3 x 2 plus 1

Ich gehe mit den Kindern in den Park. Wir packen einen Picknickkorb ein und natürlich Kanzler Bär. Einen Ball, ein Buch, Nichte Nummer 3 ihre Gitarre, Nichte Nummer 2 ihren Zeichenblock, der Neffe und der Tierarzt sage unisono: „Aber es ist doch Fuuuuuuußball.“ Der Tierarzt und der Neffe gehen in einen Pub. „Aber nur Apfelsaft“, rufe ich den beiden hinterher. Ich fürchte beide rollen mit den Augen. Den Nichten fallen Freundinnen ein, die auch ganz dringend mit den Park kommen sollen. „Klar“, sage ich und dann gehen wir los. Der Park hat alte Bäume, Schaukeln, und Gänseblümchen.

Ich rolle die Decke aus, sieben Mädchen rollen im Gras. Ich zwinge mich nicht alle zwei Minuten durchzuzählen. Zwei Mädchen spielen Gitarre und singen, schön klingt das wie sie singen. Die Bäume heben die Wurzeln an. Man darf ihnen aber nicht sagen, wie schön sie singen. Dann werden sie rot und singen nicht weiter. Zwei Mädchen malen vertieft und ich wage dann und wann einen Blick. Die Mädchen malen so wie ich niemals malen könnte, aber das darf man ihnen nicht sagen, dann verstecken sie die Bilder sofort. Drei Mädchen üben Rad schlagen, Handstand und Brücken. Hier darf ich noch Beine halten, Schwung geben und die drei grazilen Damen unterstützt von Kanzler Bär angemessen bewundern. So ein Nachmittag ist das, Sonnenschein und Schokokuchen, selbstgemachter Eistee, Sandwiches und Karottenspalten mit Hummous dazu. Ich habe schon wieder durchgezählt, aber ich lese auch ein paar Seiten und blinzle in die Sonne. Es ist heiß in London in diesen Tagen. Vier Mädchen beschließen einen Spaziergang zu machen. Ich schwöre die Zeichenblätter nicht anzurühren und die Gitarre nicht zu verstimmen. Drei Mädchen spielen Uno. Drei Mädchen wissen genau, dass ich nicht zum Karten spielen taugen. Ich spiele die drei Bluesstücke auf der Gitarre, die ich auf der Gitarre spielen kann. „Sie bringt dich um“, sagt die kleine Königin zu mir. „Ich weiß“, sage ich und drei kleine Mademoiselles schwören feierlich mich nicht an die große Schwester zu verraten.

Drei Mädchen spielen Uno.

Ich spiele Gitarre.

Dann sehe ich ihn.

Er ist vielleicht sechszehn Jahre alt. Alles an ihm sagt Außenseiter. Er ist hier mit seinen Geschwistern, seine Eltern sehe ich nicht. Er trägt Außenseiterhosen, er hat einen Außenseiterhaarschnitt, er bohrt die Füße in den Boden, seine Geschwister spielen Fußball, er balanciert einen Stock in seinen Händen, einer seiner Brüder verfehlt mit dem Ball eine Torlinie und der Ball trifft ihn, er stolpert, awkward, er fällt hin, seine Geschwister lachen. Er wirft den Stock weg, er stolpert über seine offenen Schnürsenkel, schon fällt er wieder. Diesmal bleibt er einfach liegen. Die anderen Kinder lachen. Ich starre auf meine Hände auf den Gitarrensaiten. Du bist zurück, will ich zu ihm herüberrufen, du bist endlich wieder da. Denn ich kenne ihn, natürlich kenne ich ihn, wie könnte ich ihn je vergessen, man vergisst niemanden, der aus einem Baum herunterfällt und mit aufgeschrammten Knien neben einem auf den Boden fällt und sagt: Hey, leihst du mir das Buch, was du liest? Ich sagte ja, klar, aber nur wenn du mir dein Buch leihst. Er nickte, aber er sah mich nicht an. Er hatte den Blick aller Außenseiter und Straßenhunde, den Blick all jener, die wissen, dass der nächste Tritt schon kommt, auch wenn das Gegenüber noch lacht mit offenen Händen und Armen. Wir erkannten uns. Wir teilten den gleichen Blick und wir teilten Bücher, die Angst vor Schlangen, die Vorliebe für Nussschokolade. Wir versteckten uns in den Bäumen, einen ganzen Sommer lang. Eines Tages hatte ein blaues Auge, Ich bin dumm, sagte er. Spinnst du, sagte ich. Du bist schlau. Fast so schlau wie meine Großmutter. Er lachte zögernd, aber er sah mich nicht an. Ich wartete lange. Ich kann nicht rechnen. Wenn ich Zahlen sehe, dann hört alles einfach auf.

Ich kann nicht rechnen. Bring dein Mathebuch mit sagte ich und tat so als ob ich nicht sehen würde, wie er weinte. Er brachte das Mathebuch vom letzten Schuljahr mit und das neue Mathebuch auch. Ich schrieb die Lösungen in das Buch. Von der ersten bis zur letzten Seite.  Problem gelöst, sagte ich und lachte. Ich lag mit ihm hinter den Johannisbeerstauden im Garten meiner Großmutter. Seine Augen waren grau.Wenn er lächelte, waren seine Augen aus Silber. Meine Großmutter sagte: „Na ihr beiden, mögt ihr Eis?“

Kurz bevor die Ferien endeten und es waren für viele Jahre die letzten Ferien, die ich bei meiner Großmutter in Deutschland verbrachte, da gingen wir aus. Meine Großmutter und ich spielten feine Damen. Dabei war sie eine feine Dame. Eine feinere Dame habe ich nie gekannt. Das Restaurant zu den Goldenen Löwen hatte Stoffservietten. Die Stoffservietten waren gefaltete Schwäne und es gab eine Suppe, die hieß Hochzeitssuppe. Ich dachte an einen Jungen mit grauen Augen. Ich musste gar nicht lange denken, denn er und seine Familie saßen zwei Tische weiter. Seine Mutter sah aus wie aus dem Quelle-Katalog und seine beiden Schwestern waren adrett und hatten sich niemals selbst den Pony vor dem Badezimmerspiegel selbst geschnitten, so wie ich. Sein Vater sah streng aus. Ich zwinkerte ihm zu. Er wurde rot und ließ die Gabel fallen. Sein Vater sagte: „Du Idiot.“ Er ließ die Kellnerin die Gabel aufheben.

Ich sah auf den Teller Hochzeitssuppe.

„Schmeckt es Dir nicht?“, fragte meine Großmutter.

Ich schüttelte den Kopf.

Die Familie am Nebentisch aß schneller als wir.

Der Vater der Jungen gab dem Jungen die Rechnung. Wieviel sind fünf Prozent Trinkgeld, du hast drei Minuten.

Der Junge mit den grauen Augen starrte auf den Zettel.

Ich stand so schnell auf wie ich konnte, stieß den Stuhl um, sah auf den Zettel und sagte ohne Luftzuholen: 83 DM.

Der Vater schlug dem Jungen mit den grauen Augen mit der Hand ins Gesicht und stopfte die zerknüllte Rechnung in die Tasche.

Schämst du dich nicht dümmer zu sein als das Mädchen, schrie er ihn an. Seine Frau und die Schwestern taten so als säßen sie an einem anderen Tisch.

Aber meine Großmutter war aufgestanden und sagte zu dem Mann: „Hören Sie mal, wie gehen sie mit ihrem Kind um. Sie sind ja gemeingefährlich.

Aber der Mann stand auf und zog seine Frau und die Kinder hinter sich her.

„Wie ich meine Kinder erziehe, geht nur mich etwas an“, schrie er.

Ich griff nach der Hand von dem Jungen mit den grauen Augen. Er schlug sie weg. Ich hasse dich, sagte er und sah mich nicht an.

Meine Großmutter hob den Stuhl wieder auf.

Die Hochzeitssuppe war kalt.

Hey, will ich zu dem Jungen sagen, der auf dem Boden sitzt in einem Park in London, da bist du ja endlich wieder, glaub mir doch, ich wollte dich vor deinem Vater nicht blamieren, mir fiel nichts anderes ein damals, verstehst du. Erzähl mir doch, wie es dir geht. Was machst du jetzt. Lässt du mich deine Augen sehen? Aber ich habe den Jungen mit den grauen Augen nie wieder gesehen und in London klettert der Junge, der aussieht wie er und auch wie ich einmal ausgesehen haben, nicht auf den Baum, sondern zertritt einen Ast.

„Dürfen wir ein Eis?“, fragen mich sieben Mädchen, vier Mädchen sind vom Spaziergang zurück, drei Mädchen spielen noch immer Uno.

„Klar, sage ich und krame nach Eisgeld und ich sage nicht mehr: Kauft dem Jungen dort drüben unter dem Baum doch auch ein Eis.“ Sieben Mädchen rennen zum Eiswagen herüber. Ich zähle zweimal nach.

26 thoughts on “3 x 2 plus 1

  1. Was ich an Ihrem Schreibstil so besonders mag, sind die starken Bilder und Töne und sogar Gerüche. Die ganze Fülle der Sinneswahrnehmungen, die mir da immer entgegenkommt, ist sehr intensiv.

    Das Außenseitertum ist so ein trauriges Thema, vor allem wenn es wie in Ihrer Geschichte von Eltern gefördert oder gar geschaffen wird. Trotzdem hat mich das Kind, das aus dem Baum fiel aus irgendwelchen Gründen an Peter Pan erinnert …..

  2. Beim Schnelllesen erscheinen Ihre Geschichten oft eindeutig. Aber dann entdeckt man einen doppelten Boden. Und noch einen. Und noch einen. Vielen Dank, ich lese gerne mit.

    • Das stimmt. Hier sind so viele Böden und lose Dielenbretter. Ich habe noch nie etwas eindeutig gefunden. Schön, dass Sie hier sein mögen.

  3. Außenseiter zu sein in welcher Gemeinschaft auch immer ist schlimm. In der eigenen Familie muss es die Hölle sein. Ich bin sehr froh, dass ich nicht weiß, wie es sich anfühlt.

    • Es ist die Hölle und Familien können Menschen auf immer zerbrechen. Das ist das Furchtbare. Es ist nicht immer das Außen, sondern besonders oft das Innen.

  4. Der Junge hätte ich sein können….
    Und ihr Name wäre aber Pasqualina gewesen…
    Und das mit dem Rechnen ist heute noch so…

    Danke dass Sie mich an Pasqualina erinnert haben. Ich habe sie nie wieder gesehen.

      • Und gerade stelle ich mir vor, wie Pasqualina wohl ausgesehen hat. Ich glaube, sie war ein drahtiges Mädchen mit vielen Sommersprossen, einem dunklen Wuschelkopf und wachen grünen Augen. Wahrscheinlich hatte sie immer ein paar blaue Flecken und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Und natürlich hatte sie ein Herz für Außenseiter.

      • Es ist fast richtig 🙂
        Pasqualina war Italienerin und stammte von Eltern der ersten italienischen Einwanderungswelle in Luxemburg. Sie war in der Tat groß und drahtig, hatte aber glatte dunkle Haare und dunkelbraune Augen. Das mit dem blauen Flecken und dem Gerechtigkeitssinn stimmt aber wieder.

    • Pasqualina klingt nach einem wunderbaren Menschen und Mädchen. Der Junge, den ich kannte war klug und sensibel.

      Das mit dem Rechnen konnte davon nicht ablenken.

      Es ist gut, dass Sie da sind und dass Sie genau so sind, wie Sie sind.

    • Heute würde sicher Dyskalkulie als Diagnose stehen, damals war da ein harter Vater, der seinen Sohn dumm fand und dem nichts anderes einfiel als seinen Sohn zu zerbrechen. Familien schützen bekanntlich ja vor gar nichts.

  5. Wieder ein sehr schöner Text, aber ich frage mich, ob Sie sich beim 5% nicht verrechnet haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ihre kluge Oma Sie als Kind in ein Lokal mitnimmt, wo es normal ist, dass der Nachbartisch eine Rechnung über 1.660 DM für zwei Erwachsene und drei Kinder verfrisst.
    Übrigens: Wenn man Glück hat, merkt man eines Tages, dass das Aussenseiterdasein nicht so schlimm ist, wie man dachte. Für manche ist es genau das richtige.

    • „Wenn man Glück hat, merkt man eines Tages, dass das Aussenseiterdasein nicht so schlimm ist, wie man dachte.“

      Ein kluger Hinweis. Denn jede-r sollte sich irgendwann die Frage stellen zu was und zu wem genau Mensch gehören will? Könnte helfen,
      ‚alte Ausgrenzungsschmerzen‘ zu heilen.

    • Nein, ich bin Mathe besser als in Deutsch, die Summe möge man sich bitte einschließlich der 5% vorstellen und sie ist hier auch völlig willkürlich. Ich erinnere die Summe nach über 18 Jahren nicht mehr genau.

      Die Sache mit dem Außenseitersein, ich weiß nicht, ich war immer radikaler Außenseiter und das ändert sich glaube ich auch nicht mehr. In vielen Hinsichten bezahlt man dafür einen hohen Preis. Aber es ist, was es ist.

  6. Bei diesem Eintrag wünsche ich mir sehr, dass die Person, die damals mein Fräulein war in einer ähnlichen Situation, nicht in der Oberstufe mit dem Deutschunterricht aufgehört hätte, und ihn lesen könnte. Mathe ist nie mein Forte geworden, aber obwohl fast ganz Europa und das Mittelmeer uns jetzt trennen sind wir immer noch Befreundet. der Moment wo Sie sich im Englischunterricht neben mich gesetzt hat um für das Gruppenprojekt aus meiner üblichen Einsergruppe eine Zwei zu bilden, werde ich nie vergessen.

    • Es gibt Momente und Augenblicke die brennen sich ein- für immer und noch viel länger und reichen weiter als jedes Meer. Danke.

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