Podologische Notizen im Zugabteil

In Prag stehen so viele Menschen auf dem Bahnsteig, dass ich mir sicher bin, diese Menschen gehen niemals alle in diesen Zug und wir haben auch noch Koffer, Rucksack, luggage holdall und eine Tasche dabei.

„Wagen 257″ sage ich zum Tierarzt. Der Tierarzt ist so viel größer als ich, dass er den Wagen erspähen muss.

Der Zug kommt und der Tierarzt sagt: „Bist Du Dir sicher, dass es Wagen 257 ist? Mir war als hätte ich eben Wagen 275 gesehen.“

Ich krame nach den Fahrkarten, aber da steht noch immer: Wagen 257.

Derweil stürmen alle Leute in den Zug.

„Auch gut“, sage ich zum Tierarzt,„dann tritt uns keiner auf die Zehen.’“

Dann schleppen wir Gepäck zum Waggon, ich hieve und wuchte das Gepäck in die Ablage und wir fallen auf die Sitze. In der tschechischen Bahn hat es lauter Abteile. Jedes Abteil hat sechs Sitze, wir haben einen Fensterplatz und einen Gangplatz.

Der Tierarzt lehnt den Kopf ans Fenster.

Ich lehne meinen Kopf an die Tierarztschulter.

Dann quietscht die Abteiltür und eine Frau mit karottenrot gefärbten Haaren und zwei Enkelkindern, die eigentliche schon junge Enkeldamen sind, kommen herein.

Uns würdigt sie keines Blickes.

„Hier setzen wir uns hin, sagt sie und wenn hier irgendein Spießer mit Platzkarten kommt, dann soll er uns erstmal kennenlernen.“

Die beiden Enkeldamen pfeffern die Rucksäcke auf den Fußboden und zanken sich während wir aus Prag herausrollen, um ein Paar Kopfhörer. Nach fünf Minuten wird der Streit handfest, der Tierarzt flüstert: „Menschen sind schon wegen geringer Dinge erschlagen worden.“

Dann reißt der Kopfhörer entzwei.

„Problem gelöst“, flüstere ich dem Tierarzt zu.

Der Tierarzt erschauert.

Die karottenrote Großmama erfrischt sich mit einem Deoroller unter den Achseln. Dabei verrutscht ihr das Top. Wir schlagen die Augen nieder und zählen bis 120.
Die Großmama juchzt: „Berlin“ ruft sie „Berlin wir kommen.“ Sieben Tage, der Laurentius freut sich schon. Na ja, ich muss erst mal baden.“

Die Enkeldamen reißen sich an den Haaren.

Plötzlich sagt eine von Ihnen: „Oma haben wir denn ein Gastgeschenk?“

Die Großmama schüttelt den Kopf. „Gastgeschenk, wieso denn? Wir bringen doch uns mit. Wir sind das Geschenk!“

Die Enkeldamen nicken zufrieden.

„Ihr werdet sehen“, sagt sie „Berlin ist eine ganz andere Nummer als Tulln.“

Für eine halbe Stunde verstummt das Gespräch und die Großmama nebst Enkeldamen verzehren Brote. Die Brotpapiere pfeffern die Damen auch auf die Erde.

„Hier ist ein Mülleimer“, sage ich zu den Damen.

Die Großmama blafft: „Heben’s halt auf wenn es sie stört.“

Ich hebe die Butterbrotpapiere also auf.

Die Damen werden müde. Die Enkeldamen streiten sich um ein Buch. Die Großmama gähnt. Sie spreizt die Beine und schon hat sie ihr linkes und dann ihr rechtes Bein auf die Sitzlehnen des Polster geschwungen auf dem nun eben ich sitze.
Dreißig Sekunden später schnarcht sie.

Ihre Socken hat sie ins Abteil wo auch schon der übrige Kramuri liegt, gepfeffert.

Ihre Füßen riechen nicht gut. Ihre Füße haben Schrunden, Hühneraugen und eingewachsene Nägel.

Mir dreht sich der Magen um.

Der Tierarzt erschauert.

„Mädchen“, was willst du tun? Die Frau ist zum Äußersten entschlossen.“

„Entschuldigen Sie“, sage ich zu der Großmama mit dem karottenroten Haar. „Ich sehe Sie sind ermüdet und haben wehe Füße, aber dies ist eben auch ein enges Abteil und ich möchte ungern die nächsten Stunden zwischen ihren Füßen verbringen.“

„Was sind sie denn für Eine?“, blafft die Großmama herüber. „Wie kann man sich nur so affig haben?“ „Ich kann nicht schlafen ohne die Füße hochzulegen.“ „Noch nie ein Paar Füße gesehen oder was. War ja klar, dass wir neben so einer Vollspießerin landen.“ Dann greift sie nach ihren Füßen und beschnüffelt sie ausgiebig. „Riecht einwandfrei“, sagt sie und streckt mir die Füße hin. Ich sehe die schrundigen Füße und finde ich habe wirklich genug gesehen. Der Tierarzt versucht hektisch ein Fenster zu öffnen.

„Ich bin mir sicher, sage ich zu der weiter keifenden Großmama, dass ihre Enkeltöchter gern bereit sind ihre Füße aufzunehmen.“

Die Dame starrt mich wütend an.

Die Enkeltöchter sehen zu ihrer Großmutter herüber.

Unisono kreischen sie los: „iiiiiiiiehhhhh, niemals legst du deine Stinkefüße auf unsere Lehne.“

„Das ist ja voll krass“,iiiiiihhhhhhh.“

Der Tierarzt flüstert: „Jetzt bringt sie dich um.“

Ich flüstere: Du erbst alle meine Bücher und das gute Porzellan.“

Aber dann kommt der Schaffner und will die Fahrkarten sehen.

Die Großmama durchwühlt ihren Rucksack. Viele Dinge fallen aus dem Rucksack auf den Abteilboden. Der Tierarzt starrt gebannt auf den sich leerenden Rucksack. Er erwartet eine Streitaxt und sicherlich auch Pfeil und Bogen um Spießer zu erlegen.

Der Schaffner sagt: „Immer mit der Ruhe, die Dame bitteschöndankeschön.“

Die Dame ruft: „Scheiße. Scheiße. Scheiße. Eigentlich fahr ich immer schwarz, aber is eh klar, wenn ich schon einmal eine Fahrkarte hab, dann finde ich die nicht.“

Dann findet sie doch drei eingedellte Fetzen Papier.

„Einen Identifikationsnachweis bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner.

Die Dame ruft: „No borders, no nations.“

Der Schaffner sagt: No English, bitteschöndankeschön.“

Und dann sagt er noch einmal: „Einen Identifikationsnachweis bitte wegen des Rabatts bitteschöndankeschön.“

Der ganze Abteilboden ist jetzt vom Rucksackinhalt bedeckt.

Dann finden die Enkeldamen einen Schülerausweis.

„Bitteschöndankeschön“, sagt der Schaffner und schließt die Tür.
In Usti nad Labem steigt eine Familie mit Platzreservierung zu.

„Jetzt geht es um alles“, flüstert der Tierarzt panisch.

Die karottenrote Dame schreit den Vater an: „ Scheiße, such dir doch einen anderen Platz. Reservierung ist nur was für so ne Pinkel wie euch.“

Der Mann sagt immer wieder: „Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt. Wir haben bezahlt.“

Das zermürbt die Dame und ihre Enkelinnen.

Zeternd verlassen sie das Abteil.

Dreimal kehren sie zurück, weil immer noch einige ihrer Habseligkeiten auf dem Abteilboden liegen.

Der Tierarzt atmet auf: „Und Du sagst immer Kälbchen hätte kein Benehmen.“

Als wir in Dresden aussteigen, gleite ich fast über das Paar Socken aus, das noch immer auf dem Boden liegt. Aber nur fast und darauf kommt es ja manchmal auch an.

30 thoughts on “Podologische Notizen im Zugabteil

  1. Huiuiui, manchmal geht einem die Menschenfreundlichkeit verloren, ganz schnell!
    Ich bin sicher, Kälbchen ist flegelhaft. Die Dame erschien mir eher unverschämt. Das sind schon zwei verschiedene Dinge!
    Grüße zum Wochenbeginn sendet
    Eva

  2. Die Großmama blafft: „Heben’s halt auf wenn es sie stört.“
    Es ist schon erstaunlich, wie manche Menschen so ticken. Und das mit den Füßen geht gar nicht, igitt.
    Aber so richtig schlimm sind die Typen, von denen Sie drüben auf Twitter berichtet haben. Ich bin nicht sicher, ob ich mich da beherrschen könnte. Aber wenn ich höre, was die Grossmutter aus dem Zug ihren Enkeln vorlebt, wundert mich nix mehr. Viel Kraft und eine herzliche Umarmung für Sie und den Tierarzt und meine ganze Bewunderung für Ihre schier unerschöpfliche Geduld. ❤

    • Ich danke sehr für die guten Wünsche und die Umarmung.

      Ich habe sehr niedrigen Blutdruck und bevor ich aus der Haut fahre, dauert es schon noch ein bisschen länger, aber es hat schon gelangt….Ich finde diese allgegenwärtige Rücksichtslosigkeit schon bedrückend.

  3. Die Dame hätte bei mir 5 Sekunden Zeit gehabt, ihre Füße von meinen Armlehnen zu entfernen. Ansonsten hätte ich sie runter gekickt. Und eine Ansage hinterher geschoben. Mein Bedarf an Höflichkeit und Diplomatie ist bei der Kombination aus Dreistigkeit und hohem Ekelfaktor äußerst gering. 🙂

    • Ich fasse ja sehr, sehr ungern fremde Menschen an, wenn ich es irgend vermeiden kann und bin sehr vorsichtig geworden bei Leuten, die so ein Verhalten an den Tag legen. Es war schon arg grausig….

  4. „Du erbst alle meine Bücher und das gute Porzellan“…seit Minuten muss ich lachen! Sie haben aber auch einen Blick für die Dinge. Und ehrlich: In Anbetracht der Füße und der Ekelhaftigkeit hätte ich es auch auf Totschlag ankommen lassen. Was für ein Glück, dass es standhafte Reservierer gibt!

    • Man soll sich gut überlegen wer die Bücher und das gute Porzellan bekommt! Ich war dem Mann, der auf seiner Reservierung bestand auch so viel dankbarer als er ahnen konnte….

  5. Man mag es sich nicht mal nicht vorstellen.
    Das Kälbchen wird es jetzt sicher etwas leicher haben, mit seiner Flegehaftigkeit durchzukommen. Erzählt ihm besser nicht von der karottenroten Großmutter.

  6. ‚ Die Großmama schüttelt den Kopf. „Gastgeschenk, wieso denn? Wir bringen doch uns mit. Wir sind das Geschenk!“ ‚

    Oh je, kaum vorstellbar, dass sich jemand über diese Art von Geschenk freuen kann. 😉

  7. Ich möchte meinen, dass nach meiner laienhaften Deutung derselben die neue DSGVO Gesichtern vor unfreiwilliger Ablichtung schützt, nicht aber in der Öffentlichkeit zur Schau gestellten Füßen. Die sind per Definition anonymisiert, obwohl man sie mit der richtigen Datenbank vermutlich der betreffenden Person zuordnen könnte (Füße personalisieren?). Womit ich sagen will, dass ich mich gruselig gefreut hätte, wenn es in diesem Beitrag ein Bild des eingewachsenen Zehennagels gegeben hätte. Zur Veranschaulichung und zur Abschreckung.
    PS: Ist das Rindvieh nicht längst aus dem Kälbchenalter herausgewachsen?

    • Die Vorstellung mit der Dame auch noch im Nahkampf anzutreten, nach dem sie mich beim Fußfotografieren ertappt, muss ich sagen, hat dann doch nicht genug Reiz. Ich bin leider kein BILD_Leserreporter sondern nur ein reichlich seltsames Fräulein, wie Sie wissen….

      Kälbchen indes ist eines jener Kinder, die auch mit 45 noch Wäsche zum Waschen bringen und auf ewig Schatzilein heißen.

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