Jonny ist wieder da.

Erinnern Sie sich noch an Jonny?

Wir sind später als sonst am Meer. Der Tierarzt kann nicht mehr Rad fahren, so fahren vier Kinder, ein Plastikrochen und ich vor und warten auf den Bus mit dem Tierarzt. Dann gehen wir der Sonne und dem Meer entgegen und sind am Strand. Wir hören ihn schon, bevor wir ihn sehen: „Hallo ruft er, erinnert ihr euch, ich bin Jonny!“

„Aber klar“ rufen wir, wie könnten wir dich vergessen haben.

Jonny strahlt und steht dennoch zögerlich zwischen dem Handtuch seiner Oma und unserem Haufen Strandkramuri. Aber zum Glück gibt es ja die gleiche Königin. Sie schreit: Coole Haare Jonny, komm, wir wollen zum Wasser einen Delfin bauen, der Tierarzt weiß genau wie so ein Delfin aussehen muss und wir haben Bananenkuchen und eine neue Schwester, aber die ist noch zu klein für den Strand, hattest du ein gutes Zeugnis, ach egal, machst du mit?

Jonny sieht die kleine Königin staunend an.

Die kleine Königin sieht mich an.

„Nun übersetz doch schneller“, ruft sie mir zu.

Ich übersetze die kleine Königinnenrede ins Deutsche. Jonny strahlt noch mehr.

„Guten Morgen“ rufe ich zu Jonnys Oma herüber, die liegt mir dem Bauch auf einem Handtuch und löst Kreuzworträstel. Neben ihr liegt Dieter, den Jonny Opa nennen soll, er liest die BILD.

Jonnys Oma richtet sich auf und sagt: JONNY SOFORT HÖRST DU AUF MIT IRGENDEINEM BLÖDSINN, DIE LEUTE BESCHWEREN SICH SCHON.

Dann sieht sie mich,die vier Kinder und den Tierarzt.

„Na wenn das nicht die Ausländers sind“, sagt sie.

Wir nicken. Die Ausländers, das sind wir ja wirklich.

Der Tierarzt trillert Hallöchen.

„Na die Type wird ja auch immer dünner“, sagt Jonnys Oma.

Dann taucht auch Dieter hinter der BILD-Zeitung auf: „So is det mit die Ausländers, die brauchen immer Extrawurst.“

Aber dann gibt Dieter uns doch die Hand.

„Der Jonny quakt uns ja schon die ganze Zeit die Ohren voll von ihnen.“

Jonny Omas wickelt sich ein Handtuch im die Hüften. Auf dem Handtuch ist eine schlecht kopierte Lara Croft, die Dollarscheine raucht abgebildet.

„Eine Hitze“ sagt Jonnys Oma. „Dit hat es früher auch nicht gegeben.“

Opa Dieter nickt. „Dit ham wir nu von die Wessis.“

„Eigentlich wollte ich ja nur fragen, ob Jonny mit uns und den Kindern mitkommen darf. Wir wollen einen Delfin bauen, aus Sand unten am Wasser“, sage ich.

Jonnys Oma sagt: „Klar, nehmen se sich den Jonny mit. Dann kann er uns keinen Ärger machen.“

Opa Dieter sagt: „Delfin bauen? Was die Ausländers immer für Ideen haben.“

Aber Jonny, der Tierarzt und ich haben nur das Ja gehört und schon rennt Jonny los. Ein Neffe und drei Nichten warten schon.

Wir bauen einen Delfin aus Sand. Der Tierarzt findet, erst somit habe sich sein Studium der Tiermedizin wirklich gelohnt. Wir fotografieren alle Kinder mit dem wunderschönen Delfin und seinem ziselierten Muschelmaul. Jonny strahlt.

Wir essen Eis und Bananenkuchen. Wir rennen ins Wasser und üben weiter schwimmen mit Jonny. Jonny schafft zehn Züge Brust und vier Kraulzüge. Wir alle feuern Jonny an. Go, Jonny, go, schreit eine kleine Königin. Darüber vergisst Jonny schon einmal das Atem holen. Wer würde es ihm verdenken?

Wir trinken Zitronenlimonade und essen Schokoladenkekse. Ich ziehe alle Kinder auf dem Plastikrochen durch das Wasser. Alle Kinder rufen: „Schneller. Zieh schneller. Am Ende glaube ich für einen Moment ich habe meine Arme irgendwo im Wasser verloren.

Mein Neffe führt Jonny in die Welt von Herr der Ringe ein. Jonny und die Nichten besprechen Harry Potter Trivia, ich übersetze und Jonny ist schon bei Band 4. Ich bewundere seine Leseleistung und die Nichten halten dicht, damit Jonny weiter voller Spannung darauf ist, wie es weitergeht.

Ich verteile dicke Scheiben Wassemelone und die beliebten bunten und ziemlich sauren Gummischlangen.

Von Oma und Dieter hören und sehen wir den ganzen Tag lang nichts.

Am späten Nachmittag als wir gehen müssen, hält Jonny den Tierarzt fest.

Du Read On flüstert er so, dass es die anderen es Kinder nicht hören kennen. „Du Read On, ich kenne doch meinen Papa gar nicht, denkst du ich dürfte den Tierarzt mal umarmen?“

Manche Fragen kann man gar nicht übersetzen und der große Tierarzt umarmt einfach den kleinen Jonny.

Wir alle sehen lieber noch einmal auf das Meer, packen langsamer ein als sonst, klopfen Kleider und Handtücher aus, ziehen langsam unsere Fahrradschlüssel hervor, verpacken den Gummirochen viel sorgfältiger als sonst und der Tierarzt hält Jonny fest.

„Jonny, flüstert der Tierarzt, du bist ein toller Junge, Jonny du bist wunderbar, Jonny, Jonny, Jonny“, sagt der Tierarzt und obwohl der Tierarzt fast nur noch Schatten ist, hält seine Umarmung Jonny fest.

Wir warten und sehen auf das Meer.

Jonnys Oma raucht.

Dieter beobachtet eine Frau im roten Bikini mit dem Fernglas.

„Früher war mehr FKK“, ruft er schollernd.

Aber der Tierarzt lässt Jonny nicht los.

„Jonny, Jonny, ein Glück bist du wieder da.“

54 thoughts on “Jonny ist wieder da.

  1. „Jonny, Jonny, ein Glück bist du wieder da.“

    Und ein Glück, dass die so lieben ‚Ausländers‘ wieder für Jonny da sind.
    Herzergreifend das alles.

  2. Natürlich erinnere ich mich noch an Johnny. Hab im letzten Jahr immer mal wieder an ihn gedacht. Gibt ja genügend Situationen dafür…

    • Ach! Sie Lieber. Ich bin ja so fürchterlich untechnisch und reiche lieber ein Taschentuch herüber, die habe ich wirklich immer dabei.

    • Das finde ich auch. Manchmal trifft man sich und sieht sich immer wieder. Ich hoffe sehr, dass Jonny uns so oder anders erhalten bleibt.

  3. Ich stelle mir gerade den Moment vor, als Jonny den Strand entlang schaut und Sie alle entdeckt.

    P.S. Hat seine Großmutter einen neuen Begleiter? Voriges Jahr hieß der Mann an ihrer Seite Heinz.

    • Ein großes Hallo hat das gegeben! So ein Glück, dass wir Jonny kennen dürfen.

      Dieter ist neu, aber sehr schwer vom letztjährigen Heinz zu unterscheiden. Er war auch schon über die Ausländers informiert…

  4. Hach und schnief. Und danke, dass Sie schreiben. Ich lese hier so gerne.
    Alles Gute und liebe Grüße, unbekannterweise, für Sie und den Tierarzt.

  5. Und nur im Nebensatz „der Tierarzt kann nicht mehr Rad fahren“. Ach, ich wünsche ihm und Ihnen ein kleines privates Wunder. Möge er plötzlich die innere Freiheit haben sich mit Freude und Appetit eine Speisekarte hinauf und hinunter zu essen……

  6. Ich freue mich so über dieses Wiedersehen für alle und besonders für Jonny. Er ist ein toller Kerl und es ist mehr als traurig, dass seine eigene Familie das nicht sieht.

    Wie so oft, wenn ich vom Tierarzt lese, habe ich einen dicken Kloß im Hals. Ich hoffe sehr, Sie tragen das nicht allein.

  7. Solche glücklichen Tage sollten wir alle festhalten für die Zeiten danach. Alles Liebe Ihnen, dem Tierarzt, den Nichten und Neffen und natürlich Jonny. Und für das kleine private Wunder schließe ich mich Myriade von Herzen an.

  8. Pingback: Blick aus dem Leuchtturmfenster | Ar Gueveur

  9. Dreimal habe ich angefangen und kann in dieses Kommentarfeld einfach nicht schreiben, was mir in Kopf und Herz herumgeht. So viel, der Bus und der „Opa“ und der Jonny und die Arme und der Kuchen und alles, alles. Danke. Ich sende herzwarmsattmachendes Umarmen.

  10. Als ich davon las, dass der Tierarzt zu schwach ist zum Fahrradfahren, stockte mir der Atem. Ich wollte schreien und einen Brief an den Tierarzt schreiben. Aber Ach. Wem sollte es nützen und wen sollte das helfen. Sagen Sie dem Tierarzt einen lieben Gruß. Vielleicht hält nicht nur der Tierarzt Jonny fest, sondern Jonny auch den Tierarzt? Genießen Sie die Ostsee und die Zeit mit den Nechten, dem Neffen, Jonny und dem Tierarzt.

    • So ähnlich geht es mir auch immer, wenn ich vom Tierarzt lese. Man möchte ihn packen und schütteln und mit allem füttern, was man greifen kann. Wenn es doch nur so einfach wäre.

      • Nein, so einfach ist es nicht, aber ein schöner Sommer ist es doch und das ist wichtiger als alle Kalorien.

    • Ich reiche alle Grüße gerne weiter. Sich festhalten ist immer eine so gute Idee. Wir hatten wunderbare Ostseetage mit all den Kindern und sind schon in Prag.

      • Haben Sie eine gute Zeit, auch in Prag. Und lange, möglichst lange. Aber ist es nicht letztlich so, dass uns die glücklichen Minuten bleiben und die anderen nach hinten rutschen, so lange man sie nur lässt. Und Kinder lassen sie rutschen. Viele glückliche Minuten!Sunni

  11. Was für eine wunderbare Begegnung, auch wenn sie Sorge um den lieben Herrn Tierarzt und Johnny hinterlässt. Ihre Beschreibung von Johnnys Familie mag absurd klingen, doch habe auch ich zu oft dieses Verhalten beobachten und die Sätze hören müssen. Auch ich möchte all den Kinder zuraunen, wie toll sie doch eigentlich sind und bleibe zu oft still.

    • Diese Worte hört man rund um den Erdball, in Ost und West. Sie sind nicht wirklich lokal-geografisch zu verorten. Das macht sie nicht weniger traurig und schlimm. Ich erinnere mich mit Schaudern an einen kurzen Urlaub 1994, als ein bayrischer Opa hinter uns meinte: „Da schau amoal, das san die Ossidoofen…Verreckn sollns, alle mitanand…“ Und meine kleine Tochter mich fragte: „Mama, der Mann meint aber nicht uns, oder?“ Neben allem anderen Schrecklichen gibt es auch den innerdeutschen Rassismus, leider, und immer und immer wieder.Und der tut genauso furchtbar weh. Und Kinder wie Johnny gibt es ebenso überall, meist unbemerkt, das ist das ganz, ganz Schlimme. Wie gut, dass es Menschen gibt, die sehen…

  12. Ach hachz schnief, wie schön und traurig zugleich. In Gedanken drücke ich Sie, den Tierarzt, Jonny und Ihre Nichten und Neffen. Möge dieser Tag Ihnen allen unvergesslich sein!

  13. Ich sitze im Bus. Langsam steigt er den Huegel hinunter zur kleinen Stadt am Meer. Und weine und weine und bin so froh, das es auf dieser Welt Jonnys und kleine Koeniginnen gibt. Wir brauchen noch soviele mehr.❤

  14. Johnny wird sich daran erinnern. Auch als Erwachsener. An den Tierarzt, an Dich, an die anderen Kinder. An die Umarmung und dass er toll ist. Das ist so viel wert. Dieses gemeint sein. Solche Dinge brennen sich ein und bleiben. Zum Glück, denn das Andere bleibt leider auch.

  15. Liebes Fräulein Readon,

    ich verneige mich vor Ihrem Fabuliertalent. Sie berühren mein Herz und treiben mir Tränen in die Augen.

    Danke
    Mika

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