Ein europäischer Anfang.

So weit, sagt der Tierarzt war ich noch niemals im Osten.“ Vor uns am Fenster fliegt Bad Schandau vorbei. Dresden hat der Tierarzt verschlafen oder anders ich habe ihn nicht geweckt, denn auf dem Rückweg steigen wir aus. Die Klemperer –Bände, in denen der Tierarzt lange las, liegen doch schon im luggage holdall. Bad Schandau also, der letzte Halt in Deutschland und dann irgendwo mit einem bunten Kasten voll roter Geranien beginnt Tschechien. „Osten also“ sagt der Tierarzt und lehnt sich ans Fenster. So viel Sonne vor uns, die Hitze flimmert über den Wiesen. Neben uns sitzt ein ungarisches Ehepaar. Sie liest die Zeitung, er sieht seiner Frau beim Zeitung lesen zu. Ein schönes Paar, ein Paar für die Ewigkeit, dass sieht man gleich.
Als der Tierarzt aufwacht,gehen sie in den Speisewagen. Sie fahren bis Budapest und wir nur bis Prag. Aber noch ist das Elbsandgebirge vor uns am Fenster. Meine Großmutter und ich sind von Bad Schandau bis nach Děčín gewandert, so fing es an. „Osten“ sagt der Tierarzt und ich sehe ihn an. „Was meinst Du will ich ihn fragen, was meinst Du denn mit Osten?“Aber ich sage nichts.

So viele Jahre schon bin ich mit dem Auto, dem Eurocity, der durch ganz Tschechien, ein Stück durch die Slowakei und schließlich in Budapest endet gefahren. An jeder Haltestelle bin ich ausgestiegen, die abgelegensten Döfer habe ich durchwandert, oder mein Rad an eine alte Postsäule gelehnt oder ein Auto vor einer alten, halbverfallenen Schloßruine abgestellt, mein Führer, der auch jetzt in meiner Handtasche liegt, ist noch immer ein Baedeker von vor dem ersten Weltkrieg. Er hat mich nie enttäuscht. Noch immer glaube ich ihm, empfiehlt er das Hotel zur Post während er vor dem goldenen Adler warnt. So viele Jahre habe ich in Zimmern geschlafen, in denen Geheimnisse unter den Dielen lagen, ich habe mir Gästebücher zeigen lassen in denen der alte Kaiser unterschrieb und in Frühstücksräumen gesessen in denen noch immer ein Ober den Kaffee mit einer Serviette über dem Arm in eine geblümte Tasse mit gesprungenem Rand eingießt. Ein guter Führer versicherten mit Rezeptionsdamen, Oberkellner, Schlosskustoden und Frau Smedlaca aus dem dritten Stock einer Wohnung in Prag, die mich Malina nennt, weil als ich zum ersten Mal bei ihr Quartier nahm ein himbeerrotes Kleid trug. Wirklich, der Baedeker Österreich-Ungarn ist ein guter, ein verlässlicher Führer, er ist ein europäisches Buch, er ist vielsprachig, nie käme er auf die Idee zu behaupten in Brno würde nur Tschechisch gesprochen oder verstiege sich gar anzudeuten es gäbe nur eine Art Buchteln zu servieren zwischen Prag und Bratislava. Nein, der Baedeker alter Zeiten ist klüger als das wann man heute über Polen, Tschechien, die Slowakei oder Ungarn lesen kann. Selbstverständlich nämlich ist der Reisende mitten in Europa.

Damals nach jener ersten Wanderung von Sachsen nach Tschechien herüber, da habe ich die Söhne gesucht. Andere mögen sich in Schauspieler, Popstars und Fernsehköche verlieben, ich verliebte mich in Egon Erwin Kisch, Max Brod und Franz Kafka, ich verfiel Sidonie Sidonie Nádherná von Borutín und Karl Kraus, ach Karl Kraus. Ich fuhr ihnen hinterher. Viele Jahre lang immer und immer wieder. Die Zugverbindungen sind schlechter geworden. Max Brod hätte es heute viel schwerer eine Ehe in Prag und eine Liebe in Berlin zu leben und der Bahnsteig in Janovice an dem Sidonie, Karl Kraus in die Arme fiel ist längst überwachsen. Aber ich, wenn auch mit gewaltiger Verspätung kam hinterher. Ich suchte die Söhne und Töchter und fand die Väter. Ich habe viele Tage und viele Stunden in den Dörfern gestanden in denen die Väter Schlachter waren oder Zucker in Deka abwogen, ich habe an knarrenden Gartentoren auf verfallene Synagogen gesehen und wieder und wieder die Wege abgemessen, die die Väter von Sigmund Freud, Franz Kafka, Karl Kraus, Max Brod und all den anderen zurück legten, zwischen Arbeit, Familie und Shul. Viele Stunden habe ich damit verbracht an die Väter zu denken, die aufwuchsen in einer Welt in der Juden Ritualmorde und Brunnenvergiftungen angehängt worden, in denen kirchliche Feiertage oft mit Predigten endeten, die zu Plünderungen aufriefen und die nicht wussten, ob der Nachbar nicht morgen schon ein Kläger sein würde. Sie waren die Generation, die sehen konnten, dass nicht alles so bleiben musste, wie es war, die sich aufmachten, die das bessere Leben schon schmecken, schon sehen konnten, sie waren Zionisten, aber ihre Vision war nicht Jerusalem, es war Budapest, Wien, Prag, Berlin,Brünn, ihre Zukunft und die Zukunft die sie sich erhofften, lag mitten in Europa.

Ich bin ihnen hinterhergefahren, so als wollte ich mich vergewissern, dass die Möbelpacker auch wirklich alles mitgenommen haben. Ich bin auf Obstbäume geklettert, um einen Blick in einen Speicher zu erhaschen, ich bin in Dorfteichen geschwommen an die sich selbst die ganz alten nicht mehr erinnern konnten und immer wieder bin ich noch einmal zurückgekehrt auf einen letzten Blick. Es ist so einfach etwas zu verlieren, auch der Baedeker rät ja zur Vorsicht und so habe ich wieder und wieder nachgemessen, wie ihre Wege verliefen, wie sie manchmal abseits der Wege gerieten, aber wie sie ihrem Ziel treu blieben und niemals habe ich mich mehr in Europa gefühlt, als folgte ich den Wegen der Väter und ihrer Söhne und Töchter. Ich lächle also nur in Bad Schandau, lächle dem Tierarzt zu, vergewissere mich, dass der Baedeker in meiner Handtasche ist und löse das Versprechen ein, ein Versprechen von einem kalten Novembermorgen bei einer Tasse Tee in einem irischen Haus nah bei der See. „Einmal will ich mit dir durch Prag gehen und dann nimm mich bitte einmal mit auf Wanderschaft in Orte, in denen Max Brod einmal einen Brief schrieb oder Franz Kafka bösen Husten hatte.“ „Komm“, sagte ich an jenem Morgen und komm, sage ich noch einmal an einem heißen Tag im Juli als der Eurocity mit Ziel Budapest in Prag einfährt. „Komm, sage ich Tierarzt, komm ich zeige Dir, wo Europa beginnt.“

14 thoughts on “Ein europäischer Anfang.

  1. Oh, Sie sind in Prag, wie schön! Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich es noch nicht nach Prag geschafft habe, obwohl ich hier (nahe Chemnitz) sozusagen um die Ecke wohne.
    Budapest und Wien habe ich sehr gemocht und ich ahne, dass es mit Prag ähnlich sein könnte. Und wie schön, dass Sie dem Tierarzt die Orte zeigen, die Sie so lieben, Ihre Begeisterung wird ihn sicher anstecken.
    Sollten Sie – wenn auch nicht auf dieser Reise – einmal hier in der Nähe sein, bitte melden Sie sich doch. Es gibt hier auch einiges von dem ich mir sicher bin, dass es Ihnen gefallen würde.

  2. Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich das lese. Ein Mal war ich in der Tschecheslowakei, es mag 89 gewesen sein. Auf der Kalrsburg waren wir, und schlichen uns auf schmalen Strassen nach Prag. Unterwegs gab es eine Brücke, vor der mir heute noch schaudert. Nur ein paar Bretter und sie wankte, als wir drüber fuhren. Ich wollte das Land kennen lernen, von dem mir die Flüchtlinge aus Böhmen, Mähren und dem Sudentenland erzählt haben. Es waren die Familien meiner Freundinnen aus der Siedlung. Diese warmen Geschichten aus einem warmen Land, das plötzlich kalt wurde. Ich kannte einen, der wunderbare Bücher schrieb über das verlorenen Leben da.
    Was ich noch gerne sehen würde, ist der Klostergarten des Klosters Prüm, in dem Gregor Mendel seine Erbsen zog.
    Grüß Prag von mir.

  3. Ach ach ach ach. Es klingt so nach Abschied was Sie schreiben. Noch einmal Europa, noch einmal Prag. Ich wünsch Ihnen gute Reise. Na shledanou mala malina!

  4. liebe readon,

    so gerne komme ich hierher und lese und verliere mich in den kurzen geschichten! danke, von herzen dafür. das gibt meinen tagen immer ein
    goldtüpfelchen, wenn ich hier eine neue geschichte finde. so viel wärme.

    (wenn ich mir eine schwester, tante, großmutter, kusine, oder mutter wünschen dürfte, dann bin ich versucht sie zu wählen (jaja, auch wenn ich natürlich weiß das es hier nur kurze aufblickende augenblicke von ihnen zu lesen gibt, und dennoch lassen sie mich unerschütterlich glauben, das ich mich damit nicht enttäuschen würde, mit meiner wahl. oder sie meine geschichte neu schreiben, weil ich schaff es nicht mehr. ach, wie sehr wünsch ich mir gerade das dass gehen würde. ja, ich würde sie dazu erwählen, könnte ich das).

    alles gute.

  5. Liebes Fräulein,
    kennen Sie „Das Traumcafé einer Pragerin“ von Lenka Reinerová? Es ist schon länger her, daß ich es gelesen habe, aber ich vermute, es würde ihnen gefallen.
    Ich wünsche eine gute Reise!!

  6. Fahren wir nicht immer der Vergangenheit hinterher und hoffen, einen kurzen Blick ins Zukünftige zu erhaschen, während die Gegenwart uns streng an der Hand hinter sich her zieht? Grüßen Sie mir Prag! Ach Prag…und Paris, ach…Herzlich, Sunni

  7. Der Text hat mich sehr bewegt… ich kenne das Gefühl, ein Kand, seine Kulturcund damit Europa zu erwandern. Es begleitete mich durch Polen und Litauen, durch die Schweiz, Schweden und Schottland. Europa ist soviel mehr als leere Grenzhäuschen und Brüsseler Normen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.