Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fünf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Mit der Dämmerung aufgestanden, die Katze zur Tür hereingelassen, den Hund zur Tür herausgelassen, dem Tierarzt, Tee gereicht und bis zum Flughafen rekapituliert was ich über die Appenzeller Bauernkriege weiß und versucht mir Rosseau und die Insel der Seligen zu vergegenwärtigen. Gestört werden meine Bemühungen durch den Tierarzt, der mir aufträgt mich mit den Schweizer Kälbern, ihren Gewohnheiten und Eigenarten vertraut zu machen und möglicherweise eine Brieffreundschaft für Kälbchen herauszuholen. Ich versuche den Tierarzt davon zu überzeugen, dass am Ufer der Limmat keine Kälber mehr weiden, but to no avail.

„Bis heute Nacht“, ruft der Tierarzt und schiebt mir schweizerisch akkurat Küsse in die Kleidertaschen.

„Bis heute Nacht, wenn alles klappt“, rufe ich, denn der Tag hat es in sich und Küsse stecke ich dem Tierarzt in den Pullover.

Dann eile ich in den Flughafen und nach Pass, Bordkarte, Laptop, Schuhe okay, lese ich in der Irish Times und dann hebt das Flugzeug ab.

Zwei Stunden später, recke und strecke ich mich, stecke das Buch in die Tasche und bin in der Schweiz.

Zürich hat Sonnenschein.

In der Navette zum Flughafenterminal schollert auf einmal Jodelmusik, Choralähnliches und Kuhglockengeläut, alle Welt erschrickt. Aber es ist nur eine Werbeaktion von Yours. Switzerland.

Dann viele Treppen hinauf und hinunter und mit der S-Bahn Numero 16 zum Hauptbahnhof. Glücklich, wer nur einen Schnappsack hat und sitzen kann, der Rest der Reisenden verteidigt die Koffer und belauert andere Reisende mit großem Misstrauen.

Auf dem Sitz liegt so eine Umsonstzeitschrift und da ich natürlich ganz im Sinne des Tierarztes nachsehe, ob nicht doch ein Kälbchen Heinrich oder eine Kuh Margarethe inseriert: Interessen: Heuwirtschaft, Butterblumensmoothies und Dart nur ernsthafte Zuschriften bitte, aber leider habe ich kein Glück.

Dafür hat die Zeitschrift „20 Minuten“ eine Rubrik Doktor Sex und als Aufklärungssprechstundenverantwortliche lerne ich ja immer gern dazu. Abgesehen von der Antwort auf die Frage- staune ich wirklich sehr darüber, dass es noch Zeitschriften jenseits der Praline oder anderer Magazine gibt-, die aber vielleicht doch eine andere Leserschaft ansprechen als den Schweizer Pendler, ein Bild auswählen, dass eine junge Frau zeigt, der man von hinten unter die Unterwäsche fotografiert und die halb auf einem Mann liegt.

Und mir ist da ganz egal, ob man da ein Standbild aus American Pie ausgeschnitten haben. Das Bild ist in dem Zusammenhang völlig unangemessen. Ich finde das nämlich ziemlich bedenklich, dass man eine Aufklärungskolumne hat, die Sexualität als schlechten Pornofilm abbildet und dabei etwas außer Acht lässt, was essentiell ist: gegenseitigen Respekt, angemessene Abbildung  und das Vermeiden tatschigen Voyeurismus‘. Also liebe Schweizer vielleicht überlegen sie ja noch mal in der Redaktion ob es nicht angemessenere Bilder gibt und wenn Sie gerade so zusammensitzen: Slut Shaming ist jeder Aufklärung entgegengesetzt und its not funny either. Weil ich gerade dabei bin und guter Rat nicht immer teuer ist: Es gibt nichts Dümmeres und Peinlicheres als Aufklärung durch dümmliche Witze und Pornobildchen zu verballhornen, es verhindert nämlich etwas Wunderbares: Vor allem jungen Menschen den Zugang zu Intimität zu vermitteln. Dass das sich hier noch in einem Zusammenhang abspielt, in dem es Minderjährige Beteiligte geht, macht es schlechter nicht besser. IMG-6370.jpg

Wie immer, wenn ich in der Schweiz bin, bewundere ich die Stille im Zug, auf den Straßen, im Café, eine Frau löffelt seelenruhig und völlig hingegeben ihren Capuccino wie ein Süppchen.

Stellen Sie sich das mal in Berlin vor!

Mich irritiert die Schweizer aber auch immer sehr, denn ich bin bekanntlich ein Mensch, der ständig stolpert, zu laut lacht, Chaos ist mein dritter Vorname und weiß G*tt was fehlt mir der indische Krach. Vor ein paar Jahren, da war ich schon einmal in Zürich, da wollte mir jemand an einer Tramhaltestelle die Handtasche entreißen, ich aber bekam das mit und schrie: „Hey, Sie verdammter Dieb, schämen Sie sich, was würde ihre Mutter sagen?“ So viel Krach ließ den Dieb erstarren und mir blieb die Tasche erhalten.

Mich auf dem Weg zur Universität nur zweimal verlaufen.

Verdrängt wie steil der Weg hinauf zur Universität ist.

In der Mensa der ETH sehr schlechten Kaffee und sehr viel blaue Rivella getrunken. Ich liebe Rivella.

In der Mensa der ETH kann man alles über Flechtfrisuren lernen, was man schon immer lernen wollte.

Ein Vorstellungsgespräch an der Universität Zürich.

Zitternde Knie und immer wieder die Frage, ob man das sagt, was man eigentlich sagen möchte, ob man den Anderen wirklich anspricht, ob man nicht doch in Phrasen zurückfällt oder ob sich vielleicht doch eventuell ein Gespräch entwickelt, was man fortsetzen will auch als gemeinsame Arbeit.

Einen Kaffee getrunken. Sonnenschein.

Ausschau gehalten nach Thomas Mann, der doch viel spazieren ging. Ihn wohl doch verpasst.

Manches bleibt bloße Möglichkeit.

Mit der Trambahn zum Flughafen zurück. Ist das nicht besonders schön? Meine alte Seele, die doch immer noch im 19. Jahrhundert lebt, quietscht in den Kurven.

Ein belegtes Brot gekauft und einen Grapefruitsaft dazu.

Weiteratmen.

Kein Kälbchen getroffen, einer Taube Krumen gestreut, nur einen einzigen Hund gesehen.

Im Flughafen passiert mir etwas was mir nicht mehr so oft passiert. Eine Frau dreht sich um zu mir und fragt mich: Ist das der BA-Flug nach London? „Oh ja“, sage ich und dann erzählen wir bis wir in London landen. Wie schön, dass ist das mir das doch wieder passiert, denke ich, dass mir jemand ihre Geschichte in die Hand legt und ich höre zu. Die Geschichte, die Telefonnummer und das Lächeln der Frau vorsichtig eingesteckt. Auf ein Wiedersehen hoffen.

In London gerannt und gerannt und Glück gehabt. Der Flug nach Dublin ist verspätet. Herzziehen nach meiner Schwester. Von London City Airport zu ihr sind nur 30 Minuten. Es ist schwer an meiner Schwester einfach vorbeizufahren. Es ist noch schwerer sie anzurufen und nicht hinüberzufahren.

Letztes Sonnenlicht über London.

Die Sonne tanzt über die Flugzeugflügel.

Ich denke an Ikarus, der es auch zu toll trieb. Vielleicht auch ich.

In Irland ist es dunkel.

Ich sage: „Oh Tierarzt, what a day.“

Der Tierarzt sagt: „Oh Mädchen what a day.“

Der Hund schläft schon, die Katze schlürft Milch, eine Tasse Tee vor dem offenen Fenster.

Ich gähne und die Nacht gähnt zurück.

22 thoughts on “Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

  1. Ein Vorstellungsgespräch in Zürich! Sie waren in der Schweiz, wie wundervoll! Ich versicherer Ihnen, hier wo ich wohne (25 Min von Zürich) gibt es Kälbchen en masse – ich vermittle auch gerne (als grosse Freundin von Brieffreundschaften ist das Ehrensache). Falls Sie hier etwas benötigen, würden sie sich melden?

    • Ich mag die Schweiz sehr, habe die Stelle aber abgesagt. Ich freue mich so, dass es hier so viele Kälbchen-Freunde gibt. Ich zweifle ja daran, dass Kälbchen zum Briefe schreiben begabt ist, aber der Tierarzt findet dies sei bei einem hochbegabten Kälbchen unbedingt der Fall…..

  2. Ich hab so aus sprachlichem Interesse einmal mitgeschrieben, was ich als Österreicherin alles nicht verstehe:
    schollern, Schnappsack ….
    dann waren es nur zwei, ich hätte mehr geschätzt….
    Herzliche Grüße in Richtung freilaufende Kälbchen und Schafe, Regenwürmer und Schnecken. Ich begegne in Irland immer sehr vielen Schnecken, die feucht und genüsslich dahinschleimen …

    • schollern ist ein Wort, das ich von Thomas Mann geliehen habe: es bezeichnet das Spielen eines Saiteninstruments, einer Gitarre oder einer Mandoline. Ein Schnappsack ist ein Rucksack, in dem Fall ein Reiserucksack. Ich grüße herzlich, aber Schnecken hat es im Moment gar nicht so viele….

  3. Liebe Mademoiselle Read On, ich puste sogleich eine große Portion indischen Krach in einen großen Umschlag – möge die Briefmöwe den Wortschwall und das Hupen und auch ein paar Gerüche wohlbehalten zu Ihnen herübertragen. Vielleicht legen Sie ein wenig irische Beschaulichkeit in den Rücksendeumschlag und senden ihn nach Dharamsala. Ein Hauch genügt.

    • Oh, das ist ja eine besonders schöne Zusendung. Herrlich, ich kann es alles hören. Ich schicke gern Atlantikluft, Kälbchengesang und geruhsames Schafsblöken zu Ihnen in den Himalaya.

  4. Liebe Read on, haha, Zürich und ruhig! Was wäre dann unser Dorf auf dem Lande? Für mich ist Zürich sehr laut, lebendig, geschäftig und eng.
    Übrigens ich trinke sehr gerne Rivella, aber Rivella rot!
    Liebe Grüsse aus der ruhigen Schweiz
    Eda

    • Die Schweiz ist wunderschön und ich kenne das Land leider viel zu wenig. Wir müssen einmal zusammen ein Glas Rivella trinken, Sie rot und ich blau. Ich trinke beides sehr, sehr gern….

  5. … bin gerade mit Ihnen gereist, bis ich im Text stolperte, weil ich Sie im Mai-Rübchen zum Terminal düsen sah (Mlle read on im Wunderland…?)
    Kannte „Navette“ bisher nur als Bezeichnung für Rübe und als Schliffform. Schöne Wortwahl…

  6. „Doktor Sex“ braucht noch jede Menge Aufklärung. Ist zu hoffen, dass er Neugier und Lernbereitschaft eines Fräuleins aufbringt für seine Liebe-Lust-Leid-Kolumne.

    Der Eidgenössischen Technischen Hochschule kann kaum etwas Besseres
    passieren, als eine so wissensdurstige Herz-Verstand-Denkerin und Geschichtenerzählerin wie Mademoiselle bei sich aufnehmen zu dürfen.
    Viel Glück. 🙂

    • Es ist so schade, dass Aufklärung immer noch so stattfindet wie in der Zeitschrift. Was für eine verpasste Chance. Ich habe der Uni Zürich heute aber abgesagt…..Danke Ihnen!

  7. Ach Sie armes Fräulein, bei der Hitze zur Uni hoch gelaufen!
    Wenn Sie nächstes Mal kommen, nehmen Sie das Tram oder wenigstens vom Central aus die Polybahn. Für mich etwas vom Schönsten in Zürich.
    Dass es ruhig sein soll, habe ich nie so empfunden. Aber mir ist es eh meistens zu laut. Ich komme von daher, wo die Kälbchen- Glöcklein das lauteste sind.

    • Ah, endlich melden sich hier einmal die Kälbchen-Freunde. Das finde ich besonders schön. Ich war so nervös und dann geht es mir besser, wenn ich ein bisschen laufe und atme und laufe und atme…..

  8. Wie schön, dass es doch noch Menschen gibt, die sich nicht scheuen, andere anzusprechen, wenn sie etwas wissen möchten, anstatt mit dem Smartphone zu googeln; so ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten der realen Kommunikation und so manches nette Gespräch, anstatt das jeder für sich bliebe.

    • Oh ja, ich freue mich über solche Begegnungen immer sehr und diese in Zürich war besonders bewegend und schön. Miteinander ins Gespräch kommen, ist doch wirklich eine Aufgabe für das ganze Leben.

  9. Gerade las ich auf Twitter, dass es nun doch der Job in Irland sein wird. Herzlichen Glückwunsch, ich freue mich sehr für Sie! Wenngleich ich nie daran gezweifelt habe, dass es klappt. Wer könnte nicht begeistert sein von Ihrer Offenheit, Ihrer Vielseitigkeit, Ihrer Aufmerksamkeit und Warmherzigkeit? Möge auch weiterhin alles nach Ihren Vorstellungen laufen und immer noch Zeit für Ihr vielseitiges Engagement bleiben.
    Und neugierig wie ich bin hoffe ich, Sie verraten demnächst vielleicht ein bisschen mehr.
    Doch erst einmal: Erdbeertörtchen! Luftballons! Konfetti!

    • Von Herzen Dank. Mal sehen wie es wird. Es ist ein großes Abenteuer. Ich werde bestimmt berichten, es braucht nur auch eine erzählbare Form. Im August geht es los. Erdbeertörtchen gibt es spätestens dann….

  10. Herzlichen Glückwunsch zum goldenen Blogger. Ihren Blog kenne ich erst seit kurzer Zeit und habe ihn schon sehr schätzen gelernt.

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