Beim Öffnen der Fenster

Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel. Der Zettel ist von den Sommergästen, die während unserer Abwesenheit Haus, Hund, Katze und Kälbchen einhüteten.

„Liebe Read On, lieber Tierarzt,
wir verlassen euer Haus drei Kilo und viele Hundehaare schwerer.“
Die Katze ist wie wir glauben eine verwandelte, alte Hexe- also bleibt bitte vorsichtig.
Uns ist eine blaue Tasse heruntergefallen, dafür haben wir den tropfenden Hahn im Bad repariert.
Warum gibt es noch keinen Film über die Frau des Krämers?
Der Blick aus dem Fenster ist anders als andere Blicke.
Read On Du musst wahnsinnig sein oder Kiemen haben um in dieses Wasser zu steigen.
Wir haben keine Worte für Kälbchen.
Seid umarmt von D. und B.“

„Denkst Du die sehen wir noch einmal wieder?“, frage ich den Tierarzt.

„Ich glaube es steht noch unentschieden“, sagt der Tierarzt.

Ich nicke.

Der Hund kaut begeistert auf einem Schuh. Endlich keine Menschen mehr, die ihn zu Aktivitätssportarten verleiten wollen. Der Hund ist keiner der zwecklos Bälle jagt.

Die Katze ignoriert uns seufzend. Dann sieht die Katze lange auf ihre linke Kralle. Sehr lange. So als würde sie sehr sorgfältig überlegen, wohin unsere Leichen verschwinden, wäre sie nur der Panther, der sie gern wäre. Dann aber kommt die Sonne zum Fenster herein und die Katze liegt gern auf der Fensterbank. Die Katze verschiebt den großen Mord noch einmal auf später.

Der Tierarzt hat keine Zeit. Der Tierarzt mit Kälbchen sehen. Jetzt, gleich, sofort. Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann. Den Eimer mit den Äpfelstücken nehme ich. Kälbchen kann man auch schon im Oberland brüllen hören. Kälbchen brüllt für den Tierarzt mit. Dann haben sich der Tierarzt und sein Kälbchen wieder. Ich gehe zurück. Auf dem Weg treffe ich die Frau des Krämers, sie schluchzt und schneuzt in ein großes kariertes Taschentuch. Das Taschentuch ist blau und war noch Teil ihrer Aussteuer. Die Frau des Krämers ist stolz darauf, ihre Aussteuer noch so gut beieinander zu haben. Die Frau des Krämers lebt nicht in einer Wegwerfgesellschaft. Die Frau des Krämer hat Prinzipien. „Fast wie bei Leo und seiner Kate“, schneuzt die Frau des Krämers.

„Heißt die Frau nicht Meghan und der Prinzensohn irgendwie anders?“, frage ich sie.

„Sie sind ein hoffnungsloser Fall, Fräulein Read On“, schnieft sie. „Wie bei Titanic natürlich.“

„Oh“, sage ich. „Nahm das nicht ein schreckliches Ende?“

„Hoffnungslos“, zischt die Frau des Krämers.

Dann gehe ich wirklich ins Oberland zurück.

Fenster auf.

Erst einmal Fenster auf, denke ich.

Das Meer zurück holen bis unter den Schrank.

Nachsehen, ob das Haus noch das Haus ist.

Manchmal geht man fort und findet nichts mehr von sich, sondern nur noch leere Hüllen.Nirgendwo kann man so fremd sein, wie dort wo man alles kennt.

Ich ziehe Schubladen auf. Wirklich, da liegt noch ein begonnener Brief.

Das gelbe Plaid erkenne ich wieder. So viele Nachmittage eingerollt.

Das Geschirr hat die gleichen Ecken und Kanten. Das teilen wir uns.

Der grüne Schal aus Donegal.

Gelacht habe ich als ich ihn in der Hand hielt.

In Donegal haben die Schafe Moos statt Wolle und J. musste so lachen an jenem Tag.

Am nächsten Tag legte sie mir den Schal in die Hände.

100 Prozent Moos.

Warm und weich liegt er mir in den Händen auch heute.

Auf dem Tisch, Zeitungen, die ich noch lesen wollte, ein neuer Stapel Bücher.

Die Zeitungen haben gelbe Ränder.

Die Teedose riecht noch immer nach einem Tag in Assam. Der Tee ist schon lange ein anderer Tee.

Meine Großmutter sieht mir aus dem Bilderrahmen über die Schulter.

Deinen offenen Blick möchte ich haben, sage ich ihr.

Die grüne Strickjacke lege ich zurück auf den Sessel.

Die bemalte Schale ist noch leer.

Im Garten sind die Pflaumen reif.

Aber erst überall die Fenster auf.

Meer Wind. Mehr Wind. Wie auch immer. Hauptsache Wind und Wetter, das bis zu den Dielen reicht.

Durchzug und ich warte auf der Bank im Garten bis der Wind, das Meer und die Wolken ins Haus zurückgehen. Der Hund schläft auf meinen Füßen ein. Die Katze rollte sich in der grünen Jacke zusammen. Später, später da schwimme ich weit hinaus ins Meer. Grau ist das Meer. Grauer gesprenkelter Regen in meinen Haaren.

Später, später da kommt der Tierarzt zurück.

Später, da komme ich vom Meer zurück.

Später noch später da sage ich am Telefon zu meiner Schwester: „Ja, wir sind wieder Zuhause.“

Aber erst einmal: Überall Fenster auf.

23 thoughts on “Beim Öffnen der Fenster

  1. Manchmal geht man fort und findet nichts mehr von sich, sondern nur noch leere Hüllen.Nirgendwo kann man so fremd sein, wie dort wo man alles kennt.

    Und das jedes Mal aufs Neue. Vielen Dank für den Text.

    Herzliche Grüße

  2. „Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann.“
    Und wieder habe ich einen dicken Kloß im Hals. Ich hoffe sehr, ein paar von den guten Gedanken, die ich oft an Sie beide schicke, kommen bei Ihnen an.
    Willkommen zurück. Und ja, manchmal ist das zurückkommen wehmütiger als das weggehen. Aus ganz verschiedenen Gründen.

  3. „Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann.“
    Und wieder habe ich einen dicken Kloß im Hals. Ich hoffe sehr, ein paar von den guten Gedanken, die ich oft an Sie beide schicke, kommen bei Ihnen an.
    Willkommen zurück. Und ja, manchmal ist das zurückkommen wehmütiger als das weggehen. Aus ganz verschiedenen Gründen.

  4. „Der Tierarzt läuft los. Rennt fast, obwohl er das gar nicht mehr kann.“
    Und wieder habe ich einen dicken Kloß im Hals. Ich hoffe sehr, ein paar von den guten Gedanken, die ich Ihnen beiden oft schicke, erreichen Sie.
    Willkommen zurück. Und ja, zurückkommen kann wehmütiger sein als weggehen. Aus ganz verschiedenen Gründen.

    • Oh verflixt, erst ist mein Kommentar hier gar nicht erschienen und nun gleich mehrfach. Mein Internet spinnt. Bitte einfach ignorieren oder löschen. Danke.

      • Ach liebe Simone. Das ist doch überhaupt nicht schlimm. Ohne Ihre Kommentare und die so vieler Anderer wäre dieses Blog doch nur ein Drittel so Schön, da stört doch ein doppelter Kommentar überhaupt nicht.

      • Wir leben ja in Zeiten in der Gefühle fast immer und ausschließlich positiv oder euphorisch zu sein haben, dabei finde ich Wehmut ein sehr wichtiges, zentrales Gefühl.

  5. Ich stelle zunehmend fest, dass dieses „erst einmal überall Fenster auf“ auch für das Leben gilt. Gelegentlich brauche ich in meinem Leben diesen Durchzug und Wind bis auf den Dielenboden, damit ich mich in meinem Leben wieder zu Hause fühle. Willkommen zu Hause!

    • Wirklich, manchmal muss man nicht nur die echten, sondern auch die metaphorischen Fenster öffnen und staunt was so ein bisschen Durchzug alles bewirken kann.

  6. Oh ja, Nachhause kommen und alle Fenster auf, das muss so. Und Ihre Sommergäste klingen nett (also richtig nett nett). Und sie haben nicht alles auf- und umgeräumt.

  7. wie schön wenn man wieder daheim ist

    wenn man überhaupt heimkommen kann
    denn das ist heute ja nicht mehr selbstverständlich
    ein sehr berührender Beitrag
    liebe Grüße
    Rosi

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