Märkisches Blau

In Brandenburg ist alles Blau. Der Himmel ist blau, aber das ist nur der Anfang. Warm ist der See. Sind das Blaualgen an meinem Zeh, frage ich den F.? Steht dir sagt der F. und lacht. Blau ist das dicke Polsterkissen auf dem ein riesiger Hund hechelt liegt. Das Polsterkissen liegt auf einem Motorboot. Das Motorboot knattert rasend schnell vorbei, die Lefzen des Hundes flattern auch. Ein Wauziwägelchen der Extraklasse denke ich. Eine blaue Wolke Benzin bleibt zurück. Blau ist der Einband von Andersens Märchen. Ich lese dem F. noch einmal die entsetzliche Geschichte von der kleinen Meerjungfrau vor. Blau sind die Heidelbeeren, die kaufe ich am Straßenrand. Da steht ein Mütterchen mit einem Klapptisch. Sie kommt aus Polen und am Abend holt der Sohn sie ab. Der arbeitet auf einer Baustelle in Fürstenwalde. So viel Staub sagt sie und legt zu den Blaubeeren noch zwei Handvoll Kirschen dazu. Die Kirschen sind nicht blau.
Aber die Augen des Mütterchens sind kornblumenblau. Fast will ich sie fragen, ob sie vielleicht doch einmal während der langen Stunden Hans Christian Andersen einen Mann mit weichen Zügen getroffen haben mag. Aber ich frage sie nicht.
Blau ist ein Schild an einem Zaun. Es kündigt einen Circus an. Weiße Pferde und ein trauriger Clown. Eigentlich lacht der Clown, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es wirklich einen fröhlichen Circusclown gibt. Es war mir immer die traurigste Profession, die ich mir vorstellen konnte, ich sehe weg. ALDI ist die einzige Kaufhalle, die es gibt, ALDI, ein blaues Schild, nur noch 200 Meter sagt ein zweites Schild. Das ist auch blau.
Wir essen Fisch am Abend. Vorn am Eingang ist ein Aquarium, die Schuppen der Fische schimmern grün, braun und blau. „Nein, sagt der Kellner, den ich frage, die Fische im Aquarium sind das Hobby von Cheffe, die rührt keiner an.“ Wir sitzen am Wasser und auch hier ist das Wasser dunkelblau, so als hätte ein Maler eine Palette aus tiefem Blau einfach in den See gekippt. So blau ist der See. Der Zander auf meinem Teller sieht müde aus. Ich decke seinen Kopf mit der Serviette ab. Der F. versucht nicht zu lachen und scheitert.
Zum Fisch gibt es Blumenkohl. Der Blumenkohl, aber auch die Karotten sind blau gefärbt, ein Blau das fast schon lila ist. „Hat sich auch Cheffe ausgedacht, ist aber janz natürlich die Farbe, können se unbesorgt sein. Cheffe weiß, was er tut. Der Blumenkohl schmeckt fad, so als sei auch der Geschmack unter dem Blau verschwunden. Auf der Terrasse sitzt außer uns niemand.
Drinnen im Gastraum sitzt eine Hochzeitsgesellschaft. Die Braut trägt ein schweres Kleid aus Tüll und überall Rüschen. Der Bräutigam heißt Ronnie und trägt Nadelstreifen. Auf seinem Hals trägt er einen Panther mit offenem Maul und Reißzähnen aus blauer Tinte. Ronnie und sein blauer Panther fühlen sich nicht wohl im Anzug. Ronnie zieht immer wieder an seiner Krawatte. Die Braut soll etwas sagen. Aber die Braut schwankt und das interessiert mich gleich sehr, denn wer weiß ob sie nicht doch Andersens Meerjungfrau ist und ein Schwanz aus blauen und grünen, glänzenden Schuppen sie nicht doch am gehen hindern. Ich habe noch nie geheiratet und so weiß ich nicht, ob eine Braut naturgebenermaßen wankt, aber Andersen habe ich wieder und wieder gelesen und geweint habe ich oft vor Wut über den blinden Prinzen und das traurige Ende der Meerjungfrau und so fürchte ich mich ein bisschen für die Braut, die nicht zum Mikrofon gelangt und Ronnie, Ronnie der braucht gerade ganz dringend eines Wernesgrüner und zieht sich schon wieder an der Krawatte. Aber die Braut ruft ihre Jungfern herbei, sie alle tragen blaue Kleider und auch ihre Kleider sind voller Rüschen, die Hauptbrautjungfer aber ist gerade eine Rauchen, die steht neben uns auf der Terrasse und schnipst Asche ins Gras. Blauer Rauch und dann schiebt sie die Braut ans Mikrofon, die Braut schimpft: Mensch jetzt musst du eine rauchen, wo ich hier mit die Scheiß-Schuhe kämpfe und der Ronnie ist och schon wieder beim sechsten Bier. Das Mikrofon quietscht. Aber Ronnie braucht dieses Bier, das sieht man ihm an.
Aber die Hauptbrautjungfrau ist eine Frau mit praktischem Verstand. Sie sagt zur Braut: Jetzt reiß dich zusammen, das Bier ist alles bezahlt, nachher kannste deinem Ronnie Bescheid stoßen, aber jetzt musste mal zu deine Gäste sprechen.
Die Braut gehalten von drei Jungfern ganz in Blau beugt sich ans Mikrofon. Sie sagt: Liebe Leute, dit Buffet ist jetzt eröffnet.
Dann gibt es eine Rückkopplung und was die Braut hätte noch sagen können, geht einem ohrenbetäubenden Quietschen unter.
Dann wird die Braut wieder auf ihren Platz geführt und bekommt einen quietschblauen Cocktail. Zwei Kurze für mich bitte, ruft die Hauptbrautjungfer und als die die zwei Schnäpse gekippt hat, sagt sie: Nicole, der Ronnie in dem Anzug, ganz wie der Bachelor!
Dann kann ich nichts mehr hören, denn DJ Jörg kommt in den Gastraum und verspricht Stimmung. Er kriegt auch einen blauen Cocktail. Die Braut sagt zur Kellnerin. „Keine Kurzen mehr für Ronnie.“
DJ Jörg sagt zur Braut: Wir lassen es so richtig krachen.
Die Braut nickt.
Ronnie kommt mit einem Herz aus brennenden Wunderkerzen wieder.
Die Braut weint.
„Schatz, ich liebe dich so sehr“, sagt Ronnie.
Wir gehen.
Auf dem Parkplatz wickeln die Freunde von Ronnie und Nicole den tiefergelegten, metallic-blauen Polo in Klopapier ein und binden Konservendosen an die Türen. Neben dem Polo stehen zwei Männer im Blaumann. Sie schimpfen auf die Politik und den Elfmeter für Frankreich.
Wir fahren zurück an den See. Der See ist blau und ich tauche tief, so tief es geht vom Steg hinunter in das Wasser, der See ist ein Tintenfass und am Himmel immer weiter märkisches Blau.

19 thoughts on “Märkisches Blau

  1. Oh, so viel Einsamkeit auf einer Hochzeit. Diesem Brautpaar ist zu wünschen, dass sie zu zweit weniger allein sind, als in der Mitte der Hochzeitsgesellschaft.

  2. Blau ist so eine wunderschöne Farbe, in allen Schattierungen. Für mich ist Blau die Farbe des Sommers und als Sommerkind meine Lieblingsfarbe.
    Hochzeiten, jaaa – ich finde, heiraten wird überschätzt. Man kann einem Menschen ein Leben lang verbunden sein, ohne dass es darüber eine Urkunde gibt. Die Liebe lässt sich nicht auf Papier bannen.

    • Ich mag das Blau auch sehr. Es ist eine Farbe im Plural und hat so viele Seiten und Facetten.

      Ich bin auch nicht für Hochzeiten zu haben….

    • Ich habe auch nie aufgehört mich vor Anderson zu fürchten. Der Zinnsoldat, da sagen Sie was! Er kriegt mich jedesmal aufs Neue.

  3. Die Andersenmärchen finde ich auch als „ältere“ Erwachsene noch sehr furchterregend. Und „Ronnie nebst Braut“ fand ich vor einiger Zeit im Saarland, da war die Situation sehr ähnlich. Also nicht geografisch zu verorten… Aber das Blau des Sommers ist überall schön. Viel Freude beim Schwimmen im Blauen!

    • Von den Anderson-Geschichten erholt man sich nie wieder ganz. Er hat wie kaum jemand in die Untiefen gesehen und sie für uns aufgeschrieben. Ronnies und ihre Bräute gibt es glaube ich überall. Mögen die Ehen glücklicher werden als es die Feste sind. Ich schwimme wirklich so gern.

  4. Die Leute trauen sich einfach nicht, eine Hochzeit so zu feiern, dass sie sich auch wohlfühlen. Und dann kommt so etwas dabei heraus…

    • Ich finde das auch immer sehr schwierig und meide solche Feiern so gut es geht. Ich glaube gerade auf dem Land ist der Erwartungsdruck in der Hinsicht sehr hoch.

  5. Selbst nach einem Jahr in Polen habe ich mich noch nicht daran gewöhnen können, mit meinen braunen Augen in der Minderheit zu seien. Was es alles für Schattierungen an Blauen Augen gibt, habe ich auch erst hier entdeckt.

  6. Andersens Märchen sind wunderschön, Töchterchen und ich mögen das Mädchen mit den Schwefelhölzern. Es ist traurig und tröstlich, vor allem wenn man um liebe Menschen trauert. Und Blau ist eine schöne Farbe, in meinem Schlafzimmer ist eine Wand hellblau und weiß, ich mag auch dunkelblaue Jeans, leuchtenblaue T-Shirts, blaue Jellybeans und himmelblaues Eis.

    • So viel Blau um Sie herum. Das gefällt mir besonders gern und ich freue mich sehr, dass Anderson immer weiter Leserinnen findet.

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