Wie der Juni riecht

Der Juni riecht nach der Sonne, die in den Mauerritzen und Hauswänden steckt. Der Juni riecht nach Autan und Kokosnussöl. Das Kokosnussöl gehört einem Bodybuilder, der sich am Strand auf einen Wettkampf vorbereitet. Der Bodybuilder ist ein ernsthafter Mann und noch Stunden später riecht der Sand nach Kokosnüssen.

Der Juni riecht nach Fake-Tan-Spray und echten Erdbeeren. Der Juni riecht nach Wäsche auf der Leine. Erst flattert die Wäsche im Wind, schaukeln weiße Hemden, ein roter Rock, bunte Socken flattern im Wind, der in Wirklichkeit eine Sommerbrise ist, dann jagt der Hund einen Ball durch den Garten. Hund und Hosenbeine kollidieren, pardauz, erst stolpert der Hund dann reißt die Leine. Der Juni riecht nach Gelächter aus dem Bauch heraus. Armer Hund, armes Hosenbein. Wo ist der Ball?
Der Juni riecht nach den letzten Pfingstrosen in der blauen Vase auf dem Tisch. Der Juni riecht nach Zitroneneis und dem frisch verlegten Teer auf der Straße. Der Jun riecht nach frischem Naan-Brot mit geschmolzener Butter in der Mitte. Ein Buttersee muss in der Mitte des Naan-Brotes sein, sonst ist es nicht richtig. Das Naan-Brot in Shadi’s Bakery in Croydon ist genau so, wie es sein muss.
Der Juni riecht nach Erinnerungen und in meinen Erinnerungen riecht der Juni nach Hitze und Staub, nach lange nicht abgeholten Mülltüten auf der Straße. Schwarze Fligen über dem gärenden Müll. So riecht der Juni in Gedanken.
Der Juni riecht nach halbfeuchten Handtüchern, nach einem halbgeschmolzenen Schokoriegel, der Juni riecht nach Oreo Cookies mit Peanutbutter und Johannisbeeren in Milch. Der Juni riecht nach feuchtem Haar und Sauerkirschmarmelade auf frischem Brot. Der Juni riecht nach der Kühle am Morgen, nach dem Gähnen der Sonne.
Die Sonne hat die längsten Tage und Nachts lehnt die Sonne sich so nah. eS sind kurze Nächte und der Mond würde die Sonne gern länger halten. Du siehst müde aus, sagt der Mond ihr ins Ohr: You are hot as hell but tired too. Die Sonne wirft ihm eine letzte Kusshand zu. Der Juni riecht nach Kirschen, die schwarzen Kirschen hängen ganz oben im Baum. Der Juni riecht nach dem dicken Staub der Linden und dem trockenen Husten eines alten Mannes. Der Juni riecht nach den offenen Fenstern einer Seniorenresidenz. Sonst sind die Fenster im geschlossen, aber im Juni stehen sie offen. Manchmal kann man einen weißen Haaransatz sehen oder eine graue Strähne. Die Frau, die oft hinter einem geschlossen Fenster auf einem dicken Kissen lag, mit einem Teddybären im Arm. Der Teddybär hat grüne Augen. Ich habe sie lange nicht gesehen. Die Fenster sind alle offen. Der Juni hinter den offenen Fenster riecht nach Desinfektionsmitteln, Kassler mit Sauerkraut. Der Tod knackt mit den Fingerknöcheln irgendwo vielleicht auf dem Dachboden der Seniorenresidenz. Was für ein furchtbares Wort. Der Juni riecht nach der Müdigkeit von uns Allen.

Der Juni riecht nach Salzwasser auf der Haut, nach dem Tang und der kalten Hand des Meeres auf meinem Rücken. Das Meer legt seine Hand immer auf die gleiche Stelle auf meinem Rücken. Ich mag Männer die nach Meer und nach mehr riechen. Manchmal im Juni hat man Glück. Der Juni riecht nach den gelben Rosen an der Hauswand. Teerosen, die gleichen wie sie meine Großmutter hatte. Manchmal pflücke ich mir ein Blatt und lege es neben mir auf das Kissen. Der Juni riecht nach einer Benzinpfütze auf der Straße, nach Brackwasser und schwärender Entengrütze auf einem Weiher. Der Juni riecht nach Erdbeeren. Erdbeeren. Erdbeeren. Der Juni riecht nicht mehr nach Holunder. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal die Nase in einem Hollerbusch hatte. Der Juni riecht nach Schiffsdiesel und nach dem Idioten, der an der Ampel sein Motorrad aufröhren lässt, als sei kein Idiot sondern ein Rallyefahrer Paris-Dakar. Er hinterlässt aber keinen Geruch nach Abenteuer, sondern nur nach verbranntem Gummi. Der Juni riecht nach warmem Holz und Eistee mit Pfirsichgeschmack.

An einem Abend kurz bevor der Juni zu Ende geht steht der Tierarzt mit dem kleinen Täubchen auf dem Arm am Fenster. Der Tierarzt ist selbst schon fast schon Schatten, wie der letzte Rest des Tages, der noch im Fenster klebt. Das kleine Täubchen ist ganz am Anfang ihres Lebens und noch einmal singt der Tierarzt für das kleine Mädchen in seinem Arm, das Wiegenlied, das er für Schafe, Kälber und Mädchen große, kleine, junge wie alte reserviert hält,ein Lied kann für ein ganzes Leben reichen.

Der Juni riecht nach Willkommen und Abschied.

Wenn Sie mögen, so sind Sie herzlich eingeladen auch ihre olfaktorischen Eindrücke hier in den Kommentaren aufzuschreiben oder wenn Sie selbst bloggen, rufen Sie doch kurz herüber, ich verlinke ihre olfaktorischen Monatsnotizen dann sehr gern.

24 thoughts on “Wie der Juni riecht

  1. Mein Juni riecht zuerst nach Hoffnung, Aufbruch, einem neuen Anfang. Nach Jubel, Aufregung, der Farbe für den neuen Anstrich.
    Nach Himbeeren, Marmelade und Mangoeis.
    Doch dann dreht sich der Wind.
    Jetzt riecht er nach medizinischem Desinfektionsmittel, nach „Wird-mal-kurz-kalt“, nach Angst, und die riecht nicht gut. Man kann den Geruch auch nicht wegwaschen. Er klebt an mir und an allem, was mich umgibt. Er riecht abgestanden (das hatten wir doch alles schon) und zugleich neu, intensiviert. Er riecht nicht wie ein früher leichter Sommer, sondern schwer, getränkt mit Nuancen der Hoffnung, aber als Cuvée mit ihrem Gegenteil.

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  3. Der Juni riecht hier nach den letzten fallenden Blättern der Pfingstrosen, blassrosa, und nach den Lavendelblüten, die der Wind von Nord-Ost nach Westen treibt. Er riecht ganz zart nach den Blüten der „New Dawn“ und nach Stachelbeerkuchen mit Baiser. Er sollte nach Schönem riechen, aber er tut es auch nach der abgestandenen Luft im Warteraum vor dem MRT, er riecht nach den Trainingsklamotten des Radiologen, die über dem Stuhl trocknen und der sagt „Das ist heute nicht lustig“. Aber er riecht auch nach klarem Menschenverstand und dem Satz „Nein, das macht ihr nicht!“ Und dann riecht er nach dem frischen Wein im Glas,der eigentlich ein Spargelwein ist, aber der Spargel riecht nicht mehr, nirgendwo. Und er riecht immer wieder nach „Kopf hoch, es wird wieder gut“, aber danach riechen alle Monate schon so lange. Er riecht nach Bügelwasser im Freien und nach Grillen ringsumher. Der Juni ist ein Riechmonat, man kann ihm nichts übelnehmen.

  4. Juni riecht nach dem letzten Pfingstrosen und den letzten Erdbeeren.
    Juni riecht Nach den ersten Rosen, nach Lavendel, nach Salbei, den ich abgeschnitten habe, um ihn zu trocknen.
    Juni riecht nach Ende – das Sommersemester geht zu Ende und dazu gehört der feuchte Geruch vom Gewitter während der Prüfung, die schwül-warme Luft, die mich umgibt, je weiter ich im Hörsaal auf meiner Kontrollrunde während der Prüfungsaufsicht nach oben steige.
    Juni riecht nach Brombeeren.
    Juni riecht nach Vorfreude auf Zeit zum Forschen und Schreiben.

  5. Pingback: Der Juni in Indien riecht nach… – ljuno…is for notes

  6. Es tut mir immer in der Seele weh, vom Tierarzt zu lesen.

    Der Juni riecht in diesem Jahr nach Rosen und Abschied von einem sehr liebgewonnenen Menschen. Auch wenn wir in Kontakt bleiben wollen, nicht einmal die besten Vorsätze sind eine Garantie. Aber ich hoffe doch sehr.
    Und ab morgen riecht es endlich wieder nach Meer, aber das ist dann ja auch schon ein anderer Monat…

  7. Pingback: Wonach der Juni riecht (inspiriert von Fräulein Readon) – Fundevogelnest

  8. Der Juni riecht nach Pippi im Kinderschwimmbecken und nach der modrigen Kühle des Dorfbachs, nach der schweren Süße der Lindenblüten, jeden Morgen zu kleinen Zaubersträussen gebunden, nach trockenem Schleierkraut und Lavendel aus den Blumenkränzen, nach Ringelblumen, Salbei und Minze, frisch gepflückt und dann getrocknet, nach frisch geschrubbten Dielen und rotbraunstaubigen Kellern der alten Dorfschule, und beides riecht so sehr nach Berlin, der Juni riecht aber auch schimmelig und nach ungeputztem Kühlschrank, nach nasser Wäsche und alten Weidekörben, nach feuchten Bananenkisten und altem Keller, der wiederum nach vertrocknetem Frosch riecht, irgendwie.

    • Vielen Dank, das riecht nach einem ganz besonders speziellen Juni, einem Juni der einem so schnell nicht aus der Nase will. Ich muss Ihren Kommentar noch ein paar Mal lesen, damit ich jedem Geruch nachspüren kann. Vielen Dank.

      • Erst dachte ich, ich rieche nichts, wenn ich an den Juni denke, aber dann hab ich gemerkt, daß er es doch in sich hatte. Danke für die Idee, das ist eine schöne Erinnerung an einen Monat.

      • Als ich das anfing, dachte ich auch, dass man gar nichts Riechenswertes bemerkt, aber je länger man schnuppert….

  9. Was für ein wunderschöner Text. Mein Juni riecht nach Fisch & Seetang & Meeresfrüchten, salziger Meeresbrise, Leder von Autositzen und der neuen Jacke, Benzin und Motorenöl, Aromaöl mit Zitrus und Wacholder, Gin & Tonic, Rosendüften aus dem Schlosspark und antiquarischen Büchern.

  10. Pingback: Ein Wochenende in Bildern / Indien 30. Juni-1. Juli – ljuno…is for notes

  11. Und nach Honig riecht der Juni bis in den Juli hinein.Wenn ich die schwere Kiste mit den vollen Waben öffne, nach warmem Wachs und süßem Honig, der goldglänzend aus der Schleuder läuft. Mein allerliebster Sommergeruch. Herzlichen Dank für all die wunderbare beschriebenen Düfte. Es ist ein bisschen, als schunpperte ich in verschiedene Leben und Geschichten.

    • Oh wie großartig! Sie haben Bienen und der frischgeschleuderte Honig, oh das klingt nach einem besonders intensiven und verführerischen Geruch. Wunderbar. Mir geht das mit den Geruchsbeschreibungen genau wie Ihnen, es ist wunderbar in die anderen Leben hineinschnuppern zu dürfen.

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