Rettungsleiter

Früh am Morgen gehört der See nur mir und den Enten in den Flegeljahren.
Die Enten in den Flegeljahren üben Wasserski fahren.
Früh am Morgen gähnen die Entenmütter, die Fische und ich.
Im Schilf baut ein Reiher ein Nest.
Sonst ist der See still.
Am Ufer liegen Scherben.
Ich hebe die Scherben auf.
Der See seufzt über die Menschen, die Scherben, die vom Ufer ans Land getragene Rettungsleiter, die jetzt am Fahrradunterstellplatz lehnt. Ich trockne mir das Haar ab. Der See schimmert blau und grün. Als ich ein kleines Mädchen war, vor vielen Jahren, da brachte mir meine Großmutter das Schwimmen bei. Meine Großmutter glaubte an stetes Üben, ich glaubte an ihre Hände unter meinem Bauch und noch mehr als ich glaubte meine Großmutter an die Macht der Geschichten. Lass mich dir von Lore Hellmann erzählen, sagte meine Großmutter. Das war an einem anderen See, aber ein Sommertag war es auch. Ich lag neben ihr im Gras. Meine Großmutter trug ein Kleid mit farbigen Streifen. Grün, rot und blau.

Das Kleid war aus Leinen, es raschelte wie der See vor uns im hellen Licht, ich lag in ihrem Arm und sah in die Bäume, es waren andere Bäume als die Bäume unter denen ich mir die Haare trockene, früh am Morgen so viele Jahre später.

Lore Hellmann, sagte meine Großmutter war ein beliebtes Mädchen damals in der kleinen deutschen Stadt in der meine Großmutter aufwuchs. Meine Großmutter wuchs im Marschland auf, dicht an der See, salzige Luft, die Landschaft dort im Norden war blau, grün, rot wie die Streifen auf dem Leinenkleid. Lore Hellmann war ein beliebtes Mädchen, mein Großmutter war es auch. Darin unterschieden sich meine Großmutter und ich. Meine Großmutter war zum Geburtstag bei Lore Hellmann selbstverständlich eingeladen, es gab Kakao und Erdbeerkuchen, dicken Rahm dazu und rote Grütze. Lore Hellmann hatte blonde Locken, ein Fahrrad von einem Onkel aus Frankfurt und alle Mädchen wollten so sein wie Lore. Im Sommer zogen die Mädchen zum See, ein dunkler, ein tiefer, auch im Sommer kalter See, ein See, der schon nach dem Meer schmeckte, salzig und nach dem Ozean.

Ein See in dem der Nöck selbst im Sommer nicht nach gab, sondern den See in der Hand behielt. 1930 war meine Großmutter, war Lore Hellmann acht Jahre alt. Der Sommer war lang und die Mädchen,so mutig wie die Mädchen noch heute. Lore und die Mädchen schwammen weit hinaus auf den See, am weitesten hinaus schwammen Lore und meine Großmutter. Wie es begann, wusste meine Großmutter nicht mehr, nur dass Lore anfing nach Atem zu ringen, dass sie ihre Beine nicht mehr bewegen konnte und Lore schlang ihre Arme mit letzter Kraft um den Hals meiner Großmutter. Meine Großmutter versuchte mit den Füßen Wasser zu treten, das Gewicht des anderen Mädchens zog sie nach unten. „Hilfe, Hilfe“, schrie meine Großmutter so laut sie konnte, herüber zum Ufer, wo die anderen Mädchen noch immer Wasserball spielten. Aber dann rannten die Mädchen los und holten meinen Urgroßvater, denn er konnte schwimmen und wie meine Großmutter mir, hatte er seinen Töchtern das Schwimmen beigebracht. Mein Urgroßvater kam mit einer Leiter. Der Leiter vom Spritzenhaus und rannte ins Wasser. Meine Großmutter sagte: „In seinem guten Anzug.“

Der Nöck holte sich seine Taschenuhr. „Schiebt die Leiter in den See, so weit ihr könnt“, rief mein Urgroßvater zu den Männern, Frauen und Mädchen, die am Seeufer standen und dann schrie er seiner Tochter zu. Zähl so laut du kannst, denn meine Großmutter und Lore sanken immer tiefer in den See. Meine Großmutter zählte. Bei 35 erreichte mein Urgroßvater sie, legte sich Lore über die Schultern, aber seine Tochter konnte er nicht auch noch schultern.

Er sagte zu seiner Tochter: „Du musst bis zu der Leiter schwimmen.“
Meine Großmutter sagte: Papa ich kann nicht mehr.
Ihr Vater sagte: Du kannst. Ich schwöre Dir Du kannst.

Meine Großmutter schwamm und meine Großmutter erreichte die Leiter. Da war ihr Vater schon am Ufer mit der blauen Lore und drückte auf ihren Brustkorb bis sie das Wasser ausspuckte, anfing zu husten und sich fürchterlich übergab. Aber der gute Anzug ihres Vaters, war ohnehin ruiniert, sagte meine Großmutter.
Mein Urgroßvater, aber zog seine Tochter mit der Leiter aus dem Wasser und trug sie nach Haus. Drei Tage hatte meine Großmutter so hohes Fieber, dass die Ärzte sagten, man solle sich auf das Schlimmste einstellen. Mein Urgroßvater aber blieb am Bett meiner Großmutter sitzen und nach drei Tagen wachte meine Großmutter auf und hatte kein Fieber mehr, dafür aber großen Hunger. Mein Urgroßvater weinte noch als er mit ihr in der Konditorei saß. „Du bist geschwommen“, sagte er immer wieder.
Meine Großmutter liebte ihren Vater und seit jenem Nachmittag liebte auch Lore Hellmann meinen Urgroßvater. Bevor Du schwimmen gehst, sagte meine Großmutter zu mir vor vielen Jahren im Gras, musst du sehen, wo eine Rettungsleiter ist und wo Rettungsringe hängen und dann ging meine Großmutter mit mir ins Wasser, schwamm eine unendlich weite Strecke von mir weg und rief: „Schwimm“ und ich schwamm jedes Mal weiter, ich hustete, keuchte, ich fiel in den Sand, aber meine Großmutter gab nicht nach, bis sie sich sicher war, dass ich wirklich schwimmen konnte. Damals sagten die Männer, Frauen und Kinder, dass der Vater meiner Großmutter ein Held sei.
1932 trat der Vater von Lore Hellmann in die NSDAP ein, und mein Großvater wurde zur Judensau. Meine Großmutter wurde nicht mehr zu den Geburtstagen, zu Kakao und Erdbeerkuchen eingeladen und als meine Urgroßeltern und ihre Töchter deportiert wurden, da kam niemand zu Hilfe. Aber das erzählte mir meine Großmutter erst viel später, damals erzählte sie mir von der Leiter, dem drückenden Strudel des Sees, dem Versuch den Kopf über Wasser zu halten, ihrem Vater mit der Leiter und den starken Armen und ich lag in ihren Armen und ihre Arme waren die stärksten Arme die ich mir vorstellen konnte.

In Berlin aber ziehe ich Hose und T-Shirt an, nehme Handtuch und Bikini und gehe zu meinem Fahrrad zurück. Ich suche am S-Bahnhof nach einem Mitarbeiter. „Die Rettungsleiter sage ich muss zurück ans Ufer.“ Der Mann sagt: „Bin ick nich für zuständig.“ Sonst sehe ich keinen, außer einem Jogger. „Können Sie mir helfen die Rettungsleiter zurück an den See zu tragen?“, frage ich ihn. „Rettungsleiter?“ sagt er, „so nen Schwachsinn“ und dann rennt er weiter. Aber dann sehe ich zwei BSR-Mitarbeiter, die ihre Reinigungsrunde um den See beginnen. „Wir kümmern uns junge Frau“, sagen sie und ich nicke. „Danke“, sage ich und der See hinter mir schimmert blau und dunkelgrün.

22 thoughts on “Rettungsleiter

  1. Immer und immer wieder nichts als Fassungslosigkeit! Es würgt mich in der Kehle.

    Aber Sie sind der Beweis, dass das Gute am Ende überlegen ist.

  2. Wie schrecklich!
    Und wenn Du wüsstest, wie noch schrecklicher das für mich ist!
    Meinem Lebensretter lege ich mein Leben zu Füßen, immer wieder.
    Und ich würde sterben für ihn.
    Was ist aus Lore geworden?

  3. Das ist menschliche Größe, wenn man ein fremdes Kind rettet ohne ganz sicher zu sein, ob das eigene es auch wirklich allein schafft. Andererseits gibt es ja vielleicht gar keine fremden Kinder, nur eben Kinder ……

  4. Ich kannte Ihre Großmutter nicht.
    Ob diese von ihrem Vater in sie gesetzte Vertrauen, du kannst noch schwimmen, ihr auch im weiteren Leben geholfen hat?
    Ich bin froh, dass Ihre Großmutter, Ihnen gezeigt wie schwimmen geht und ihnen auch von Lore erzählt.

    Wenn der Zusammenhang von schwimmen können und sich mit unerzählten inneren Rettungsleitern einfach wäre, würde ich vielleicht mehr verstehen, von meiner ungeliebten Großmutter, die nicht schwimmen konnte.

    Sie hat von allem nichts gewusst, so klingt ihre Stimme noch in meinen Ohren.

    Sie hat ihre Lehre als Putzmacherin in einer sehr kleinen Ostseestadt, in einem jüdischen Handwerkshaushalt verbracht, hatte da eine Kammer unter dem Dach. Davon, das sie der Schabbesgoi, hat sie erzählt. Von ihr habe ich dieses Wort erstmals gehört.

    Mein Vater (Jahrgang 36) war mit ihr und seinen Schwestern ab und an in dieser kleinen Stadt, in der die Eltern seines Vaters lebten. Er erinnerte sich an Besuche bei dieser Familie, die irgendwann in seinen ersten Grundschuljahren nicht mehr da war . Mit meiner Großmutter standen wir Anfang der Achtziger vor diesem Haus. Mein Vater stellte Fragen. Sie erzählte manches , beantworte Manche.

    Eine Schwimmhilfe für Erinnerungen, eine Rettungsleiter gar; wir haben sie nicht gefunden.

  5. Ich kannte Ihre Großmutter nicht.
    Ob diese von ihrem Vater in sie gesetzte Vertrauen, du kannst noch schwimmen, ihr auch im weiteren Leben geholfen hat?
    Ich bin froh, dass Ihre Großmutter, Ihnen gezeigt wie schwimmen geht und ihnen auch von Lore erzählt.

    Wenn der Zusammenhang von schwimmen können und sich mit unerzählten inneren Rettungsleitern einfach wäre, würde ich vielleicht mehr verstehen, von meiner ungeliebten Großmutter, die nicht schwimmen konnte.

    Sie hat von allem nichts gewusst, so klingt ihre Stimme noch in meinen Ohren.

    Sie hat ihre Lehre als Putzmacherin in einer sehr kleinen Ostseestadt, in einem jüdischen Handwerkshaushalt verbracht, hatte da eine Kammer unter dem Dach. Davon, das sie der Schabbesgoi, hat sie erzählt. Von ihr habe ich dieses Wort erstmals gehört.

    Mein Vater (Jahrgang 36) war mit ihr und seinen Schwestern ab und an in dieser kleinen Stadt, in der die Eltern seines Vaters lebten. Er erinnerte sich an Besuche bei dieser Familie, die irgendwann in seinen ersten Grundschuljahren nicht mehr da war . Mit meiner Großmutter standen wir Anfang der Achtziger vor diesem Haus. Mein Vater stellte Fragen. Sie erzählte manches , beantworte Manche.

    Eine Schwimmhilfe für Erinnerungen, eine Rettungsleiter gar; wir haben sie nicht gefunden.

    • Ja, eine Rettungsleiter zu finden ob für das Leben oder die Geschichten dazu das bleibt eine schwierige Sache. Meine Großmutter ist weiter geschwommen und hat sich das nie verziehen- ihren Vater und ihre Geschwister nicht haben retten zu können.

  6. Eine Rettungsleiter – eine solche Hilfe kannte ich bisher nicht.

    Danke für Ihre Erzählungen, liebe Frau Readon!

    Viele Grüße
    Antje

    • Ich glaube diese Leitern sind vor allem für den Winter gedacht, wenn jemand im Eis einbricht, aber ich finde es besonders dämlich Dinge, die bei der Rettung von Menschen entscheidend sein können, zu entfernen.

  7. „Aber dann sehe ich zwei BSR-Mitarbeiter, die ihre Reinigungsrunde um den See beginnen. „Wir kümmern uns junge Frau“, …“

    In all der Hoffnungslosigkeit und all dem Schrecken klingt dieses
    „Wir kümmern uns“ fast tröstlich. „Wir alle“ als Rettungsleiter, und die Welt sähe anders aus.

  8. Im vergangenen Jahr ertranken hierzulande 404 Menschen, gab die DLRG just am Donnerstag bekannt. Weil das Wetter im Sommer 2017 vielerorts nicht so gut war, kamen weniger um als 2016, aber das kann sich dieses Jahr wieder ändern. 756 Ertrinkende wurden 2017 gerettet, 214 mehr als im Jahr zuvor, und bei jedem 15. Geretteten mussten die DLRG-Retter dafür ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. Um jeden Rettungsring und jede Rettungsleiter kann man daher nur froh sein.

  9. Was für eine dramatische Geschichte. Sie schreiben so wunderbar. Leider stirbt die Judenfeindlichkeit in Deutschland nicht aus. Ich habe aus aktuellem Anlass etwas in meinem blog dazu geschrieben:
    allgemeine.wordpress.com/2018/06/10/wie-ist-das-moeglich/

  10. Ich bin ein lausiger Schwimmer; bis heute kann ich mich nur leidlich über Wasser halten und verlasse nie den Nichtschwimmerbereich. Gerade deshalb ist es mir sehr wichtig, dass meine Kinder sichere Schwimmer werden. Jetzt im Sommer werden wir wieder öfters schwimmen gehen und schon bald werden sie viel besser schwimmen können als ich, worauf ich stolz sein werde (dennoch übe ich weiter, denn ich bin ein bisschen hartnäckig).

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