig finden. Eher zum Schlucken und ausschalten. Ich kann auch keine Fernsehsendungen sehen, wo andere Menschen bloßgestellt werden oder in diversen Container freiwillig einen Seelenstriptease hinlegen. Das ist für mich kein Vergnügen, kein „entspanntes Feierabend genießen“, sondern ein voyeuristosches „Vergnügen“, welches wohl viele als normal betrachten. Nein, darüber kann ich nicht lachen und das ohne die Erfahrung gemacht zu haben, von anderen ausgelacht worden zu sein. Als Kind wegen Brille, Zahnspange und einer sehr mageren Erscheinung gehänselt zu werden, ließ ich nicht an mich heran.

  8. Liebes Fräulein Read On, danke für Ihre Worte. Danke für Ihren Blick dahinter. Danke für ihre (Mit-)menschlichkeit. Mein Hirn ist heute grippevernebelt, und ich finde die Worte, um zu beschreiben, wie gut ich den Text finde, kaum. Er hebt die Grenzen auf zwischen „denen“ und „uns“. Zieht sie aber dann wieder ganz klar, indem sie den Lesern (und mir) vor Augen halten, wie gerne wir uns auf die Seite der Anerkannten stellen. Und dann anders urteilen. Ich würde gerne ein gerütteltes Maß von dem Geist, den ihr Text in sich trägt, tagtäglich über diese Welt und uns alle ausschütten.
    Darf ich Ihren Text, wenn es soweit ist, in meiner „perligen Schmökerecke“ rebloggen? Viele liebe Grüße, Bettina

  9. Vielleicht – und nur vielleicht – waren Sie kein schönes und elegantes Kind. Aber klug waren Sie mit Sicherheit schon damals.

    In diesem Haus gibt es einen Fernseher. Ich benutze ihn selten. Die Nachrichten erfahre ich im Radio oder im Internet. Ab und zu gibt es einen Film, den ich mir ansehe. Der grösste Teil des Programms interessiert mich nicht oder stösst mich manchmal regelrecht ab, so wie die von Ihnen beschriebenen Formate. Aber auch aus Castingshows, in denen offiziell Talente gesucht werden sollen, die aber tatsächlich nur dazu dienen, Menschen lächerlich zu machen und zu erniedrigen, kann ich keinen Unterhaltungswert ziehen. Vom Blick in diverse Container mit sogenannten Prominenten will ich gar nicht reden. Wenn dies alles als Unterhaltung gilt, wenn es normal ist, Menschen für Ihre Missgeschicke zu verhöhnen und mit dem Finger darauf zu zeigen – wen wundert es da noch, wenn Werte wie Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zunehmend schwinden?
    Und der Mann mit dem Deutschlandhut und dem karierten Hemd? Für mich spielt sein Aussehen keine Rolle. Dass er pöbelt und die Arbeit von Journalisten behindert und das als Angestellter des LKA, das würde auch dann nicht gehen, wenn er Hemd, Krawatte und Sakko getragen hätte.

    • Vielleicht – und nur vielleicht – waren Sie kein schönes und elegantes Kind. Aber klug waren Sie mit Sicherheit schon damals.

      Vor längerer Zeit zeigte Mademoiselle Read On einmal ein Kinderfoto von sich – es wird Sie jetzt sicherlich nicht überraschen, dass darauf ein total süßes, hübsches kleines Mädchen zu sehen war.

      Dass er pöbelt und die Arbeit von Journalisten behindert und das als Angestellter des LKA, das würde auch dann nicht gehen, wenn er Hemd, Krawatte und Sakko getragen hätte.

      Stimmt. Das Verhalten, das dieser Mann an den Tag legte, ist auch kein Einzelfall, sondern längst Strategie von AfDlern und Pegida-Sympathisanten.

      • Das überrascht mich tatsächlich kein bisschen. Ich bin sogar überzeugt davon, dass das Frl. ein ganz reizendes kleines Mädchen war. Was mich nur immer wieder wundert ist, dass ausgerechnet die Menschen am selbstkritischsten sind, die den wenigsten Grund dazu haben.

  10. Oh ja, wie ich es hasse über andere zu lachen oder herzuziehen! Wie sehr ich es hasse. Und ich bin schon immer Ossi, und ich werde es bleiben bis zu letzten Atmenzug. Keine „Gnade der richtigen Geburt“, falsche Stelle, um auf die Welt zu kommen, dumm gelaufen, wie man flappsig sagt! Und ich denke, der „Mann mit Hut“ kann gut auch überall in Deutschland leben. Es tut mir weh, wie das Lachen über andere weh tut. Es tut verdammt weh, immer und immer wieder mit den Falschen sich erwähnt zu wissen, gebrandmarkt. Ja, und dann kann man vielleicht manchmal am lautesten lachen, um nicht zu zeigen, wie weh es tut. Geringschätzen, brandmarken ohne Differenzierung – das tut weh! Und man kann dagegen anreden und schreiben, es ändert nichts, gar nichts.

  11. Ich wusste schon, was für eine Sendung kommen würde, bevor Sie diese beschrieben haben. Auch ich mag diese Sendungen nicht, möchte sie noch nie. Und ich diskutiere regelmäßig mit dem Freund über einen bestimmten Spruch, den ich vorher nur vom Hörensagen kannte und der mir erst hier immer und immer wieder begegnet ist: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
    Weil ich ihn schlimm finde und nicht mag.
    Und was die sächsischen Behörden angeht, nun, wie überall in Deutschland müssen die Mitarbeiter auch hier der Dienstanweisung folgen, keinen Menschen aufgrund von Herkunft, Religion, Hautfarbe, Sexualität usw zu diskeminieren.
    Ich versuche zu reden, zu vermitteln, Denkanstöße zu geben. Aber es ist sehr sehr schwer und ich vielleicht auch einfach nicht informiert genug, um bestimmte Argumente zu widerlegen.
    Aber was ich Ihnen erzählen kann ist, dass jeden Freitag Nachmittag um viertel vor vier, glaube ich, auf dem Radiosender MDR Kultur die Sendung „Shabbat Schalom“ (ich hoffe, ich habe das richtig geschrieben) kommt, in der das Judentum von einem Rabbi erklärt wird und passende Lider gespielt werden. Als ich das das erste Mal gehört habe, habe ich mich ein bisschen gefreut und an Sie gedacht und Dinge gelernt. Und ich versuche das jetzt nach Möglichkeit jeden Freitag zu hören.

  12. Ein Bild und so viele Fragen. Aber keine davon ist übrig geblieben.

    Vielleicht nicht bei denen, die sich jetzt mit irgendwelchen Memes über jenen Mann mit Deutschlandhütchen lustig machen. Doch die Fragen bleiben, es werden sogar mehr, denn über das Verhalten des sächsischen Ministerpräsidenten wird auch noch zu reden sein oder auch über den verächtlichen Kommentar über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk den der sächsische CDU-Fraktionschef Frank Kupfer nach der TV-Sendung auf Facebook losließ.

    Arndt Ginzel – das ist der Journalist, der mit dem Kameramann in Dresden von der Polizei festgehalten wurde – sagt dazu auch einiges in dem ausführlichen Interview, das das Leipziger Bürgerradio „Blau“ mit ihm am Freitag geführt hat (es kann auch als MP3 heruntergeladen werden). Ja, es ist ernst und es geht um zu viel.

    Am Ende des Gesprächs kommt übrigens auch die Frage, ob der Vorfall etwa auch deshalb so viel öffentliche Aufmerksamkeit erweckte, weil „der Hutmann so komisch aussieht und so komische Sätze sagt und sowas bei Twitter und Facebook gut ankommt?“

  13. Ich glaube, wir machen es uns auch zu einfach, wenn wir nur auf dem Aussehen des LKA-Mitarbeiters herumtanzen. Auch Menschen mit Modegeschmack können die hässlichsten Meinungen vertreten.

    • Das sehe ich genauso. Ein Armani-Anzug oder ein Chanel-Kostüm machen noch keinen besseren Menschen. Leider erliegen wir da oft unseren Vorurteilen.

    • Genau so ist es! Und es wird oft, eigentlich fast immer nicht beachtet. Widerlichkeit hat viele Gesichter und Himmelsrichtungen, nicht nur den Osten!

  14. Vielen Dank für den tollen Text, die letzten Abschnitte beschäftigen mich sehr, denn das finde ich das Schwierigste, eine Haltung im näheren Umfeld zu vertreten. Meine Tochter hat afrikanische Vorfahren, uns begegnet also oft unterschwelliger Rassismus, diskriminierende Äußerungen, oft ganz und gar nicht so gemeint. Bei Fremden bin ich klar und direkt, je näher mir die Menschen stehen, umso mehr lasse ich ‚durchgehen‘, weil ich noch selten gute Erfahrungen mit den Reaktionen gemacht habe. Die meisten reagieren empört, und vermutlich würde ich das auch, würde man mir sagen, meine Äußerungen wären diskriminierend. Und dann denke ich auch immer wieder, dass ich auch überhaupt nicht frei bin von Vorurteilen. Was habe ich schwer geschluckt, als meine Tochter in eine Kindergartengruppe kam, in der fast die Hälfte der Kinder kein deutsch konnte. Und heimlich nach einem anderen Kindergartenplatz gesucht. Jetzt, ein halbes Jahr später, schäme ich mich ganz furchtbar dafür. Für mein fehlendes Vertrauen in die Kinder und die Erzieherinnen. Für meine Ängste. Es ist nicht einfach. Und doch so wichtig. Das Bemühen um eine klare Haltung, um Worte.

    • “ Und dann denke ich auch immer wieder, dass ich auch überhaupt nicht frei bin von Vorurteilen. “

      Danke für diese wahrhaftige Einsicht, die ich mir auch immer wieder neu zu Herzen nehme.

  15. Wir alle wollen dazugehören, aufgenommen sein in die Gruppe, die sich im Dunkeln um das Feuer schart. Brot gebrochen, aus dem selben Kelch getrunken, verbrüdert, verschwestert, akzeptiert, so wie wir sind, trotz unserer Unterschiede, aufgegangen in der Gemeinschaft. Die schnellste und sicherste Art, das zu erreichen, ist der Zusammenschluss gegen das Andere, den Feind. Mit uns oder gegen uns. Der pöbelnde Mann mit der Mütze, der dunkelhäutige Ausländer, das dicke Mädchen in der Schule, der Junge mit der Brille. Hauptsache ein Unterschied! Je wehrloser das Opfer, desto leichter die Verbrüderung auf seine Kosten. Dieser Mechanismus steckt in jedem einzelnen Menschen, er führt nicht zu einem guten Ort, weder für den Einzelnen, noch für die Gemeinschaft.

    • Ja, dieser Mechanismus des ‚Dazugehören und Ausgrenzen‘ steckt in jedem einzelnen Menschen. Ihn erkannt zu haben und ihm nicht blind zu folgen, kann helfen ‚gute Orte‘ zu finden und mit zu gestalten.

      • Es ist schon viel gewonnen, wenn man es schafft, sich nicht von den eigenen dunklen Impulsen hinabziehen zu lassen. Und ja, dafür muss man sich ihrer erstmal bewusst sein.

        Dank an ReadOn, die es in ihren Texten immer wieder schafft, mich erst auf’s Eis zu locken und dann einbrechen zu lassen.

  16. Sie haben so recht liebes Fräulein! Ein wirklich starker Text zum Thema Humor. Diese Art Sendungen machen Schadenfreude gesellschaftsfähig.
    Ausgestrahlt oft zur besten Sendezeit, sitzen Familien beieinander und die Kinder lernen, dass es in Ordnung ist, Menschen in absichtlich peinliche Situationen zu bringen und das dann lustig zu finden. Und alle spielen dieses Spiel mit, werden gefragt, ob sie “Spaß verstehen“ und lachen pflichtschuldigst mit nach dem Motto: Humor ist, wenn man trotzdem lacht!
    Mir bleibt, obwohl ich doch so gern lache, dasselbe im Hause stecken
    Aber der Mann mit dem Hut, er ist nicht zum Lachen, er ist eine lächerliche Figur. Und dazu hat er sich selbst gemacht. Die frei gewählte Kostümierung, die zwangsläufig die Karikatur des “ hässlichen Deutschen“ heraufbeschwört, hat eine eindeutige Aussage.

  17. Pingback: Gleich bald demnächst | Frollein Polly und ihr Senf

  18. Fräulein Readon, wenn Sie hier sagen möchten, was Sie Ihren Freunden vielleicht nicht in aller Häarte gesagt haben, wäre zumindest ich daran interessiert.

  19. Zitiere aus einem sehr lesenswerten, weil aufklärenden Beitrag:
    „Für die Migrationsforscherin Naika Foroutan, Professorin an der
    Berliner Humboldt-Universität, entwickelt sich die deutsche
    Gesellschaft in eine präfaschistische Richtung.“

    „Die Stimmung wird zunehmend
    aggressiv und feindselig, und sie sucht sich Feinde zum Ausagieren.
    Die Feindbilder sind beliebig – und sie werden von Politik und Medien
    nicht nur nicht verhindert, sondern sogar angeheizt: Solange das
    funktioniert und Muslime oder Flüchtlinge Objekte des Hasses sind,
    haben die Eliten in Wirtschaft und Politik freie Hand und müssen nicht
    befürchten, wegen ihrer neoliberalen Ziele und Beschlüsse attackiert
    zu werden.“

    „Und während die Kanzlerin angeblich für humane Grundsätze kämpft, erfolgt die militärische Abschottung der EU in Afrika, werden in Libyen KZ-ähnliche Lager errichtet.“

    http://www.schattenblick.de/infopool/medien/altern/ossi1017.html

    • Sie haben den Finger drauf! Genau das ist das Problem.
      So lange wir uns über diese Probleme die Köpfe heiß reden, merken wir nicht, was hinter anderen Türen beschlossen wird.

  20. Kennen Sie, verehrtes Fräulein, Baruch Spinoza? „Ne pas se moquer, ne pas se lamenter, ne pas détester, mais comprendre.“ ist einer seiner Grundsätze, die er zu Beginn des Traité théologico-politique (das Original war Lateinisch, ich habe nur eine französische Übersetzung zur Hand) und des dritten Kapitels seiner Ethik ausführt. Sehr lesens- und nachdenkenswert. Mir scheint es, Ihre Gedanken gehen in eine ähnliche Richtung. Und sind ebenfalls sehr nachdenkenswert. Dafür vielen Dank.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.