Wasserspiegel

Sie sind vielleicht vierzehn, fünfzehn und sechszehn Jahre alt und die Sommerferien haben gerade erst begonnen. Sie rauchen Zigaretten und wollen dabei. Sie husten. Ihr Husten klingt nach der ersten Zigarette. Musik scheppert aus einem Telefon, aber keiner tanzt. Sie halten Hände und eine Hand hält immer auch ein Telefon. Sie stehen dicht unter den Bäumen, denn es regnet. Ich habe eine Jute-statt-Plastiktasche und ein Handtuch. Sie ziehen sich Hoodies über, ich ziehe mich aus.

Sie sehen mir zu. „Ugh, voll der Perv, es regnet doch, voll krass da wird man doch voll nass im Wasser.“

Ich lächle und dann tauche ich ins Wasser. Kühler ist das Wasser, nach einer Nacht und einem halben Tag voller Regen, ein dichter Mantel aus schwerem Kattun ist der See. Blätter von weiter her und dünne Äste schwimmen mit mir vom Ufer davon. Der See trägt ihre Stimmen vom Ufer zu mir. Der ganze Sommer liegt noch vor ihnen. Sie suchen nach Abenteuern. Einer von ihnen sagt: „Samstags geht es los Florida.“ Er sagt es mit der Stimme all jener, die wissen, das ihr Platz in der Welt ein sicherer ist. Drei Wochen Florida. Es ist still für einen Moment, denn das Abenteuer, das Florida heißt, lässt sich nur schwer überbieten. Aber sie probieren es trotzdem. Klettern mit Freunden und einem großen Bruder. Voll krass ey. Es ist die Rede von einem Abenteuerpark, von Martial Arts Training mit einem Superstar, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe. Nur Timo muss für zwei Wochen zu Oma. Alle lachen. Ob Timo lacht, weiß ich nicht.

Aber das nächste Abenteuer ist eine Party bei Diana. Die hat einen beheizten Pool und sturmfrei. Wir müssen noch Becks organisieren. Hoffentlich gibt es Korn-Cola. Die Pools in Florida sind alle beheizt.Das ist das letzte was ich höre, dann bin ich zu weit vom Ufer entfernt. Leise fällt der Regen, der Regen kommt nicht vom Meer, denke ich, zu weich ist der Regen, er hat nichts von der Schärfe des Atlantiks, vielleicht kommt der Regen aus einem Dorf in Niedersachsen. Ein Dorf mit einem alten Bauernhaus in der Mitte und einer umgekippten Milchkanne im Fenster. Die Katze, die im Bauernhaus im Fenster liegt heißt Jessica und der Bürgermeister klopft immer gegen halb zwölf in der Nacht an das Fenster und küsst die schöne Bankerin, die in Hannover mit Millionen jongliert und dem Bürgermeister die freiwillige Feuerwehr finanziert. „Wirklich, sagt sie nachts am Fenster, müssen die Heimlichkeiten wirklich sein?“ Aber der Bürgermeister lacht: „Die Liebe ist ein Abenteuer“, sagt er, natürlich stolpert er im Dunkeln über die Milchkanne oder über die Katze Jessica, die Mäuse studiert, jedenfalls weiß es das ganze Dorf. Vor dem Haus blühen die Stockrosen, und die Bankerin klappt das Fenster. „Das gibt noch Regen“ sagt sie und natürlich ist der Bürgermeister so nass, dass er die Socken auswringen muss, als er endlich zu Hause ist, so ein Regen ist das in dem ich schwimme. Landregen, warm und weich, dunkel dabei, so wie eine Tasse Earl Grey zum dritten Mal aufgebrüht, der Schlachtensee kann auch der Amazonas sein und wie ich so durch den Regen schwimme, schwimmt mit mir der Schwan und der Schwan und ich wir nicken zu. Der Schwan findet das Abenteuer im Schilf und ich sehe in die Bäume hinauf und wundere mich, dass keine Affen in den Baumkronen kreischen. Der Regen,der dichter und dichter fällt während ich schwimme, ist der Elephant  inCamille Saint-Saens Karneval der Tiere, denn der Regen, da bin ich mir ganz sicher, nimmt während langer Sommertage Unterricht bei einem  Kontrabassisten.

So fällt der Regen, läuft mir über das Gesicht, die Haare, bleibt in den Wimpern hängen, lächelt mir zu. Die letzten sieben Züge tauche ich tief, wenn es regnet, lacht glucksend der Nöck, dann verlässt er den Muschelthron, erhält Rapport von den Welsen, seinen treuen Spionen und lacht glucksend über das leichtsinnige Fräulein, die glaubt es schicke sich einmal nachzusehen, ob der Nöck wirklich noch immer auf dem Grund des Sees regiert. Er lacht, bis er Husten muss, wie die Jugendlichen am Ufer. Menschen und ihre Sehnsucht nach Gefahr und Abenteuer, sagt er sich und schon trifft mich eine Welle, die ich nicht habe kommen sehen. „Wir sehen uns Nöck“, rufe ich ihm zu, der Regen hat fast schon aufgehört.

Der Baum an dem die Jute-statt-Plastiktasche hängt, hat meine Sachen und das Handtuch trockengehalten. Das Ufer ist verwaist. Ich lege mir das Handtuch um den Hals und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Die Jugendlichen vom Ufer stehen im Bushäuschen, sie klappern mit den Zähnen, mein Dad ist gleich da, ruft einer und dann zeigen sie mit dem Finger auf mich. „Ey, das ist ja der perv aus dem Wasser.“ Wie crazy muss man sein.W Und wirklich das riesige Auto, das über den Zebrastreifen brettert, lädt die Jugendlichen ein und schon fährt es weiter. Nur ein Mädchen bleibt zurück, ich lächle ihr zu und hoffe sie dreht sich noch einmal um und geht zum See herunter, denn die meisten Abenteuer beginnen immer dann, wenn man nicht damit rechnet oder wenn man in einem kleinen See am Berliner Stadtrand im Regen schwimmt und die Augen schließt.

10 thoughts on “Wasserspiegel

  1. Er sagt es mit der Stimme all jener, die wissen, das ihr Platz in der Welt ein sicherer ist. Ein so einfacher Satz und erklärt doch den ganzen Menschen beziehungsweise Menschenschlag (von der Sorte gibt es ja einige).

    Es grüßt Sie eine, die sich bei Regen die Haare wäscht (hierzulande gilt das als „voll verstrahlt“)

  2. Ich wünschte, ich könnte schwimmen wie Sie. Zumindest kann ich in Ihre Geschichten eintauchen wie in einen See.
    Ich bin auch so gerne am Wasser und besonders am Meer. Es macht etwas mit mir, was ich nicht erklären kann, nur staunend genießen.

  3. Das stille krafvolle Schwimmen über einen regennassen See im grauen Sommer. Eine Bugwelle vorneweg, eine Wasserbeule, in die genau das Gesicht passt, wenn man mit der Nase das Nass teilt.
    Dann abtauchen und spüren, wie das Wasser sich mit den Haaren verknotet und neugierig auf die Kopfhaut schaut, leicht kitzelt, bevor man in einer Luftblase schnaubend wieder an den feuchten Regen bricht.
    Ein paar Blätter tanzen auf dem angeschubsten Wasser, das schwer auf dem See liegt.
    Und plötzlich kann man es spüren, die Form des Wassers, in die man haargenau und passgerecht hineingegossen wurde. So als sollte es immer so sein. Und man schwimmt weiter auf die Mitte des Sees zu.
    Und wenn man da ist, und es nieselt immer noch, dann ist man einfach ein Teil des Ganzen. Für einen schönen, ruhigen Moment.

    Beim Zurückschwimmen die Ruhe mitnehmen, Schwimmstoß für Schwimmstoß, sanft und einladend, sie in den Körper aufsaugen. Voll wird man davon, sie überall ranlassen, zum Ölen. Auch beim Tauchen.
    Dann ist es gut.

  4. Ich liebe Ihre Texte. Irgendwie habe ich gehofft, Sie würden über einen See schreiben den ich kenne und dann… im Schlachtensee bin ich auch schon geschwommen – juhuuuu – bei fast jedem Wetter. Danke für Ihr Schreiben und Teilen, bleiben Sie behütet…

  5. „Der Regen kommt doch immer vom Meer – wo soll er sonst herkommen!“ denke ich beim Lesen, und kann mich dann nicht mehr auf den Rest des Textes konzentrieren.

    Wie andere Menschen es bloß mit mir aushalten können – ein großes Rätsel.

  6. Der See wäscht vieles ab, die See auch. Der Schlachtensee ist wunderschön, geheimnisvoll, bei Regen und Sonne. Schwimmen Sie, immer wieder…Herzlich, Sunni

  7. Ach, liebes Fräulein Readon, ach. Jetzt habe ich so sehr Sehnsucht nach Sommerregen und Seen und auch ein bisschen nach den Sommerferien der letzten paar Schuljahre.
    Vielen, vielen Dank für Ihre traumhaft schönen Texte!

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