Wie man Erdbeeren essen muss.

Die ersten Erdbeeren aber muss man bei Sonnenaufgang essen, kühl muss das Gras noch sein unter den Füßen und man pflückt sich eine Hand voll nur ab. Die ersten Erdbeeren im Mund müssen sandig sein und rau auf der Zunge liegen und erst dann schmeckt die süße und die Feuchte der Nacht. So muss man die ersten Erdbeeren essen.

Später dann, die Sonne steht hoch schon am Himmel, da läuft man wieder in den Garten herunter. Die Erdbeeren leuchten rot und man hält eine Schüssel in den Händen. Die Schüssel kann aus alter, weißer Emaille sein oder aus schweren Steingut, aber keine Plastikschüssel ist gut genug für die Erdbeeren. Dann streift man sich die Schuh von den Füßen und steigt vorsichtig ins Erdbeerfeld und vorsichtiger noch streift man die Erdbeeren von den Stielen, um sie in die Schüssel zu legen. Auf keinen Fall aber wirft man die Erdbeeren mit einem dunklen Plonk! In die Schüssel. Man soll großzügig im Leben und das gilt auch für das mühsam gejätete Erdbeerfeld hinten im Garten. Niemals pflückt man alle Erdbeeren ab, sondern man lässt dem Igel, ein paar Erdbeeren zum Dessert, denn auch der Igel liebt den Sommer sehr. Die alte Freundin Wildtaube und auch den Amseln und Staren soll man den Sommer versüßen. Nur ob auch die Kröte dann und wann zum Erdbeerfeld hüpft, das weiß ich nicht.

Hat man eine Schüssel voll mit Erdbeeren, hält man das Gesicht in die duftende Pracht. Atmet die schwere Süße, den Sonnenschein und das Versprechen ein und wieder aus, das in den Erdbeeren liegt. Niemals darf man die Erdbeeren in Wasser ertränken, sondern vorsichtig nur spült man sie ab und dann kommen Menschen auf seltsame Ideen, denn sie wissen nicht wie man Erdbeeren ist. Wissen nicht, dass man Erdbeeren nicht zuckern, nicht mit Balsamico-Essig beschämen oder in Sahne ertränken muss. Erdbeeren ißt man mit beiden Händen, vorsichtig legt man sich die Erdbeere zwischen die Lippen, tastet mit der Zungenspitze an den Rändern der Erdbeere entlang, zerbeißt sie nicht wie ein Stück zähes Fleischman, sondern drückt langsam fast ganz ohne Zähne die Erdbeere im Mund zusammen, bis einem der Saft der Erdbeere in den Mund und dann über das Kinn läuft, langsam kaut man die Erdbeere bis man ihre Schärfe schmeckt und nicht nur die Süße.

Harmlos ist die Erdbeere nicht, sondern die Erdbeere ist verräterischer noch als Lippenstiftspuren auf weißen Hemde, Erdbeeren nämlich bleiben noch lange im Mund, haften im Mundwinkel, schieben sich unter das Zahnfleisch, locken Zungen, Münder, Herzen zu sich hinein. Es gilt sich vorzusehen, denn wer der Erdbeere und ihrer schweren Süßigkeit erst einmal verfällt, der ist verloren, nicht zuletzt ging Gustav von Aschenbach auch an den überreifen Früchten zu Grunde.

Vorsichtig also muss man sein bei der Wahl derjenigen, mit denen man sich Erdbeeren teilt, von deren Lippen man Erdbeeren pflückt und noch vorsichtiger gilt es abzuwägen wem man Erdbeersaft aus den Mundwinkeln leckt. Denn dazu sind Erdbeeren da. Selbst die Erdbeeren eingeweckt im Regal im Keller wissen noch etwas von den unendlichen Sommern und der Liebe mit ihrem scharfen Schwert.

Fernhalten aber und da kann kein Zweifel bestehen, muss man sich von denjenigen, die mit dem Messer Erdbeeren grob zerhacken oder in einen Schnellmixer tun, um dann Proteinpulver auf die Erdbeeren zu gießen und diese Mischung dann in Plastikflaschen in ein Fitnessstudio zu tragen. Erdbeeren vergeben so etwas nicht. Es gilt bei der Partnerwahl vorsichtig zu überprüfen, wie das Verhältnis des Verlobten oder auch nur des Juni-Geliebten zu den Erdbeeren ist.

Abzuraten ist von jenen, die eine Erdbeere grob und in einem Stück verschlingen. Niemals wird aus ihnen ein tastender Küsser, sondern immer werden ihre Hände zu schnell unter Blusen und Rocksäume fahren. Obacht ist auch vor jenen angebracht, die mit triumphierendem Blick behaupten, Erdbeeren seien eigentlich Nüsse. Grobheiten werden ja nicht davon besser, dass man sie laut herausblökt. Mit einem solchen Partner, werden sie niemals einen großen Sommer, dafür aber viele, kleine Misslichkeiten erleben. Unerfreulich sind auch diejenigen, die einen duftenden Teller voller Erdbeeren mit Kopfschütteln betrachten und sagen: „Ist das alles zum Dessert?“ Noch schlimmer, sagt man seien jene Barbaren die Erdbeeren zusammen mit klebrigen Marshmallows grillen. Auch hier droht ihnen Ungemach, Menschen nämlich die das Einfache nicht schätzen, werden niemals ein Geheimnis erkennen oder auch nur die angedeutete Geste eines überschlagenen Knies zu würdigen wissen. Nur die wenigsten wissen mit einer Erdbeere umzugehen, zu viele sind vorschnell, grob oder schlichtweg nicht in der Lage im richtigen Moment mit dem Zeigefinger an einem Kinn entlangzufahren, bevor die Seidenbluse Schaden nimmt.

Am besten lassen sich Erdbeeren mit Kindern, Igeln und Wildtauben teilen.

Aber im Sommer empfiehlt es sich durchaus, einer Sommerbekanntschaft eine Erdbeere anzureichen und zu sehen, ob Zungenspitze und Erdbeersaft zusammenpassen. Ansonsten laufen sie lieber zurück in den Garten, pflücken sich eine Handvoll Erdbeeren und liegen halb in der Sonne, halb im Schatten und spüren der schweren Süße der roten Früchte nach.

35 thoughts on “Wie man Erdbeeren essen muss.

  1. Erdbeermund, tut uns kund
    von den roten süßen Beeren,
    die so herrlich durch den Schlund
    wandern, um sie zu verzehren.

    Ah, welch Duft verströmen sie,
    in der warmen Sommersonne,
    oh, welch Säfte fließen hie,
    ei, ihr Früchtchen, welche Wonne.
    🍓🍓🍓🍓🍓🍓🍓🍓🍓🍓

    • Na sowas, noch eine Simone hier? Gerade habe ich mich über meinen Kommentar gewundert, den ich ganz anders in Erinnerung hatte 😉

      • Ja es gibt noch eine. Als Kind habe ich immer geglaubt es sei mein eigener Name, denn kein anderes Kind in meiner Umgebung hieß Simone. Mit 10 Jahren war ich dann entrüstet als die Schwester einer Schulfreundin Simone getauft wurde. Lange hat es gedauert bis ich nicht mehr alle Simone’s die ich kennengelernt habe, skeptisch beäugt habe. Jetzt freue ich mich immer wenn ich eine Simone treffe.

  2. 😍 Was bin ich nur für ein Unwissender, dass ich Gustav von Aschenbach nicht kenne! *schlägt sich mit der flachen Hand auf die Stirn, dass es knallt*

  3. Ja, es ist schon etwas besonderes mit den Erdbeeren. Ich kenne niemanden, der sie nicht mag.
    Ganz unabhängig von den Erdbeeren teile ich aber Ihre Meinung, dass Menschen, die beim Essen geniessen können, auch sonst in jeder Hinsicht Geniesser sind. Oder andersrum.

    Danke für diesen schönen Text.

    • Erdbeeren sind ein kleines Paradies für sich. Das Erdbeerorakel irrt sich nie und Menschen, die den Duft von Erdbeeren nicht schätzen, sind glaube ich nicht weiter der Rede wert.

  4. (Und ich dachte, er sei an der Cholera gestorben, die unsauberen Erdbeeren waren nur die Überträger.)

    Im ganze Garten hier, hinter dem Haus, vor dem Haus, gibt es kleine Ecken mit wilden Erdbeeren. Ich liebe sie sehr und die Ameisen helfen mir, sie zu verbreiten. Wer gerade draußen ist, bringt dem anderen eine Handvoll mit. Und man isst sie gegenseitig aus der hohlen Hand. Nicht Schöneres gibt es.

    • Aus der hohlen Hand essen. Ihr macht es richtig.

      Ich glaube die überreifen Erdbeeren wie das verseuchte Wasser sind nur Teil dieses Todes, denn Aachenbach geht ja an sich zu Grunde, daran dass er nicht mehr in der Lage ist moralische Maßstäbe aufrechtzuerhalten und das er mit wissendem Auge das Verbotene nicht tut, aber tun könnte.

  5. Welch wunderbarer Erdbeerenessay.
    H. erntet die kleinen, die Walderdbeeren, isst aber auch die großen.
    Er wäscht sie nie! Die Duftstoffe fliegen zum Teil weg.
    Aber: Ein Löffelchen Sahne, nicht geschlagen, vollendet.

    • Ich muss zugeben, ich habe leider nur sehr selten Gelegenheit Walderdbeeren zu essen. Hier in Berlin habe ich sie noch nie gesehen.

  6. Ich höre jetzt die Stimme meiner Großmutter: Kind, pflück uns ein paar Erdbeeren zum Kompott. Und dann pflücke ich eine kleine Schüssel voll. Großmutter schnitt sie in Viertel, etwas Zucker darüber und dann einen großen Schluck Milch dazu. So schmecken sie mir noch heute am besten.

  7. Da kann ich nicht anders, ich muss den Spielverderber heraushängen (jemand muss es ja tun): Die besten Erdbeeren sind von Geschmack und Aroma her sicher die Walderdbeeren, aber wenn man sie im Wald sammelt, sollte man sie unbedingt gut waschen! Sonst feiert der Fuchsbandwurm bald fröhliche Urständ‘, und das ist niemand zu wünschen.
    Ich finde Erdbeeren schmecken am besten mit ganz wenig Zucker und einem Spritzer Zitronensaft. Dann sollte man sie eine Weile ziehen lassen. An der Geduld erkennt man den Geniesser. Nur die großen muss man halbieren, aber je größer, desto fader schmecken sie, also lieber gleich die, die man nicht halbieren muss.
    Und nein, Erdbeeren sind keine Nüsse. Wikipedia drückt es besser aus als ich, ich kann es mir nie richtig merken. Also: „Aus botanischer Sicht zählt die Scheinfrucht einer Erdbeere nicht zu den Beeren, sondern zu den Sammelfrüchten bzw. Sammelnussfrüchten oder nach anderer Auffassung zu den Sammelachänenfrüchten (Achenecetum).“ Also endgültige Klarheit herrscht noch nicht, nur Beeren sind sie nicht.
    Wenn es eine Frucht gibt, die ich noch lieber als Erdbeeren mag, dann sind es Himbeeren (die auch keine Beeren sind). Aber die kommen später im Jahr.

    • Endlich zitiert hier mal jemand Coldplay, danke! Und in diesem Kontext freut es mich besonders, mag ich doch Erdbeeren und Coldplay gleichermaßen.

    • Oh, besten Dank für die Musikempfehlung! Nur der Tierarzt grämt sich auf Coldplay findet er hätte er nun schon auch kommen müssen.

  8. Erdbeeren sind – gleichauf mit Wassermelone – das beste Obst ever.

    Aber: Erdbeeren vertragen sehr gut vielfältige Zubereitungsmöglichkeiten. Unbedingt. Ausschließlich pur essen ist angesichts der wochenlangen Erdbeerzeit vieeeeeeeeeel zu schade. 🙂

    – Erdbeeren, leicht gezuckert (ohne Wartezeit, es muss noch knistern)
    – Erdbeeren mit frisch geschlagener Sahne
    – Erdbeeren mit einem sehr guten Vanilleeis
    – Erdbeeren auf Mürbeteig-Tartelettes
    – Edbeer-Tiramisu
    – Frozen Yogurt (Erdbeeren, Naturjoghurt, Zucker zu Eis verarbeiten)
    – frische Erdbeeren mit Streuseln

    Und und und…

    • Erdbeeren sind mein Ein und Alles. Ich merke schon meine Leserinnen und Leser sind alle Gourmands und nur ich bin der Bauerntölpel, der die Erdbeeren pur verschlingt.

  9. Hach, Erdbeeren in meinen Händen, in meinem Mund: Rot und Weiß, klein und gross, rund und spitz – heiß geliebt und immer am besten aufgeküsst ganz frisch gepflückt!

  10. ich oute mich hier auch als bauerntölpel, liebe read on: erdbeeren isst man wie sie es beschrieben haben, mit nix dazu. eventuell kann man champagner dazu trinken, muss man aber nicht. hauptsache, die erdbeeren sind noch klein, rot und süss, das ist wie bei vielen anderen dingen: je puristischer, desto besser.

    eine ausnahme gibt es, meiner kindheit geschuldet, aber das ist eine andere geschichte: walderdbeeren. die richtigen, echten walderdbeeren sind winzig klein, und wachsen nicht im wald, sondern auf den abgeholzten hängen. da wurde früher, vor langer zeit, nach der schlägerung das unterholz noch abgebrannt, bei passendem wetter natürlich, löschen konnte man da nix damals, nur warten und beten. zwei jahre nach dem abbrennen, die asche düngte den boden gut, die tierlein taten das ihre, da wuchsen drei jahre lang auf diesen hängen die kleinen, feinen walderdbeeren. jedes jahr mehr davon, wir gingen damals „in den erdbeerschlag“ mit den grossen metallenen milchkannen vom melken, und jeder kehrte mit einer vollen kanne zurück.

    dann wurde holzhackersterz gemacht: mehl, wasser, salz und sonst nix, in einer dicken, gusseisernen pfanne in schweineschmalz gebraten und immer weiter mit dem ummurgler (aka: pfannenwender) gewendet und kleingestückelt, bis die teigfetzchen innen noch weich, aussen aber knusprig und hellbraun waren. dann eine portion in einen tiefen teller, ganz viele walderdbeeren drüber, und ein wenig kristall(!!!)zucker. dazu milch für die kinder, kaffee für die erwachsenen.

    so kann man erdbeeren auch essen.

    nach fünf oder sechs jahren wurden die erdbeerpflänzchen übrigens dann verdrängt, von den wilden himbeeren, die man genau so isst wie erdbeeren: mit nix dazu. auch nicht mit sterz.

    alternativ kann man noch himbeersaft oder marmelade daraus machen, aus den himbeeren, das darf man mit den walderdbeeren nicht, und so muss das sein. hab ich von meiner oma gelernt, die kam einiges vor 1900 zur welt, und war lehrerin auf dem dorf, und die muss es doch wohl gewusst haben.

  11. Obwohl ich Ihren Ausführungen, Frau ReadOn, vollständig zustimme, muss ich dennoch bekennen, dass ich Erdbeeren, vermischt mit Stücken grünem Spargels und vollreifer Avocadospalten, und mariniert mit einer Vinaigrette aus Balsamicoessig, Dijonsenf, Orangensaft, Pfeffer und Salz, den Spargel noch lauwarm, mittlerweile genauso schätze, wie Erdbeeren pur.

    Leider geht die Erdbeerzeit ja schon wieder zu Ende dieses Jahr.

    Er kauft eigentlich immer diese schrecklichen, völlig geschmacklosen und bockharten Spanienerdbeeren, die mittlerweile ja den ganzen Winter im Supermarkt angeboten werden?

    • Diese spanischen Erdbeeren schmecken ja nicht nur nach nichts, sondern auf den Feldern und Plantagen werden, so liest man immer wieder Frauen aus dem Maghreb, die dort als Saisonarbeiterinnen schuften, misshandelt, vergewaltigt und um Lohn geprellt. Das ist der Schatten der roten Früchte im Winter.

      Ihr Rezept führt mich sehr in Versuchung!

      • Falls Sie es mal probieren möchten: Ich habe noch Olivenöl und Weißweinessig vergessen. Wobei auch gewöhnlicher Branntweinessig, vorsichtig dosiert, geht, wenn man keinen Weißweinessig zur Hand hat.

        Und bei diesen spanischen Erdbeeren habe ich (ebenso wie übrigens beim Pay-TV) vergeblich gehofft, dass diese mangels Nachfrage wieder verschwinden würden. Ich befürchte, die Käufer überdecken den geschmacklichen Mangel mit viel Zucker. Wobei ich generell der Meinung bin, dass gute Erdbeeren keine Verzuckerung benötigen, das verdirbt doch nur den Geschmack.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.