Kurze Notizen

Am Morgen geschwommen. Ereignislos, nichts gedacht, nichts gehofft, nichts verloren, nicht schnell und nicht langsam geschwommen, ausatmen, einatmen, immer zwischen 6 Uhr und 7 Uhr. Gehe ich aus dem Wasser, kommt das Rentnergrüppchen, als ich vor vielen Jahren anfing zu schwimmen, waren es noch Ehepaare, jetzt kommen die Witwen zum See. Nur zwei Männer sind dabei, eine Frau sagt: „ Der G. macht sich Hoffnungen.“ Dann verschwindet sich hinter die Bäume. Die verbliebenen Männer machen Rückenschwimmen. Ich fahre zurück nach Haus. Der Tierarzt schläft noch. Die Sonnenblumen machen müde Gesichter. Einen Teller Rosinen-Sonnenblumen-Kürbiskerne für die alte Freundin Wildtaube dazu. Auf der Straße trinken Bauarbeiter Kaffee und frühstücken Semmeln. Sie sprechen Polnisch und warten auf den Chef. Der Chef lässt auf sich warten.

Ich arbeite und irgendwann wacht der Tierarzt auf. Tee. Wenigstens das geht, man wird bescheiden mit der Zeit. Der Tierarzt packt das luggage holdall, er fährt schon vor an die Ostsee, aber erst einmal, fahren wir in die kleine deutsche Stadt. Aufklärungssprechstunde, diesmal bin ich am letzten Freitag des Monats nicht da.

Im Radio spielt Angela Hewitt Bachs Goldberg Variationen .

Die S-Bahn ist voll. Stickig ist die Luft, die S-Bahn ist ein Aquarium für Menschen. Ein Mann schreit in ein Telefon, eine Frau feilt sich die Nägel, sie hat lauter Lockenwickler im Haar, bin Brautjungfer nuschelt sie, dann feilt sie weiter, ein Mann hat zwei große Taschen mit Leergut vor sich, er zählt die Flaschenarten auf: 2x Sternbhurger dit hilft nicht viel, dreimal Cola schon besser dit, denn sone Ökoflaschen, dit muss ich mir erst ma beschauen, und denn ne ganze Ladung Cola-Mix, damit lässt es sich doch arbeiten. Johgurt-Gläser auch noch, jetzt saufen die schon den Joghurt, dann hat der Flaschensammler seine Inspektion beendet und atmet durch. Die Brautjungfer schreit in ein Telefon: Nur Assis in der S-Bahn, dann fegt sie sich Nagelstaub und Nagelhautfitzel von der Jeans, die fallen in eine Hundefell. Der Hund heißt Janosch. „Janosch, pfui“, sagt seine Besitzerin und zieht den Hund zur Seite. Janosch gähnt, die Frau mit den Lockenwicklern im Haar stößt gegen die Beutel mit den Flaschen. „Ey hab mal Respekt“ ruft der Mann. Dit is alles mit der Hand gesammelt. Die Frau stürmt aus der Bahn. Eine ältere Dame schreibt unbeirrt einen langen Einkaufszettel.

Im Zug müssen wir stehen. Der Tierarzt ist müde. Ich halte den Tierarzt fest.

Am Bahnhof winkt die liebe C.

Die liebe C. macht den Schatten leichter, heller, irgendwann hören meine Arme wieder auf zu zittern. Bestimmt.

Der Tierarzt schläft.

Schwesterchen demonstriert in London. Das kleine Täubchen auf dem Rücken. Bitte pass auf euch, sage ich. Meine Schwester hat in den letzten Wochen der Schwangerschaft Nacht für Nacht über die Kinder in Amerika gelesen, die über Nacht keine Mutter und keinen Vater mehr hatten.
Man muss aufpassen, das sagst du sagt meine Schwester am Telefon. Sie hat Recht.

Aufklärungssprechstunde.

Ich bin müde.

Auf die Fragen, auf die es ankommt, habe ich keine Antwort.

Die liebe C. macht Pflaumenkompott. Ich mache Buchteln. Ich muss lachen. Weißt Du noch, sage ich zu ihr, was meine Großmutter immer sagte: „Im Sommer sagte der Harry Heine, der nebenbei auch Gedichte schrieb, im Sommer soll ein jeder Jude zum Shabbat keine Challah sondern Buchteln essen-mit Vanillesauce.“

Die liebe C. lacht.

Es ist dieselbe Küche in der sie und ich Pflaumenkompott und Buchteln machten.

Wenn ich mich umdrehe, denke ich noch immer, sie kommt gleich zurück. Aber sie kommt nicht mehr zurück. Das ist nur noch diese entsetzliche Lücke.

Die Buchteln gehen vor sich hin.

Die liebe C. erzählt mir Praxisgeschichten.

Schwesterchen ruft an. Das kleine Täubchen hat geschlafen, so viele Menschen, meine Schwester mit einem Papierschild in der Hand. Eine hilflose Geste, sagt sie und ich wünschte, ich könnte sie zu mir durch das Telefon ziehen.

Wir sitzen am Tisch.

Wir singen. Immer die gleichen Lieder zum Shabbat.

Der Tierarzt lächelt.

So schöne Lieder.

Dann klingelt es.

Ich kann mich an keinen Shabbat erinnern, an dem es einmal nicht klingelt.

„Für Dich oder für mich?“, fragt die liebe C.

An der Tür steht ein Mann mit einem Kind. Das Kind schreit nicht. Das ist nie ein gutes Zeichen. Das Kind hat ein blutiges Küchentuch auf dem Kopf. Herr A. ist Flüchtling, sein Sohn ist 2 Jahre alt, seine Frau ist auf dem Grund des Mittelmeers begraben. Herr A. sagt: „Ein großes Stück Schmerz.“ Der Kleine finde ich heraus, ist aus dem Tripp-Trapp herausgeklettert und rutschte ab. So ein großes Stück Schmerz.
Wir nehmen das Auto. Herr A. hat eine schwarze Reisetasche dabei. Das ist sein Fluchtkoffer. Er sagt: „Alle Papiere.“
Das Kind ist ganz still. Die liebe C. singt für das Kind.
Im Krankenhaus dann ganz schnell.
Fünf Stiche.
Das Kind ist ganz tapfer.
Der Vater hält das Kind.
Die liebe C. hält den Hasen des Kindes.
Ich organisiere ein Bett für Vater und Kind.
Keine Gehirnerschütterung übersetze ich.
Medizindeutsch noch schwer, sagt er, aber Ärzte Top.
Ich nicke.
Eine Nacht zur Beobachtung sage ich.
Brauchen Sie etwas?
„Alles dabei“, sagt Herr A. und umarmt mich und die liebe C.
Ich spreche mit der Ärztin.
„Alles ok“ sagt sie.
Das Kind liegt im Arm des Vaters als ich noch einmal vorbeisehe.
Zweimal Eis aus der Cafeteria.
Das Kind strahlt.
Herr A. lächelt.
„Eis hilft immer“ sage ich.
Das Kind winkt.
Auf dem Nachtschränkchen steht ein Bild. Auf dem Bild lächelt eine Frau mit einem Kind im Arm.
Sie ist schön die Frau, schön sind die Frau und ihr ih Kind.
Ihr Mann dreht sich zu dem Bild um er sagt: „Mein Herz, unser Sohn.“
Ich mache die Tür ganz vorsichtig und leise hinter mir zu.
Ich laufe nach Haus.

32 thoughts on “Kurze Notizen

  1. Die werte Großmutter lebt weiter, in Ihnen und durch Sie. Für mich jedenfalls sind Sie so ein Mensch wie Ihre Großmama: ein Mensch, den man sich ohne jeden Zweifel als Vorbild hinter die Ohren und ins Gemüt schreiben mag.

    • Oh, ich werde ganz rot. Meine Großmutter war eine so große Frau und meine Füße sind viel zu klein, um sie erreichen zu können.

  2. Was würde Herr A. (und andere in ähnlichen Nöten) nur machen ohne Sie, liebes Fräulein, und die liebe C? Ich empfinde so viel Dankbarkeit für Ihren Einsatz! Sie beide sind es, die mit ihrer tätigen Mitmenschlichkeit Hoffnung geben.

    • Ich will mir ja den Optimismus nicht nehmen lassen, ich glaube und hoffe es wird immer mehr Menschen geben, die die Hand ausstrecken als sie wegzuziehen. Die liebe C. ist wirklich ein großes Vorbild an gelebter Menschlichkeit.

  3. „Kurze Notizen“ mit großem Lebens-Inhalt.
    Mir kommt Hilde Domin in den Sinn:
    „Nicht müde werden
    sondern dem Wunder
    leise
    wie einem Vogel
    die Hand hinhalten.“

    Danke für das Wachhalten und leben des Humanen.

    • Oh ja, die große Hilde Domin. Ihre Gedichte begleiten mich schon so lange und ich hoffe man wird niemals zu müde, um dem Wunder doch noch einmal die Hand hinzuhalten.

    • Doch, doch, das sollte der Innenminister schon lesen und dann müsste er sich schämen, sofern er ein Herz und ein Hirn besitzt. Ich befürchte aber, genau da liegt das Problem.

      • Hat er beides nicht, der Innenminister. Stattdessen einen Zynismuspanzer. Vergebene Liebesmüh.

      • Ich muss sagen, dieses Video von der Pressekonferenz wo er sich über die Abschiebung von 69 Afghanen zu seinem 69 Geburtstag freut, hat mich doch sehr müde hinterlassen. Nicht nur,dass jede Scham zu fehlen scheint, sondern auch,dass Integration offenbar gar nicht gewollt ist.

    • Das habe ich auch gedacht! Zusammen mit einem „guckt was ihr anstellt ich …“

      (Entschuldigung, diese Politiker schaffen es gerade viel schlechte Sprache und Gedanken aus mir heraus zu holen)

      • Ich fürchte Herr Seehofer und Co. haben null Interesse an Integration, sondern sehen in den Flüchtlingen nur Mittel zum Zweck.

    • Ich glaube der Innenminister liest schon lange nichts mehr, was in irgendeiner Art und Weise zur Herzensbildung beitragen könnte. Leider.

  4. Ach! Das lässt mich an Frau Al H. denken, die blasse Frau im KH, die an mir vorbeifährt, im Rollstuhl. Und ich denke:Sie ist so blass und die Hände zittern und dann kommt mein Mann und ich muss weiter, hören, was das MRT zeigt. Nichts Schönes. Aber diese Frau…und ich telefoniere und schreibe mails, bis ich weiß:Stat.3-3-4, Zi 411. Und ich fahre zurück mit meinem Mann und sage:Du, ich muss nochmal nach M. Es sind nur 30km und ich bin ganz bald wieder da. Fahr nur, sagt er, fahr nur.Und ich finde sie, allein und zur Wand gedreht. Und die Augen sind ganz groß, als ich das Obst hinlege und Saft und Kosmetik, die man im KH braucht. „4 Kinder sagt sie, nur 2 hier. 2 sind noch im Krieg….“ Und zeigt auf ihren Bauch. Nichts essen, es geht nicht…Und ich umarme sie und fahre nachhause, und es ist trotz der Sonne so kalt…Ihre Arme, liebe Readon, Ihre Arme. Sie müssen ein wenig ausruhen, nur ein wenig. Buchteln. Buchteln sind gut, auch gegen Zittern! Und die liebe C.. Und vielleicht die Ostsee….Ich hoffe es so sehr. Herzlich, Sunni

  5. Ah, ein Teller von Hedwig Bollhagen – der es 1934 sehr zupass kam, dass Heinrich Schild, ein Freund der Familie Bollhagen, als Generalsekretär des Reichsstandes des Deutschen Handwerks für die Arisierung der HAEL-Werkstätten für Künstlerische Keramik von Margarethe Loebenstein zuständig war. Die hat er Hedwig Bollhagen für kleines Geld zugeschanzt, er war sogar bis Kriegsende ihre Teilhaber. Schließlich war Hedwig Bollhagen als Halbwaise aufgewachsen und beim Kauf gerade einmal 26 Jahre alt, sie dürfte nicht allzu viel auf der Naht gehabt haben, träumte aber schon länger von einer eigenen Werkstatt. Die 34-jährige, verwitwete – ihre beiden Teilhaber, also ihr Ehemann und ihr Schwager waren 1928 bei einem Autounfall ums Leben gekommen – und alleinerziehende Grete Loebenstein war zuvor von einem Angestellten denunziert worden. Mit ihrem erstgeborenen Sohn floh sie daraufhin nach Bornholm, da ein Haftbefehl gegen sie vorlag (der zweite Sohn kam 1933 tragisch um).

    Wen es interessiert, kann es im Dossier Margarethe Loebenstein und Hedwig Bollhagen. Eine alltägliche Geschichte aus dem Dritten Reich vom Deutschlandradio aus dem Jahr 2008 nachlesen.

    Ich hoffe, der kleine Junge und auch sein Vater haben sich von dem Sturz und dem Schreck wieder erholt. Ich wünsche ihm rasche Heilung.

    • @ arboretum: wie schon oft beeindruckt mich Ihr Fundus an Wissen! Man sieht das schöne Geschirr, bewundert es und ahnt nichts Böses. Doch kaum kratzt man ein wenig an der Oberfläche tritt damaliges Unrecht zutage. Alles hat eine Geschichte….

      • Aber das Geschirr bleibt schön und kann nichts zu der Geschichte dahinter. Es ging wohl hier eher um eine ganz andere Sache, die sich wohl gedanklich mit allem verbinden lässt, wenn man es hier gerade will. Ob alle Schlüsse, so klug sie sind, auch immer gut sind, sei dahin gestellt.

  6. Irgendwann vor langen Jahren, zum ersten Mal nach langer Zeit mit dem Nachtzug nach Wien, unausgeschlafen, stand ich vor der Auslage einer Bäckerei und sah diese leckeren Buchteln hinter dem Schild, auf dem ‚Powidlbuchteln‘ geschrieben stand. „Sagen Sie, diese Powidlbuchteln, womit sind die gefüllt?“, fragte ich die Verkäuferin. „Na, mit Powidl!“ antwortete die Verkäuferin mit verständnislosem Ausdruck im Gesicht.

    Diese Deutschen sind manchmal auch wirklich begriffsstutzig!

  7. Es ist schon grausam, was Sie da treiben. Ich sitze nichtsahnend am See nachdem ich einmal zum gegenüberliegenden Ufer und zurück geschwommem bin, die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die Kinder amüsieren sich, kurzum, es ist perfekt, und dann schreiben Sie mir von Buchteln in Vanillesoße. Bis dahin hatte es mir an nichts gefehlt, aber jetzt… ach, ich kann gar nicht laut genug klagen!

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