Andere Zeiten

 

„Bist Du sehr müde?“, fragt der Tierarzt, nach der Nachtschicht auf dem Parkplatz.

Das ist keine Frage. Das ist eine Bitte.

2Keineswegs“ sage ich.

„Danke, sagt der Tierarzt. Danke Mädchen.“

Dann fahren wir nicht nach Norden, sondern nach Süden. Ich schlafe für 40 Minuten. Die Sonne schläft noch ein bisschen länger.

Der Tierarzt parkt den roten Volvo und wir gehen die lange Promenade von Bray hinunter.

In ein paar Stunden kommen Touristen essen Eiscreme, die Kinder fahren auf einem bunten, blinkenden Karussell, Hunde rennen ins Meer und die

Aber der Tierarzt ist lang schon zu schmal, zu sehr Schatten als das Kinder, Mütter, Väter und auch Tante Anny nicht mit dem Finger auf ihn zeigten. Sieh mal, da geht der Schatten.

So gehen wir vor den Touristen, den Strandbesuchern und Hundehaltern durch den frühen Morgen.

Der Morgen ist kühl und klamm über unseren Schultern.

Aber warme Hände holt der Tierarzt aus seinen Taschen.

„Komm, Mädchen, komm.“

Das Bray Head ist geschlossen. Seit Juli 2017 schon.

Das haben wir nicht bemerkt.

Wir haben nicht einmal bemerkt, dass wir seit Juli 2017 nicht mehr in Bray gewesen sind.

Einmal noch früher, wir waren uns unserer Hände noch gar nicht sicher, da haben der Tierarzt und ich einmal im Bray Head übernachtet.

Ein Kellner mit falschem Gebiss und polnischem Englisch spielte Ire für eine Gruppe amerikanischer Gäste.

Den Gästen gefiel es.

Die Suppe war kalt.

Im Zimmer Wasserflecken an den Wänden.

Kaltes Wasser im Hahn, wer weiß schon wie lange die Rechnungen nicht mehr bezahlt werden konnten.

Die Bettdecken waren bordeauxrot, fadenscheinig schon, die Matratzen ächzten schon als sie uns sahen.

Ich verdrehte die Hände hinter dem Rücken, denn das sind immer so meine Ideen. Wenn es nur nach 1900 riecht, ist mir egal ob im Kronleuchter Stücke fehlen und das Telefon stumm blieb, nahm man den Hörer ab.

Aber der Tierarzt holte meine Hände hinter dem Rücken hervor, legte mir die Hand auf die Stirn und sagte: Mädchen und ich zählte die Lachfältchen um seine Augen.

Es waren viele.

Bates Motel, sagte der Tierarzt und am Ende der Nacht wusste der Tierarzt, dass ich keine Filme oder Serien kenne.

Geschlafen haben wir nicht in den klammen Betten, sondern aus dem Fenster gesehen, die Schiffe gezählt, vor meinem Auge aber wanderten noch einmal die Sommerfrischler vorbei, die hier seit 1880 oder so ähnlich für ein paar Wochen Seeluft tranken.

Aber schon als wir dort eine Nacht lang vor dem Fenster saßen, da war das Hotel schon Geschichte.

Jetzt ist es verschlossen, im frühen Nebel trostlos und leer.

Angeblich gibt es einen Investor.

Aber schon gähnt der Morgen und wir gehen dicht ans Meer gedrückt den Cliff Way entlang.

Schwer und feucht ist die Luft.

Möwen kreisen langsam und morgenschwer über uns und neben uns.

Schwalben nisten in den

Der Fingerhut tastet vorsichtig nach uns, ob wir nicht schöne Opfer wären.

Der Ginster lächelt. Der Ginster hat etwas Onkelhaftes. Der Ginster raucht heimlich Pfeife, da bin ich mir sicher.

Die Hecken tropfen fröhlich auf unsere Köpfe.

Der Himmel ist erst grau, dann wirft die Sonne mit dem Kissen nach dem fahlen Geliebten, dem Mond. Das Kissen ist bestickt mit Hyazinthen und der Himmel hat blaue und dann als der Mond sich in seine Decke wickelt mit morgenkalten Zehen, da schimmert der Himmel auch silbern.

„Wovon träumst du Mond, fragt die Sonne?“

„Immer von Dir!“, sagte die Sonne.

Der Tierarzt lacht.

Langsam tauchen Schiffe aus dem Nebel auf.

Ein Schiffshorn tutet.

Wir winken vergeblich.

Auf der Hälfte der Strecke trinken wir heißen, süßen Tee aus der Thermosflasche.

Eine Fasanendame nickt uns zu und wir nicken angemessen freundlich zurück. Auch für Familie Fasan gilt.

Wenn die Busse kommen, ist alles zu spät.

Schließlich liegt Greystones vor uns, aber wir gehen noch ein Stück weiter.

Ich halte mein Gesicht in die ersten Rosen.

Noch blüht der Flieder.

Der Tierarzt hat die letzten pinken Kastanienblüten im Haar.

Mit dem ersten Zug fahren wir zum roten Volvo zurück.

Ich trinke gegen meine Gewohnheit Kaffee ohne Milch.

Der Tierarzt trinkt gegen seine Gewohnheit Tee mit zu viel Zucker.

Auf der Straße zurück nach Norden kommen uns die ersten Busse entgegen.

Ich bin so müde, aber der Tierarzt lacht mit den Blüten im Haar und singt ein altes Wiegenlied.

Zuhause wickle ich mich eine blaue Decke aus fast demselben hyacinthenblau wie die der Sonne.

Der Tierarzt lehnt noch für einen Moment in der Tür. Dann nimmt er den Hund mit hinaus.

„Wie du leuchtest, Tierarzt denke ich „ noch einmal, hell und frei und sonnengelb.“

Dann schlafe ich ein.

Vielleicht träume ich von einem Hotel aus alten Tagen.

Vielleicht aber auch von einer Welt ohne Schatten, als ich wieder aufwache später am Tag ist die Sonne hell und warm und ich habe alle Träume vergessen.

12 thoughts on “Andere Zeiten

  1. Baaaah, wie schön. Und für einen Moment bin ich wieder am Strande von Bray. Mein zweites Mal Meer nach einer schweren Krankheit. Ich sammle Kiesel und verzocke viele gelbe Centmünzen in der Spielhalle mit den bunten Maschinen. Noch nie hat es so viel Freude gemacht zu spielen. Das Geld ist weg, und ich bin so glücklich. Und Herr croco schaut mich mit ganz seltsamen Augen an.

  2. So schön und so tieftraurig. Schade, dass sich die glücklichen Momente nicht konservieren lassen. Was bleibt, ist die Erinnerung. Ich las vor vielen Jahren einmal das Zitat „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“.
    Wie immer schicke ich viele gute Gedanken.

  3. Ich wünsche Ihnen, liebes Fräulein, Ihnen lieber Tierarzt und auch uns noch viele, viele schöne Morgen wie diesen. Sooft denke ich an Sie beide. Bleiben Sie!

  4. Aber nein, aber nein, der Fingerhut sucht keine Opfer, ganz im Gegenteil. Er schützt nicht nur die Händes des Fuchses, sondern auch die, die immer wieder kommen. Weil der Fingerhut ja auch immer wieder kommt, nicht jedes Jahr, aber alle zwei Jahre.

  5. Jetzt lese ich dich endlich wieder „richtig“, nach den Ferien, und freue mich über diesen poetischen, traurig-hoffnungsvollen, melancholisch-blauen Text. Danke für deine Wortbilder, einmal mehr.

  6. „Ein Kellner mit falschem Gebiss und polnischem Englisch spielte Ire für eine Gruppe amerikanischer Gäste.“
    Wie so oft liegen Tragik und Komik dicht beieinander, und Sie sind eine Meisterin darin, diese auf wundersame Weise zu ver-dichten. 🙂

  7. Ich war zuletzt 2013 in Bray, im Mai, mitsamt meiner Mutter fuhren wir zwei zum Baderesort ihrer Kindheit und Jugend, mit dem Zug die schöne Küstenlinie entlang und über dem noch stillen Atlantik, und sie erzählte, wie sie als junges Mädchen in die See gestiegen war und des sommers schwimmen ging mit ihren Brüdern und Schwestern, da waren drei schon voran und nicht mehr, vier sahen wir noch am nächsten Tag. Ich stieg den sanften Hügel am Ende des Kieselstrandes hoch, folgte dem Weg in seiner Kurve und dann über die Wiese hinweg einen Steig wieder zum Wasser hinunter, während sie an der Promenade sitzen blieb und auf mich wartete, denn sie konnte solch einen Anstieg da schon nicht mehr gehen, weswegen ich mich auch gesputet habe und mit Ausblick auf das weite Meer und die Kanuten und Ruderregatta in der Bucht nur kurz innehielt und nur am Grau und Blau und Grün mich festhielt und Salz und Tang atmete über einem ersten Grollen und Wellenschlag. Wir sind dann noch zu dem kleinen Imbiß am Parkplatz gegangen, linker Hand, und haben, wie sie als Kind und Teen, Chips gemeinsam gegessen, mit Essig und Salz darüber geträufelt-gestreut, und sind dann über den Platz am Bray Head vorbei vor Regen und dräuenden Wolken zum Bahnhof uns geflüchtet, oder vielmehr, mit stoischem Gang nach Dublin heim, pitschnaß und wonnigwohl, denn ich habe an dem Tag einiges gelernt über die Heimat meiner Mutter und die irische See. Es war ihr letzter Besuch an der Küste, an der sie aufgewachsen ist und die sie mit noch nicht einmal zwanzig verließ, um ihr Glück auf dem Kontinent zu suchen. Danke für die Erinnerung daran, die ein Geschenk ist von einem Nachmittag wie zu wenige andere.

  8. Bray … wunderschön…. bei meinem letzten besuch in Dublin 2017 bin ich fast jeden Tag nach Bray gefahren. Vielleicht kennst du dieses nette kleine Cafe in einer Seitnegasse direkt in der Nähe des Bahnhofs. Café Letterario mit Namen.
    Danke für den Wink der Erinnerung an Bray.

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