Wie der Juli riecht.

Der Juli riecht nach staubigen Straßen und nach einer Sonne, die nicht müde werden will. Der Juli riecht nach Meer und Hagebutten. Die Hagebutten riechen nach dem Geheimnis des Sommers und das Meer riecht nach Tang. Süßllich riecht der Tang so als sei er Lakritz, aber was weiß man schon über die Dinge tief auf dem Grund. Über allem aber, liegt das Meer. Der Juli ist sein Patenkind. Der Juli riecht nach Wassermelone und Sonnencreme. Der Juli riecht nach langen Tagen und schwülen Nächten, nach einem großen Eis mit bunten Streuseln obendrauf, nach klebrigen Fingern und nach noch mehr Sonnencreme- sogar in den Haaren. Nach einem vergessenen Apfel in einer Tasche riecht der Juli, der Apfel ist braun gesprenkelt und auf dem Apfel sieht sich eine Fliege um. So einen Apfel mit einer Fliege habe ich schon einmal gesehen in einer Galerie irgendwo in den Niederlanden. Ich habe vergessen ob die Galerie in Rotterdam oder Den Haag war, aber die schimmernden Flügel der Fliege, den Apfel und das dunkle Zimmer in dem der Apfel lag, auf einem Holztisch oder einem Teller,das habe ich nicht vergessen. Nur gerochen habe ich damals nicht, aber in diesem Juli dann doch.

Der Juli riecht nach Coca-Cola mit einer Zitronenscheibe und Eiswürfeln im Glas. Die Eiswürfel klirren im Glas, aber noch lieber lege ich sie mir unter die Zunge. Die Eiswürfel glitzern vor Kälte und riechen nach einem Rest von Himbeere oder einem Blatt Pfefferminz, das gebe ich oft in das Wasser hinein, bevor aus dem Wasser, Eiswürfel werden. Modrig riecht der Juli, nach Seerosen und einem dumpfen Gewässer in dem immer eine Kröte quakt oder eine Libelle sirrend durch den Schilf fliegt. Liegt man lange genug im Verbogenen, dann rudert jemand ein Boot vorbei und das Ruderblatt klatscht erst ein und dann zweimal ins Wasser, ein rotes Hemd sehe ich dann ist das Boot schon vorbei und der Schilf, der dumpfige See, die weißen Seerosen, die Libelle und ich sind wieder allein. Der Juli riecht nach Weißwäsche und geräucherter Forelle. Steckerlfisch, glaube ich nennt man so eine Forelle am Spieß, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Der Juli riecht nach Reisefieber und nach blauem Himmel. Aber wo zum Himmel ist denn die blaue Tasche geblieben?

Der Juli riecht nach Kaffee aus einer Emailletasse, nach Druckerschwärze an den Händen der Zeitungsleküre, denn es ist so warm im Zug. Der Juli riecht nach der Verzweiflung wenn sie hören: „ Der Eurocitay nach Budapest hat heute 90 Minuten Verspätung.“

Der Juli riecht nach Sand in den Haaren, Sand in den Schuhen, Sand in den Sachen und nach noch mehr Sand in den Haaren. Der Juli riecht nach den schlafenden Kinder in der Hängematte im Garten. Der Juli riecht nach der Müdigkeit, die sich zwar im Schrank versteckt, um doch nur auf mich zu warten. Der Juli riecht nach der Müdigkeit der Museumswärterin im Sternberg Palais, die so hinreißend gähnte, dass man auf der Stelle hätte einschlafen mögen. Der Juli riecht nach schwarzem Tee mit Zitrone, nach Bohnerwachs und Himbeerbonbons. Der Juli riecht nach einem Mann in der Bahn und seinem Rasierwasser. Pinien denke ich als ich ihm zusehe, wie er sich ein Taschentuch vorsichtig mit dem Pinienwasser beträufelt, um es sich schließlich mit langsamen, kreisenden Bewegungen über das Gesicht zu reiben. Der Juli riecht nach Geburtstagstorte, nach weichem Teer auf der Straße, nach den scharfen Zigaretten der Bauarbeiter, nach Autan und einer Hand voll Rosenblätter. Der Juli riecht nach Heidelbeeren mit kalter Milch, nach roter Grütze und Vanillesoße in dem alten Steingutkrug, der Juli riecht nach Abenteuer, denn am Strand entdeckt ein kleines Mädchen zum ersten Mal das Wunder Meer. Einen ganzen Eimer voll Muscheln nimmt sie mit nach Haus, um vom Meer zu träumen bis sie wiederkommt. Der Juli riecht nach Rolltreppen und so trocken riecht der Juli, dass die Zunge einem am Gaumen klebt und man glaubt man würde nie wieder etwas riechen. Der Juli riecht nach Reisebroten, gekochten Eiern in einem Korb, der Juli riecht nach Landstraßen und flatternden Hemden über einer Leine im Wind.

Der Juli riecht nach dem Wort: Wagenstandanzeiger und Johannisbeergelee.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

25 thoughts on “Wie der Juli riecht.

  1. Der Juli riecht nach Nordseewasser in den Badetüchern am Abend. Er riecht nach frisch gekochter Mirabellenmarmelade in der Küche meiner Mutter. Der Juli riecht nach einem kalten Bier am warmem Strandabend. Und immer nach Wattenmeer und Nordsee und Zuhause.

  2. Pingback: Wie der Juli roch | la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

  3. Am Mittelmeer roch der Juli nach nach dem milchigen Saft der Feigenbäume und nach dem Harz der Pinien. Ich staune, wie stark und präzise die Erinnerungsfunktion des Geruchsinnes funktioniert, das hatte ich seit über 30 Jahren nicht mehr gerochen.

    • Oh, wie lange habe ich schon keinen Feigenbaum mehr gesehen! Hier in Prag rieb sich ein Mann mit Pinienwasser ein und so ist das Mittelmeer dem Kontinent doch noch nicht ganz verloren gegangen. Die Nase ja das ist wahr, ist etwas ganz Besonderes. Schöne Tage am Meer!

  4. Oh , der Juli. Er riecht nach 4 Geburtstagskuchen mit Johannisbeeren und den ersten Pflaumen. Nach dem Chlorwasser des Schwimmbades und dem letzten trockenen Gras, das in der Hand zu Staub zerfällt. Und nach der gekühlten Regenluft nach glutheißen Tagen. Er riecht nach Abschieden und Neubeginn. Und schon ein ganz klein wenig nach Herbst.

    • 4 Kuchen! Chapeau! Johannisbeerkuchen ist besonders fein und oh wie sie duften. Ja, der Sommer geht seinem Ende entgegen. Da führt Sie ihre Nase schon in die richtige Richtung

  5. Steckerlfisch ist prinzipiell richtig, aber dieser wird gegrillt, nicht geräuchert. Leider werden auf den Volksfesten vermehrt Makrelen statt Forellen verwendet, da billiger.

  6. Der Juli riecht nach Sonnencreme und Schwimmbadwasser, nach feuchten Haaren und nassen Badesachen. Er riecht – viel zu selten dieses Jahr – nach regenfeuchter Luft nach einem Gewitterguss und oft auch nach den Kühen auf der Wiese nebenan. Der Juli riecht nach Zitronenlimonade mit Eiswürfeln, nach Kokoseis und Melone und nach einem Glas Erdbeerbowle in der Dämmerung im immer noch warmen Garten.
    So lange ich mich erinnern kann, riecht der Juli nach Geburtstagskuchen. Sind Sie auch ein Julikind?

  7. Mein Juli riecht nach verschwitztem Kinderhaar und süss-verklebten Fingern, nach warmem Gummi und nassen Handtüchern, müdem See und Fritteuse. Gar nicht mehr riecht der Dorfbach, das Bachbett fast ausgetrocknet, der Garten dafür umso mehr: Nach Plumpsklo, Holzimprägniermittel, nach Zitronenmelisse und Mädesüß, nach Pumpwasser und meinem eigenen Schweiss, nach Hilflosigkeit angesichts der Trockenheit, nach Aufgeben und dann doch nicht, nach einer Ahnung, wie es sein könnte, so ganz und gar angewiesen und ausgeliefert, der Sonne und dem Regen, den Bienen und Würmern. Und überall rieche ich das Meer, obwohl es noch einen Monat und viele viele Kilometer entfernt ist.

    • Oh, was für ein intensiver Monat und welche Spannbreite an Gerüchen. Ich hoffe das Meer, das bald kommt nimmt ihnen etwas von der Schwere ab.

  8. … riecht nach dampfend feuchtem Asphalt wenn das Gewitter vorbei ist, riecht nach gemähtem Gras und nach schmelzendem Nusseis, das man vor lauter Hitze nicht schnell genug im Hörnchen ablecken kann, bevor es die Finger verklebt ….

  9. Pingback: Der Juli in Indien riecht nach… – ljuno…is for notes

  10. Der Juli riecht nach sonnenmilchwarmer Haut, nach Griesbrei mit Himbeeren, nach Butterbrote mit den ersten selbstgeernten Tomaten zum Abendbrot, er schmeckt nach Küssen aus melonenverschmierten Kindermündern. Er riecht nach Salbeibüscheln, die zum Trocknen auf der Terasse hängen, nach frisch geernteter Pfefferminze für ein kühles Getränk. Und er riecht nach Verbenen – dem Parfüm das meine Oma immer benutzte.

    LG Viola

  11. Das Meer riecht nach dem Tod, den die Insassen von Nussschalen ereilt, die Schwachen und die Kinder, die Männer und die Frauen.
    Das Meer riecht nach Plastik, mit dem wir es verstopfen bis zu seiner Aorta.

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