Im Supermarkt, kurz nach halb acht am Abend, London.

Das Offensichtliche:
Der Haushalt ist der Erwähnung nicht wert. Auch nicht, dass zum ersten Mal die Kinder 1-4 nicht den Belag von der Pizza herunterpulten oder nur den Rand knusperten, sondern alles, alles, alles aufaßen ist es nicht. Das lag nämlich nicht an mir und meinen Pizzabackkünsten, sondern an einem Schwimmbadnachmittag. In London nämlich ist es heiß.
So heiß, dass auch ein Wassereis-Everest in vier Kindermündern schneller schmolz als der Tierarzt sagen kann: „Wer soll das alles essen?“
Die Kinder 1-4 sind natürlich jeder Erwähnung wert und das Staunen, das nicht nachlässt über Bébé No. 5, das kleine Täubchen, das Lächeln meiner Schwester und das Glück meines Schwagers, das ist so offensichtlich, dass es jede Erzählung nur kleiner machte. Deswegen stellen sie es sich vor, das ganze große Glück.

„Fünf“, sagt meine Schwester. Eine Handvoll, sage ich und küsse ihre Fingerspitzen.

„Wie schön Du bist“, flüstere ich ihr ins Ohr.

„Wäschst Du mir die Haare?“, fragt sie.

Ich wasche ihr die Haare. Meine große Schwester seufzt selig genau so wie das kleine Täubchen im Arm ihres Vaters.

Wir spannen die Hängematte auf. Ein Wochenbett kann auch eine Hängematte sein. Bébé No. 5 ist einverstanden.

Am Abend, Kind 1 liest, Kind 2 kichert mit einer Freundin am Telefon, und die Kinder 3 und 4 schlafen schon aber es lag nicht an meiner Geschichte von Fräulein Rosa und einem Ausflug zum Nil, sondern an den sommerschweren Gliedern, sollen Schwager, Schwesterchen und Bébé Zeit für sich allein haben.

„Sag das nicht“ protestiert Schwesterchen.

Ich werfe ihr Kusshände zu und dann gehen der Tierarzt und ich einkaufen. Das ist der Rede wert, denn der Tierarzt kann doch Lebensmittel in gehäuften Mengen kaum ertragen. Aber er nickt und zählt die Jutebeutel.
Zum Wochenbettservice gehört nicht nur Vollpension, sondern auch ein gut gefüllter Kühlschrank mit Sachen, die sich Schwesterchen und Schwager sonst eher verkneifen. Fünf Kinder gibt es nicht für umsonst.

Auf der Straße steht die Hitze. London atmet so als sei es Brindisi.

In den Pubs trinken die Leute Aperol Spizz und ganz London ist entschlossen sich heute Abend zu verlieben.

Zwei U-Bahnstationen weiter steigen wir aus. Ein großer Sainsbury an der Ecke.

Wir kaufen das Lieblingsgranola von Kind No. 1, Joghurt auf dem Luxury steht, der Tierarzt sucht nach den Lieblingssäften vom Schwesterchen, ich sage zum Mann an der Theke mit Delikatessen: Mehr davon. Der Mann nickt. Ein Anlass?, fragt er. „Oh ja, sage ich, eine ganze Handvoll!“ Der Mann lacht. „Davon auch mehr“, sage ich.
Wir kaufen Erdbeeren und Clotted Cream, Lachssteaks, Salat, belgische Schokolade, Mangopüree und von jeder Sorte Italienischer Nudeln mindestens zwei, sage ich. Wir kaufen den Kaffee, den mein Schwager sonst nur zum Shabbes trinkt.
„Wir brauchen einen zweiten Wagen“, sagt der Tierarzt, um eilig hinzuzufügen: „Ich gehe schon.“
„Wir treffen uns beim Käseregal“, rufe ich ihm hinterher.
Dann kaufe ich Brokkoli und junge Erbsen, und reife Ananas.
Neben mir steht ein Mann, alt ist der Mann. Ein Gesicht wie ein verwitterter Wetterfleck. Eine Jacke trägt er trotz der Hitze. Unscheinbar ist die Jacke, aber erst als ich Bananen in den Wagen lege, fällt mir auf: fadenscheinig ist das richtige Wort. Der Mann steht vor einer Kiste mit Kohl und Mohrrüben. Gelb ist der Kohl schon und die Mohrrüben haben welkes Grün. Aber am Abend da setzt Sainsbury die Preise herunter. 50 Percent off steht an der Kiste. Der Mann legt einen Kohlkopf und vier Mohrrüben in seinen Korb. Er sieht zum dem Regal mit den Südfrüchten herüber. Aber die Melone, die Mango und auch die Ananas sind nicht heruntergesetzt. Auch nicht die British Strawberries und die Kirschen, die dunkelroten, die kosten weiterhin 3 Pfund.
Da ist der Mann schon an mir vorbeigegangen. Vor einer Kiste mit Kartoffeln steht er, drei Kartoffeln fingert er schließlich heraus und legt sie zu den Möhren und dem Kohl dazu.
Ich gehe zum Käseregal, aber plötzlich sehe ich sie überall, die alten Leute links und rechts von mir, mit einem fast leeren Korb in der Hand und im Korb liegen immer die gleichen Dinge. Was in ihren Körben liegt, das ist reduziert. 30%, 50% und wer Glück hat der bekommt vielleicht eine Packung Würstchen, die beim Transport beschädigt wurde um 70% reduziert.
Eine Frau hat eine Flasche Milch und eine Tüte Salisbury Chocolate Chips im Korb und sieht steht vor einem Schild auf dem steht Salisbury Delectable Cakes, Aber die Kuchen sind nicht reduziert und die Frau geht weiter. Der Tierarzt findet mich schließlich beim Käse, denn ich bin fest entschlossen Käse zu kaufen, denn die Kinder wachsen und wie wir alle, lieben sie Käse. Richtigen Käse nicht die Familienpackung Gummigouda von Lidl.
Neben mir steht wieder der Mann mit dem krummen Rücken, dem Stock in der einen Hand und dem Korb in der anderen, er sieht auf ein Stück Gorgonzola herunter. Das Stück Gorgonzola kostet 2 Pfund und 19 Pence. Ich habe drei größere Stücke Gorgonzola im Einkaufswagen zu liegen und der Tierarzt, sagt: „Mädchen willst du den Parmesan oder?“ Ich nicke und sehe dem Mann nach, der ohne Gorgonzola in der Hand zur Kasse geht. Dann legen auch wir den halben Supermarkt auf das Band, wir füllen die vier Jutebeutel und den riesigen Wanderrucksack auf meinem Rücken. Hinter uns legt der Mann seine Einkäufe aufs Band.
„Tierarzt“, sage ich, „warte kurz“ und dann wuchte ich den Rucksack wieder von meinem Rucksack herunter, sprinte zum Käseregal, greife nach Gorgonzola, einem Stück Emmentaler, einer großen, gelben Honigmelone British Strawberries und Kirschen als ich wieder an der Reihe bin, ist der Mann noch damit beschäftigt seine Einkäufe umständlich in einen Beutel zu verstauen.
„Sorry Sir, sage ich vorsichtig und er sieht mich misstrauisch an, sorry Sir, we bought so much, we really can not carry even the tiniest bit more, would you mind taking those?“

Ich lege den Käse und das Obst vor ihm hin.

Er starrt mich an.

„Thanks for helping“, sage ich und „Goodbye.“

Dann gehen wir aus dem Sainsbury hinaus.

Ich drehe mich nicht um, aber nicht wegen des schweren Rucksacks auf meinem Rücken, sondern weil ich mich erinnere, noch ganz genau, als ein Fremder in einem Supermarkt in Berlin als auch ich, kaum Geld hatte, mir Käse, frisches Brot und Birnen übergab, mit den Achseln zuckte und sagte: „Ich hatte ganz vergessen, ich vertrage den Käse gar nicht mehr.“ Irgendeine Allergie.“ „Helfen Sie mir, wäre doch schade, wenn das schlecht würde.“ Ich hatte am Regal mit Dosenravioli mein Kleingeld gezählt.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt vor dem Supermarkt.

„Tierarzt“, sage ich.

Mehr sagen wir nicht.

Es ist noch immer nicht dunkel, als wir die Wohnungstür aufschliessen und auch nicht als wir die Einkäufe in Kühlschrank und Speisekammer verstaut haben und auch nicht als ich Schwesterchen, Bébé No. 5 und den Schwager auf die Nasenspitze küsse.

60 thoughts on “Im Supermarkt, kurz nach halb acht am Abend, London.

  1. Ach Fräulein ReadOn, jetzt … der Text sieht am Ende so verschwommen aus. Ich glaube, ich möchte Dich umarmen für Gorgonzola und Kirschen und Kuchen und und und …

  2. Liebes Fräulein Readon!
    Wie immer schaffen Sie einen wunderbaren Übergang in einer Geschichte, vom sehr sehr schönen zum sehr sehr traurigen, dennoch wiederum wundervollen Ende! Danke, danke, danke für die Geschichten, die einen stets berühren und nachdenklich machen und voller Bewunderung für Sie zurücklassen.

    Viele Grüße aus dem schönen Bayern,Kerstin

    • Danke für Ihren so liebenswürdigen Kommentar. Ich bin sehr gerührt über ihre Zugewandheit und Grüße Sie Herzlich! Bayern ist wirklich wunderschön

  3. Ach, liebes Frl. Read on, wieder einmal möchte ich Sie umarmen dafür, dass Sie sind, wie Sie sind. Die Welt könnte ein besserer Ort sein, gäbe es mehr Menschen wie Sie.

  4. Erst einmal nachträglich noch herzlichen Glückwunsch an die gesamte Familie „Read On“ zu Bébé No. 5. Kinder sind etwas wunderbares!
    Und zum Text – es ist ja kein Wunder, dass wir alle hier ein bisschen verliebt in Sie sind. Männlein wie Weiblein. Sie sind großartig. Danke für die Wärme und die Herzensgüte, die Sie in die Welt bringen und dass Sie uns hier mit Ihrer unbeschreiblichen Art zu schreiben daran teilhaben lassen!

    • Tja, mit dem Guten und dem Tun ist das ja immer so eine Sache, es ist ja viel ambivalenter als Sie glauben mit Ihrer hier vorgetragenen Aufforderung doch lieber still und leise zu sein. Leider haben Sie kein Auge für die Scham, die in der Geste liegt, offenbar auch keinen Sinn dafür, wie Altersarmut tatsächlich einmal thematisiert werden müsste, denn vom Wegschweigen wird sie wohl nicht verschwinden. Nichts haben Sie gelesen von der Armut, die ich kenne und von der Unvergänglichkeit jener Erfahrung, die darin liegt, wenn jemand lieber doch etwas sagt und tut. Allen Zweifeln zum Trotz. Schade, dass Sie nur so ein Allerweltssprichwort dabeihaben. Seis drum.

      • Ach, ich glaube, das ist einfach besser: Tue gutes und rede darüber, damit andere es auch machen.
        Ich gebe Ihnen recht, stören tut mich nur: „Nichts haben Sie gelesen…“ Das stimmt definitiv nicht!
        Ich liebe Ihren Blog regelrecht, und wollte Sie nicht dumm anmachen, doch dass Sie so schnell über mich urteilen, erschüttert mich.

      • Hmm, eigentlich hatte ich Ihnen gar nicht geantwortet, sondern Frau Baumfee. Vielleicht ist das verrutscht?

    • Doch, doch, rede drüber, unbedingt! Nicht selbstgefällig, nicht mit dem Gefühl moralischer Überlegenheit, sondern ganz natürlich und selbstverständlich.

      Ich wusste sofort was das Fräulein tun würde. Nur wie sie das tun würde ohne den Mann zu kränken, das wollte mir einfach nicht einfallen, nicht einmal in Ruhe auf dem heimischen Sofa. Mir fehlt es dafür eindeutig an Kreativität, Einfühlungsvermögen und der nötigen Portion Herzenswärme. Leider.

      Was ich hingegen gut kann, ist mich erinnern. An Situationen, die mich berührt haben, auch wenn ich vielleicht nur darüber gelesen habe. Und an Menschen, von denen ich mich gerne inspirieren lassen möchte. Vorbilder.

      Fräulein Read On: Ich lese Ihren Blog immer gern, aber für Beiträge wie diesen liebe ich Sie! Danke!

  5. Ach Frl. Read On, ich wünschte mehr Menschen wären wie du. Ich wünschte mir, ich wäre wie du. Ich sehe, denke und möchte, weiß aber leider nicht wie.
    Man kann doch nicht einfach Wildfremden, oder doch ja kann man, keine Ausrede, fehlt mir jedoch meist der Mut.
    Dabei ist es so einfach, eigentlich.

    Danke fürs sehen und denken, und natürlich für das Aufschreiben.

    • Mir fehlt auch manchmal der Mut, ganz konkret zu handeln. Und dann gibt es Momente, in denen ich den Obdachlosenverkäufer vor dem Supermarkt frage, was ich ihm aus dem Laden mitbringen darf. Und nachher freue ich mich mindestens genauso wie er.

    • Wissen Sie, ich glaube es gibt so viele Wege aufmerksam zu sein und nicht wegzusehen und meiner ist auch nur ein Versuch und niemals der Weisheit letzter Schluss. Das scheint mir wichtig hinzusehen und sich nicht abstumpfen zu lassen. Und nicht nachzugeben in die allgegenwärtige Tendenz: ich und sonst keiner

  6. Genau so. Reden Sie, schreiben Sie! Genau so. Und gestern war ich bei der blassen Flüchtlingsfrau, die zitternd an mit vorbei geschoben wurde, 40km entfernt im KH, als mein krebskranker Mann dort wieder im MRT war vor 2 Tagen und wir zitterten, er drin, ich draußen. Über 100 Wege hatte ich ihren Namen und wo sie liegt, und dass sie nur 2 ihrer 4 Kinder hier hat und keiner weiß, warum sie so Schmerzen hat, ich war bei ihr und habe ihr das schönste Obst und ein herrlich duftendes Duschbad und Blumen auf den Nachttisch gelegt.Und wir konnten nicht reden, weil sie nicht meine Sprache spricht und ich nicht die ihre, aber drücken konnten wir uns und zeigen und verstehen, dass wir Menschen sind! Danke für Ihren Text!

    • Sie sind großartig und sehr beeindruckend. Danke dafür, dass Sie nicht aufhören hinzusehen und einzustehen für die, die es brauchen. Von Herzen Dank!

      • Oh nein, liebes, verehrtes Fräulen, ich bin kein Stückchen großartig. Ich tue nur, was mein Herz sieht und befiehlt, wenn ich irgend kann, auch wenn andere den Kopf schütteln und sagen „Hast du nicht genug zu tun, und das in deinem Alter“- übrigens auch der Kommentar des CA, der mir rausfand, wohin ich gehen musste.. 🙂 . Wir sind Menschen, alle sind wir Menschen mit Augen und einem Herz. So kalt, solche Not nicht zu sehen, dürfen wir nicht sein. Niemals! Ich danke Ihnen!

  7. Wahrscheinlich doch so eine Art Engel. Oder so. Die Licht in den Tag bringt. Und Gorgonzola. Das Allerbeste fürs bébé!

  8. Dieses Drüberreden und Drüberlesen ist es doch, das uns inspiriert und ermutigt und auf neue Ideen bringt. Und ja, ich gestehe es, es beschämt mich auch, wenn bei dir und anderen lesen darf, wie sie konkret handeln. Weil ich diese Spontaneität und den Mut nicht habe (… und das ist es vielleicht, warum manche lieber hätten, es würde nicht drüber geredet?).
    Genau darum ist es so wichtig, dass du drüber schreibst. Nie kommt es bei mir als Eigenlob rüber, immer aber als Inspiration.
    Danke … und … ach, einfach Danke!

    • Ach, Du Liebe. Ich glaube ja es gibt so viele, unterschiedliche Wege aufmerksam zu sein und alle sind gleich gut und gleich wichtig. Ich schreibe ja hier nur meinen Versuch auf mich in der Welt zu orientieren. Danke. Von Herzen

  9. Das ist so ergreifend warm und menschlich! Doch ganz besonders geht mir ans Herz, dass Sie die Kunst beherrschten, den alten Mann nicht zu beschämen.

    • Ich erinnere mich so an diese Geste und meine eigene große Scham. Ich glaube es ist eine der großen Herausforderungen im Leben, es auf den Versuch ankommen zu lassen, Andere nicht zu beschämen.

  10. Doch, unbedingt weiterschreiben.Gutes tun und darueber reden. Es veraendert naemlich auch uns, die wir es lesen.Ich kopiere Ihre Ideen gern, ich hab mich immer unwohl dabei gefuehlt, Obdachlosen, von denen es in Frankreich viele gibt, Geld zu geben und dann hab ich Ihre Geschichte von Ihrer Grossmutter und Bettelmann Hahn gelesen und seitdem ist es ganz einfach. Sie veraendern die Welt ein Stueck zum Guten.Einfach vielen Dank dafuer.

    • Ach Sie Liebe! Ich habe die Geschichte mit Bettelmann Hahn nie vergessen und meine Großmutter war wirklich einer dieser Menschen, die dem nicht auswich diesem Unbehagen und ich versuche mein Bestes ihrem Beispiel zu folgen, auch wenn es mir nicht immer gelingt.

  11. Meinen allerherzlichsten Glückwunsch zum Baby Nummer 5 ( und Hochachtung vor Ihrer Schwester) und vielen Dank für Ihr Licht in dieser Welt <3

  12. Oh, da täuschen Sie sich aber, unsere 2. oder 1. Heimat ist Indien, das arme Indien. Sie beurteilen mich nach diesem einen Allerweltsspruch, ist übrigens der Lieblingsspruch unseres besten Freundes aus Südindien.

    • Ob das nun der Lieblingsspruch Ihres Freundes aus Südindien ist oder nicht – mir ist trotzdem nicht so ganz klar, was Sie mit diesem Allerweltsspruch hier bezwecken wollten. Sind Sie bitte so nett, es zu erläutern?

  13. In einigen Kulturkreisen gilt es als äußerst unschicklich über seine „guten Taten“ zu reden, insbesondere in Indien, und da das Frollein Verbindungen dorthin hat, dachte ich sie wüsste sofort was ich meine, war in keiner Weise böse gemeint, eher mit einem Augenzwinkern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.