Ein Herz auf der Straße

Heute und gänzlich unverhofft habe ich ein Herz auf der Straße gefunden. Ein Herz mit Sprung. Eigentlich war ich mit dem Fahrrad ein bisschen zu schnell unterwegs um einfach so ein Herz zu finden. Fast alles lässt sich übersehen, warum nicht auch ein Herz? Aber dann sah ich es doch, verlor über meinem Erstaunen über ein Herz auf offener Straße prompt einen Schuh. Zurück also zum Schuh und dann endlich zum Herzen hin. Staubig war das Herz dort auf der Straße, ein bisschen geknickt, wie nach zu hohem Fall. „Guten Tag Herz“, sagte ich, darf ich nach ihrem Befinden fragen?“ Das Herz aber seufzte nur, ein herzzereißendes Seufzen war es, ein Herzensseufzer und damit war alles gesagt.
Die Sonne schien auf die Straße, aber um das Herz lag ein dunkler Schatten und mein Schatten war es nicht. Ich traf dieses Herz dort auf der Straße doch auch zum ersten Mal. Gegenüber im Rathaus stand eine Braut und vor ihr kniete ein Mann, der wohl ihr Bräutigam war. Fotos und dann Sekt. Das Herz auf der Straße wendet den Blick ab. „Ein anderes Herz“, sagt es zu mir, noch immer zu leise, um es gut verstehen zu können. Ein Bus quietscht, Autotüren klappen, ein Mädchen hat einen Gummiflamingo, eine Frau will Kirschen verkaufen, aber Herzkirschen sind es nicht. Ich setze mich auf den Bordstein, neben mir liegt das Herz im Rinnstein. Achtlos liegt es dort zwischen Zigarettenkippen, einer durchgetretenen Schuhsohle, Laub vom letzten Herbst und all dem Straußenstaub von Zehlendorf-Mitte.

„Der Schuh war mir gute Gesellschaft“, sagt das Herz. Keine ganz leichte Geschichte, die Geschichte des Schuhs. Ich nicke, das leuchtet mir ein, die Schuhsohle sieht angegriffen aus. „Den letzten holen die Mäuse“, sagt das Herz und erzählt von einer Ratte, die Nachts über den Rinnstein klettert und im Mondlicht Herzen jagt.
„Zum Glück war der Schuh mir treuer Ritter“, sagt das Herz ich nicke. Ein bisschen merkwürdig sehen die Passanten mich an. So als sei es etwas Ungewöhnliches sich im Gespräch mit einem Herzen zu befinden, das auf der Straße liegt. Ich fürchte das kommt doch häufiger vor als man es annimmt. Ein Mann raucht eine Zigarette und brüllt in ein Telefon: „Alles Arschgeigen. Das habe ich dir gleich gesagt.“
Es scheint als hätte auch er ein Problem mit dem Herzen. Das Herz auf dem Boden zuckt zusammen. Gute Erinnerung an Geigen hat es jedenfalls nicht. Ich überlege fieberhaft, wie man wohl ein Herz zu sich nach Hause einlädt und wie man ein Herz auf dem Bodne wohl mit dem Fahrrad sicher transportiert. „Ich bin nicht aus Zucker“, sagt das Herz zu meinen Zweifeln. Der Schuh hat mir den letzten Kleber geliehen, der noch an seiner Sohle pappte und in drei Nächten haben wir die vielen Teile wieder zusammengeklebt. „Oh“, sage ich und dann tollpatschig wie ich eben bin: „Sie sind ein gebrochenes Herz?“ Das Herz nickt indigniert und seufzt wieder, seufzt dieses schrecklich leere Seufzen, über das ich fast drübergefahren wäre. „Haben Sie eine Telefonnummer?“, frage ich das Herz, aber das Herz bleibt stumm. Dann höre ich zu fragen, denn das Herz auf der Straße, das Herz im Rinnstein es zittert wie Espenlaub.

An einem Stand habe ich Blaubeeren gekauft, auf die lege ich das Herz. Die Blaubeeren nicken verständig. Im Wald hat schon so mancher sein Herz vergraben und die Blaubeeren halten still. Vorsichtig und nicht ganz so rasant fahren das Herz und ich zurück in den Wald. Auf dem Fensterbrett in der Sonne liegt nun das Herz. Die Kirchturmuhr schlägt und die Lider der Sonne sind schon schwer. Meine alte Freundin die Wildtaube gurrt auf dem Fensterbrett. „Sie hat Durst“ sage ich zum Herz. „Ich weiß, sagt das Herz. Wir Herzen sind durstige Kinder. Immer wollen wir mehr, selbst wenn wir schon lange im Rinnstein einer staubigen Straße liegen. So ist das mit uns Herzen, wir sehen nichts voraus, wir ahnen nichts, wir sind nur Herzen. Wir sind Postkartenmotive, Bilderrahmenaufkleber, wir sind Gedichte und Disney-Filme, aber nicht einmal das ist uns genug, immer wollen wir, alles wollen wir ganz, niemals sind wir frei. Immer geben wir uns ganz und dann finden wir die passenden Teile nicht mehr oder der Kleber hält nicht, was er verspricht. Die alte Freundin Wildtaube nippt Wasser, ich schweige und das Herz, das Herz von der Straße schließt die Augen, seufzt und atmet schwer. Wie lange ein Herz wohl einfach so ohne Begleitung am leben bleibt?, frage ich mich, aber darauf kann es keine Antwort geben.
Aber wenn Sie ein Herz vermissen oder gerade heute am Nachmittag ihr Herz auf der Straße verloren haben, so melden Sie sich doch. Es liegt hier bei mir in der späten Sonne, im Schatten der Bäume, es wartet auf sie, es wartet auf sie ein pochendes Herz.

19 thoughts on “Ein Herz auf der Straße

  1. Ach Fräulein Read on, jetzt möchte ich Sie mit klopfendem Herzen in den Arm nehmen! Offene Herzen sind ein Geschenk des Himmels, und wer gibt einem sowas so leidenschaftlich wie Sie! Danke!

  2. Romantik und Sanftheit neben einem alten Schuh und was sonst noch am Boden herumlegt. Das ist Schreibkunst, alle Achtung.
    Übrigens hätte weder ich noch sicher sonst irgendjemand der hier Lesenden daran gezweifelt, dass sie das gebrochene Herz mit nachhause nehmen <3

  3. Gebrochene Herzen findet man wohl leider tatsächlich an jeder Ecke. Dass nun aber gerade Sie über eines stolpern, es aufheben und hegen, das wundert mich nun wirklich kein bißchen.

  4. Ach Fr. Readon, was schreiben Sie da. Durstige Kinder sind die Herzen, und nicht nur das, auch ein bisschen dumm. Verschenken sich und achten nicht darauf an wen. Nach einem Muster, das niemand versteht. Und dann gehen sie verloren.

    • Oder die Herzen haben sich nach langer Zeit verschenkt und endlich eine Heimat gefunden. Geknickt, ein bisschen zerbrochen, mit einem anderen Herzen zusammen, das auch seine Spuren vom Leben abbekommen hat. Jetzt endlich vollständig. Immer noch zerbrechlich, verletzlich, unendlich kostbar.
      Danke für den Text

  5. Ach wie gut, wenn durstige, geknickte Herzen, die im Wind flattern, einen Platz auf Beeren in der Sonne finden, wie gut. Da lässt es sich warten…

  6. Wenn es tatsächlich das Herz sein sollte das ich vor etlichen Jahren verloren habe, dann bin ich froh dass Sie es gefunden haben. Ich bin mir sicher dass es auf der Fensterbank in der Sonne eine schönen Platz hat und gut behütet wird 🙂
    Danke für die schöne Geschichte.

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