Auf der Suche nach Franz Kafka-Tatranské Matliare.

Zwei Kilometer sind es von unserem Hotel herüber bis nach Tatranské Matliare, jenem Ort in dem Franz Kafka zwischen 1920 und 1921 einige Monate verbrachte. Das Hotel in dem wir wohnen, stand damals schon. Sommerfrische. Es waren nervöse Jahre, der erste Weltkrieg war auch an der Hohen Tatra nicht einfach so vorbeigegangen. Viele der großzügigen Sanatorien und Hotels beherbergten nun Soldaten, die nichts mehr vom lässigen Hans Castorp hatten.Die Damen an der Rezeption winken uns hinterher: „Have a nice day.“ Der Tierarzt ruft: „We are looking for Franz Kafka.“ Die Damen nicken und winken noch einmal. „Have fun with your friend.“

Vor dem Hotel beginnen die Berge. Still ist es hier. Die Berge atmen leise. Ungewohnt ist das, denn das Meer vor unserer Haustür schweigt niemals. Aber hier in der Hohen Tatra schweigen die Berge. Wanderer kommen uns entgegen. Wanderer sind stille Menschen stellen wir fest. Sie teilen Wasserflaschen und Müsliriegel, sie nicken uns zu, wie nicken zurück. Sie gehen in Richtung eines Gipfels, wir gehen um die Ecke. Wiesen. Ein gluckernder Bach. Eine Handvoll Wasser für mich, eine Handvoll für den Tierarzt. Süß ist das Wasser. Vielleicht spricht das Gebirgswasser aus, was die Berge verschweigen. Ganz allein sind wir im Wald und auf den Wiesen. Auf einer Lichtung ein Denkmal. Matthias Loisch gründete hier eine Jagdhütte. 1884. Aber er lud nicht zur Jagd, sondern die Städter ein. Hinaus aus der Stadt. Aus der Hütte, wurden mehr Hütten. Schwedenbungalows würden wir heute sagen. Er baute eine Sauna und dann ein Hotel. Wo ein Hotel ist, haben auch zwei Hotels Platz. So entstand Tatranské Matliare, ein Ort wie man es sich vorstellt, war es nie. Eine Ansammlung von Hotels, die dann auch Sanatorium hießen. Ein Sanatorium war das Lungensanatorium von Dr Kral. Dorthin begab sich Franz Kafka. Da war der Erste Krieg schon über die Hohe Tatra gezogen. Aber auch dazu hatten die Berge geschwiegen. Gefallen hat es Franz Kafka nicht. Das wäre zu einfach gewesen. An Max Brod schrieb er: „Vorläufig stört mich noch alles, fast scheint mir manchmal, dass es das Leben ist, was mich stört, wie könnte mich denn sonst alles stören?“

Wenigstens gibt es keine Durchfahrtsstraße. Damals 1920 und 1921 als Kafka dort oben lebte, wo wir hinwandern an einem sonnigen Nachmittag, da sprach man Ungarisch, nicht Deutsch, nicht Tschechisch, nicht Slowakisch, sondern Ungarisch. Es waren die letzten europäischen Jahre. Damals konnte ein Budpester Zahnarzt mit einem deutschen Buch unter dem Arm spazieren gehen und eine tschechische Dame zum Tee einladen, oder das Buch Franz Kafka leihen. Krank vor Liebe zu Milena war Kafka in jenen Monaten. Man kann an der Liebe zu Grunde gehen, das war die Antwort und ein heftiger Husten kam dazu. Ein müdes Herz also, keine Milena mehr, dafür ein Tschechin, die auf Juden schimpfte, lange Briefe hinunter nach Prag, ein aufdringlicher Journalist, ein Kellner wie aus einer Thomas Mann Novelle und ein Zimmermädchen, aber ihr Name war nicht Milena.

Briefe und Einsamkeit. Keiner kam hinauf zu Franz Kafka. Milena wollte und sollte nicht, Ottla hatte ein kleines Kind auf dem Arm, die Eltern einen Laden und ich weiß nicht wo Max Brod war in jenen Monaten. Aber der Ort, das Sanatorium, die enge Welt mit europäischem Zungenschlag, die ist verschwunden, lange schon. Tatranské Matliare ist kein verfallenes Stück Zeit mehr. Bald kam der zweite Krieg, der deutsche Krieg, nach dem zweiten Weltkrieg war das Europa der Zahnärzte aus Budapest und der Schriftsteller aus Prag zu Ende. Das Militär kam in die Hohe Tatra hier sollten sich Offiziere erholen. Sperrgebiet. Abrissbirne. Kein Prager Frühling, kein Ungarisch mehr. Es ist nichts mehr übrig von Matthias Loisch und seinen Mitstreitern. S

päter dann baute die CSSR hier Hotels im guten sozialistischen Stil. Quadratisch und mehr Durchgang zum Speisesaal. Hutnik heißt das Hotel, vor dem wir stehen. Plötzlich im Wald. Palettentische auf der Terrasse. Zigarettenrauch. Die Zimmermädchen haben Langeweile. Graue Treppenstufen. Gelbe Wandfarbe, aber die Tristesse der langen und bleiernen Jahre, die atmet man ein, betritt man das Hotel. An der Wand noch immer Kunst der Werktätigen und eine Hausordnung die kein Ende nimmt. Wir bestellen Kaffee und wo anderswo Bücher über den Amazonas liegen, stapeln sich hier die Gästebücher. Der Tierarzt schließt die Augen. Der Kellner nimmt sich Zigaretten und setzt sich zu den Reinigunsgfrauen auf die Terrasse. Eine Frau steht am Fahrstuhl und sieht lange auf ihr Telefon. Ich blättere in den Gästebüchern. Dieter und Petra, Januar 1982 gefiel es sehr gut. Anne und Heiner, 1986 verbrachten schöne Tage im Bruderland, Herta und Wilfried kamen schon zum dritten Mal und fanden: „schöner als wie in der Schweiz.“ Druschba, druschba neben Kinderzeichnungen. Gedichte und kleine Bonmots. Die liebe C. war niemals in der Hohen Tatra, mein Vater ein Republikflüchtling, meine Großmutter hatte eine andere Landkarte vor Augen, aber hier in den Gästebüchern stehen die Geschichten derjenigen für die die DDR etwas ganz anderes war und die schöne Ferien verlebten und keine Bücher von Ivan Klima unter der Theke schmuggelten. Hier stehen ihre Geschichten und sind doch unerzählt. Nach 1993 brechen die Einträge weg. Die Ostbürger wollten in den Westen. Die Hohe Tatra war auf einmal das arme Osteuropa, keine Brüderschaft mehr, lieber vergessen, die Alpen sind die andere Richtung. Wir legen Münzen auf den Tisch. Der Kellner bleibt verschwunden.

 

Auf einer Wiese, abseits des Weges ein Stein für Franz Kafka. Man kann ihn leicht übersehen, die Straße nicht finden, die Wiese ganz anders überqueren, wir finden ihn doch. Liegen im Gras, keiner kommt, wir zählen Wolken und Geschichten, die erzählten und unerzählten, alle Geschichten sind unendlich. Bevor wir aufstehen, uns das Gras aus den Haaren klopfen, über den Stein streichen, uns vorstellen wie es hätte sein können, wie es wohl gewesen wäre, wenn, hole ich einen Zettel aus der Tasche und lese dem Tierarzt vor, was Franz Kafka schrieb an genau jenem Tag an dem er aus der Hohen Tatra zurückkehrte nach Prag:

„ Liebster Max, meine letzte Bitte, alles was sich in meinem Nachlass ( also im Bücherkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch zuhause oder im Bureau, oder wohin sonst irgendwas vertragen worden sein sollte und dir auffällt.) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eigenen usw. findet restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene und Gezeichnete, das Du oder Andere, die Du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.“

Dein Franz Kafka.“

Hier in der Hohen Tatra, die einmal mitten in Europa lag, beschloss Franz Kafka zu sterben und Max Brod beschloss ihn niemals sterben zu lassen. Die Berge aber schweigen und still gehen auch wir zurück.

13 thoughts on “Auf der Suche nach Franz Kafka-Tatranské Matliare.

  1. Es ist so sehr schön, was und wie Sie über Ihre Reise schreiben. Die Diktion, die Worte unter Ihren Fingerspitzen, als spazierten Sie über einen Regenbogen, der von dorther nach hierher reicht.

    Jeder hat seinen eigenen Zugang, zu Kafka, zu Kisch, zu Brod, zu Meyrink auch, es gibt so viele, die vielleicht verloren gehen, Perez zum Beispiel.
    Manchmal vergisst man sogar den Ursprung dessen, was man gelesen hat. Ich erinnere mich an eine Geschichte, als ein Flüchtiger, der Nazis wegen, Brod nächtens herausklingelte. Und der kam im Nachtgewand an die Tür und dann stand da „seine Zehen unter dem Nachthemd sahen aus wie kleine weiße Mäuse.“ Das ist mein Brod firsthand und danach erst alles andere. Was ihn gar nicht kleiner macht. Nur plastischer.

    Ich war als Schülerin öfters in Prag, durch die Musik, es gab einen Orchesteraustausch. Die Stadt war sehr grau damals, wie meine Heimatstadt auch. Ich mochte die Sprache, dieses gewisse Nasale, was man, wenigstens als Deutscher, fast nicht imitieren kann. Die Markklößchenbrühe im Silberbecher nach dem Konzert. Und eine Höflichkeit, die war irgendwie anders. Aber vielleicht war ich auch nur sehr sprachlos damals.

    Ich hatte die Geschichten vom Rabbi Löw gelesen und war fasziniert, wie man halt ist mit zwölf. Und ungehalten, dass keiner mit mir auf den jüdischen Friedhof gehen wollte. Kafka habe ich erst viel später gelesen. Und Milenas herzförmiges schönes Antlitz noch später erst wahrgenommen. Und ihre Briefe. Ich glaube, das war durch die Autobiographie von Eva Busch, die auch in Ravensbrück war.

    Ich denke grad an die Fotografien von Roman Vishniac, die aus der Karpato-Ukraine. Und habe mir wegen Ihrer Empfehlung den Vorkriegs-Baedeker bestellt. Es ist eine Zeit, von der man möchte, dass sie weiter hätte sein dürfen, trotz ihrer Mängel. Dass es eine Entwicklung hätte geben können aus ihr heraus. Vielleicht ist das alles ganz falsch. Aber eine verknotete Sehnsucht, die bleibt. Die sich so seltsam konstituiert wie vielleicht vor dem Geburtshaus von Freud in Příbor.

    Das ist jetzt etwas lang geworden. Von jenseits der Grenze fragt Karl Emil Franzos ein bisschen eifersüchtig nach Galizien und Joseph Roth versenkt den Schnurrbart in einem Cognac und denkt nicht an Brody. Ich weiß nicht, ob Sie Jurij Andruchowytsch kennen und Andrzej Stasiuk und ihrer beider Essay „Mein Europa“. Es ist nicht ganz neu, aber dennoch. Vielleicht mögen Sie es.

      • Danke für die Erinnerung an Monika Sznajdermann. Wirklich es waren große Europäer vor uns.

    • Danke für Ihren wirklich wunderbaren und so sehr kenntnisreichen Kommentar. Sie haben Recht es ist eine verknotete Sehnsucht, eine Ahnung davon, was es hätte sein können,wenn es doch anders gekommen wäre. Ich bin einmal in Brody gewesen und habe Joseph Roth gesucht. Es ist ein Niemandsland geworden und die Welt, die er für uns erfand ist entschwunden. Vielen Dank auch für die wunderbaren Leseempfehlungen.

    • Eine schwierige Beziehung und vieles wird wohl immer Ungesagt bleiben,dabei wäre gerade das Gespräch zu diesem Thema so wichtig.

  2. Ein heftiges Dilemma, ob man den Willen des Verstorbenen respektiert obwohl man ihn für falsch hält oder nach eigenem Gutdünken handelt, was man natürlich für richtig hält …….

  3. „Hier in der Hohen Tatra, die einmal mitten in Europa lag, beschloss Franz Kafka zu sterben….“

    Dieser ‚Beschluss‘ ereignete sich dann nicht in der Hohen Tatra.
    „Glück im Unglück“ für Kafka und Dora Diamant, welches Michael Kumpfmüller in „Die Herrlichkeit des Lebens“ fasst.

    Kennen Sie und der Tierarzt dieses wunderbare kleine Werk?

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