Ein Dorf im Sommer

Neun Monate im Jahr sind wir das Dorf.

Drei Monate im Jahr gehört das Dorf den Touristen.

Die meisten Touristen sind Schülergruppen.

Sie kommen für drei Wochen ins Dorf und sollen Englisch lernen.

Sie kommen aus Deutschland, Italien und Spanien.

Das Dorf und seine Bewohner, das sind wir, verschwinden im Sommer. Man sieht uns kaum

Die Frau des Krämers sagt: BMWVWAUDISIEMENS, die deutschen Kinder kommen aus gutem Hause.

 Die Frau des Krämers sagt: PAELLAMANCHEGOBERNABEU, die spanischen Kinder sind schlimmer als Romeo und Julia

Die Frau des Krämers sagt: FIATBUONGIORNOGELATO, die italienischen Kinder haben es nicht leicht mir ihren Müttern.

Es ist der erste Sommer der Freiheit für die Kinder aus Deutschland, Italien und Spanien.

Sie sind vierzehn und fünfzehn Jahre alt.

Ihnen gehört die Welt und die Welt ist das Dorf.

Im Sommer gehe ich mit der Sonne schwimmen. Die Sonne gähnt und ich schwimme. Wenn ich aus dem Wasser steige, wachen die Vögel auf. Am Ufer wartet der Tierarzt mit dem Handtuch.

Ich ziehe Yogahosen und ein T-Shirt an. Schwer liegt das nasse Haar mir im Nacken. Auf meinem Rücken liegt die Hand des Tierarzts. Das ist schön. Aber wir haben keine Zeit. Im Sommer trifft sich das Dorf mit der Sonne am Strand. Wir haben Plastiksäcke, Schubkarren, Müllschaufeln und Handschuhe. Wir gehen den Strand entlang und sammeln den Müll auf. Flaschen, Schuhe, Fertiggerichtpackungen, Scherben, Chipstüten, Kekspackungen, Tampons, Bonbonpapier, Hundehaufen, Eiscremebecher, Wegwerfgrille, Bierdosen. Im Winter treffen wir uns einmal im Monat um den Strand zu reinigen. Im Sommer reinigen wir den Strand jeden Tag.

Darüber spricht niemand. Der Strand gehört zum Dorf und das Dorf sind wir. Der Nachbar mit dem Traktor fährt den Müll zur Deponie. Der Nachbar mit dem Traktor ist ein zuverlässiger Mann.

Der Nachbar schneidet manchmal Coladosen auf und in Dosen sind Vogeljungen begraben.

Der Nachbar seufzt und begräbt die Vögel.

Wenn wir fertig sind, treffen wir uns bei der Frau des Krämers. Es gibt Tee und einen warmen Scone. Für den Tierarzt gibt es Tee und einen sorgenvollen Blick.

Dann kommen die Segler. Sie holen bestellte Brötchen ab und bekommen ofenwarme Scones.

Die Segler sind schweigsame Menschen.

Wir trinken Tee und sehen den Seglern zu, die zu ihren Booten gehen.

Vertäuen ist ein schönes deutsches Wort.

Der Nachbar mit dem Rosenspalier vor dem Haus sagt: „Das streiche ich erst im September.“ Das ist ein verkohltes Fensterbrett. Die Sommergäste aus Deutschland, Spanien und Italien haben mit dem Feuerzeug Marshmallows gegrillt und ein Junge aus der Stadt G. hat ein Marshmallow in Alkohl getaucht und dann wussten die Sommergäste nicht mehr weiter und schrien dreisprachig um Hilfe. Der Nachbar mit dem Rosenspalier löschte den Brand.

Mehr bemerkt der Nachbar nicht, die erste Freiheit hat ihren Preis. Der Nachbar mit dem Rosenspalier spricht selten. Die Sommergäste hatten wohl ein Donnerwetter erwartet. Der Nachbar stand da mit dem Wassereimer, er sagte: Nun ist das Feuer aus. Let’s call it a night lads. Vielleicht haben die Sommergäste hier eine Ahnung bekommen vom Erwachsen-Sein.

Die Frau des Krämers gießt Tee nach. Die Frau des Krämers trägt im Sommer eine blaue Kittelschürze, wegen der Ventilation sagt die Frau des Krämers und Sie brauchen gar nicht so zu gucken Fräulein Read On. Die Frau des Krämers hat einen Donnerbusen. In den Donnerbusen der Frau des Krämers läuft das Heimweh der Sommergäste hinein. „Ah poor craythur“, sagt die Frau des Krämers, wenn keine Tränen mehr übrig sind und macht den Sommergästen süßen Tee. Am nächsten Morgen weiß die Frau des Krämers nichts mehr, sondern säbelt Brot und stellt Marmelade auf den Tisch.

Für Probleme, die größer sind als der Donnerbusen der Frau des Krämers gibt es den Tierarzt und mich. Wir sind die Studierten im Dorf und von uns erwartet man sich Antworten. Für in Dublin verlorene Geldbörsen, Asthmaanfälle, Wutausbrüche und komplexe Liebesdreiecke sind wir zuständig. Klingelt das Telefon, dann laufen wir ins Unterland. Das Dorf setzt auf das Studiert-Sein und wir setzen uns an Bettkanten, Tischkanten, Stuhlkanten und fahren zur Polizei auf der Suche nach Pass, Telefon und Geldbörse.

Für schwerere Probleme noch, ist der Fischer zuständig. Der Fischer hat seinen Bart seit 1965 und hat sechs Kinder großgezogen. Als in einem Sommer, Sommergäste aus Bochum und Sommergäste vom Garda-See mit Steinen aufeinander warfen, als ein Mädchen aus Remscheid, Geld stahl und ein Junge aus Barcelona einen Nebenbuhler biss, da war der Fischer gefragt. Der Fischer nimmt die Jugendlichen mit aufs Boot. Das ist alles. Allein mit der See sind die Jugendlichen dann für ein paar Stunden. Der Fischer spricht selten, denn für uns alle spricht ja die Frau des Krämers, die Söhne des Fischer sind alle wohlgeraten sagt die Frau des Krämers. Der Fischer fährt mit den Jugendlichen auf das Meer und vielleicht ist das der erste Moment in dem die Jugendlichen sich aushalten müssen.

Keiner der Sommergäste muss zweimal mit dem Fischer auf das Meer fahren.

Thank you very much indeed, sagt die Frau des Krämers zum Fischer.

Der Fischer sagt: No bother at all. Dann tippt er sich an die Mütze und geht davon. Im Winter flickt der Fischer die Netze. Im Herbst streicht der Fischer sein Boot. Das Boot heißt Deborah.

Dann ist der Tee getrunken, die Scones gegessen, der Tierarzt genug besorgt angesehen, bald kommen die Touristen, bald wachen die Sommergäste auf. Der Fischer geht, die Nachbarn verschwinden, der Tierarzt und ich wandern zurück ins Oberland,

Wir lesen unter den alten Bäumen im Garten. Das Licht schimmert. Ich mache Limonade mit Zitrone. Der Tierarzt schläft und ich lese.

Auf dem Kirchhof kichern die Sommergäste und machen dramatische Selfies mit den Grabsteinen im Hintergrund. Hier liegt James O’Hara, died 06.03.1953.

Irgendwann wird den Sommergästen langweilig und sie wandern zum Strand.

Der Tierarzt und ich räumen den Kirchhof auf und später liege ich wieder im Garten.

Man sieht nichts vom Dorf, hört nichts vom Dorf, denn das Dorf gehört den Touristen.

Aber spät Abends da geht der Tierarzt noch einmal durch das Dorf, geht ins Unterland, geht an den Strand, dort trifft er den ältesten Nachbarn des Dorfes, beide sehen nach, ob keiner der Sommergäste betrunken am Strand liegt oder die Flut unterschätzt. Erst dann, wenn sie sicher sind, gehen sie zurück und wenn sie am Laden der Frau des Krämers vorbeigehen, dann steht die Frau des Krämers vielleicht in der Tür und sieht wie Mütter in Remscheid, Perugia und Madrid es tun, noch einmal nach, ob die Kinder wohl geborgen sind.

„Alles gut?“, frage ich den Tierarzt, wenn er wieder kommt.

„Alles gut“, sagt der Tierarzt und löscht das Licht.

 

25 thoughts on “Ein Dorf im Sommer

  1. Was haben die jungen Menschen doch für ein Glück, dass sie ihre Initiation
    zum Verantwortlichwerden in Ihrem irischen Dorf durchleben können.
    Und großartig die Erwachsenen, die da mit sorgen einschließlich der Frau des
    Krämers mit ihrem Donnerbusen. 🙂

  2. Das gefällt mir alles, wie Sie das so schön beschrieben haben; das Dorf, seine Bewohner. Nur die Touristen stören die Idylle. Auch deshalb reisen wir immer im Frühjahr und im Herbst an die Ostsee, wenn die meisten Urlauber noch nicht bzw. nicht mehr dort sind. Andererseits sind viele Regionen eben auf die Touristen angewiesen und leben davon, was in der Saison in die Kassen gespült wird. Es ist wohl ein Segen und ein Fluch.
    Das schönste für mich an Ihrem Text heute: von den guten Seiten der Krämerin zu lesen. Tee, Scones und besorgte Blicke sind mehr, als ich ihr zugetraut hätte.
    Und ja, der Zusammenhalt der Dorfbewohner, das ist das Gute am Landleben. Keine Überwachung, aber ein bisschen aufeinander acht geben. Ein Päckchen annehmen, etwas ausleihen, im Urlaub den Garten giessen. Die kleinen Dinge, die so oft unterschätzt werden. Jetzt, wo ich das hier schreibe, fällt mir auf, ich bin wohl ein Landei. Nun, sei’s drum.

    • Wirklich, es ist Segen und Fluch, aber immer wenn ich mich über das Dorf ärgere, dann erinnere ich mich an all das, was das Dorf eben auch ist und das genau dieses offenen Arme und Herzen das Dorf ausmachen. Es sind die kleinen Dinge und Gesten, die uns wohl alle ausmachen.

  3. Ich würde sofort meine Teenies in ihr Dorf schicken, denn dem Fischer, dem Nachbarn, dem Donnerbusen dem Donnerbusen der Krönersfrau und nicht zuletzt einem Tierarzt und einer Frau Read-On kann man ALLES anvertrauen.
    Was habe ich gezittert, als meine Welpen das erste Mal in Sprachschule gefahren sind und wie sie zurück gekommen sind mit gewachsenem Selbstbewusstsein, da lag es an Menschen wie Ihnen. Ich danke Ihnen, stellvertretend für alle Mütter und Väter, die ihre Kinder in die Welt hinauslassen für die Zuneigung und Geduld.

    • Der Donnerbusen der Frau des Krämers ist legendär und wir geben unser Bestes. Ich freue mich so sehr, dass auch ihre Kinder in ein Dorf mit offenen Armen und Herzen gerieten. Das ist doch wirklich ein großer Schritt, die Kinder in die Welt herauszulassen.

  4. Das klingt so lieb als wär ihr Dorf so eine Art großes Nest für mehr oder weniger flügge Vögelchen. Wenn man viel mit Jugendlichen zu tun hat, weiß man, dass das alles so einfach nicht ist, bei Ihnen klingt es aber so. Vor allem die Sache mit dem Fischer finde ich toll und die positive Seite der Krämerin …

  5. Liebes Fräulein Readon,
    lange schon lese ich Ihren Blog und dieser heutige Beitrag hat mein Herz so berührt, dass er mich jetzt an Sie schreiben läßt.
    Ein ganz großes Danke schön für alles was sie alle in ihrem Dorf für die, das Leben erkundende Jugendlichen tun. Vieles unbemerkt im Stillen. Es tut so gut zu lesen, mit wieviel Herzenswärme und tiefem menschlichem Verstehen sie diesen Herausforderungen begegnen und, so finde ich,genau das richtige tun. Es wirkt heilend. Wenn sich doch jedes Dorf für seine Kinder verantwortlich fühlen würde. Die Welt wäre bald ein besserer Ort.
    Alles alles Liebe für Sie und fühlen Sie sich und auch der Tierarzt, mit gute Gedanken warm umhüllt.

    • Vielen Dank für Ihren so freundlichen Kommentar. Ich glaube auch, dass wir eigentlich alle füreinander eine solche Verantwortung haben, dass wir alle Hände brauchen, die wir vielleicht gar nicht sehen, aber doch sehr dringend brauchen. Ich grüße Sie von Herzen!

  6. Schade, dass die Teenies nie mitbekommen, wie das Dorf frühmorgens ehrenamtlich den Strand von ihren Hinterlassenschaften säubert. Vielleicht würde es dann bei dem ein oder anderen Klick machen. Anscheinend leben sie in dem Glauben, das geschehe durch Zauberhand oder das Meer kümmere sich schon darum. Oder dass irgendwer dafür bezahlt wird, den Dreck weg zu machen. Es gibt bereits genügend Erwachsene, die nicht gelernt haben, dass man am Strand seinen Müll hinterher selbst beseitigt und notfalls halt wieder mitnimmt.

    • Ich weiß auch nicht, wie man überhaupt ein Bewusstsein für die Umwelt vermitteln kann. Den Strand verdrecken nicht nur die Jugendlichen, sondern alle Touristen. Es gibt aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen, aber gar kein Bewusstsein mehr dafür, dass man das was man selbst auch gern sauber vorfindet, auch so zu hinterlassen. Ich weiss nicht, wie man das ändern könnte.

      • Ja, ich weiß, dass nicht nur die Kids den Strand vermüllen, deshalb schrieb ich doch, dass das schon genügend Erwachsene tun.

        Mir hat bei einem großen Fest hier am Wasser voriges Jahr einmal eine Gruppe Jugendlicher dabei zugesehen, wie ich mehrere leere Glasflaschen, die zuvor andere Jugendliche stehen gelassen hatten, einsammelte und in den Mülleimer warf, der dort stand. Die Mädchen in dieser Gruppe warfen fortan deren Flaschen auch in den Mülleimer und hinderten schließlich sogar zwei der Jungs daran, weiterhin leere Plastikflaschen ins Wasser zu werfen (die anderen aus der Clique warfen nichts ins Wasser).

        Als irische Gasteltern würde ich es mal damit versuchen, den Sprachschülern, wenn sie abends zum Strand wollen, eine Mülltüte mit Henkeln in die Hand zu drücken und sie nett darum zu bitten, den Abfall darin zu sammeln und wieder mitzubringen, damit der Strand sauber(er) bleibt, denn ein schöner Strand würde ihnen doch auch besser gefallen. Außerdem würde ich ihnen erläutern, dass die Dorfbewohner – und nicht irgendwelche Leprachauns – jeden Morgen in der Früh unbezahlt den Dreck beseitigen. Und ihnen auch erzählen, wie viele Säcke Müll die Dorfbewohner nach der gestrigen Partynacht eingesammelt haben. Wenn das keine Wirkung zeigt, würde ich ihnen notfalls morgens beim Frühstück nochmals freundlich die aktuelle Anzahl der Müllsäcke mitteilen und wie lange alle beschäftigt waren, den Dreck wegzumachen.

        Bei den Touristen würde ich es vielleicht einmal mit einem humorvollen Schild probieren. Ich vermute, es gibt Wege oder Straßen, die zum Strand führen. An deren Ende, also kurz vorm Strandzugang, würde ich die zunächst mal aufstellen.

        Alle Menschen erreicht man wahrscheinlich eh nicht, aber wenn es ein Teil der Touris und Sprachschüler kapiert, ist das schon ein Fortschritt.

  7. eine findige Sprachschule sollte Ihren Text in Ihren Werbeunterlagen abdrucken und sie könnte sicher sein, dass wir alle unsere Kinder genau in Ihr Dorf schicken würden …

  8. So ein Teenie war ich auch Mal, lange ist es her. Wenn die Kinder Glück haben, wird das noch nach vielen Jahren als mit die beste Zeit in Erinnerung bleiben, die sie jemals erlebt haben. Und wenn sich das Dorf so geschlossen und aufgeschlossen zeigt (das war damals be uns nicht so ganz der Fall) kann das Glück nicht weit sein.

    • Ja, vielleicht bleibt den Jugendlichen wie Ihnen der Sommer im Gedächtnis und vielleicht behalten sie etwas von der Freiheit bei sich. Das ist etwas sehr Irisches glaube ich die ausgestreckten Hände ohne viel Aufhebens darum.

  9. Was für ein schönes Bild vom Zusammenhalt des Dorfes Sie da zeichnen, liebes Fräulein. Wie schön diese offenen Arme und das Kümmern.

    Ich wünschte freilich, es wäre nicht nötig, loszuziehen und den Strand zu säubern…

  10. Pingback: Zuckersüß 292 | Zuckerbäckerei

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