Der Fuji, zwei Seile und ein Schatten

Eines Tages sagte der Tierarzt: „Mädchen, ich will noch einmal die Berge sehen. Unser Fenster geht zum Meer hinaus. So nah ist das Meer, dass ich vergessen konnte wie viele Jahre der Tierarzt auf den Fuji sah. Aber bis auf den Fujischaffen wir es nicht mehr. Das wusste der Tierarzt und ich wusste es auch. „Kafka war in der Hohen Tatra“, sagte ich. „Glaubst du die Tatra kann auch der Fuji sein.“ Der Tierarzt nickte. „Mädchen, der Fuji kann überall sein.“ „Dann fahren wir in die Hohe Tatra sagte ich. Zu Kafka und zum Fuji.“

„Das ist Wahnsinn“ sagte die Frau des Krämers dunkel. Dann erzählte die Frau des Krämers ihre Lieblingsgeschichte vom alten Herrn G., der obwohl schwer krank einen Bus bestieg um nach Barcelona zu fahren, wo er auf einer Parkbank sitzend erst noch Sangria trank und lustig wurde, nur um darüber zu versterben. „Der Tierarzt trinkt keinen Sangria- wissen Sie wie viele Kalorien das hat?“, sagte ich. Die Frau des Krämers aber war noch nicht fertig mit der Geschichte von Herrn G. „In einem Zinksarg ist er zurück gekommen. Verplombt war der Sarg. So findet ein jeder das Ende, das er verdient.“ Ich tat so als hörte ich nicht. Aber etwas vom Zinksarg blieb doch an mir kleben.

„Ist das nicht Wahnsinn, fragte ich meine liebe C. mit einem Schatten in die Berge zu ziehen?“ Was mache ich, wenn der Tierarzt und sein Schatten immer länger werden mitten auf dem Berg? „Dann trägst du ihn“, sagte die liebe C. Sagte es so, dass ich es glaubte. „Der Tod lässt sich nicht von dir in die Karten sehen“, das war es was sie sagte. „Der Tod“, sagte ich zu ihr und ich wir sind zu enge Bekannte.“ Sie nickte und schenkte mir eine Wanderkarte.

Vor der Abfahrt ging ich in einen dieser Läden, die voller Menschen sind die auf den Nanga Parbat kraxeln oder in einen Vulkan sehen oder über Eisgletscher rutschen. Ein Mann, der aussah als würde er auf dem Everest frühstücken, fragte mich was ich suchte. „Ein Seil für einen Schatten und ein Seil vor dem der Tod sich fürchtet, brauche ich. Mit Karabinerhaken. Der Mann sah mich fragend an, aber ich nickte. Zwei Seile brachte er mir. „Wo wollen Sie denn hin?“ Auf den Fuji sagte ich. Ich kaufte zwei Seile und Karabinerhaken, aber den zögerlichen Blick des Verkäufers, den ließ ich liegen. Lange hielt ich die beiden Seile in der Hand. Wog sie auf gegeneinander. Welches hält den Schatten? Vor welchem fürchtet sich der Tod?

Ich beschloss das längere Seil für den Tod zu behalten. Wer weiß vielleicht ist der Tod auch nur ein ganz gewöhnlicher Rodeoreiter und lässt sich einwickeln und bevor er sich befreit sind wir schon in einer Tannenschonung verschwunden. Die Seile und die Haken legte ich in den Rucksack.

Der Tierarzt sah die Seile und sah mich an: „So hoch hinaus?“

„Der Fuji sage ich ist 3776 Meter hoch. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Wer weiß schon, ob nicht plötzlich Nebel kommt oder ein Rodeoreiter oder ein junger Bär. Ein Seil hält viel aus.“

„Zwei Seile Mädchen“, flüstert der Tierarzt. „Zwei Seile liegen da in deinem Rucksack.“

„Ja“, sage ich.

Vor dem Fenster sehe ich die Berge und nicht mehr das Meer.

Stumm sind die Berge, schiefergrau, ein Berg sieht aus wie ein schlafender Riese. Vielleicht schlief er ein der Riese, müde geworden vom Stapeln der Steine. So viele Berge und schon fiel er hin und seine Müdigkeit war grenzenlos. So lange man geht und Steine stapelt, merkt man nichts von der Müdigkeit, nur wer sich hinlegt, der kann liegen bleiben.

Tannen wachsen auf den Bergen. Dann hören sie auf. Moos vielleicht noch, Gräser und Gestrüpp. Da hinauf wollen der Tierarzt und ich.

Was hat ein Jud im Gebirg zu suchen?, frage ich mich. Aber das gilt nicht.

Der Tierarzt trägt den Schatten. Ich trage den Rucksack. Vorsichtig prüfe ich noch einmal die beiden Seile. Schwer liegen die Seile in meiner Hand. Was hält ein Seil.

Skalnaté pleso heißt der Fuji auf den wir steigen.

Er schweigt der Berg, auch er schweigt. Verrät nichts. Wir gehen los. Lassen die Seilbahn liegen. Zu dünn kommt auch mir das Seil vor, das die schaukelnden Kabinen hält.

Schon sind wir verschwunden in den Tannen. Ich mit klopfendem Herzen und zugedrücktem Magen. Sitzt nicht oben auf dem Gipfel der Tod auf einem Stein, lacht schon, klopft die Sense auf einem Stein aus, wartet auf mich. Aber in meinem Rucksack, da ist auch das Seil.

Langsam gehen wir der Tierarzt, der Schatten, die Seile und ich.

Geröll unter den Schuhen, Wurzeln, so hoch wie vier Treppenstiegen. Manchmal fällt der Tierarzt einfach ins Gras. Bleibt liegen. Atmet schwer. „Einen Moment noch Mädchen ja?“

„Ja“, sage ich.

Der Tierarzt steht immer wieder auf.

Viele Stunden brauchen wir bis zum See. 1751 Meter steht auf dem Schild.

Ich sehe mich um. Ein Mann ißt einen Apfel auf einem Stein. Der Tod hat keinen Appetit denke ich. Kein Rodeoreiter. Der Berg nebenan, der schlafende Riese schläft.

Dann setzen wir uns ins Gras. Einen Zettel ziehe ich aus der Tasche. Yamabe no Akahito sage ich war ein anderer Wanderer und ein Dichter und vielleicht

Seit Himmel und Erde
sich voneinander schieden,
steht, ein Gottesmal,
in erhabener Größe
über Suruga
hoch der Gipfel des Fuji.
Zu Himmelsfluren
den Blick erhoben, siehst du
der wandernden Sonne
Licht sich hinter ihm bergen,
des hellen Mondes
Schein hinter ihm verschwinden.
Die weißen Wolken
scheuen sich, ihm zu nahen,
und unversehens
senkt sich die Wolke nieder.
Weiter erzählen,
weiter berühmen will ich
Fuji, den hohen Gipfel.

Zitiert nach:Yamabe no Akahito übersetzt von Wilhelm Gundert. In: Lyrik des Ostens. Hrsg. von Wilhelm Gundert et al. Hanser Verlag. München 1978, S. 397 f.

Dann sehen wir hinauf in den Himmel und der Schatten verschwindet. Viellicht ist der Tierarzt wirklich auf dem Fuji und nur ich sitze noch in der Slowakei. Vielleicht hält er Kirschblüten in der Hand oder Schnee oder die Hand einer Frau, die ich nur von Bildern kenne, vielleicht ißt er Tonkabohnenpaste oder salzige Edamame. Lange geht der Tierarzt auf dem Fuji umher und ich warte in der Slowakei.

In einem anderen Leben, auf einem anderen Berg umher geht der Tierarzt und neben mir auf dem Stein sitzt ein Feuersalamander. So sitzen wir im kühlen Gras. Irgendwann kommt der Tierarzt zurück aus Japan, ein großer Schritt vielleicht vom Fuji hinunter zum Skalatné Pleso. Blau ist der See. Kalt und weich ist das Wasser. Kaum ein Schatten über dem Wasser.

So erschöpft ist der Tierarzt vom Fuji.

So zittern mir die Knie.

Wir gehen in die Bergütte hinüber.

Der Tierarzt trinkt Tee. Ich trinke Kofola.

In der Hütte sind Bergesteiger.

Ich ziehe die zwei Seile aus dem Rucksack.

„Zwei Seile sage ich“, eins ist stärker als Tod und das andere hält den Schatten fest. Haben Sie Verwendung dafür?“

Der Mann hinter der Theke hat schon ganz andere Geschichten gehört. Das sehe ich gleich.

Er nimmt die Seile.

Er hängt sie an einen Haken.

„Seile wie diese werden gebraucht“, sagt er.

Ich nicke.

In der Seilbahn fahren wir herunter ins Tal.

Die Gondeln schaukeln.

Es weht immer ein leichter Wind auf dem Fuji.

22 thoughts on “Der Fuji, zwei Seile und ein Schatten

  1. Danke für Ihre Geschichte, sie weckt Erinnerungen:
    meine Mutter war in ihrer Jugend öfters am und auf dem Grandes Jorasses. In ihren letzten Wochen äußerte sie den Wunsch dort noch mal wandern zu gehen und trug mir auf die Wanderausrüstung zu besorgen.

    Ich borgte und kaufte mir die Ausrüstung zusammen und dann saßen wir – bestens ausstaffiert – zusammen auf Ihrem Krankenbett und kletterten via Beamer, Google Earth und zahlreichen Webcams zwischen den Gipfeln herum.
    Ich glaube sie hat sich da schon mal ihr passendes Plätzchen ausgesucht.

  2. Ach der Tod, er geht manchmal stumm neben einem her. Ja, er lässt sich nicht in die Karten schauen. Und wir hoffen, dass er aus Langeweile von einem ablässt und verschwindet. Vielleicht hilft ein Seil um ihn zu verjagen.

  3. Jetzt habe ich diesen wunderschönen und tieftraurigen Text so oft gelesen. Wenn ich doch nur etwas sagen könnte, außer dass ich traurig bin und tausend Fragen habe. Die wichtigste: Ist es wirklich unabwendbar? So, so gern möchte ich Sie umarmen. Sie und der Tierarzt sind so wunderbar, Sie tun so viel … nein, das Leben ist nicht fair.
    Ich wünsche Ihnen noch schöne, leichte Tage in den Bergen und grüße von Herzen.

  4. Gut, dass sie die zwei Seile hatten. Ich schicke ihnen Beiden die besten Gedanken und Wünsche, sie sollen so stark sein wie Seile.

  5. Ich bin so dankbar für jedes Wort, das Sie hier hinlegen mögen, es mit uns zu teilen. Und gerührt bin ich, tief gerührt. Das Meer steht mir in den Augen, wenn ich von nun an an den Fuji denke.

  6. Es war gut, dass die Seile da waren, aber sie waren nur ein schwaches Abbild des Seiles, das zwischen dem Tierarzt und Dir gewoben wurde. Der Tod respektiert sowas in diesen Gegenden. x

  7. Mein erster Kommentar bei Ihnen. Nicht, weil ich den Blog erst seit kurzem lese, sondern weil ich doch ein Fünkchen Hoffnung habe, dass das Schicksal, das Sie immer wieder andeuten, doch noch abzuwenden ist. Gerade dieser Blogbeitrag klingt absolut fatalistisch. Eine Vorwegnahme des Todes und schnell noch auf Reisen gehen, bevor es zu spät ist. Ein letztes Mal Leben spüren, ein letztes Mal einen Funken Normalsein zelebrieren, obwohl der Tod im Nacken sitzt. Dieses Szenario kenne ich nur von unheilbar Kranken mit z.B. Krebserkrankungen. Auch Magersucht kann unheilbar sein und ich möchte Sie nicht belehren (…wahrscheinlich doch), aber die Frage, eine Therapie fortzusetzen darf nicht immer Ausdruck einer freien Entscheidung sein. Oft genug kann und darf der Erkrankte aufgrund der Krankheit keine autonome Entscheidung treffen. Entsprechend ist eine Zwangsbehandlung bei Selbstgefährdung des Patienten auch keine Missachtung des Rechts auf Autonomie. Man kann es so blumig ausdrücken wie man möchte und unzählige Blogbeiträge schreiben, die den Leser erahnen lassen, was in Ihnen vorgeht. Da mag das Herz noch so bluten bei dem Gedanken, den Geliebten unter Druck zu setzen. Letztendlich geht es um kostbares Leben, das weitergeführt werden könnte. Und niemals vermitteln Sie das Gefühl, der Tierarzt sei des Lebens überdrüssig. Immer ist eine Prise Witz in seinen Worten. Daher bleibt beim sensiblen Leser, der nicht in alle Einzelheiten eingeweiht ist, das Gefühl, dass sich hier etwas unsäglich Trauriges, Unaufhaltsames abspielt, das unbedingt abgewendet werden muss. Entschuldigen Sie meine direkte Worte, aber ich konnte nicht anders, Ihnen diese Zeilen zu schreiben.

    • Wenn Sie schon lange mitlesen, wissen Sie ja, wie sehr Mademoiselle Read On mit dem Tierarzt um jede einzelne Blaubeere gerungen hat. Und dass er schon viele Jahre in ärztlicher Behandlung ist. Aber wie Mademoiselle bereits klarstellte, heißt das nicht, dass eine Therapie das Ergebnis hat, das sich andere vorstellen.

      Ich denke, wir können davon ausgehen, dass all die Überlegungen, die Sie darlegen, irgendwann auch schon einmal in Erwägung gezogen wurden.

      Man kann jedoch niemanden zum Leben zwingen. Mal abgesehen davon, dass es bei einer sehr weit fortgeschrittenen Magersucht wohl auch einen point of no return gibt, der Körper ist schon zu geschädigt.

      Mademoiselle Read On erweist dem Tierarzt einen der größten Liebesdienste überhaupt, indem Sie ihn auch auf dem letzten Stück des Weges begleitet.

    • Hallo Nora, du fasst in Worte, was ich auch schon ein paar Mal gedacht habe… Vielleicht besteht ja wirklich noch Hoffnung für den Tierarzt, zu wünschen wäre es dem Fräulein und dem Tierarzt!
      Liebe Grüße Julia

  8. Wissen Sie, dass das Stück „A Time for Us“ aus dem Film Romeo und Julia ganz hervorragend zu diesem Text passt? Ich habe es nämlich zufällig gerade im Ohr, als ich ihren Text lese. Und nun ja, nun sitze ich hier auf der Arbeit und versuche, das Meer in meinen Augen (was ein wunderschöner Ausdruck, vielen Dank, wortgeflechte!) nicht überfließen zu lassen.

  9. Danke fürs Teilhaben lassen. Und danke, dass sie für den Tierarzt da sind. Sie haben meinen allergrößten Respekt. Ich wünschte, ich hätte das Foto vom Hundewägelchen gemacht.

  10. Leise kullern meine Tränen – ich weiß nicht, ob Sie weinen können, oder ob es die Sitation nicht erlaubt – wenn nein, weine ich für Sie mit.
    Gönnen Sie sich ein paar kummerfreie Minuten, in dieser Zeit würde ich Ihren Kummer tragen.
    Alles Gute.

  11. Liebe Mademoiselle Read On,
    Da ich Ihren blog noch nicht solange lese und auch nur die Beiträge in deutsch (wegen meines mäßigen Schulenglischs) habe ich jetzt erst verstanden, wie schwer krank der Tierarzt ist. Das tut mir so leid, aus eigener Erfahrung weiß ich, wie es ist wenn ein Familienmitglied eine schwere lebensgefährliche Krankheit hat.

    Ich danke Ihnen für Ihre wunderbaren Texte. Für die tieftraurigen und für die humorvollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.