Feindliche Linien

Sie sagen so schlimm wie dieses Jahr, war es noch nie.

So viele. Überall. Ganz plötzlich.

Eine Epidemie.

Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes

Sogar in den Pflaumen.

Aber die Pflaumen habe sie ohnehin nie gegessen wegen der Würmer.

Man müsse handeln.

In Zuckersirup ertränken, sei noch zu milde.

Sie erschlagen mit einer Zeitung von vorgestern sei noch nicht Strafe genug.

Ausräuchern müsse man sie.

Mit Gift müsse man ihnen beikommen.

Früher habe es so viel Gift beim Drogisten gegeben. Auch gegen anderes Ungeziefer habe man einfach ein Mittel gefunden.

Humanität sei etwas Schönes, aber habe auch ihre Grenzen.

Ihnen die Flügel ausreißen sei ein guter Anfang. Aber auch schwierig.

Auf jeden Fall müssten sie spüren, dass es so nicht ginge.

Andere Seiten müssten aufgezogen werden, um zu zeigen wer der Herr im Haus ist.

Der Herr im Haus kann auch eine Dame sein.

Die Herren überlegen, ob man ihnen nicht auch mit Hilfe eines Hammers zu Leibe rücken kann. Das wäre eine Maßnahme, die Farbe bekennt.

Die Frauen sagen es ist eine Schande, dass es noch immer kein wirksames Mittel zu ihrer Bekämpfung gibt. Das beträfe doch auch Kinder. Das empöre sie am Meisten. Das noch immer nichts unternommen wurde.

Die Kinder sagen sie. Die Kinder. Es geht doch um die Kinder.

Dann beginnen sie wieder von vorn.

Aurotten. Erschlagen. Vergiften. Den Gar rausmachen. Sich nichts bieten lassen. Keine Rücksicht mehr nehmen. Zu allen zur Verfügung stehenden Mitteln greifen.

Die Tierschützer sagen sie machen sich ja lächerlich. Wenn es sie nicht mehr gäbe, dann wäre doch allen geholfen.

Das ist alles die Schuld von diesem Greenpeace sagen sie.

Das müsste man verbieten. Oder noch besser, man müsste sie diesen Biestern ausliefern. Dann würden sie schon sehen, was sie davon hätten.

Es sei nicht zu begreifen, warum man nicht in aller Härte gegen sie vorginge.

Der Tierschutz hätte ohnehin zu viel Macht.

Wie die schon aussehen.

Früher hätte man im Garten sitzen können, ganz ungestört.

Was hätte man früher nicht für schöne Sommer im Garten verbracht.

Das waren lustige Zeiten als Onkel Kurti beim Sherezade Spiel Cleoptra zog und einen Bauchtanz vorführte, dort drüben unter der Kastanie. Die war damals viel kleiner. Bauch hatte er ja Onkel Kurti, so wie Heinz Erhard, man konnte einfach nicht mehr aufhören zu lachen. Einmal hat Onkel Kurti Dreirad gezogen und ist wirklich dreibeinig über die Terrasse gerobbt. Es muss davon noch Dias geben, irgendwo unten im Keller. Onkel Kurti ist schon lange tot. Der Dia-Projektor ist kaputt. Es gab süßen Moselwein damals, in den kleinen Gläsern, in die man immer nur ein winziges Schlückchen goss und dabei so herrlich heiter wurde, obwohl man doch nur hin und wieder ein bisschen nippte, wenn es Kurti gar zu arg trieb. Was haben wir gelacht. Ganze Abende lang unter dem Sonnensegel. Ohne auch nur ein einziges Mal belästigt zu werden.

Aber das sei alles Vergangenheit.

Kaum hätte man sich hingesetzt, seien sie schon da.

Setzten sich auf den Käse, die Butter, den guten Schinken. 4,69 pro 100 Gramm bei Butter Lindner. Selbst wenn man alles in Dosen und Butterbrotpapier verpackte geben sie keine Ruhe und machen alles zunichte. Unerträglich seien sie und unerschütterlich.

Räucherkerzen hätten nichts bewirkt.

Bei Tchibo gab es Tennisschläger mit eingebautem elektrischem Schlag, genau wie der elektrische Stuhl in den USA, Zapp und dann ist alles gelaufen. Probiert haben wir es natürlich, aber zweimal hat er sich selbst versengt mit dem Tennisschläger, er war nie besonders praktisch veranlagt und der Brandgeruch macht Übelkeit, jetzt liegt der Schläger im Keller bei dem kaputten Dia-Projektor.

Nichts würde helfen.

Ganz hysterisch sei sie schon, sagt sie.

Sie würde auf ein Brötchen sehen und da hockten sie schon. Grinsende Gesichter. Sie schliefe schlecht und immer wieder würde sie Nachts aufwachen und davon träumen sie verschlucke einen von ihnen und dann wache sie schweißgebadet auf. Es müsse endlich etwas passieren.

So ginge das nicht weiter.

Ausnahmen dürfe es nicht geben.

Es müssten endlich Fakten geschaffen werden.

Das sagen die Nachbarn rechts und links des Gartenzaunes zu mir.

Ich lese die Äpfel und Birnen und auch die Pflaumen auf die im Gras liegen.

Ich mache Apfelmus und Apfelkuchen, Birnenkompott und Pflaumenmus.

Aber niemand sonst, hat etwas übrig für das Fallobst außer den Wespen.

Eine Handvoll lasse ich übrig für die Wespen, die im Garten wohnen.

Wir stören uns nicht.

Einmal hat sich eine Wespe in meinem Haar verfangen. Aber in meinem Haar haben sich schon ganz andere Dinge verfangen und bald flog die Wespe davon.

Es ist schade denke ich um die alten Apfelsorten, die Augustbirnen, die dicken, weichen Pflaumen, die im Gras verfaulen.

Alle Wespen sagen sie und schütteln die Faust.

Was aber die Wespen denken über die Menschen weiß ich nicht.

27 thoughts on “Feindliche Linien

  1. Ich hatte mal ein Wespennest neben dem Klofenster meiner Dachwohnung. Das war kein Problem: einmal in der Stunde etwa kam eine einzelne Wespe auf Patrouillenflug durch die Wohnung, eine Schleife durch die Küche, eine durchs Wohnzimmer, eine durchs Schlafzimmer, unf wieder raus. Wenn man nix Leckeres (incl. dreckigem Geschirr) stehenließ, kam auch niemand von denen, um sich die Wampe vollzuschlagen. Meinem eher unterentwickeltem Ordnungssinn tat das gut.

    Den ganzen Sommer und Herbst stöhnten die lieben Nachbarn im Haus über die Wespenplage. Schon wieder wurde eins der Kinder gestochen, klagten sie. Man sei sich seiner Haut nicht mehr sicher, sagten sie. Wo ist denn dieses beschissene Nest bloß, fragten sie. Neben meinem Klofenster, an der Außenwand des Erkers vom Treppenhaus, da wo nur ich es sehen kann. Sagte ich nicht. Wozu sollte ich meine friedlichen sechsbeinigen Nachbarn denn verpfeifen?

  2. Vorletztes Jahr oder noch im Jahr davor hat die Wespe, mit der grandiosesten Selbstüberschätzung, die ich jemals gesehen habe, mir ein Riesenstückchen Hühnerleber von der Schlachtschürze geklaubt und ist damit von hinnen geflogen, torkelnd wie besoffen. Das Stück war bestimmt doppelt so groß wie der Wespenhinterleib selbst und wir haben uns laut lachend gefragt, wie das tapfere kleine Biest es hinkriegt, nicht aus der Luft zu fallen.

    Mich hat seit über 20 Jahren übrigens keine Wespe mehr gestochen.

  3. @Kommentar #2: „Patrouillenwespe“ ist auch das Wort, das ich gerne verwende. Zurzeit ist morgens immer eine in der Küche, sucht alles ab und lässt sich dann gern hinauskomplimentieren, auf der Suche nach ergiebigeren Orten …

  4. Die Wespen denken vermutlich, wie hysterisch muss man bloß sein, wenn man Mensch ist.
    Letztes Jahr haben wir eine alte Klosterruine besucht/besichtigt. Neben dran war ein Café. Es war auch um diese Jahreszeit und natürlich gab es Wespen. Die Bedienung legte uns ein paar Kupfermünzen (1 und 2 Cent Stücke) auf den Tisch und meinte, dann haben Sie Ruhe. Ich war ja eher skeptisch, aber tatsächlich kamen die Wespen nicht an den Tisch. Ich geb das hier jetzt mal einfach so weiter (ohne Gewähr). Vielleicht ist es ja eine der vielen Weisheiten aus vergangenen Zeiten, die heute nicht mehr gelten sollen. Ich jedenfalls nehme ins Café jetzt immer Kupfermünzen mit.

    • Das mit dem Kupfer ist zwar Murks, aber wenn man daran glaubt, verhält sich der Mensch ruhig, fuchtelt nicht wie wild mit den Händen, und man wird nicht gestochen. So erhält man einen sich selbst erfüllenden Placebo, der auch funktiniert. Kluge Bedienung, billiger als mit 1 Cent geht ein Gast nicht zu beruhigen und wenn es funktioniert, ist das Trinkgeld sicher.

  5. im sommer sitz ich gerne in schanigärten herum, und natürlich ess ich da auch oft, und natürlich kommen da auch immer wespen. höfliche, freundliche, durchaus wohlerzogene tiere im allgemeinen, die lediglich ein wenig fleisch für die kinder, die noch im wachsen sind, wollen, oder ein wenig süsses für sich selber.

    wenn man denen also ein wenig von dem, was sie zeigen dass sie wollen resp. brauchen, auf ein bierdeckelchen legt, und dieses einen meter vom teller entfernt plaziert, dann hat man seine heilige ruhe beim essen einerseits, und grandioses kino ganz kostenlos andererseits.

    ich mach das jetzt seit jahren schon so. noch nie ist so ein tier auf die idee gekommen, mich meuchlings stechen zu wollen, oder mir bzw. dem jeweiligen hund irgendwie die ruhe rauben zu wollen. aber nicht nur einmal habe ich erlebt, wie an einem nachbartisch nach heftigem herumgefuchtel und -gesprühe die wespen stinksauer ihre stachel im fleisch der aggressoren versenkten. und dann kamen sie zu mir und holten sich ihren obulus.

  6. Gewöhnliche Wespen, Bremsen, Hornissen… alles liebe Wesen im Vergleich zu parasitären Wespen, das sind die wahren Bösewichte. Kommen sehr gelegen, wenn man darüber debattieren will, ob es einen gütigen Schöpfer gibt und welcher Platz den Menschen in der natürlicher Ordnung der Dinge gebührt. Manche sind richtig schön. Nur deren Opfer möchte man nicht sein.

  7. An einem solch ebenso heißen, trockenen Sommertag vor vielen Jahren, verstopften der Sohn meiner Eltern und sein Freund ein großes Erdwespenloch, in dem sie eine umgedrehte, große Glasflasche mit einer solchen Wucht hinein stampften, dass sie fast darin verschwand.
    Ich zog sie raus.
    Als ich atemlos daheim ankam, hörte meine Mutter bei 20 und irgendwas auf, die Stiche zu zählen. Ich hörte dem metallischen Summen in meinem Kopf zu und atmete gegen den scharfen Essiggeruch des mit befeuchteten Tuch auf meinem Kopf auf, bis das Summen leise verstummte.
    Die Wespen, denen ich begegne, helfe ich freundlich heraus. Schaue ihnen eine halbe Ewigkeit beim Zerlegen einer Scheibe Wurst zu. Stelle Wasser auf.
    Sage „Ruhig, ganz ruhig bleiben, nur nicht wedeln. Und nicht anpusten. Siehst Du, schon ist sie wieder weg.“
    Sie machen mir keine Angst.

  8. H. füttert jedes Frühjahr Wespen an, vor allem, wenn es noch nicht heiß ist (auch Hornissen und andere Insekten). Gestochen wurde er nie, wahrscheinlich weil er gern gelbschwarze Ringelshirts trägt – bis auf letzte Woche, als er vergaß, dass im Hochbeet ein Erdnest ist und er es ausgiebig wässerte. Das mögen sie natürlich nicht. Auch jetzt sitzt er jeden Morgen mit dem Kater vor der Haustüre bei Sudoku und Kaffee, umflogen von Wespen. Der Kater wird jetzt drin gefüttert, weil sie sich auf sein Futter stürzen.

    • Oh, das ist genial! Sich einfach als große Wespe geben und schon geht alles gut. Die hiesige Katze würde ihr Futter auch nie teilen. Aber in Irland habe ich auch nur vereinzelte Wespen gesehen.

  9. Huch, da stelle ich meine Wespengeschichten online und sehe Sie waren mit ihrem schönen Text schon schneller. Wespen liegen im wahrsten Sinne des Wortes in der Luft.
    Und es beuhigt mich, dass es noch mehr Menschen gibt, die dieser maßlose Hass gegen ein kleines Insekt erschreckt.
    (Was gar nichts mit Wespen zu tun hat: Sie haben meinen Sohn und mich zu Kisch-Fans gemacht . noch mal Vielen Dank)
    Schönes Einkochen wünscht
    Natalie

    • Ihr Wespentext ist wunderbar!
      Mich erstaunt immer wieder neu, wie sehr wir Menschen finden, die Natur dürfe uns nur nicht stören, sonst muss sie weg.
      Kisch-Fans sind mir hoch willkommen und so grüße ich Sie beide sehr!

  10. Vielen Dank für Ihren Hinweis auf die parasitären Wespen. Diese waren mir bis dato unbekannt und werfen Fragen auf.

    Ansonsten kann man nur empfehlen: Wer dazu die Möglichkeit hat, sollte sich ein sog. „Insektenhotel“ zulegen bzw. – möglichst zusammen mit Kindern – selbst bauen. Noch besser ist, an diesem Platz dann späterhin viele, viele Stunden lesend zu verbringen, hin und wieder aufzusehen und zu schauen, was sich an und in der Wand so tut.

    Man könnte dabei sogar die „Erinnerungen eines Insektenforschers“ von Jean-Henri Fabre lesen, vielbändig erschienen bei Matthes & Seitz …
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    Ansonsten ist der von Frl. Read On trefflich beschriebene und vielfach zu beobachtende Haß auf Wespen, der, wie zu lesen ist, auch dort angetroffen werden kann, wo 100 Gramm Butter fast schon 5 € kosten, also 10 DM (an schwarz getauschte Ost-Mark will ich jetzt lieber nicht denken), ein Indiz dafür, warum es in diesem Land keinen von Massendemonstrationen begleiteten Aufstand zum Erhalt der Bienen gibt …

    • Insektenhotels habe ich neulich gesehen, gibt es jetzt schon ganz und gar fertig wie eine Art Fertighaus. Bei mir im Garten ist es ein Haufen loser Äste vom letzten Heckenschnitt und es summt und brummt ganz ordentlich. Im Herbst übernimmt dann der Igel.

      Vielen Dank für die Buchempfehlung. Bei Matthes&Seitz gibt es wirklich immer grandiose Bücher zu entdecken.
      Einer Demonstration für Bienen würde ich mich sofort anschließen.

  11. Da tanz ich hier wohl aus der Reihe. Ich versuche wirklich den Wespen gegenüber freundlich zu sein und hege keine bösen Gedanken gegen sie. Dennoch haben sie mich speziell auf dem Radarschirm. 2 kleine Auswahlbeispiele aus meiner Wespenleidensgeschichte: Radltour zum Badesee. Badeanzug schon angezogen. Wespe fliegt in meinen Ausschnitt, spüre sie am Busen, Bauch, tiefer, autsch. Bleibe ruhig, radle zum See, ziehe den Badeanzug aus. Alles dick geschwollen. 1 Woche Ausschlag, Fieber…ein andermal Essen auf Balkonien mit Freunden. Ich ganz ruhig, obwohl 5 Wespen ständig über meinem Teller kreisen, sich in meinen Haaren verfangen, plötzlich Autsch im Hals. Hals schwillt an, Atemnot, Notarzt… Nein, ich bin kein Feind der Wespen, aber scheinbar bin ich der Wespen Feind.

    • Ach Sie Arme. Was für eine Gemeinheit, dass die Wespen Sie so auf dem Kieker haben. Mir geht es mit Mücken so, die mögen mich leider sehr. Ich hoffe sehr, Sie bleiben in Zukunft doch verschont von derartigen Überfällen.

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