Isidor Eisenstein

Viele Jahre habe ich nicht an Isidor Eisenstein gedacht. Aber vielleicht ist es auch anders, vielleicht versuche ich aber auch nur nicht ständig und ausschließlich an Isidor Eisenmann zu denken. Das ist ja manchmal ein- und dasselbe. Aber gestern Nachmittag in einem Café in Kreuzberg unter alten Bäumen zudem und in guter Gesellschaft,  ich traf die zauberhafte Juna und die nicht minder wunderbare Johanna da fiel Isidor mir doch wieder ein. Deutlicher als sonst und vielleicht sind auch die Zeiten so, dass einem öfter Dinge in den Sinn kommen, die man längst schon beiseite gelegt glaubte, eingemottet wie den schweren Wintermantel oder das Paar Bergestiefel, die immer in einer Kiste im Keller lagern, die man nie, aber wirklich nie auf Anhieb findet.

Vor vielen Jahren fragte ich meine Großmutter einmal: „Was macht einen Juden aus?“ Das war eine Frage, die mich umtrieb und die mich nie wieder losgelassen hat. Meine Großmutter verzog immer ein bisschen spöttisch die Mundwinkel, sah sie mich mit dem Shabbes-Leuchter und der Challah, lächelte und sagte: Wenn du meinst mein Kind, ja ich meinte und sie lächelte und nickte. Aber Schubert ist doch erlaubt am Shabat. Gefragt habe ich sie doch, alles habe ich sie gefragt und nie habe ich mich davon erholt, dass ich sie nicht mehr fragen kann oder anders, dass sie mir nicht antworte. Damals also vor vielen Jahren fragte ich sie: „Was macht einen Juden aus?“

„Lass mich dir von Isidor Eisenstein erzählen sagte sie. Isidor war ein Freund deines Urgroßvaters, meines Vaters. Arzt war Eisenstein und er hatte eine Ordination in der Kreisstadt, er war praktischer Arzt, aber er war auch Kardiologe und war einer der frühen Spezialisten für Herzkrankheiten, aber für uns alle war er nur Onkel Isi, ein lustiger Mann mit einem verschmitzten Lächeln und Karamellbonbons in der Jackentasche, wie alle meine Geschwister hat Onkel Isi auch mich auf die Welt geholt und wie mein Vater sagte, holte er nicht, sondern sang die Kinder auf die Welt, denn Onkel Isi war leidenschaftlicher Sänger. So war es kein Wunder, dass Onkel Isi und mein Vater oft zusammen musizierten. So lebte Isidor Eisenstein für viele Jahre, er hatte zwei Töchter und einen Sohn. Mein Urgroßvater hatte viele Mädchen und Isidor hoffte sein Sohn würde sich in eine Tochter seines besten Freundes verlieben.
Aber soweit ist es nicht gekommen. Stattdessen kam das Jahr 1933 und dann kam das Jahr 1935 und Isidor Eisenstein durfte nur mehr Arzt für Juden sein, aber nicht mehr für deutsche Patienten, aber Onkel Isi sagte meine Großmutter war ein Arzt, der nicht aufhören konnte sich um seine Patienten zu sorgen und so machte er weiterhin Hausbesuche nach Einbruch der Dunkelheit.
Ein Kind lag ihm besonders am Herzen- ein Bub mit angeborenem Herzfehler nämlich, auch dieses Kind hatte Onkel Isi auf die Welt geholt. Dann kam das 38er Jahr und eine Gruppe von Schlägern brach johlend auch in die Praxis von Onkel Isi ein, zerschlug die Medikamentenschränke, die Schläger waren Jugendliche, junge Männer 18 oder 19 Jahre alt, ein paar Familienväter, Gaffer. Sie zerschlugen erst die Praxis und dann forderten sie lautstark, dass Onkel Isi überhaupt gar kein Arzt mehr sein sollte, denn man wusste doch, dass jüdische Ärzte, deutschen Frauen die widerwärtigsten Dinge unter dem Vorwand einer Untersuchung antaten.
Als die Ordination kaputt geschlagen war, kam Onkel Isi selbst an die Reihe.
Die Männer schlugen ihm die Brille von der Nase, ließen ihn auf den Knien nach der Brille tasten, bevor sie seine Brille schließlich zertraten. Dann zogen sie Isidor wieder auf die Beine und alle jungen Männer kamen einmal in die Reihe, sie boxten Isi in den Bauch, traten ihm gegen die Knie, zwei Zähne schlug man ihm aus, die anderen durfte er noch behalten, einer aber tat sich besonders hervor unter den Schlägern, es war der Junge zu dem Onkel Isi drei oder viermal die Woche auf Hausbesuch ging seines kranken Herzens wegen. Der Junge brach Onkel Isi die Nase. Irgendwann hatten die goons genug und zogen ab, es gab auch noch andere jüdische Familien im Ort, die auch noch an die Reihe kamen.

Onkel Isi aber ging zurück nach Hause und ließ sich von seiner Frau so gut verarzten wie es ging. An jenem Tag gingen die Juden nicht auf die Straße und Onkel Isi lag auf einem Sofa und kühlte sich die gebrochene Nase. Aber am Abend als seine Frau, ihm eine Suppe brachte, da stand er auf, Onkel Isi mit der Lücke zwischen den Zähnen, dem blauen Auge, der zerschundenden Nase und der bleiernden Müdigkeit im Herzen, stand auf, zog sich an und als seine Frau sagte: „Aber Isi Du kannst doch jetzt nicht aus dem Haus gehen.“ Aber Onkel Isi, sagte meine Großmutter packte seine Tasche, tat die Medikamente hinein und dann ging Onkel Isi wie sie oft zu seinem Patienten, den er so viele Jahre behandelt hatte, den er wie so viele Kinder auf die Welt gesungen hatte und der ihm Vormittag die Nase brach. „Er hat ein krankes Herz“, sagte Onkel Isi und dann ging er und sah nach dem Jungen.

Damit endete meine Großmutter ihre Erzählung. Das war ihre Antwort auf meine Frage. Sie sagte nicht, ob sie das richtig fand oder falsch, oder verrückt oder ob Onkel Isi eine Ausnahme war. Meine Großmutter verweigerte eindeutige Antworten und das war ihre Antwort auf meine Frage: „Was macht einen Juden aus?“ Das war es, was sie mir antwortete.

Wir waren lange still an diesem Abend und als ich sie fragte, ob Onkel Isi, seine Frau, die beiden Töchter und der Sohn wohl und mehr musste ich nicht sagen, denn meine Großmutter schüttelte den Kopf. Nein, sagte sie, Keiner.

12 thoughts on “Isidor Eisenstein

  1. Dank an Ihre Großmutter, die mit Isidor Eisenstein uns ins Gedächtnis ruft, was Menschsein ausmacht. So bitter nötig in Zeiten von „Ausschiffungsplattformen, Ankerzentren, Kriminalisierung von Menschen, die Hilfe leisten, Polizeigesetzen….“.
    Für Isidor Eisenstein demonstrierte damals niemand.
    Hoffnung macht, dass Menschen heute laut widersprechen und auch auf die Strasse gehen für Mitmenschlichkeit und menschenfreundliche Politik.

  2. Zwar fällt es mir schwer, in meiner Wenigkeit, das Pflichtbewusstsein Isidor Eisensteins gegenüber seinem Peiniger nachzuvollziehen. Spontan kam mir aber die Bergpredigt in den Sinn: „schlägt dir einer auf die eine Wange, so halte auch die andere hin“! Obwohl das meiner Erinnerung nach nicht wörtlich zu interpretieren ist.
    Ihre Frage bleibt, was einen Juden ausmacht. Kann es darauf eine Antwort geben? Ich ahne nur, was einen anständigen Menschen ausmacht.
    Und deshalb darf eine Persönlichkeit wie Isidor Eisenstein niemals vergessen werden.

  3. Vor zwei Tagen beklommen gelesen und ich denke noch immer an Isidor Eisenstein.
    Frage mich, wie schwer es wohl war diesen Text zu schreiben über das bittere Ende eines offensichtlich so heiteren Menschen.
    Und ich denke auch an den Täter. „Musste“ – natürlich musste er nicht – beweisen, dass ihn nichts an sein jüdischen Arzt bindet, wollte er sich deshalb ganz besonders hervortun?
    Hat er es je bedauert?
    Ich werde die Geschichte nicht vergessen.
    Herzliche Grüße
    Natalie

  4. „… und Isidor Eisenstein durfte nur mehr Arzt für Juden sein, aber nicht mehr für deutsche Patienten…“
    Die allermeisten jüdischen Patienten von Isiodor Eisenstein dürften deutsch gewesen sein, auch wenn es damals natürlich jüdische Einwanderer zB aus der Sowjetunion gab. Jüdisch und deutsch gehört zusammen, so wie christlich und deutsch.
    Ich unterrichte jugendliche Flüchtlinge und MigrantInnen, praktisch alle wissen um die Zeit des Nationalsozialismus schon aus ihren Heimatländern, aber viele haben die falsche Vorstellung, dass die Juden, die in der NS-Zeit in Deutschland verfolgt wurden, irgendwie keine Deutschen waren. Ich muss meinen SchülerInnen konkret erklären, dass die ihre Muttersprache deutsch war und dass es praktisch in jeder Stadt, neben christlichen Kirchen auch eine Synagoge gab.
    LG

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