Auf der Suche nach Franz Kafka- Der Weg in die Hohe Tatra

Wir verabschieden uns von Prag. Heiß ist die Stadt. Der Tierarzt findet Mitteluropa sei ein Backofen. Manchmal befühlt er einen Arm und mumrelt etwas von Steak durch oder so ähnlich. Aber noch einmal stehen wir vor dem Haus in dem Kafkas große Liebe Milena Jesenská bis zum Bruch mit ihrem Vater Jan, dem Zahnarzt lebte. Heute ist in dem Haus eine Schrottausstellung. Männer sitzen in Recylingautos und strahlen und Frauen lehnen auf den Schrottautos in einer gemeinhin als verführerisch bezeichneten Pose. Dann fotgrafieren die Männer ihre Frauen auf den Autos. Die Frauen befinden, dass die Männer nichts über das richtige Verhältnis von Freundinnenbein und Kotflügel wissen. Lange Gesichter.

Aber wir gehen an den Autos und Metallgiganten vorbei wandern durch die großzügigen Räume. Sie riechen frisch gestrichen und nagelneu, wären nicht die Figuren und Autos aus Altmetall, so könnte man sich gut vorstellen wie hier ein Zahnarzt eine Ordination eröffnete und hier stritten und liebten und stritten sich Milena und ihr Vater über das Frau-Sein und Werden, über Karrieren, über Ehemänner, über die Zukunft und die Vergangenheit. Ihr Vater ließ sie über die Beziehung zu Ernst Pollak in die Psychiatrie einweisen, Ernst Pollak den sie dann schließlich heiratete, war nicht weniger beklemmend als ihr Vater, Franz Kafka legte ihr sein Herz in die Hände und sie hielt die Hände auf. Die Deustchen schließlich ermordeten Milena Jesenská in Ravensbrück. Milena, Milena, Milena denke ich und die Farbe ist frisch und ein Radiosender spielt Musik, die mir nichts sagt. Milena sagt der Tierarzt neben mir, die Liebe bewahrt einen vor nichts. Dann wird eine Kaffeemaschine geliefert und eine Leiter fällt um. Wir gehen. Ich drehe mich nicht um. Noch immer, auch nicht so viele Jahre später, kann ich diese Lücke begreifen. Milena.

Wir stehen am Bahnhof. Der Tierarzt fächelt sich mit einer Zeitung Luft zu. Der Zug hat 25 Minuten Verspätung. Der Tierarzt ist kurz vor dem Hitzschlag und ähnelt auf erstaunliche Art und Weise Karl Kraus, so sarkastisch wie er zetert. „Prag steckt an“, sagt er und ich mache den Tierarzt zum inoffiziellen Mitglied der Arkonauten, jenen Kaffeehausgästen, die im Café Arco saßen und alle der Literatur verfallen waren.

Dann kommt der Zug. Ich wuchte Koffer, luggage holdall, Rucksack und Tasche in ein Gepäckfach und ziehe den Tierarzt hinterher.

„Mädchen, sagt der Tierarzt, der Zug ist sehr alt.“

„Der Zug ist verlässlich Tierarzt“, sage ich.

Der Tierarzt sieht zweiflend zu mir herüber.

Neben mir sitzt eine Frau, die sich sofort in katholische Erbauungsliteratur vertieft.

Neben dem Tierarzt sitzt ein Mann, der auf seinem Notebook einen Film sieht in dem Männer sich sehr kreativ den Hals durchschneiden. Dann und wann kichert der Mann so als sei ein Mord doch eine recht unterhaltliche Angelegenheit. Der Tierarzt erschauert.

„Du erbst alles“, sagt der Tierarzt zu mir.

„Tierarzt sage ich, das ist bestimmt ein reizender Mensch.“

Der Tierarzt sucht nach einem Taschentuch. „ Hitze und Horrorfilme“ murmelt er finster, „man hätte ja selbst auch genug Fantasie.“

Der Zug fährt los.

Der Zug knirscht und knarrt.

Der Tierarzt sagt: „Der Zug ist kaputt.“

Ich sage: Der Zug hat nur ein wenig Schnupfen.

Die Klimaanlage funktioniert nicht.

Die Frau mit den Marienbüchern auf dem Schoß kann erstaunlich gut fluchen.

Der Tierarzt bekräftigt nickend ihre Tiraden.

Der Mann mit den Horrorfilmen stellt den Ton lauter.

Wenn der Zug nicht knirscht, tönt es also: STIRB, SPLASH,BANG; RATTTTTARATTATATA aus dem Notebook.

Der Tierarzt sagt: „Mach was!“

Ich krame in meiner Tasche herum und biete dem Horrorfilmmann Kekse an.

Der Horrorfilmmann nimmt die Kekse gern.

Die Katholikin öffnet das Fenster.

Der Zug knarzt.

Der Film macht: PENG, BOOM;BOOM,BLAST; SPLOSH und RATTTATATATTTA.

All das wird nun auch von dem mahlenden Kiefer des Mannes lautmalerisch unterlegt.

RATATATATTA-KNIRSCH-KNACK-OM-NOM-SPLASH-BANG

Leider hatte ich die Mandel-Biscottis zuerst in der Tasche gefunden.

Der Tierarzt googelt: Ladezeiten Notebook-Akku.

So fahren wir also einmal durch Tschechien. Dann kurz hinter der slowakischen Grenze fährt der Zug an, wird langsamer, ruckt erneut an, nur um abrupt zu bremsen.

Die Katholikin zuckt zusammen.

Der Tierarzt schlägt noch vor ihr ein Kreuz.

Der Horrorfilmmann sieht ungerührt neuen Schlachtungen zu.

Ich lese in Nicole Krauss neuem Buch.

Der Tierarzt sagt: „Mädchen das ist ein bewaffneter Überfall. Man wird uns im Maisfeld vergraben.“

Ich lache.

Dann gehe ich durch den Zug und frage jeden Reisenden in einer Mischung aus Englisch, Deutsch und Jiddisch nach dem Problem.

Das Problem ist ein Mechanisches.

Der Tierarzt atmet aus.

Die Katholikin schimpft zum Niederknien schön.

Starke Männer beschwören die Schaffnerin, dass sie alle Zugmechaniker seien.

Aus unserem Abteil tönt es: KRAWUM. BOOM.BOOM. BOOM. PENG.

Der Tierarzt sagt: „Ein Glück, dass das Kälbchen erspart bleibt.“

Ich gebe dem Hotel Bescheid, dass wir verspätet sind.

„Sind Sie im Zug oder im Krieg?“, fragt der Mann von der Hotelrezeption.

„Das ist manchmal ein und dasselbe“, sage ich.

Der Tierarzt googelt youtube Videos zu Angelegenheiten der Zugmechanik.

Aus unserem Abteil gröhlt es: WILLKOMMEN. BOOM. RATTATATATARATTA DER MODELLEISENBAHNCLUB HERZOGENAURACH BEGRÜßT SIE PENG. BOOM. BLAST.

Ich esse ein Stück Marmorkuchen.

Dann kommt ein Mechaniker und mit dem Mechniker kommt Bewegung in den Zug.

Kurz vor unserem Ziel stirbt der Laptopakku.

Wir werden abgeholt. Der Fahrer entschuldigt sich tränenreich, wegen der Verspätung des Zuges habe er leider seine Bulldogge dabei.

Der Tierarzt strahlt: „Endlich zurück in der Zivilisation.“

Die Bulldogge sabbert selig in den Tierarztarmen.

Der Fahrer sagt: „Willkommen in der Hohen Tatra.

Ich sage: Franz Kafka war hier. Aber ich sage es nur zu mir und ganz, ganz leise.

Das Elternhaus von Milena Jesenská finden Sie in der  28. října 13, in Nové Město, Prag

11 thoughts on “Auf der Suche nach Franz Kafka- Der Weg in die Hohe Tatra

  1. Ihre wunderbaren Reisebeschreibungen haben mich noch neugieriger auf Prag gemacht.
    Mit dem Zug bin ich schon seit meiner Kindheit nicht mehr gefahren, in meiner Erinnerung war das immer recht langweilig. Dank Ihrer Gabe zum Hinsehen und Aufschreiben jedoch scheint eine Zugfahrt ein kurzweiliges, abenteuerliches Unterfangen zu sein und ein amüsantes noch dazu.
    Gute Reise weiterhin!

  2. Die Frauen befinden, dass die Männer nichts über das richtige Verhältnis von Freundinnenbein und Kotflügel wissen.

    Als die beste Freundin und ich im Jahr 2000 über ein verlängertes Pfingstwochenende nach Prag reisten, war es auch sehr heiß. Trotz der Hitze trugen die Pragerinnen unter ihren kurzen, luftigen Kleidern Nylonstrümpfe, fiel uns beiden auf. Und dass sie fast ausnahmslos sehr schöne Beine hatten.

    Da wir unsere Ferienwohnung in Vinohrady nur einen Tag kürzer mieten konnten als unser Aufenthalt dauern sollte, verbrachten wir übrigens auch eine Nacht im Hotel Europa. Aber das ist eine andere Geschichte.

  3. Dem Tierarzt zur Beruhigung. Niemand wird ihn in der hohen Tatra in einen Maisfeld verscharren. Es ist zu heiß zum Graben. Der Boden des Feldes ist zu hart zum Graben. Allerdings, die Vorstellung dass eine Räuberbande in der Gluthitze den Tierarzt in einem ausgedehnten Maisfeld jwd vergräbt, das hat schon was von Kafka. Ichvwünscheveinecweiterhin spannende und erheiternde Reise!

  4. Über Leben, Leiden und Sterben v. Milena Jesenská erfuhr ich das erste Mal
    über den Bericht von Margarete Buber-Neumann, die damit der Leidensgefährtin ein ‚Denkmal‘ setzte.

    Die Aufseherinnen in ‚Ravensbrück‘ zeigen, dass ‚Frauen nicht der bessere Teil der Menschheit sind‘:
    http://www.spiegel.de/einestages/kz-ravensbrueck-wie-aufseherinnen-gefangene-quaelten-a-1073122.html
    „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung (Adorno), und diese gilt für alle Menschen !

  5. Oh Zugfahrten sind wie das Leben, oft interessant, manchmal schrecklich, stockend und angstmachend oder letztlich an einem Ziel. Haben Sie es gut in der Hohen Tatra. Und wie gut, dass Sie Milena eine Erinnerung widmen, ach wie gut! Passen Sie gut auf den Tierarzt und nicht minder gut auf sich auf! Wegen der Hitze, nicht wegen der Maisfelder. Ich denke, die gibt es gar nicht dort..:-) Sunni

    • Zugfahrten sind alles kleine Romane und diese Zugfahrt war schon besonders speziell, aber wir sind gut und wohlbehalten in der Slowakei angekommen

  6. Heute sah ich einen Radfahrer, der seinen Hund in einem vorgelagerten Wagen mit sich schob. Da dachte ich an den Tierarzt, wollte es schon fotografieren und bemerkte dann erst: den kenne ich ja gar nicht wirklich. Komisch, dieses Internet.

  7. Herrlich Ihre Beschreibung der Zugfahrt! Ich habe sehr gelacht und sehe die Marienverehrerin und den Horrorfilmfan plastisch vor mir, nur über das Aussehen des luggage holdall habe ich mehrere Theorien.

    Ich fühle mit dem Tierarzt: ja Mitteleuropa ist derzeit ein wahrer Backofen und dem Schatten von Milena Jesenská winke ich traurig zu ……

    • Das luggage hold-all ist ein zerknittertes und vielfach um die Welt geschlepptes Lederungetüm.

      Wir winken aus der slowakischen Hitze herüber.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.