Unendliches Blau

Di41rTrXsAAFyCZ.jpgAm Abend aber der Tierarzt hütet die Nichtenkinder, fahre ich noch einmal ans Meer. Sonnenflecken auf der Straße, das Dorf liegt still vor mir im späten Licht. Die Einwohner des Dorfes schweigen lauter als das sie reden. Sie haben Hofhunde, wenn jemand zu nah kommt, übernehmen die Hunde das Sprechen. Aber die Hunde sind müde und träumen von kühleren Tagen. Mein Fahrrad lehnt gegen einen Mauervorsprung. Die Wand ist warm an meinen Händen. Die Wand gehört zur Garage. Im Sommer gehört die Garage den Schwalben, zwei Nester unter dem Dach. Das Schwalbenpaar heißt Clara und Robert. Die liebe C. mag Schumann. Die Schwalbenkinder haben wie die Nichtenkinder immer Hunger. Die Nichtenkinder winken mir mit riesigen Stücken Streuselkuchen hinterher. Clara und Robert bekümmern sich nicht um menschliche Angelegenheiten. Vor dem Dorf liegt ein See, dichter Schilf umschließt den See. Über den See kann man sich mit einer Holzfähre rudern lassen. Der Fährmann hat viel von der Welt gesehen, einmal hat er größere Schiffe gesteuert als einen hölzernen Kahn. Jetzt sieht der Fährmann den See und das Schilf und manchmal ein Segelboot von der Ferne. Von der Welt erzählen ihm die Touristen, die er rudert. Ahoi rufen sie und der Fährmann rudert über den See. Schon bin ich vorbei, rieche vom Fährmann nur noch den Dunst blauen Knasters, am anderen Ufer des Sees weiden die Kühe und ihre Kälber. Der Tierarzt steht oft bei den Kühen und ihren Kälbern und erzählt ihnen von einem anderen Kalb und anderen Wiesen. Die Kühe und ihre Kinder hören geduldig zu. Mein Fahrrad und ich aber wir sind schon vorüber, eine schnurgerade Strecke schließt sich an und der Wind und ich rennen um die Wette. „Unfair ist das prustet der Wind, du hast ein Fahrrad und ich muss lauter Wolken tragen!“ Der Wind verliert mich an der nächsten Kurve. „ Wir sprechen uns noch“, ruft er mir mit letztem Atem hinterher. Dann der Ort hinter dem das Meer beginnt. Müde Väter mit Schaufeln und Strandzubehör, müde Kinder im Arm einen großen Gummiflamingo. Müde Mütter einen Eimer Muscheln in der Hand und Handtücher über den Armen. Manchmal tragen die Mütter auch alles, dann sind keine Väter mehr da oder ein Vater schleppt auch noch ein Kind auf dem Arm, aber seltener als die Väter sind die Mütter allein. Die Kinder aber lachen trotz aller Müdigkeit und der Gummiflamingo der auch. Aber die müden Eltern und die müden Kinder sind schon in der Unterzahl, die meisten die man jetzt auf der Straße sieht, und die ich vorsichtig umrunde, haben sich schon umgezogen. Sie gehen zum Essen. Auf eine wagenradgroße Pizza bei einem der Italiener vielleicht oder einen Berg Gyros beim Griechen. Man sieht ihnen an, dass das etwas Besonderes ist. Sie haben sich feingemacht. Die Väter und die Söhne tragen Fußballtrikots, denen man ansieht, dass sie gebügelt worden und dazu einen Sommerhut. Die Frauen und Mütter tragen gemusterte Kleider, große goldene Ohrringe und alle tragen die guten Crocs, nicht die mit denen man Seesterne fängt. Wenn sie am Tisch sitzen und die wagenradgroße Pizza kommt, dann überlegen sie, wie das noch einmal genau war mit Messer und Gabel und lachen erleichtert, dass die Pizza doch schon vorgeschnitten ist. Es ist eine Feierlichkeit bei ihnen zu finden, von denen die Kirchen sich wünschten,sie käme am Sonntag zu ihnen. Aber hier bei den Urlaubern, die das ganze Jahr rechnen müssen, die sich hier einmal etwas erlauben, die hier einmal nicht mit „Kasse Sieben öffnet für sie“ angesprochen werden oder „ Cheffe hat schon wieder kein Gehalt gezahlt“ sagen müssen, sind hier Signor und Signorina und ihre Kinder sind bambini und über allem liegt die Feierlichkeit und der Sehnsucht für ein paar Tage einmal keine Sorgen zu haben und zu den Kindern sagen zu können. „Klar könnt ihr ein Eis.“ Das Eis kommt nicht aus einer Packung, sondern mit Aplomb und bunten Streuseln. Die Kinder strahlen, ich fahre nach rechts. Rechts rauscht das Meer, die Sonne versteckt sich noch hinter den Kiefern, die Kiefern und ich lehnen uns in die Sonne hinein, nur noch ein paar hundert Meter. An Holzhäusern vorbei, zwischen den Kiefern, Wäscheleinen, das baumelt ein Stoffbär, sein tropfendes Fell erzählt von großen Abenteuern. Ich lehne das Rad an den Ständern, das Handtuch über dem Arm, dann schon im Sand. Schon laufe ich in die blaue See hinein, die Sohne gähnt schon, legt die müden Füße hoch und ich tauche unter und schwimme in das seidig-blaue Meer hinein, folge der Sonne, die tiefer und tiefer zwischen die Bäume sinkt und schwimme noch einmal im letzten Licht des Tages mit geschlossenen Augen im tiefen Blau. Später dann als ich mit tropfenden Haaren wieder zum Fahrrad gehe, frage ich mich, ob wir am Ende, wenn wir alles vergessen haben, uns noch einmal erinnern an das Blau, das unendliche Blau der See.

25 thoughts on “Unendliches Blau

  1. „….frage ich mich, ob wir am Ende, wenn wir alles vergessen haben, uns noch einmal erinnern an das Blau, das unendliche Blau der See.“

    Ich bin fest davon überzeugt, dass es sich mit einem unendlichen Blau am Ende leichter lebt und stirbt.

  2. Ach, das Blau. Ja, es wird bleiben, bis es immer heller wird und man selbst dann leichter geht. Oder das hell-dunkel Lila eines Lavendelfeldes, über das der Wind geht. Es bleibt. Lange, immer, sicher!

  3. Sie haben ja so Recht, wenn man ein paar Tage lang keine Sorgen haben möchte, ist man am Meer genau am richtigen Ort.
    Das Meer hat Zauberkräfte.
    Haben Sie eine wunderbare Zeit!

  4. Es fasziniert mich, wie sie das machen! Sie schreiben Dinge wie
    „Alle tragen die guten Crocs“ und dass die Leute versuchen sich zu erinnern, wie das mit Messer und Gabel geht. Aber in keinem Moment klingt das irgendwie abwertend oder überheblich; dabei sind Sie selbst ja keine, die sich mit verschiedenen Essbestecken nicht auskennen würde. Das ist wirklich nicht einfach. Mein Kompliment!

    • Ja, genau das dachte ich auch. Ach, Mademoiselle, Sie sind eine große Menschenfreundin!
      Und ich freue mich sehr, denn Mitte nächster Woche starten wir über Berlin an die Ostsee und ich hoffe, das Blau zu finden.
      Danke für die Vorfreude!
      Alles Gute,
      Eva

    • Ach. Ich weiß gar nicht, ich glaube Spott und Häme sind einfach, aber darum kann es ja nicht gehen. Mich berühren Menschen oft und immer wieder.

  5. „Rudern zwei ein Boot,
    der eine kundig der Sterne,
    der andere kundig der Stürme,
    wird der eine
    führ’n durch die Sterne,
    wird der andere
    führ’n durch die Stürme,
    und am Ende ganz am Ende
    wird das Meer in der Erinnerung blau sein.“

    Dieses Gedicht von Reiner Kunze kam wieder in den Sinn, am Ende. Es ist noch keine zwei Monate her, seit ich die See zuletzt sah. Ach, zu lange, viel zu lange. Aber vielleicht erinnern wir uns am Ende nicht nur, sondern gehen wieder dahin zurück, wo wir hingehören…

    „I can taste the ocean on your skin
    That is where it all began
    We all go back to where we belong…“ (R.E.M.)

  6. Was das Blau am Ende angeht, das Blau in der Erinnerung, ist Reiner Kunze sich sicher:

    „Rudern zwei
    ein boot,
    der eine
    kundig der sterne
    der andre
    kundig der stürme,
    wird der eine
    führn durch die sterne,
    wird der andere
    führn durch die stürme,
    und am ende ganz am ende
    wird das meer in der erinnerung
    blau sein“

    Und Ihr Beitrag oben ist ganz wunderbar.

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